Felssturz 1974 · Am Schwarzberg oberhalb der Strasse Weesen—Amden · SG

Felssturz im Gebiet von Amden, 1974

Wie verlief der Felssturz? Um 03:20 Uhr stürzten etwa 17 Minuten lang Felsmassen rund 400 Meter tief talwärts. Zum grössten Teil blieben sie in der horizontalen Steinbruchsohle liegen. Diese künstlich geschaffene Sohle wirkte als bremsender

Wie verlief der Felssturz?

Um 03:20 Uhr stürzten etwa 17 Minuten lang Felsmassen rund 400 Meter tief talwärts. Zum grössten Teil blieben sie in der horizontalen Steinbruchsohle liegen. Diese künstlich geschaffene Sohle wirkte als bremsender Puffer. Der Felsabsturz dauerte mit 17 Minuten relativ lange. Der Abbruch erfolgte nicht konzentriert «en bloc», sondern zeitlich weit gedehnt, als langanhaltende «Felslawine».

Da sich der Felssturz nachts ereignete, konnte man den Absturzvorgang nicht direkt beobachten. Man nimmt an, dass die durch die Klüfte voneinander abgetrennten Felsscheiben einzeln nacheinander nach aussen kippten.

Die Absturzmasse im Steinbruch war erstaunlich stark zertrümmert / zerkleinert. Diese Zerkleinerung ist zurückzuführen auf

  • die extreme Auflockerung des Schrattenkalkes
  • den erwähnten Absturzvorgang
  • die hohe und steile Sturzbahn zum Steinbruchareal.

Während dem Felssturz kam es zu sehr starker Staub- und Lärmentwicklung.

Welches Volumen hatte der Felssturz?

Die abgestürzte Gesteinskubatur hatte ein geschätztes Volumen von rund 55’000 bis 60’000 m3.

Welche Auswirkungen hatte das Ereignis?

An der Strasse sowie einigen Gebäuden des Steinbruchbetriebes kam es zu leichten Schäden.

Konnte man nach dem Felssturz aufatmen?

Am morgen nach dem Felssturz zeigte sich, dass grössere, stark aufgelockerte Felsmassen noch nicht abgestürzt waren. Sie stellten weiterhin eine akute Gefährdung dar. Dementsprechend konnte die gesperrte Strasse nach Amden nicht geöffnet werden.

Was tat man, um die noch nicht abgestürzten Felsmassen zum Absturz zu bringen?

Als erstes versuchte man, das am stärksten aufgelockerte Material mit Wasserstrahlen aus Feuerwehrschläuchen hinunterzuschwemmen. Dies führte zu keinem Erfolg; nach zwei Anläufen gab man auf.

Am 8. Februar 1974 führte man eine Grosssprengung durch. Damit brachte man einen rund 5000 m3 grossen, überhängenden Felskomplex zum Absturz. So konnten die Strassen Weesen-Amden und Weesen-Betlis am 14. Februar für den durchgehenden Verkehr wieder freigegeben werden.

Zwischen Mitte Februar und Mitte Mai brachte man mittels kleinerer Sprengungen täglich einige hundert Kubikmeter Schutt- und Felsmaterial zum Absturz. Mitte Mai war das Absturzgebiet soweit gesäubert, dass man nicht mehr von einer akuten Gefährdung sprechen konnte. Insgesamt sprengte man nach dem Felssturz vom 21. Januar rund 25 000 m3 Felsmaterial ab.

Gab es nach dem Felssturz noch Bewegungen des anstehenden Felsens?

Nach dem Felssturz und den anschliessenden Sprengungen richtete man wieder Kontrolleinrichtungen ein. Ab Juni 1974 wurden diese periodisch kontrolliert. Bis Anfang Oktober 1974 ergaben die Messkontrollen für einen Zeitraum von 3 1/2 Monaten Bewegungsbeträge zwischen 0 und 12 mm. Dies liess die vorläufige Schlussfolgerung zu, dass Partien, die sich vor dem Felssturz stärker bewegt hatten, dank der Entlastung durch die abgestürzten Gesteinsmassen wieder weitgehend konsolidiert hatten.

