Am Abend des 4. Mai 1868 ging “ungefähr eine Stunde oberhalb von Untervaz” eine Rutschung ins Val Cosenz nieder. Auslöser: Schneeschmelze. Als der aufgestaute Bach den Staudamm der Rutschung durchbrach, hatte dies verheerende Folgen für Untervaz.
Naturchronik 1868
“Die Gemeinde Untervaz war am 9. Mai den Verwüstungen durch ihren Dorfbach ausgesetzt, die fast wie ein Vorspiel der traurigen Herbstereignisse klingen. Mitten in der Nacht war ungefähr 1 1/2 Stunde oberhalb des Dorfes im Tobel ein gewaltiger Erdrutsch losgebrochen, dessen Material aus erratischen Geschiebsmassen und Thonschichten bestand.
Wie nun weiter berichtet wurde, «stürzte die Erdmasse mit gewaltigen Tannen und Buchen über eine hohe Felswand in die tiefe und enge Schlucht hinunter und staute den angeschwollenen Bach auf, bis der Druck des Wassers eine ungeheure Masse mit sich fortriss. Nach Mitternacht kam das schlammige Ungeheuer, nachdem es die starken Krümmungen des Tobels zurückgelegt, zuoberst im Dorfe an. Das Bachbett, das eine Tiefe von 20 bis 30 Fuss hat, wurde nicht nur ganz ausgefüllt, sondern von grossen Waldbäumen, die sammt Wurzeln und Zweigen mit fortgerissen wurden, weit überragt.
Die Wasserleitung des Dorfes, die Aussenwerke mehrerer Mühlen und 6 Dorfbrücken wurden von der Elementarkraft zerstört. Die grössten erratischen Blöcke rollten unter donnerndem Getöse mit fort. Bald war die untere Hälfte des Dorfes tief in Schlamm und Wasser; Hausfluren, Stuben, Ställe, alles voll. Einzelne Personen konnten mit Mühe aus dem Schlamm gerettet werden, andere retteten sich durch das Kamin und über die Dächer weg. Bei allem Unglück und Schaden ging doch kein Menschenleben verloren. Ein grosser Theil der Felder gerieth tief unter Schlamm und Wasser.“
Quelle
Naturchronik 1868. Jahresbericht der Naturforschenden Gesellschaft Graubünden. Band 15 (1869-1870)
Medienberichte zum Ereignis
Nidwaldner Volksblatt, Band 2, Nummer 20, 16. Mai 1868
Graubünden. Untervaz. (Korresp.) Dienstag, den 5. Mai löste sich in der engen Bergschlucht ob dem Dorfe Untervaz durch eine Berglawine ein Erdrutsch und schwellte und stopfte den durch gewaltiges Schneewasser angeschwollenen Bergstrom. Ungefähr 3 Uhr Uhr morgens den 5. Mai brach das Wasser die Masse des Lawinen-Schnees und Erdrutsches durch, und führte mit gewaltigem Getöse Schutt, Waldbäume und Steine wie Oefen dem armen Dorfe Untervaz zu. Die Brücken und Wasserleitungen wurden sogleich weggeschwemmt. Das wilde, Alles mit sich fortreissende Wasser, übertrat mit seinem Geschiebe das Strombett — drang in Häuser und Ställe — füllte Keller und Erdgeschosse; — das Vieh schwamm in den Ställen, oder steckte so im Schlamme, dass es mit Stricken und Seilern halbtodt herausgezogen werden musste.
Todesangst ergriff die aus dem Schlafe aufwachenden Leute, welche ihre Wohnungen mit Wasser und Schutt umringt sahen. Hülferuf ertönte durch die Sturmglocken; — Hülferuf von Menschen und Kindern; — Hülferuf von dem durch Noth bedrängten Vieh, welchem das noch nicht in Gefahr stehende Vieh mit schauerlichem Gebrüll antwortete, gleich als wollten sie einander Mitleid und Theilnahme bezeugen.
Allein das Brüllen des wüthenden Wassers — das Rollen und Toben der Steine — das Krachen der Hölzer, Balken und ganzer Waldbäume schien Alles überschreien und verheeren zu wollen. Das wilde Element schritt unaufhaltsam vorwärts — machte sich allenthalben freie Bahn — verlies unterhalb dem Dorfe ganz sein gewöhnliches Bett und überschwemmte so auf traurige Weise die schon angepflanzten Aecker und mit Blumen besäten Wiesen. — Ein achzigjähriger Greis wurde durch das schlammige Wasser einige hundert Schritte fortgeschleppt, und mit Steinen und Holz so gequetscht, dass er besinnungslos aus dem Wasser gezogen wurde, und zwar nur vermittelst opferwilliger, grossmüthiger Hülfe.
Einen wehmüthigen Anblick gewährte diese Trauerszene überall. Die mit Gefahr bedrohten Häuser wurden geplündert; — die weinenden Kleinen unter den Schatten der Bäume auf den Rasen hingesetzt; — Männer und Mütter — Söhne und Töchter — Knaben und Mädchen — vom ersten Vorsteher an bis zum letzten Bürger, Alles beschäftigte sich der drängenden Noth entgegen zu steuern und gegen das hartnäckige Element des wüthend verheerenden Stromes zu kämpfen.
Fünf bis sechs Mal des Tages schreckte die Sturmglocke die bedrängten Einwohner und rief die Nachbaren zur schleunigen Hülfe. Die meisten der Einwohner arbeiteten opferwillig und uneigenützig 2 volle Tage und 2 volle Nächte und noch länger, ohne die Kleider zu wechseln und — ohne zu schlafen und auch bereits ohne an das Essen zu denken — bis zur gänzlichen Erschöpfung.
Erst nach 3 Tagen konnte man wieder etwas ruhiger schlafen. Der Schaden ist gross, aber noch nicht berechnet. Sollte noch ein zweiter Erdrutsch losbrechen, wie man allgemein befürchtet, so wäre das ganze Dorf in Gefahr überschüttet zu werden. Doch der allgütige Gott, der unerschöpflich ist in seinen Erbarmungen, möge ferneres Unglück abwenden und möge wohlthätige Herzen erwecken, welche den armen bedrängten Bewohnern in Untervaz hülfreiche Hand biethen.
Zürcher Oberländer, Nummer 39, 13. Mai 1868
Die Schneeschmelze hat auch für die Gemeinde Untervatz Schrecken, Gefahr und Schaden gebracht Am vorletzten Montag Abend entstand ungefähr eine Stunde oberhalb der Gemeinde am Calanda ein grosser Erdschlipf, der in das Tobel rutschte, dessen Bach hinab zum Dorf und mitten durch dasselbe fliesst. Durch den Erdschlipf, welcher Stauchung veranlasste, schwoll der Bach zu einem reissenden Flusse an. Wie ein Lavastrom wälzte sich gegen Morgen um 3 Uhr die flüssige Masse durch das Tobel hinab und riss mit heftigem Krachen Brücken mit sich fort.
Man läutete Sturm, und es herrschte grosse Gefahr für das Unterdorf. Die Höfe waren voll Wasser. Aus einzelnen Ställen mussten die oberen Dielen entfernt werden, um das Vieh zu retten. Von den Brücken steht nur noch eine; grosse Buchen, die der Schuttstrom entwurzelt und fortgetragen hatte, liegen unterhalb im Dorfe. Manche Güter, die eben angepflanzt waren, sind mit Schutt bedeckt. Der Schaden ist von Bedeutung.
Letzte Bearbeitung: 18.12.2025, markus weidmann


