Seit der frühesten Besiedlung des Appenzellerlandes ist der Stoss ein wichtiger Übergang zwischen dem Hügelland von Gais und der 500 m tiefer gelegenen Ebene des Bodensee-Rheintals bei Altstätten. Die breite Passmulde endet östlich vom Stoss über dem steilen Abfall des Widenbachtobels. Hier verlassen Strasse und Bahn die Talachse und nehmen ihren Abstieg an den Hängen des Sommersbergs.
Der Widenbach hat sich in einer gefällsreichen Waldschlucht tief eingeschnitten. Einst mündete er über einen Schuttfächer in den Sümpfen des Isenriets in der Rheintalsohle.

Rutschung Widenbachtobel; Kartenskizze. Die Talkerbe, die der Widenbach erschaffen hat, ist auf fast 2 km Länge von einem ansehnlichen Schuttstrom erfüllt. Quelle: Krayss, Edgar: Rutschungen im st. gallisch-appenzellischen Molassegebiet (Widenbach, Goldach, Sitter).

Rutschung Widenbachtobel; Längenprofil, zweifach überhöht. Quelle: Krayss, Edgar: Rutschungen im st. gallisch-appenzellischen Molassegebiet (Widenbach, Goldach, Sitter).
Auf dieser Seite
- Fels-, Schutt- und Stromrutschungen
- Der Schlipf Schwantelen
- Die Ausbruchsnische der Felsrutschung Schlittertobel
- Die Stromrutschung in der Sohle des Widenbachtobels
Fels-, Schutt- und Stromrutschungen
Im Widenbachtobel gibt es Massenbewegungen. Diese lassen sich in unterschiedliche Vorgänge und Aktivität unterteilen:
1. Fels- und Schuttrutschungen im Südhang des Widentobels bei Schwantelen und Hau,
2. Ausbruchsnische der Felsrutschung Schlittertobel am Nordhang des obersten Widenbachtobels südwestlich Stoss,
3. Stromrutschung in der Schluchtsohle des Widenbachs vom Schlittertobel bis Zetterrüti.
> Der Schlipf Schwantelen
Der Schlipf Schwantelen ist eine der aktiven Rutschungen im Südhang des Widentobels.
- Die Rutschung setzte in den 60er Jahren ein.
- Sie erfasst eine Waldfläche von über 2 ha.
- Im Herbst 1984 war der Bereich, aus welchem sich die Rutschung löste, eine rund 20 m tiefe und über 100 m breite Mulde.
- Der Schutt der Rutschung sammelt sich im Muldenboden. Er wird dem rund 50 m tiefer liegenden Widenbach zugeführt.
Im Juni 1982 kam es im Raum Schwantelen zu einer Rutschung. Nach einer Periode mit Langregen und anschliessendem Starkregen brach auf ungefähr 700 m ü.M. eine Felspartie zusammen. Ein Schuttvolumen von rund 30’000 m3 setzte sich murgangähnlich in Bewegung. Der Widenbach wurde nordwärts durch einen Schuttkegel aus seinem Bett verdrängt. Der Raum hinter den Betonsperren wurde bis zum Überlaufen hinterfüllt.
> Die Ausbruchsnische der Felsrutschung Schlittertobel
Nach intensiven Geländebewegungen ereignete sich im Schlittertobel am 10. September 1930 ein grossräumiger Felsrutsch. Dieser riss die Staatsstrasse auf 140 m Länge in die Tiefe. Die Strasse musste nördlich der Bahnlinie neu angelegt werden. Die Abrissränder der Rutschnische verhielten sich während einem Dutzend Jahre einigermassen stabil.
Im April und November 1944 kam es in der Mulde zu neuen Abbrüchen. Mit dem Bau eines Entwässerungsstollens unter dem Anrissgebiet versuchte man, den Hang oberhalb der Nische stabil zu erhalten. Indessen erinnern immer wieder auftretende kleinere Anrisse und Bewegungen an die latente Gefahr für Heimwesen, Strasse und Bahn.
> Die Stromrutschung in der Sohle des Widenbachtobels
Diese ist heute unter einer dichten Vegetationsdecke verborgen. Als schiefe Ebene zieht sie sich mit einer Breite von rund 100 m vom Schlittertobel bis Schwantelen, verengt sich bei Zetterrüti auf gegen 50 m und endet schliesslich zungenartig 500 m oberhalb des Talausgangs von Fuchsnest.
Flankiert wird der Schuttstrom südseitig auf seiner ganzen Länge von 1,8 km vom Widenbach Dieser hat sich hart am Fusse des Südhangs in einer bis zu 10 m tiefen Randschlucht eingeschnitten. Besonders bei Hochwasser ist die Erosion des Widenbachs in den Lockermassen beträchtlich. Dort, wo der Schuttstrom in der Talsohle zum Stillstand kommt, ist die Entwässerung völlig verwildert.
Dass auch die Bewegungen der Stromrutschung komplexer Natur sind, zeigen die Resultate von Messungen, die in den Jahren 1947 bis 1953 von der st.gallischen Rheinbau-Leitung vorgenommen wurden. Demnach betrug die grösste Bewegung während dieser 7 Jahre im obersten Profil 1 42 m, steigerte sich auf einen Maximalwert von 57 m, um schliesslich im Abschnitt von Schwantelen bis zum Zungenende auf die bescheidenen Werte von 2-5 m abzufallen.
Während zwei Unwetterkatastrophen (20. Aug. 1936 und 24. Juni 1937) breitete sich beide Male ein Murgang bis ins Rheintal hinab aus. Die Murgänge wurden durch extreme Niederschläge ausgelöst (24. Juni: 62 mm/h Starkregen)
Unter dem Eindruck der Verwüstungen wurde 1938 mit der Verbauung des Widenbachs begonnen.

