Wo (Epizentrum): Region Churwalden
Magnitude: 6.2
Stärkste Auswirkung (Intensität) des Erdbebens (im Epizentralgebiet): VIII
Intensität VIII bedeutet: Schwere Gebäudeschäden. Viele normale Gebäude werden beschädigt. Kamine stürzen ein, grosse Mauerrisse, einige Gebäude fallen teilweise zusammen. Möbel können umfallen. zur Intensitätsskala
Auf dieser Seite
- Wann genau ereignete sich das Erdbeben?
- Wie lange dauerte das Beben?
- Wie stark war das Beben?
- Aufgrund welchen Quellen weiss man vom Erdbeben?
- Wo führte das Erdbeben zu Auswirkungen?
- Gibt es archäologische Zeugen des Erdbebens?
- Welche Auswirkungen hatte das Beben in Chur?
- Gab es Nachbeben?
- Was, wenn sich dieses Beben heute wieder ereignen würde?
Wann genau ereignete sich das Erdbeben?
Das Erdbeben lässt sich zuverlässig auf den September 1295 datieren. Die Mehrzahl der Quellen legt sich auf den Nachmittag des 3. Septembers fest. Der Hauptstoss muss zwischen dem 3. und 4. September erfolgt sein. Die meisten Quellen sprechen von einem einzigen Stoss. Zwei Quellen erwähnen dagegen zwei und drei Stösse, während die Chronik von Konstanz mehr als 19 Nachbeben aufführt.
Das Erdbeben von 1295 ist das älteste historisch nachgewiesene Beben der Schweiz. Es ist das älteste Schweizer Schadenbeben, das sich aufgrund mehrerer Schriftquellen zuverlässig beschreiben lässt.
Wie lange dauerte das Beben?
Die Dauer wird mit der Länge von einem nicht hastig gesprochenen Vaterunser und einem Ave Maria umschrieben. Dies dürfte ungefähr einer Minute entsprochen haben.
Wie stark war das Beben?
Magnitude 6.2. Das Churwaldner Beben von 1295 ist mit grosser Wahrscheinlichkeit das stärkste Erdbeben, das sich in den letzten tausend Jahren in Graubünden ereignet hat.
Aufgrund welchen Quellen weiss man vom Erdbeben?
Das Erdbeben vom 3. September 1295 kann aufgrund verschiedener Quellen zuverlässig datiert und seismologisch eingeschätzt werden. Dazu gehören:
- zwei zeitgenössische Berichte aus den Annalen von Osterhofen und Colmar
- eine Abschrift einer auffallend detaillierten Quelle aus Konstanz
- verschiedene kürzere Informationen von Zeit- und eventuell Augenzeugen aus Diessen D, Heilsbronn D, St. Florian A, Wien A und Monza I
- kurze zusammenfassende Abschriften von Berichten aus Bergamo, Como, Verona und Mailand.
Der wichtigste Hinweis auf das Beben findet sich in den zeitgenössischen Annalen des Klosters Osterhofen in der Nähe von Passau D: «Eodem anno (1295) in octava sancti Augustini per terre motum claustrum ordinis Premonstratensis Churbaldia et quindecim castra in eodem confinio funditus corruerunt». [«In demselben Jahr (1295) am 4. September wurden das Kloster des Prämonstratenser Ordens in Churwalden und fünfzehn Burgen in demselben Gebiet durch ein Erdbeben gänzlich zerstört.»] (Annales Osterhovenses, 1861, S. 551).
Eine ähnliche Beschreibung hält ein Zeitgenosse in Colmar F fest, wobei die originalen Lokalisierungen irreführend sein dürften. Die Ortsangaben «Wallis» und «Chur» sind mit grosser Wahrscheinlichkeit aus dem lateinischen Namen «Curiovalensis» für «Churwalden» entstanden: «Terre motus in Vallesia 14 castra pro parte destruxit et crucem pinnaculi turris ecclesie maioris deiecit et in diversis locis plurima devastavit. In Curia montes scissi petre fisse sunt, plures campane pulsaverunt, quinque castra penitus destructa, plura vero fissa sunt et domus multe. Et post hunc duos alios (duo alii) motus una septimana plurimi retulerunt. »
[«1295. (…) Ein Erdbeben im ‹Wallis› hat 14 Burgen teilweise zerstört, und es hat das Giebelkreuz des grösseren Turmes der Kirche herabgeworfen und an verschiedenen Orten sehr vieles verwüstet. In ‹Chur› sind Berge zerrissen und Felsen geborsten, mehrere Glocken haben geschlagen, fünf Burgen hat es völlig zerstört, noch mehr erhielten Risse, viele Häuser auch. Nach diesem berichteten die meisten von noch zwei anderen Beben in einer Woche.»] (Annales Colmarienses, 1861, Seite 221).