Abbildung zu «Felssturz im Gebiet von Amden, 1974»

Schwarzberg von Süden. In Bildmitte der Steinbruch Koppel im Kieselkalk, darüber die Felswände des Schrattenkalkes mit Umgrenzung der am 21. Januar 1974 abgestürzten Felspartie. Zustand Sommer 1973. Photo Jürg H. Meyer. In: Jäckli, H.: Der Felssturz von Amden vom 21. Januar 1974. Schweizerische Bauzeitung, Heft 25, Band 93, 1975.

Abbildung zu «Felssturz im Gebiet von Amden, 1974»

Geologisches Querprofil zwischen Schafbett und Walensee 1:5000. In: Jäckli, H.: Der Felssturz von Amden vom 21. Januar 1974. Schweizerische Bauzeitung, Heft 25, Band 93, 1975.

Abbildung zu «Felssturz im Gebiet von Amden, 1974»

Planskizze des Bergsturzgebietes mit ungefährer Angabe der Bewegungsmessstellen (Extensometer) No. 1-5. Aus: Scheidegger, A.E.: Bergsturz Amden 1974. Geographica Helvetica 1985 – Nr. 1

Abbildung zu «Felssturz im Gebiet von Amden, 1974»

Bergsturzmasse im Steinbruch, fotografiert Anfang Februar 1974. Etwa 55 000 m3 Material sind hier liegengeblieben. Aus: Scheidegger, A.E.: Bergsturz Amden 1974. Geographica Helvetica 1985 – Nr. 1

Warum kam es zum Felssturz?

  • Kippbewegung längs Klüften und Spalten

Der obere Schrattenkalk war durch zahlreiche senkrecht zur Schichtung stehende breite Klüfte und Spalten sehr ausgeprägt in einzelne Felsscheiben aufgeteilt. Diese Felsscheiben führten eine Kippbewegung in Richtung Walensee aus. Verschiebungsmessungen zeigten, dass die äussersten Felsscheiben am stärksten nach aussen kippten. Der gesamte Kippvorgang kann bildhaft mit einem sich aufblätternden Buch erklärt werden.

  • Gleitbewegungen längs Schichtflächen

Die basale Abscherungsfläche, längs welcher der Felssturz vom 21. Januar 1974 erfolgte, liegt ungefähr an der Grenze zwischen dem unteren und dem oberen Schrattenkalk, also in einer Zone, wo die Kalkschichten dünngebankt sind.

Die vor dem Absturz grosse Horizontal- und Vertikalverschiebung des Signals A ist teilweise auch auf Gleitbewegungen längs den mit 20° bis 25° gegen den Walensee geneigten Schichtflächen zurückzuführen, die sich auf die Kippbewegung addierten.

Es kann somit darauf geschlossen werden, dass der Bergrutsch von Amden sich über Jahre vorbereitet hatte. Zuerst erfolgten die Bewegungen als Antwort auf den Regen in der Weise, dass sie jeweilen nach 12 Tagen auf den Regen «ansprachen». In der Endphase aber stiegen die Bewegungsraten exponentiell an, was auf die Ausbildung eines progressiven Bruches hindeutet.

Gab es Vorzeichen?

  • 1972

Einheimische Bauern beobachteten im Sommer 1972 unterhalb «Schafbett» in einem schuttbedeckten Nackentälchen zwischen einer bergseits gelegenen, verwerfungsbedingten Felswand des oberen Schrattenkalkes und talseits anschliessenden Felsköpfen, dass sich am Fusse der Felswand ein unverfärbter Streifen frischen Gesteins abzuzeichnen begann. Dies bedeutete, dass sich der an den Fels angrenzende Schutt nach unten bewegen musste.

