Gefahrenart

Hochwasser

Flüsse und Seen treten über die Ufer, oft nach langen oder heftigen Niederschlägen.

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Was ist ein Hochwasser?

Von einem Hochwasser spricht man dann, wenn …

  • der Wasserstand in einem See
  • der Wasserstand in einem Fliessgewässer (Bach, Fluss)
  • der Oberflächenabfluss (auf Wiesen, Strassen, usw.)

… während mehreren Stunden oder Tagen deutlich höher ist als im Normalfall und auch deutlich über dem langjährigen Mittelwert liegt.

In Seen steigen bei Hochwasser die Pegel an.

In Fliessgewässern steigen bei Hochwasser die Abflüsse an.

Der Begriff Hochwasser wird oft an Stelle des Begriffes Unwetter verwendet. (z.B. „Das Hochwasser von 1834“). Dies ist falsch. Hochwasser entstehen bei Unwettern.

Warum gibt es Hochwasser?

  • Gewitter führen häufig zu Hochwasser.
  • Hochwasser entstehen auch dann, wenn langanhaltende, intensive Niederschläge zu einer Sättigung der Böden führen.
  • Wenn Gewitter oder langanhaltende intensive Niederschläge mit starker Schneeschmelze im Einzugsgebiet eines Gewässers zusammenfallen, können Hochwasser verstärkt werden.
  • Gewisse Hochwasser treten regelmässig auf – beispielsweise im Frühling bei Schneeschmelze.

Mehr dazu auf der Seite Unwetter-Grundwissen.

Welche Faktoren sind für die Entstehung von Hochwasser von Bedeutung?

Für die Ausprägung eines Hochwassers ist entscheidend, welcher Anteil des Niederschlags direkt abfliesst. Ob dies 10 oder 70 Prozent des Niederschlags sind, macht einen grossen Unterschied.

Ein grosser Teil des Niederschlags flliesst direkt und zeitlich wenig verzögert ab. Dies ist der Fall, wenn

  • …. der Boden schlecht durchlässig ist. Der Niederschlag kann deshalb nicht versickern und fliesst oberflächlich ab.
  • …. der Boden gesättigt ist (z. B. Feuchtwiesen). Auch in diesem Fall kann das Niederschlagswasser nicht versickern und fliesst oberflächlich ab.

Wenn der Niederschlag in den Boden versickert, stellt sich die Frage, ob es innerhalb des Bodens undurchlässige Schichten gibt. Ist dies der Fall, fliesst das Wasser im Boden seitlich ab, und der Niederschlag trägt nur in einem geringeren Ausmass und zeitlich verzögert zum Hochwasser bei.

Aus Sicht des Hochwasserschutzes ist es besonders günstig, wenn das Niederschlagswasser in den Boden sickert und in einen durchlässigen geologischen Untergrund gelangt. Der Niederschlag erreicht dann erst nach Tagen oder gar Wochen den Abfluss und trägt somit nicht unmittelbar zum Hochwasser bei.

Neben der dominierenden Rolle von Boden und Geologie haben weitere Faktoren wie die Nutzung des Landes und die Hangneigung einen Einfluss auf den Abfluss.

Wie kommen die grössten Hochwasser zustande?

Die grössten Hochwasser ereignen sich dann, wenn drei Faktoren gleichzeitig eintreten:

  • Der Niederschlag fällt auf bereits gesättigte Böden, sodass nur ein sehr geringer Teil des Niederschlags in den Boden versickern kann.
  • Die Nullgradgrenze liegt während des Ereignisses hoch, sodass in höheren Lagen kaum Schnee fällt.
  • Parallel zum Niederschlag setzt Schneeschmelze ein, deren Abfluss zum Hochwasser beiträgt.

Welche Rolle spielt der Wald?

Der Wald dämpft die Wirkung von kleineren Hochwasser-Ereignissen.

  • Der Wald hält einen Teil des Niederschlags in den Baumkronen zurück.
  • Der Waldboden hat oftmals günstige Versickerungseigenschaften.

Bei grossen Niederschlagsereignissen ist die Wirkung des Waldes nur von untergeordneter Bedeutung.

Wie lange dauern Hochwasser?

Sobald das Gewitter oder die langanhaltenden intensiven Niederschläge zu Ende gehen, geht das Hochwasser langsam zurück. Generell dauern Hochwasser zwischen wenigen Stunden bis wenige Tage.

