Das Rutschgebiet ist rund eineinhalb Kilometer lang und etwa fünfhundert Meter breit.

Auf dieser Seite
- Welche Vorgeschichte hat das Rutschgebiet?
- Wie kam es, dass sich die Bergsturzablagerungen in eine Rutschung verwandelten?
- Wie rasch bewegt sich die Rutschmasse?
- Der Schiefe Turm von St. Moritz
Welche Vorgeschichte hat das Rutschgebiet?
Nach dem Rückzug der eiszeitlichen Gletscher löste sich nordwestlich von St. Moritz zwischen Sass Runzöl und Sass da Muottas auf einer Höhe von 2‘400 Metern über Meer ein Bergsturz. Ein grosser Teil des Gesteins stürzte nicht bis in die 600 Meter tiefer gelegene Talebene, sondern blieb am Berghang im Gebiet Gianda Laret und God sur Chaunt Blais liegen.
Wie kam es, dass sich die Bergsturzablagerungen in eine Rutschung verwandelten?
Während Jahrhunderten, Jahrtausenden drang Wasser von Regen, Bächen und Schneeschmelze in diese Bergsturzablagerungen ein. Dies führte dazu, dass Ablagerungen ihren Halt verloren und sich als allmählich zu Tal kriechenden Gesteinsstrom in Bewegung setzten. Da Wasser auch heute noch grossflächig in den Gesteinsstrom eindringt (was sich mit baulichen Massnahmen nicht verhindern lässt), kriecht der Strom noch heute talwärts – und zwar örtlich und zeitlich unterschiedlich rasch.
Wie rasch bewegt sich die Rutschmasse?
In den achtziger Jahren wurden im Hang an der Terrainoberfläche Bewegungen von ein bis zehn Zentimetern pro Jahr gemessen, wobei die grösseren Bewegungen im nördlich/nordöstlichen Teil des Brattashanges, die kleineren im Bereich der Stauchzone bei der Via Maistra festgestellt wurden. Generell sind die Bewegungen des Rutschhanges im oberen Bereich gross, gegen unten werden sie kleiner, und an der Via Maistra laufen sie aus.
Der Schiefe Turm von St. Moritz
Prominentestes „Opfer“ der Brattas-Rutschung ist der „Schiefe Turm von St. Moritz“ – ein Überrest der 1893 abgerissenen St-Mauritius-Kirche im Ortsteil St. Moritz-Dorf. Er hat gemäss der Gemeinde St. Moritz einen Neigungswinkel von 5,5° (Stand 2021). Er zählt zu den weltweit am stärksten geneigten Türmen. Nur durch aufwendige und wiederholte Sicherungsmassnahmen konnte verhindert werden, dass er umkippt.
Die Geschichte des Turms in Stichworten:
- Die 1139 erstmals urkundlich erwähnte Mauritiuskirche in St. Moritz ist eine der drei Hauptkirchen im Oberengadin.
- Mitte des 18. Jahrhunderts stellte man fest, dass ein Hangrutsch an der Kirche zu Schäden führte.
- 1769 wurde die Kirche renoviert.
- 1797 ereignete sich ein Erdbeben. In der Folge wurde von einer «Verschiebung» des Kirchturms berichtet.
- Der Bergdruck auf den Turm nahm stetig zu.
- Im 19. Jahrhundert war die Mauritiuskirche baufällig. Man trug sie schrittweise ab.
- 1856 wurde der Chor abgerissen.
- 1890 wurden zur Stabilisierung des deutlich geneigten Kirchturms die Glocken entfernt.
- 1893 wurde auch das Kirchenschiff abgetragen.
- 1897 erreichte der Architekt Nicolaus Hartmann, dass sich die Bevölkerung von St. Moritz für den Erhalt des Turmes aussprach. So wurden Pläne zum Abriss des Turms verworfen.
- Seit 1908 wird der Turm durch regelmässige Neigungs- und Verschiebungsmessungen überwacht; seit 1976 unter Federführung der ETH Zürich.
- 1928 wurde eine erste Sanierung durchgeführt, um zu verhindern, dass der Turm einstürzt. Zu dieser Zeit hatte der Turm eine Neigung von 7.6°.
- 1967 fand eine zweite Sanierung des Turms statt.
- 1983 fand eine dritte Sanierung statt. Dabei wurde der Turm auf ein neues Fundament aus Stahlbeton gestellt.
- 2005 wurde der Turm durch zusätzliche Betonscheiben angehoben.
- 2013 wurde eine weitere Korrektur des Fundaments notwendig. Dabei wurde der Turm um 10 cm aufgerichtet.

Quellen
- Daniel Tschudi, Richard Angst: Rutschhang Brattas, St. Moritz. Diplomvermessungskurs Samedan 1998. IGP-Bericht Nr. 283, Februar 1999 download
- Wikipedia: Der Schiefe Turm von St. Moritz
Literatur
- Wullimann, Rudolf / Schlüchter, Christian: Geländebewegungen: ein häufiges Problem in der Geotechnik. Talflanken des bündnerischen Lugnez. Schweizer Ingenieur und Architekt 19/85.
- Albert Heim: Bergsturz und Menschenleben. Beiblatt zur Vierteljahrsschrift der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich. 1932 No. 20. Jahrg. 77. download
- Alexander Puzrin: Forschungsarbeiten und angewandte Forschung über die Kinematik von Kriechhängen. 1 Brattas Kriechhang. MITTEILUNGEN der Schweizerischen Gesellschaft für Boden- und Felsmechanik. Herbsttagung, 7. November 2008. download
- Peter Staub: Hangrutschungsmessungen im Gebiet Gianda Lartet-Brattas, Gemeinde St. Moritz.
Institut für Geodäsie und Photogrammetrie, 2006 download
- Ch. Schlüchter: lnstabilities in the area of St. Moritz, Switzerland – Geology, chronology, geotechnology. In: MITTEILUNGEN der Schweizerischen Gesellschaft für Boden- und Felsmechanik, 1989. download
- Eduardo Alonso: A Constrained Creeping Landslide: Brattas-St. Moritz Landslide, Switzerland. Geomechanics of Failures. Advanced Topics.
Literatur zum schiefen Turm
- Wullimann, Rudolf / Schneller, Fredi: Der schiefe Turm von St. Moritz. Schweizer Ingenieur und Architekt, Band: 107 (1989), Heft: 35. download
- Haefeli, R.: Der schiefe Turm von St. Moritz im Vergleich zum schiefen Turm von Pisa. Schweizerische Bauzeitung, Band: 92 (1974), Heft: 16. download
- Reto Stifel: Damit das St. Moritzer Wahrzeichen erhalten bleibt. Berichterstattung zur fünften Sicherung des Turms vor Einsturz. Engadiner Post, 5. November 2013.
- Zehn Zentimeter weniger schief. Erfolgreiche Sanierung des St. Moritzer Kirchturms. Engadiner Post, 5. November 2013. download
- R.M.: Die Erhaltung des Turmes in St. Moritz. Schweizerische Bauzeitung, Band: 97/98, 1931, Heft 3. download
- mageba group: Leaning Tower of St. Moritz (Switzerland).2024. download
- Alexander M. Puzrin: The Leaning Tower of St. Moritz. In book: Case Studies on Failure Investigations in Structural and Geotechnical Engineering (pp.197-209). download
Links
The Leaning Tower of St. Moritz: a structure on a creeping landslide
Letzte Bearbeitung: 18.12.2025, markus weidmann