Unzweideutig bestanden natürliche Anzeichen für ein vertikales Absacken des Schuttes. Eine solche Schuttbewegung war aber nur verständlich, wenn sich die talseitigen Felsköpfe seitlich nach auswärts bewegten und dabei das Nackentälchen verbreiterten.

  • 1973

Die «Zürichsee-Zeitung» brachte am 12. April 1973 eine Meldung über die Einrichtung der Alarmorganisation in Weesen. Am 19. April wurde eine Notiz über die Resultate von Bewegungsmessungen, die Verschiebungen im Zentimeterbereich pro Woche ergeben hatten, und eine Schätzung des Volumens der absturzgefährdeten Felsmassen (500‘000 m3) gebracht. Während dem restlichen Jahr 1973 blieb die Lage mehr oder weniger stationär.

  • 1974

Ab Mitte Januar 1974 verschärfte sich die Lage. In der Nacht zum 19. Januar 1974 stiegen die Bewegungen der Messpunkte bis auf 4 cm pro Stunde an, und kleinere Felsmassen (einige hundert m3) stürzten auf die Strasse von Weesen nach Amden, welche dadurch blockiert wurde.

In der Nacht zum 21. Januar 1974 ereignete sich ein grosser Felssturz, bei dem 55 000 m3 Material abstürzten. Eine gleiche Menge Fels blieb «absturzgefährdet». Es wurde vorerst versucht, diese durch Wassereinsatz zum Absturz zu bringen, was nur einen geringen Erfolg brachte.

Am 8. Februar 1974 wurden schliesslich die am meisten absturzgefährdeten Gesteinsmassen, die die Form einer «aufgestellten Birne» hatten, abgesprengt. Damit war die akute Gefahr gebannt, und man konnte an die Räumung und Öffnung der Strasse Weesen-Amden schreiten.

Was tat man aufgrund der Vorzeichen?

Im Oktober und November 1972 wurden Vermessungskontrollen durchgeführt. Sie ergaben Bewegungen der Felsköpfe schräg talauswärts von 2 bis 3 mm pro Woche.

Nach der Aufnahme der Messungen am 6. Oktober 1972 blieben die Horizontalbewegungen bis gegen Ende November mit 2 bis 3 mm pro Woche gering.

Rund 10 Tage nach den starken Niederschlägen Ende November 1972, die in Weesen vom 10. bis 25. November rund 300 mm betragen hatten, zeigte sich eine erste Beschleunigung aller 6 in Bewegung befindlichen Kontrollpunkte im Schafbett mit Geschwindigkeiten von 15 bis 25 mm/Woche in der Horizontalen.

Die Verminderung der Horizontalbewegung von den oberen zu den tiefer liegenden Signalen A bis E in den Felswänden zeigte eindeutig, dass die aufgelockerte Felsmasse neben differentiellen Gleitbewegungen auf Schichtflächen eine ausgeprägte Kippbewegung nach aussen ausführte.

Die ursprünglich auf rd. 100‘000 m3 geschätzte, sich bewegende Fels- und Schuttkubatur musste nun pessimistisch höher geschätzt werden.

Massnahmen

  • Im unten liegenden Steinbruch wurde am 19. Januar 1973 das Sprengen verboten.
  • Die Sperrung der Strasse Weesen-Amden und Weesen-Betlis wurde vorbereitet.
  • Für die Uferanwohner in Weesen wurde die Evakuation vorbereitet.
  • Campingplatz und Schiffanlegeplatz im glarnerischen Uferstreifen zwischen Weesen und der Linthmündung, dem Gäsi, wurden geschlossen.
  • Am Schafbett wurden zwei Felsspione zur zusätzlichen kontinuierlichen Bewegungsüberwachung eingebaut
  • von früheren Felsstürzen in den Walensee und in den Vierwaldstättersee war bekannt, dass dabei unerwartet hohe Flutwellen die benachbarten und gegenüberliegenden Uferstreifen heimgesucht hatten. Falls bei Amden der Felssturz «en bloc» niederfahren und den Walensee zudem bei sommerlichem Hochwasserstand erreichen würde, wäre eine Überflutung der nächsten Uferpartien zu erwarten gewesen. Deshalb untersuchte die Versuchsanstalt für Wasserbau an der ETH an einem Modell die entstehenden Flutwellen bei verschiedener Grösse des Bergsturzes. Das Baudepartement des Kantons Sankt Gallen erstellte mit Hilfe dieser Daten eine Überflutungskarte für verschiedene Wasserstände des Sees.