Welche Rolle spielt die Nullgradgrenze in Zusammenhang mit einem Hochwasser?

Die Höhe der Nullgradgrenze spielt eine massgebliche Rolle. Sie entscheidet, wo Niederschlag in Form von Regen fällt und unmittelbar abfliesst – oder als Schnee fällt und erst später, während der Schneeschmelze, zu Tal fliesst.

Beispiel: Bei der Kander kommen sehr grosse Hochwasser nur dann zustande, wenn in mindestens 80 Prozent des Einzugsgebiets Regen fällt. Dies ist der Fall, wenn die Nullgradgrenze bei rund 2400 m ü.M. liegt.

Im Zeitraum von 1961 bis 2016 ist die Nullgradgrenze in der Schweiz in allen Jahreszeiten signifikant gestiegen. Der Gesamtanstieg beträgt zwischen 200 Metern im Herbst und 400 Metern im Frühling und Sommer.

Wovon hängt die Entstehung von Hochwasser im Alpenraum ab?

Das Wetter im Alpenraum hängt von der Anordnung von Hoch- und Tiefdruckgebieten über dem Ostatlantik und Europa ab. Diese Druckmuster bestimmen die grossräumige Zirkulation und damit die Temperaturverteilung, die Windrichtung oder die Luftfeuchtigkeit im Alpenraum. Für Hochwasser im Alpenraum sind insbesondere drei Wetterlagen verantwortlich. Sie werden Vb-Lage, PV-Streamer und Blocking genannt.

Welche Rolle spielen Wasserkraftanlagen bezüglich Hochwasserschutz?

Die Wasserkraft kann einen wichtigen Beitrag zur Vorsorge gegen Hochwasser und

Murgänge leisten. Im Vordergrund steht der Wasserrückhalt in den rund 200 alpinen

Speicherseen. Diese können die Abflussspitzen um rund 15–25 % verringern.

Von der Möglichkeit, das Hochwassermanagement mittels Rückhalt zu optimieren,

wird erst wenig Gebrauch gemacht. Dieses Potenzial soll künftig optimiert genutzt werden.

Welche Auswirkungen kann Hochwasser in Bächen und Flüssen haben?

Erosion an der Sohle. Hochwasserführende Bäche oder Flüsse können auf ihrem Weg Geschiebe aus dem Bachbett mobilisieren und abtransportieren – insbesondere dort, wo das Gerinne eng ist. Dadurch können Uferbereiche instabil werden.

Erosion des Ufers. Während einem Hochwasser kann ein Bach / Fluss Teile seines Ufers abtragen. Ufererosion kann ufernahe Bauwerke (Brücken, Strassen, usw.) beschädigen / zerstören. Wenn Uferbereiche innerhalb von Sekunden in den hochgehenden Fluten versinken, kann es auch zu Todesopfern kommen.

Ein Beispiel: «St. Gallen, 16. Juni. In der Au bei Schönenberg-Kradolf wurden gestern abend um 5 Uhr eine Frau Bächinger mit zwei Kindern, sowie ein älterer Mann von der Thur fortgerissen. Alle sind ertrunken. Es standen zirka acht Personen am Ufer der Thur, als plötzlich das Terrain von den Fluten fortgerissen wurde. Vier Personen konnten sich noch retten, während die andern vier ertrunken sind.» Neue Zürcher Zeitung, Nummer 164, 16. Juni 1910 Ausgabe 06

In der Hochwasser-Videothek findest du verschiedene Videos zum Thema Ufer-Erosion.

Was ist eine Überschwemmung? Wann entsteht sie?

  • Bach / Fluss und Überschwemmung: Das Hochwasser hat zu wenig Platz, um im Bachbett / Flussbett abzufliessen. Es tritt über die Ufer («ufert aus») und überschwemmt angrenzende Gebiete.
  • See und Überschwemmung: Das Hochwasser hat zu wenig Platz, um durch den Abfluss des Sees abzufliessen. Es tritt über die Ufer («ufert aus») und überschwemmt angrenzende Gebiete.
  • Oberflächenabfluss und Überschwemmung: Die grosse Menge an oberflächlich abfliessendem Wasser kann nur teilweise in den Untergrund versickern bzw. hat zu wenig Raum, um von der Oberfläche abzufliessen und überschwemmt so angrenzende Gebiete.