Fig. 4: Die verschiedenen Massenbewegungen im Widenbachtobel kann man sich als „geomorphologische Maschine“ vorstellen.
- Betriebsmittel ist das Wasser, als Energie dienen Schwerkraft und Sonnenwärme.
- In den Erosionszonen der Hänge wird Felsgestein durch Verwitterung abgebaut und in den Rutschmulden zum Transport aufbereitet.
- Der Schuttstrom in der Talsohle spielt die Rolle des Transportbandes, aber auch diejenige eines Speichers. Die Beschickung des Transportbandes erfolgt eher schubweise durch Hangrutschungen und Murgänge. Die Entlastung geschieht kontinuierlich durch Bacherosion und Geschiebetrieb.
Da die Erosionsbasis des Widenbachs in der Rheinebene liegt, entlastet sich die Maschine von ihrem Produkt bereits auf dem Schuttfächer vor dem Talausgang, den aufzubauen sie seit einigen tausend Jahren Gelegenheit hatte. Was oben fehlt, bleibt hier unten liegen.
In einer Grobschätzung lässt sich der Umsatz seit der letzten Eiszeit überschlagen: Abtrag aus der Talkerbe 3000 m x 400 m x 50 m = 60 Mio m3. Unter der Annahme eines Schuttfächers in der Ebene östlich Bächis von 2 km2 Fläche entspricht dieses Abtragsvolumen einer mittleren Mächtigkeit der Ablagerungen von 30 m.
Gemäss dieser Rechnung hätte die mittlere Schuttführung des Widenbachs seit der letzten Eiszeit 60 Mio m3 (15’000 Jahre x 4000 m3/Jahr) betragen müssen. Verglichen mit gemessenen Werten von 3000-4000 m3/Jahr Bachschutt, der hinter Sperren und in Kiesfängen abgelagert wurde, stimmt unsere Schätzung gar nicht so schlecht.
Das Volumen des im Schuttstrom gespeicherten Lockermaterials kann auf 1800 m x 67 m x 10 m = 1,2 Mio m3 geschätzt werden. Dadurch ergibt sich eine Umschlagszeit von 1,2 Mio m3 (4000 m3/Jahr 300 Jahre).
Unser Widenbach-Modell steht in Analogie zum System eines Gletschers, wo der Input vorwiegend im Firnfeld durch Schneefall und der Output im Zungenbereich durch Abschmelzen erfolgt. Als Speicher dient dort der Eiskörper mit seiner grössten Kapazität im Gebiet der Firnlinie.
- Den Schwierigkeiten mit dem unerwünschten Output am Talausgang begegnet man heute damit, dass man mittels Baggern und Lastwagen das Transportband über den Schuttfächer hinaus verlängert.
- Durch eine Sperrentreppe hofft man, den Speicher lagemässig fixieren und gegen allzu rasche Entlastungen sichern zu können.
- Die Belastungen hingegen werden aber auf die Dauer grössere Sorgen bereiten, denn dem Input, der Hangerosion, ist schwieriger beizukommen. Da die geomorphologische Maschine vom Gestein und vom Klima her auf wesentlich flachere Talhänge angelegt ist, als sie am Widenbach heute anstehen, wird sie wohl noch einige Menschenalter im Gange bleiben.
Quelle
Krayss, Edgar: Rutschungen im st. gallisch-appenzellischen Molassegebiet (Widenbach, Goldach, Sitter). Berichte der St. Gallischen Naturwissenschaftlichen Gesellschaft Herausgeber: St. Gallische Naturwissenschaftliche Gesellschaft, Band 82, 1985 download
Letzte Bearbeitung: 18.12.2025, markus weidmann