Starke Niederschläge im Juli brachten die erwartete Beschleunigung, die ungefähr Mitte März einsetzte und bis Anfang August anhielt. Die dabei gemessenen Bewegungen überschritten jene vom Dezember 1972 um das Doppelte und erreichten 20 bis 30 mm/Woche.

Weitere Massnahmen

  • Der Steinschlag wurde Tag und Nacht überwacht.
  • Die Strasse Weesen-Amden wurde mit Verkehrsampeln versehen, die bei jedem stärkeren Steinschlaggeräusch auf Rot geschaltet wurden.
  • Die Evakuation der am Ufer in Fly/Weesen gelegenen Liegenschaften wurde vorbereitet
  • Die Massnahmen wurden in der Presse publiziert.

Welche Auswirkungen hatten die Massnahmen?

Die Massnahmen und ihre Publikation in der Presse führten dazu, dass Amden als Touristen- und Ferienort im Frühling und Frühsommer eine empfindliche wirtschaftliche Schädigung erlitt. Viele Fremde befürchteten, dort isoliert oder gar vom Felssturz erschlagen zu werden, und mieden Amden.

Als dann aber im Herbst wieder eine Verminderung der Geschwindigkeit der Felsbewegung auf 5 bis 7 mm/Woche eintrat und die Vorsichtsmassnahmen gelockert wurden, erholte sich der Fremdenverkehr wieder.

Sanierungsprogramm Herbst 1973

Um die alle Beteiligten belastende Ungewissheit des Zeitpunktes eines natürlichen Felssturzes zu beseitigen, empfahl man, die absturzträchtigsten Felspartien zu sprengen.

Man hoffte, dass durch den gezielten Abbau der in rascher Bewegung sich befindlichen Felsmasse von ungefähr 100 000 m3 die übrigen sich wesentlich langsamer bewegenden Felspartien wieder beruhigen würden. Doch sollte vermieden werden, dass dabei die Strassen zerstört und im See eine Flutwelle verursacht würde, weshalb der Abbau in kleinen Portionen erfolgen und am Südende des Steinbruchs Koppel ein künstlicher Wall errichtet werden sollte, hinter welchem der grösste Teil der abgesprengten Felsmasse hätte aufgehalten werden sollen.

Dritte Beschleunigungsphase, Spätherbst und Winter 1973/74

Ähnlich wie ein Jahr zuvor scheinen auch im Spätherbst 1973 stärkere Niederschläge für eine dritte Beschleunigungsphase auslösend gewesen zu sein.

Im Gegensatz zu früher klang aber diesmal die Beschleunigung nicht bald nach dem Einsetzen trockenen Frostwetters wieder ab, sondern akzentuierte sich ab Ende November zusehends von Tag zu Tag. In der letzten Dezemberwoche betrugen die Bewegungen 100 bis 160 mm/Woche, Mitte Januar bereits das Doppelte. Die Geschwindigkeiten vergrösserten sich progressiv. Von Herbst 1972 bis zum 21. Januar 1974 hatte sich Kontrollpunkt 2 im Schafbett um rund 3 m verschoben, davon allein in den letzten sieben Tagen um 1,2 m.

