Wo (Epizentrum): Region Unterengadin/Ftan
Magnitude: 5.4
Stärkste Auswirkung (Intensität) des Erdbebens (im Epizentralgebiet): VII
Intensität VII bedeutet: Die meisten Personen in Gebäuden erschrecken und flüchten nach draussen. Möbel verrutschen und viele Gegenstände fallen aus Regalen und offenen Schränken. Viele normale Gebäude werden beschädigt, so etwa durch Mauerrisse und teilweise einstürzende Kamine. zur Intensitätsskala
Zu welchen Auswirkungen führte das Beben?
Von 1620 bis 1636 war Graubünden einer der Kriegsschauplätze in den grossen europäischen Auseinandersetzungen zwischen den österreichischen, spanisch-mailändischen und französischen Interessen, dem so genannten Dreissigjährigen Krieg.
Am 3. August 1622 soll eine starke Erschütterung das bereits von den Kriegswirren gezeichnete Unterengadin heimgesucht und dabei insbesondere in Ftan schwere Schäden verursacht haben. Im Dorf brachen Mauern ein und begruben mindestens zwei junge Menschen unter sich. Zwei Zeitgenossen berichten unabhängig voneinander vom Ereignis: «Mitwuchen den 24. Juli [3. August 1622] in der nacht um 11–12 und ein uhren ist ein Erdbidem im under Engadin vom püntischen kriegsvolck zum dritten, und je das letst mahl zum stercksten gespürt worden.» (Anhorn, 1873, S. 414f.).
Der Autor Bartholomäus Anhorn (1566-1640) amtete zwar bis 1621 als evangelischer Pfarrer im bündnerischen Maienfeld, zur Zeit des Erdbebens befand er sich aber im Exil in Speicher AR und konnte also das Ereignis nicht selbst verspürt haben. Hinweise auf die Quelle seiner Informationen zum Erdbeben machte er keine. Dennoch darf er als zuverlässiger Sammler von Informationen bezeichnet werden, so dass seine Aussage als ziemlich gesichert gelten kann. In der Beschreibung des Bündner Krieges erwähnte er das Ereignis nur kurz und im Zusammenhang mit den Kriegswirren. Er spricht von drei Stössen, die zwischen 23 und 1 Uhr im Unterengadin aufgetreten seien, wobei der letzte der stärkste gewesen sein soll.
Diese genauen Angaben zur Tageszeit, zur Anzahl der Stösse und ihrer Stärke sind nur bei ihm zu finden. Unabhängig davon beschreibt Fortunat Sprecher von Bernegg (1585-1647) das Ereignis in seiner Rätischen Chronik: «Die Mercurij, III. Augusti, terraemotus in Engadina inferiori fuit: ex quo multa loca concamerata in pagis combustis conciderunt. Fettani duo infantes à concidentibus muris elisi fuerunt. Terraemotus iste nec Curiae, nec in Foedere Grisaeo fuit. Et hi terraemotus in Rhaetia praesagium futuri mali semper fuerunt.» [«Mittwoch, 3. August [1622] ereignete sich im Unterengadin ein Erdbeben: In diesem Gebiet stürzten viele überwölbte Räume zusammen. In Ftan wurden zwei Kinder durch zusammenstürzende Mauern getötet. Das Erdbeben wurde weder in Chur, noch in Graubünden verspürt. Hier in Rhätien sind die Erdbeben immer ein Vorzeichen eines künftigen Unglücks gewesen.»] (Sprecher, 1690, S. 328).
Beide Autoren berichten also, dass sich das Ereignis nur in der Region des Unterengadins abgespielt hat. Laut Sprecher soll es insbesondere in Ftan sehr stark gewesen sein, wo durch einstürzende Mauern gar zwei Kinder umkamen. Der auffällige Vermerk, dass das Beben in Chur und in den «Grauen Bünden » nicht verspürt worden sei, weist darauf hin, dass es sich wahrscheinlich um ein lokales Ereignis gehandelt hat (das protestantische Unterengadin war von 1621 bis 1629 von den Österreichern besetzt und wurde folglich nicht zu Graubünden gezählt; vgl. Im Hof, 1997, S. 72).
Da man annehmen muss, dass bereits die Kriegswirren zu beschädigten Gebäuden geführt hatten – die Zerstörung Ftans durch die Österreicher ist ziemlich gesichert – ist schwer abzuschätzen, welche Schäden effektiv dem Beben zuzurechnen sind. Allerdings ist anzunehmen, dass auch Sprecher kein Augenzeuge, sondern lediglich Zeitgenosse des Ereignisses war. Denn er amtete als Jurist in Chiavenna, wo das Beben scheinbar nicht verspürt worden war, andernfalls er es sicherlich erwähnt hätte.

Quellen
- Monika Gisler, Markus Weidmann, Donat Fäh: Erdbeben in Graubünden. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Verlag Desertina, 2005
- Schweizerischer Erdbebendienst
Bibliographie zum Erdbeben gemäss Erdbebenkatalog ECOS-09
- Anhorn, Bartholomäus (1873): Graw-Pünter-Krieg beschrieben von Bartholomäus Anhorn 1603-1629. Nach dem Manuscript zum ersten Male herausgegeben von Conradin v. Moor, Bündnerische Geschichtschreiber und Chronisten. 9. Publikation, Conradin von Moor, Chur, Verlag der Antiquariatsbuchhandlung, Zentralbibliothek Zürich, ZUERICH, 13 732
- Röder, Georg Wilhelm und Peter Conradin von Tscharner (1838): Der Kanton Graubünden, historisch, geographisch, statistisch geschildert. Ein Hand- und Hausbuch für Kantonsbürger und Reisende, St. Gallen und Bern, Huber und Companie, ETH Bibliothek Zürich, ZUERICH, KERN 1355:15
- Der neue Sammler, ein gemeinnütziges Archiv für Bünden, Ökonomische Gesellschaft, Chur, Wissenschaftshistorische Sammlung ETH Zürich, ZUERICH, P 91393
- Bündner Kalender für das Schaltjahr 1856, Chur, Zentralbibliothek Zürich, ZUERICH, Kal 1642
- Sprecher von Bernegg, Fortunat (1690): Fortunati Sprecheri I.V.D. Equite Aurati. Historia Rhaetiae in qua Motus et Bella Ibi Excitata, fideliter Exponuntur, o. O., Kantonsbibliothek Graubünden, CHUR, Be 295a
Literatur
- Das Ftan 1622 Erdbeben im Erdbebenkatalog ECOS-09 (Earthquake Catalog of Switzerland 2009)
- Schweiz. Erdbebendienst (Hrsg.): Grundlagen des makroseismischen Erdbebenkatalogs der Schweiz, Band 1, © vdf Hochschulverlag 2011. download
Links
- Erdbebenkatalog ECOS-09 (Earthquake Catalog of Switzerland 2009)
- Schweizerischer Erdbebendienst
Letzte Bearbeitung: 17.12.2025, markus weidmann