Die Erdbebenbeschreibung Gebhard Dachers aus Konstanz D aus dem 15. Jahrhundert fügt sich in das Bild ein, das die zwei zeitgenössischen Annalisten entworfen haben. Dacher stützt sich dabei auf die verloren gegangene Arbeit von Johannes Stetter (gestorben ca. 1399), der seinerseits heute unbekannte Quellen ausgewertet hat: «Des selben obgenannten Jars [1295] an dem nächsten Sambstag vor unser lieben fr(o)ven marie gepurt tag [3. Sept.] nach mittemtag umm die sesden stund kam ain gross erdbime die ye vor gesenhen ward, das die lüt maynten die hüser wölten zu der erd vallen. Und ain staini crütz was gesetzt uff der Barfüssen münster zu coste(n)tz, das fiel herab uff das ertrich. Und sass der mertail (mehtail) der lüte ob tisch. Die becher gleser köpff und schüsslan bewagten sich wunderbärlech. Und das werot wol alslang das ainer ain Paternoster und Ave Maria gemachsam gesprochen hett.
Dar nach über ain kurz stund aber als ein Paternoster und Ave Maria gesprochen werden mocht, kam ain wenig. Disz beschach des tritten tage oder der dritten nonas des ersten herbstmonatz. Aber die vorig was so gross, das die gloken an vil stetten sich selb lütend und vil muren zerbrachend und vil burg und schlösser mit turnen in curer bystum by zwaintzigen an der zal vielen, und in dem tal Tumplez viel ain grosser berg und in dem ersten sambstag nacht und tag kam ze niunzehen malen erdbidmung und darnach durch etlich tag täglich.» (Stiftsbibliothek St.Gallen, Codex 646).
Wo führte das Erdbeben zu Auswirkungen?
- Aufgrund seismologischer Überlegungen kann man davon ausgehen, dass das Beben von 1295 in weiten Teilen des Kantons Graubünden zu mittleren bis schweren Gebäudeschäden, d.h. zu Auswirkungen der Intensität VII bis VIII führte.
Intensität VII bedeutet: Die meisten Personen in Gebäuden erschrecken und flüchten nach draussen. Möbel verrutschen und viele Gegenstände fallen aus Regalen und offenen Schränken. Viele normale Gebäude werden beschädigt, so etwa durch Mauerrisse und teilweise einstürzende Kamine (Intensitätsskala).
Intensität VIII bedeutet: Schwere Gebäudeschäden. Viele normale Gebäude werden beschädigt. Kamine stürzen ein, grosse Mauerrisse, einige Gebäude fallen teilweise zusammen. Möbel können umfallen.
- Unter anderem führte das Beben zur Beschädigung, vielleicht sogar zur gänzlichen Zerstörung von Gebäuden des Klosters Churwalden (die beiden zeitgenössischen Quellen erwähnen die gänzliche Zerstörung des Klosters Churwalden).
- Die beiden zeitgenössischen Quellen erwähnen auch die gänzliche Zerstörung von fünf bis fünfzehn Burgen in der Region sowie die teilweise Zerstörung von weiteren Burgen und Türmen (ohne nähere Lokalisierung).
- Die Konstanzer Chronik weist auf ein Sturzereignis hin (Felssturz). Dieses ging vermutlich beim Dorf Tumegl/Tomils (10 Kilometer westlich von Churwalden) nieder.
- Aus Randgebieten wie beispielsweise Bergamo, Verona oder Konstanz wird von leichten Gebäudeschäden berichtet, d.h. kleineren Schäden wie Risse in Mauern oder ein herabgefallenes Kreuz.
Alle diese Beobachtungen führen zur Schlussfolgerung, dass das Beben im Epizentralgebiet eine Intensität von mindestens VIII hatte. Wenn man dem Begriff «gänzlich zerstört» des Osterhofener Annalisten vertrauen könnte, müsste man den Intensitätswert noch höher ansetzen.
Obwohl jede einzelne historische Informationsquelle zu diesem Ereignis für sich alleine nur bedingt zuverlässig ist, ergeben sie alle zusammengenommen ein schlüssiges Bild sowohl des Ortes und des Datums als auch der Auswirkungen.
So lassen sich nicht nur überlieferte Schäden an Kirchen, Klöstern und Burgen im Epizentralgebiet auf dieses Beben zurückführen; es gibt mehrere Informationsquellen, aus denen man schliessen muss, dass es auch in Süddeutschland, Österreich und Italien Auswirkungen hatte.

Gibt es archäologische Zeugen des Erdbebens?
Die knappe dokumentarische Quellenlage im Hochmittelalter legt auch den Einbezug archäologischer Befunde nahe. Schäden an Gebäuden lassen sich aber weder genau datieren noch eindeutig einer Schadensursache zuordnen. Sie können deshalb lediglich als Indiz dienen. Ausführlichere archäologische Hinweise kennen wir bisher nur aus Gams und Churwalden. In Malix und Haldenstein wurden bei einer provisorischen Untersuchung der dortigen Burgen keine entsprechenden Spuren gefunden, ebenso wenig wie bei der ausführlichen Untersuchungen im Kloster Müstair (Auskunft von Jürg Goll, Institut für Denkmalpflege, Müstair).