Das Drehmoment der hangauswärts gerichteten Kippbewegung wurde zusehends grösser; die internen Reibungs- und Verspannungskräfte der Felsmassen vermochten einen Absturz nicht mehr aufzuhalten. Ein solcher musste nach dem 17. Januar stündlich erwartet werden.

Die Steinschläge aus der Wand häuften sich in ihrer zeitlichen Abfolge, blieben aber mengenmässig klein und wurden fast vollständig im Steinbruch aufgehalten. Nur gelegentlich erreichten Steine die Strasse nach Amden und sehr selten auch noch den See.

In der Morgenfrühe des 21. Januar 1974 erweiterte sich der anfänglich intensive Steinschlag zum eigentlichen Felssturz.

Quellen

  • Jäckli, H.: Der Felssturz von Amden vom 21. Januar 1974. Schweizerische Bauzeitung, Heft 25, Band 93, 1975. download
  • Scheidegger, A.E.: Bergsturz Amden 1974. Geographica Helvetica 1985 – Nr. 1. download

Literatur

Haldimann, Peter: Fallbeispiel Nr. 9 : der Felssturz von Amden vom 21. Januar 1974. Bulletin für angewandte Geologie, Band 3, 1998, Heft: 1. download

Medienberichte zum Ereignis

Neue Zürcher Zeitung, Nummer 176, 15. April 1973

Keine Gefahr für Weesen und Amden. St. Gallen, 13. April, (sda) Das Baudepartement des Kantons St. Gallen nimmt in einer Erklärung Stellung zu jüngsten Pressemeldungen über die Felssturzgefahr zwischen Weesen und Amden. Es heisst darin unter anderem: Die verantwortlichen Behörden der Kantone St. Gallen und Glarus sowie der Gemeinden Amden und Weesen haben namhafte Fachleute zur Ueberwachung und zur Abklärung der möglichen Folgen eines Felssturzes beigezogen. Ausserdem wurden vorsorglich alle notwendigen Massnahmen getroffen, um für den Fall des Felssturzes gewappnet zu sein. In der Zeit der Schneeschmelze rechnet man mit einer erhöhten Felssturzgefahr.

Die bisherigen Untersuchungen gestatten eine ziemlich genaue Umgrenzung des durch einen allfälligen Felssturz gefährdeten Gebietes. Dieses liegt ausserhalb der Dörfer Weesen und Amden. Was die Auswirkungen einer durch den Felssturz ausgelösten Flutwelle im Walensee anbetrifft, so ist nach den Ergebnissen der durch die Versuchsanstalt für Wasserbau, Hydrologie und Glaziologie an der ETH Zürich durchgeführten Untersuchungen lediglich das Gebiet Fly, östlich von Weesen, in einem gewissen Umfange gefährdet. Die Dörfer am Walensee befinden sich nicht im Einflussbereich des Felssturzes. Die Strasse von Weesen nach Amden könnte zwar durch abstürzende Felsmassen unterbrochen werden. Sie würde aber bei einer akuten Gefährdung rechtzeitig polizeilich gesperrt. Es ist auch für die Versorgung der Bevölkerung und für Zugangsmöglichkeiten nach Amden gesorgt.

der Bericht in e-newspaperarchives

Neue Zürcher Zeitung, Nummer 61, 6. Februar 1974 Ausgabe 02

Sprengbeschluss für Amden. Amden, 5. Febr. (sda) Die absturzgefährdeten Felsmassen im Bergsturzgebiet bei Amden werden abgesprengt; die Sprengarbeiten werden gute Witterungsbedingungen vorausgesetzt in den nächsten Tagen ausgeführt. Dies hat der Regierungsrat des Kantons St. Gallen auf Vorschlag der zuständigen Fachleute beschlossen.

Der Regierungsrat ist sich bewusst, dass diese Sprengungen gewisse Risiken mit sich bringen: an den Anlagen des Steinbruchs Koppel, die bereits durch den Felssturz vom 21. Januar beschädigt wurden, könnte weiterer Schaden entstehen, und ausserdem könnte auch der Wald unterhalb des Felssturzgebietes in Mitleidenschaft gezogen werden.