Wichtig: Nicht jedes Hochwasser führt zu Überschwemmung. Oftmals bleiben Bäche und Flüsse bei Hochwasser in ihrem Bachbett – insbesondere dort, wo man ihre Ufer mit mächtigen Verbauungen erhöht hat.

Welche zwei Formen von Überschwemmung gibt es grundsätzlich?

  • Dynamische Überschwemmung. Das Wasser, welches zur Überschwemmung führt, strömt mit hoher Geschwindigkeit in eine bestimmte Richtung.

Dynamische Überschwemmungen gibt es

  • entlang von Wildbächen und Gebirgsflüssen
  • in geneigtem Gelände (Oberflächenabfluss an Felswänden, Hängen, Strassen mit Gefälle, …)

Grundsätzlich gilt: Je grösser die mittlere Fliessgeschwindigkeit und die Wassertiefe, desto grösser der Schaden. Werden durch die dynamische Überschwemmung Schutt und Geröll abgelagert, spricht man von Übersarung.

  • Statische Überschwemmung. Das Wasser fliesst nicht oder nur sehr langsam. Statische Überschwemmung tritt tauf
  • bei Talflüssen in flachem Gelände
  • entlang von Seen
  • auf ebenen Flächen (Oberflächenabfluss in Wiesen, Äckern, Fussballfeldern, …)

Grundsätzlich gilt: Je grösser die Überschwemmungstiefe, desto grösser der Schaden.

Seehochwasser dauern meist lange. Sie haben aber in der Regel weniger direkte Zerstörungskraft als dynamische Hochwasser.

Welche Auswirkungen können Überschwemmungen haben?

Überschwemmungen treten oft relativ grossflächig auf. Bereits minimale Überschwemmungshöhen können zu grossen Sachschäden an und in Gebäuden, Industriegebieten und Infrastrukturanlagen führen (z.B. durch überflutete Keller, Lagerräume, Bahnlinien, Strassen etc.).

In der Schweiz sind mindestens 50 Prozent der Überschwemmungsschäden auf Oberflächenabfluss zurückzuführen.

Was ist Oberflächenabfluss?

Regen fällt auf verschiedenste Formen von offenem Gelände und künstlichen Oberflächen: Felswände, Wiesen, Äcker, Strassen, Parkplätze, Hausdächer, Tennisplätze, usw. Den Abfluss von diesen Oberflächen bezeichnet man als Oberflächenabfluss.

Bei starken Niederschlägen entsteht entsprechend starker Oberflächenabfluss. Dieser führt in vielen Fällen zu Hochwasser in Bächen, Flüssen oder Seen, aber auch in Dachtraufen und Kanalisationen. Mehr Informationen dazu: Gefährdungskarte Oberflächenabfluss.

Welche Auswirkungen kann übermässiger Oberflächenabfluss auf Ackerland haben?

Kann Ackerboden intensiven Niederschlag nicht vollständig aufnehmen, kommt es zu Oberflächenabfluss. Dieser kann Ackerboden oberflächlich abtragen.

Beim Magdalenenhochwasser 1342 – dem möglicherweise schlimmsten Hochwasser des gesamten 2. Jahrtausends im mitteleuropäischen Binnenland – wurden gemäss Wikipedia rund 13 Milliarden Tonnen an landwirtschaftlich nutzbarem Boden durch Oberflächenabfluss abgetragen. Das entspricht in etwa der Menge, die bei normalen Wetterbedingungen innerhalb von 2’000 Jahren abgetragen wird.

Was haben Hochwasser und Überschwemmungen mit dem Entstehen und Vergehen von Landschaften zu tun?

Hochwasser mobilisieren ausserordentliche Mengen an Geschiebe am Grund sowie im Uferbereich von Bächen oder Flüssen und transportieren diese ab. Dadurch tiefen sie auf besonders wirksame Art und Weise Bäche und Flüsse in die alpine Landschaft ein – und gehören somit schlussendlich zu den Hauptverantwortlichen, die bewirken, dass es in den Alpen Täler gibt.

Oberflächenabfluss hat eine viel geringere Auswirkung auf das Entstehen und Vergehen von Landschaften. Aber vor allem in Karstgebieten wirkt er als steter Tropfen, der den Stein höhlt, indem er permanent geringe Mengen an Kalkstein löst und abtransportiert.