Welche Auswirkungen hatte das Beben in Chur?
Der heutige Bau der Kathedrale in Chur wurde zwischen 1150 und 1272 erstellt. 2003 wurden an der Westfassade Reparaturarbeiten von Schäden entdeckt. Diese können mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auf ein Erdbeben zurückgeführt werden.

Unregelmässigkeiten im Mauerwerksverband der Kathedralen-Westfassade könnten ein Hinweis auf Schäden – beziehungsweise Reparaturarbeiten – in Zusammenhang mit dem Erdbeben von 1295 sein.
A «Überstand» der Steinlage: Innerhalb der roten Ellipse steht die untere Steinlage (roter Pfeil) gegenüber der oberen auffällig vor (grösster Überstand im Bereich der oberen Spitze des Buchstaben A: 3 cm).
B Die farbig gekennzeichneten Steine sind gegenüber den anderen Steinen in der Fassade auffällig klein.
C Links neben dem Buchstaben sind die beiden Mauerquader in so genannter «Zimmermannstechnik» verbunden. Quelle: Ineichen und Knerr, 2002.

«Überstand» der Steinlage in der Westfassade der Kathedrale Chur. Die untere Steinlage (roter Pfeil) steht im Bereich des Buchstabens A gegenüber der oberen um drei Zentimeter vor. Eine Unregelmässigkeit dieser Art würde während eines normalen Bauvorganges als Pfuscherei sofort korrigiert.
So ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass in diesem Bereich erst nach dem Bau der Kathedrale Kräfte wirkten, welche die Steine relativ zueinander verschoben. Es ist auch möglich, dass in diesem Bereich der Fassade Reparaturarbeiten vorgenommen wurden, bei denen es darum ging, ohne Rücksichtnahme auf Details so rasch als möglich ein grösseres Problem zu beheben – zum Beispiel die Schäden eines Erdbebens.
In der oberen Bildhälfte sieht man auf der Höhe des Buchstaben B jene Steine, die gegenüber den anderen Steinen in der Fassade auffällig klein sind. Foto: M. Weidmann, Chur.
Gab es Nachbeben?
Wahrscheinlich gab es rund 20 Nachbeben.
Was, wenn sich dieses Beben heute wieder ereignen würde?
Grundsätzlich gilt: Wo sich in der Vergangenheit ein schweres Erdbeben ereignet hat, wird es sich auch in Zukunft wieder ereignen. Der Schweizerische Erdbebendienst hat ein Szenario erstellt für den Fall, dass sich ein Erdbeben mit Magnitude 6.2 und einem Epizentrum in Churwalden heute ereignet.
Szenario
- Erdbeben mit Epizentrum im Kanton Graubünden
- Epizentrum ungefähr 1 km südlich von Churwalden
- Stärke: Magnitude 6.2
Welche Auswirkungen hätte dieses Beben heute?

Personenschäden
Das Beben führt in der Schweiz zu rund 400 Todesopfern.
Allein im Kanton Graubünden muss man mit 2’000 bis 3’000 Verletzten rechnen.
Gebäudeschäden
Alleine im Kanton Graubünden werden rund 10’000 bis 20’000 Gebäude beschädigt.
Wie häufig tritt ein Beben dieser Stärke im Raum Churwalden auf?
Im statistischen Durchschnitt muss man in einem Umkreis von 50 km um das obgenannte Epizentrum alle 1’030 Jahre mit einem Beben der Magnitude 6.2 rechnen.
zum Vergleich: Das Erdbeben in L’Aquila, Italien 2009 mit Magnitude 6.3
Am 6. April 2009 ereignete sich in L’Aquila ein Erdbeben mit Magnitude 6.3.
Dieses war also fast gleich stark wie das 6.2-Beben in diesem Szenario (und somit auch fast gleich stark wie das Beben von 1295)
- Die Stadt L’Aquila sowie rund 40 kleinere Ortschaften wurden stark in Mitleidenschaft gezogen.
- 150‘000 Menschen waren direkt vom Schadensausmass betroffen.
- Mehr als 300 Personen wurden getötet..
- Mehr als 1‘000 wurden verletzt.
- 67‘000 Personen wurden kurzfristig und 30‘000 langfristig obdachlos.
- 17‘000 Gebäude wurden beschädigt.
Wikipedia: Detaillierte Informationen zum Erdbeben von L’Aquila 2009
Quelle / weitere Infos
Faktenblatt des SED zum Szenario
Quellen
- Monika Gisler, Markus Weidmann, Donat Fäh: Erdbeben in Graubünden. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Verlag Desertina, 2005.
- Schweizerischer Erdbebendienst
Literatur
- Das Churwalden 1295 Erdbeben im Erdbebenkatalog ECOS-09 Earthquake Catalog of Switzerland 2009)
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Links
- Erdbebenkatalog ECOS-09 (Earthquake Catalog of Switzerland 2009)
- Schweizerischer Erdbebendienst
Letzte Bearbeitung: 17.12.2025, markus weidmann