Der im schlimmsten Fall mögliche Schaden wurde jedoch auf höchstens 450 000 Franken geschätzt. Zudem sind die Fachleute der übereinstimmenden Ansicht, dass die Felsmassen ohnehin abstürzen werden; die Schäden bei einem natürlichen Absturz wären sogar grösser als jene nach einer Sprengung, da bei einer solchen die Fallrichtung der Felsmassen in beschränktem Umfang beeinflusst werden kann.

der Bericht in e-newspaperarchives

Neue Zürcher Zeitung, Nummer 104, 4. März 1973

Bergsturzgefahr am Walensee. Vorsichtsmassnahmen und Pikettdienst. Amden, 2. März, (sda) Vom Gemeinderat Amden in Auftrag gegebene geologische Untersuchungen zeigen, dass im Gebiete zwischen Weesen und Amden eine gewisse Bergsturzgefahr nicht auszuschliessen ist, für die Gemeinde Amden aber keinerlei Gefahr besteht Unter dem Vorsitz von Regierungsrat Dr. Willi Geiger, Bauchef des Kantons St. Gallen, und im Beisein der Regierungsräte K. Rhyner, Baudirektor des Kantons Glarus, und F. Schlegel, Polizeichef des Kantons St. Gallen, hat am Donnerstag in Weesen eine Konferenz aller interessierten Amtsstellen und Gemeinden stattgefunden.

Dabei wurde festgestellt, dass sich die Situation in der letzten Zeit beruhigt hat. Da sich nach Aussage des geologischen Experten die Bergsturzgefahr bei Schneeschmelze aber wieder erhöhen könnte, sind Vorsichtsmassnahmen festgelegt worden. Ein Pikettdienst wird gewährleistet. Die Versuchsanstalt für Wasserbau an der ETH Zürich hat zudem den Auftrag, durch Modellversuche abzuklären, welche Wirkungen ein Felssturz in den Walensee haben könnte.

der Bericht in e-newspaperarchives

Neue Zürcher Zeitung, Nummer 34, 22. Januar 1974

Erster Felssturz bei Amden. 70 000 Kubikmeter abgerutscht – eine gleiche Menge absturzgefährdet.

Zwanzigminütiger Steinhagel. Weesen, 21. Jan. (sda). Im Bergsturzgebiet von Weesen/Amden ist in der Nacht zum Montag ein ganzer Felskopf unter lautem Krachen zu Tale gestürzt. Schätzungsweise dürften 50 000 bis 70 000 Kubikmeter Gestein niedergangen sein.

Der Hauptabbruch erfolgte um 3 Uhr 30 und dauerte fast 20 Minuten. In den vorangehenden Stunden hatten die Steinschläge mehr und mehr zugenommen. Beim abgestürzten Gestein handelt es sich örtlich um diejenige Felswand und mengenmässig um das Gestein, welches der Kanton ohnehin im Frühjahr absprengen wollte.

Die Bevölkerung von Weesen hatte eine unruhige Nacht. Die Bewohner wurden immer wieder durch bedrohliches Grollen und Gepolter aufgeschreckt. Während des Hauptabsturzes war ein grosser Teil der Bevölkerung im Freien, doch herrschte keine Panik. Das Gestein fuhr «ziemlich programmgemäss», so wie es sich die Geologen erhofft hatten, zu Tal.

Ein Augenschein am Montag morgen ergab, dass der Weesener Dorfteil Fly vor allem durch Querschläger bedroht ist. Unmittelbar ausserhalb der Sperre hat ein Felsstück eine Bresche in den Wald geschlagen; eine grosse Tanne liegt quer über der Strasse nach Betlis.