Quellen

  • BAFU Faktenblatt Gefahrenprozesse. Hochwasser und Murgang download
  • Brönnimann, S. et al.: 1868 – das Hochwasser, das die Schweiz veränderte. Ursachen, Folgen und

Lehren für die Zukunft. Geographica Bernensia, G94, 2018 download

  • Der Bundesrat: Umgang mit Naturgefahren in der Schweiz.Bericht des Bundesrats in Erfüllung des Postulats 12.4271 Darbellay vom 14.12.2012. download
  • BUWAL: Berücksichtigung der Hochwassergefahren bei raumwirksamen Tätigkeiten. Empfehlungen 1997 download
  • Wikipedia
  • Naturgefahrenportal Bund
  • MeteoSchweiz

Links

Nationale Plattform Naturgefahren PLANAT. Thema Hochwasser

Kommission für Hochwasserschutz

Hochwasser in Wikipedia

Die 5 Gefahrenstufen für Hochwasser und Verhaltensempfehlungen

Literatur

Literatur zum Thema Hochwasser und Überschwemmungen in der Hochwasser-Bibliothek.

Hochwasser im Kanton Glarus

Literatur

  • Naturgefahren im Kanton Glarus – Faktenblatt Auflage 2 – Februar 2022 download

Kontakt

Fachstelle Naturgefahren des Kantons Glarus

Hochwasser im Kanton St. Gallen

Geoportal Übersicht Naturgefahren. download

Kontakt

Abteilung Naturgefahren des Kantons St. Gallen

Hochwasser im Kanton Graubünden

  • Academia Engiadina Samedan: Projekt Hochwasserschutz Samedan, 2002 bis 2006. download
  • Amt für Jagd und Fischerei: Hochwasserschutz Samedan. Gewässeraufwertungsmassnahmen. download
  • P. Rey: Neue Wege im Hochwasserschutz. HYDRA, 2007- download
  • Die Staumauer als Hochwasserschutz im Oberlauf der Albigna (Bergell). Schweizerische Bauzeitung, Band(Jahr): 93/94(1929), Heft 7. download
  • Faktenblatt Hochwasser-Rückhaltebecken Orden bei Maloja. download
  • Das Hochwasser-Rückhaltebecken Orden bei Maloja bewährt sich erneut. Wasser Energie Luft = Eau énergie air = Acqua energia aria, Band: 91 (1999), Heft: 11-12- download
  • Der wegweisende Bau der Staumauer Albigna. download
  • ewz-Kraftwerke Bergell. Staumauer gegen Hochwasser. Rückhaltemauer Orden. download
  • Salis, Friedrich v.: Ueber die Verbauung der Archa gronda im Münsterthal (Ct. Graubünden). Die Eisenbahn, Band (Jahr): 16/17 (1882), Heft 9. download
  • Richard La Nicca: Correction des Rheins im Domleschger Thal. In Denkschriften der allgemeinen Schweizerischen Gesellschaft für die gesamten Naturwissenschaften. 1829. download
  • Adolf von Salis: Über den Wasserbau im Gebirge und speziell in unserm Kanton. In: Jahresbericht der Naturforschenden Gesellschaft Graubündens. N.F. 6. Jahrgang, 1859/1869, S. 42-64. download
  • Andri Bischoff: Eine nachhaltige Lösung in Rekordzeit für den Hochwasserschutz von Samedan. Wasser, Energie, Luft, 2005. download
  • Rushiti, Behar: Schutz von Sachgütern im Prättigau : Massnahmen zum Hochwasserschutz beim Schanielabach GR. Tec21, Band: 138 (2012), Heft: Dossier (5-6): Best of Bachelor 2010/2011.

download

  • Tiefbauamt Graubünden: Hochwasserschutz Klosters, Folgeprojekt Hochwasser 2005. download
  • Tiefbauamt Graubünden: Hochwasserschutz Samedan. download
  • Tiefbauamt Graubünden: Geschiebesammler am Dorfbach Davos. download
  • Tiefbauamt Graubünden: Instandsetzung Wildbachverbauung Rieinertobel. download