Durch den nächtlichen Abbruch wurden jedoch mit Sicherheit keine Wohnhäuser in Mitleidenschaft gezogen. Die Bewohner eines einzelstehenden Hauses in der Gefahrenzone wurden evakuiert. Die Strasse nach Betlis ist von Felsblöcken übersät. Der grösste Teil der Abbruchmasse stürzte in einen darunterliegenden Steinbruch, der als eigentliches Auffangbecken wirkte. Nur vereinzelte Felsbrocken fielen in den Walensee.

An einer Pressekonferenz in Weesen haben am Montag mittag Vertreter des Krisenstabes und der St. Galier Regierung zu den Felsabbrüchen im Bergsturzgebiet Weesen—Amden Stellung genommen. Kurt Held, Ingenieur im Kantonalen Baudepartement, der das Gebiet am Morgen überflogen hatte, erklärte, dass nach dem starken Rutsch bis am Montag morgen rund 60 000 bis 70 000 Kubikmeter Gestein abgestürzt sei.

Ein grosser Teil der Felspartie sei immer noch in Bewegung. Ohne dass Messungen gemacht werden konnten, schätzen die Experten, dass noch 50 000 bis 70 000 Kubikmeter Fels absturzgefährdet sei. Das ganze östliche Felssturzgebiet stürzte ab. Die Strasse nach Amden und die Strasse nach Betlis wurden teilweise von den Gesteinsmassen verschüttet.

Der Gemeindeammann von Amden erläuterte die Probleme der Dorfgemeinschaft, die nun von der Aussenwelt völlig isoliert und auf Helikoptertransporte angewiesen ist. Die Arbeitnehmer und die Landwirtschaft seien vor allem in Mitleidenschaft gezogen worden. Auch die Lebensmittel- und medizinische Versorgung stelle Probleme.

Gegenwärtig prüft die St. Galler Regierung eine sichere Verbindung nach Amden, indem eventuell aus dem Raum Weesen eine Luftseilbahn nach Amden erstellt werden soll. Auch werde eine sichere Strassenverbindung nach Amden geprüft. Die Armee habe sich bereiterklärt, für die Räumung der verschütteten Strasse Soldaten zur Verfügung zu stellen. Im jetzigen, noch gefährlichen Moment könne jedoch nicht an eine solche Räumung gedacht werden.

Landammann Willi Geiger erklärte, die Armee habe am Montag in Filzbach (gegenüber Amden) Flabscheinwerfer aufgestellt, um das Abbruchgelände nachts beleuchten zu können. Für den Tourismus und für das Gewerbe soll in Amden, das durch die Elementarereignisse Einbussen erleidet, eine Lösung gefunden werden. Die Notstrasse aus dem Toggenburg gewährleistet keine sichere Verbindung, um so mehr, als sie jetzt durch Schnee verschüttet ist. Die Armee habe zugesichert, geländegängige Fahrzeuge zur Verfügung zu stellen. Die St. Galler Regierung erwartet vom Bund Unterstützung.

der Bericht in e-newspaperarchives

Neue Zürcher Zeitung, Nummer 187, 15. August 1979

Schwallwellen. In den Jahren 1972 bis 1974 bedrohte ein Felssturz in der Nähe von Amden den Walensee und seine Ufergebiete. Aus früheren Jahren sind Felsabbrüche bekannt, die durch die Schwallwellenerzeugung in Seen zu schwerwiegenden Zerstörungen führten und in einem Fall sogar ein Menschenleben forderten (Alpnachersee 1931, Quinten 1946, Bürgenstock 1964).

Felsstürze melden sich durch verschiedene Zeichen an. Bei rechtzeitiger Erkennung kann der Zeitpunkt des Eintretens mittels Verschiebungsmessungen mehrere Stunden bis Tage im voraus abgeschätzt werden. Ein Mangel besteht jedoch an Grundlagen, welche eine zuverlässige Voraussage der Grösse und des Verhaltens felssturzbedingter Schwallwellen in Seen ermöglichen.

In einer experimentellen Forschungsarbeit der Versuchsanstalt für Wasserbau, Hydrologie und Glaziologie an der ETH Zürich werden derartige, der Praxis zugängliche Grundlagen gewonnen. Aus dem reichhaltigen Problemkreis sei hier kurz die Frage nach dem Einfluss der Felssturzgeschwindigkeit auf die Schwallwellenhöhe herausgegriffen: Nach dem Energiesatz ist die Bewegungsenergie proportional dem Quadrat der Geschwindigkeit einer Masse. Die Wellentheorie besagt, dass die Wellenhöhe in quadratischer Beziehung zur Wellenenergie steht. Wird ein fester Anteil der Bewegungsenergie des Sturzes in Wellenenergie umgewandelt – der Rest geht in Turbulenz und Reibungsverluste über -, so müsste die Wellenhöhe linear von der Eintauchgeschwindigkeit des Sturzes abhängig sein.

Die Versuche zeitigten ein von diesen Idealvorstellungen abweichendes Ergebnis. Bei mehrfach grösseren Eintauchgeschwindigkeiten nahm die Wellenhöhe nur unwesentlich zu. Die Erklärung findet sich im speziellen Verhalten der Sturzmassen: Mit zunehmender Weglänge und Geschwindigkeit flacht der Sturz ab und verformt sich von einer geballten Masse zu einer ausgedehnten Gesteinslawine. Die Geschwindigkeit der Sturzfront nimmt wohl zu, der zeitliche Durchgang der Masse infolge der Abflachung jedoch ab. Das Produkt aus Masse und Geschwindigkeit, der Impuls, vergrössert sich demzufolge nicht in gleichem Masse wie die Geschwindigkeit.

Die Heftigkeit der erzeugten Welle hängt eng mit dem Impulsaustausch Gesteinsmassen – Wassermassen zusammen. Grössere Sturzgeschwindigkeiten führen, wie aus dem oben Gesagten hervorgeht, nur zu unbedeutend grösseren Wellen. Auf Grund dieses Sachverhaltes war das grosse Gefälle von über 500 m des Felssturzes bei Amden nicht ein entscheidender Faktor bei der Beurteilung der Schwallwellengefahr. Massgebend ist nach den Versuchsergebnissen die Sturzmasse. Sie wurde im Falle Amden für den ungünstigsten Fall auf 0,5. Mio. m3 Gestein geschätzt. Andreas Huber. Aus: ETH-Bulletin, Juli 1979

der Bericht in e-newspaperarchives

Letzte Bearbeitung: 17.12.2025, markus weidmann

Videos zum Thema

Alle 7 anzeigen →

Literatur zum Thema

Weitere Ereignisse dieser Art

  • Abbildung zu «Felssturz am grossen Tschingelhorn, 2024»

    Felssturz 2024 · am grossen Tschingelhorn · GL

    2024 Tschingelhörner GL

    Auf dieser Seite Wie verlief der Felssturz? Welches Volumen hatte der Felssturz? War das Martinsloch betroffen? Warum weiss man so genau, wann…

  • Abbildung zu «Felssturz am Piz Dolf/Trinserhorn, 2022»

    Felssturz 2022 · Piz Dolf/Trinserhorn (GR/SG) · GR

    2022 Piz Dolf GR_SG

    Auf dieser Seite Welche Rolle spielten die lokalen Gesteine beim Felssturz? Welche Auswirkungen hatte der Felssturz? Wie gross war das Ausbruchsvolumen? Welche…

  • Felssturz 2018 · Seerenwald, oberhalb dem ehemaligen Steinbruch Schnür · SG

    2018 Seerenwald SG

    Am Samstag, 19. Mai 2018 kam es am Walensee um ca. 00:30 Uhr in der Südwand über dem ehemaligen Steinbruch Schnür zu…

Alle 71 anzeigen →