> Landquart-Korrektion

  • Salis, Fr. von: Die Landwasser-Correction auf Davos. Schweizerische Bauzeitung, Band (Jahr): 3/4 (1884), Heft 1. download
  • Pol, L.: Fragmente über die Landquart im Brättigäu. Der neue Sammler : ein gemeinnütziges Archiv für Bünden. Band (Jahr): 1 (1805), Heft 5. download
  • Pol, L.: Drittes Fragment : zur Geschichte der neuern Lanquart-Bewuhrung. Der neue Sammler : ein gemeinnütziges Archiv für Bünden. Band (Jahr): 1 (1805), Heft 5. download
  • Daniel Vischer: Der Bündner Theologe Lucius Pol und die Landquart-Korrektion. Wasser Energie Luft, 3009. download
  • Tiefbauamt Graubünden: Flussaufweitungen an der Landquart. download
  • Tiefbauamt Graubünden: Sohlenrampen an der Landquart. download

> Plessur-Korrektion

  • VIVIANE MICHEL: Die Zähmung der Plessur: ein Fluss im Wandel der Zeit. Bündner Tagblatt. Dienstag, 8. Juli 2014. download

Kontakt

Amt für Wald und Naturgefahren Graubünden

Tiefbauamt Graubünden, Abteilung Wasserbau

Anhang: „Endlose Arbeiten führten niemals zu einem Ziele“

1861 veröffentlichte Oberingenieur Adolf von Salis einen Vortrag über den Wasserbau im Kanton Graubünden. Mit markanten Worten blickte er in eine Zeit zurück, als man in Graubünden noch undurchdacht, chaotisch und chronisch ineffizient Wasserbau betrieb – “Pfläschterli-Politik” im klassischen Sinne.

«Von Anwendung wissenschaftlicher Grundsätze war in früherer Zeit bei der Behandlung von Gebirgswassern nirgends die Rede. Je nach dem augenblicklichen Flussläufe und der Anforderung einer augenblicklichen Gefahr wurden bald hier, bald dort, weiter vorn oder weiter zurück, in allen möglichen Richtungen Wuhren angelegt. Dabei gab es denn noch zwischen den gegenüberliegenden Gemeinden Streit, indem jede, in der Meinung, auf diese Art den Fluss am schnellsten vom Halse zu bekommen, ihn mittelst sogenannter Schupfwuhre dem Nachbar zuschickte, welcher dann nicht ermangelte, ihn wo immer möglich auf kürzestem Wege wieder retour zu schicken. Solche Anstände führten häufig sogar zu Tätlichkeiten. Schliesslich wurden sie dann etwa durch einen auf gerichtlichem oder Vermittlungswege erzielten Spruch geschlichtet. (…)

Endlose Arbeiten führten niemals zu einem Ziele, sondern es blieb Jahr um Jahr, Jahrzehend um Jahrzehend beim alten Kriegszustande, mit obligatem Gemeinwerk im Winter und Frühjahr, Sturmläuten, Büschen-Einhängen und sonstigen meist nutzlosen Notharbeiten im Sommer und Herbste; dann Augenschein eines wohlweisen Vorstandes, um nach gehöriger Betrachtung der zum Theil im Sande versunkenen, zum Theil unterwühlten und zerrissenen alten und neuern Werke, für den bevorstehenden Winter einen neuen Plan auszuhecken zu abermaliger nutzloser Verschwendung von Arbeitskräften und Material.

Bedenkt man, dass vieler Orts durch Jahrhunderte auf solche Art fortlaborirt worden ist, und betrachtet man sich heute den Tummelplatz dieser Thätigkeit so vieler Generationen, so kann man fast nicht begreifen, wie es möglich war, so lange nicht einzusehen, dass dieses Verfahren zu keinem Ziele führe, und muss anderseits beklagen, dass diese ungeheure Summe von Arbeit und Material nicht auf eine zweckmässigere Art verwendet wurde, in welchem Falle unsere Vorfahren uns statt verwildeter Flussbette und versumpfter Umgebungen derselben, die erfreulichsten Flusszustände hätten vererben können, ohne sich irgend mehr anzustrengen, als geschehen ist, wiewohl zu der zweckwidrigen Anlage noch die Ausführung im sogenannten Gemeinwerke, dieser systematischen Vergeudung von Zeit und Arbeitskräften, kam.»

Ausriss aus: Adolf von Salis: Über den Wasserbau im Gebirge und speziell in unserm Kanton. In: Jahresbericht der Naturforschenden Gesellschaft Graubündens. N.F. 6. Jahrgang, 1859/1869

Letzte Bearbeitung: 12.1.2026, markus weidmann

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