Unwetter 1868 · in den Kantonen Graubünden und St. Gallen (sowie in andern Kantonen) · GL/GR/SG

Unwetter in den Kantonen St. Gallen und Graubünden, September 1868

Das Hochwasser gesellte sich (…) einen furchtbaren Bundesgenossen zu — den Berg- oder Erdschlipf. Die Wassermassen raubten ganzen Erdmassen ihren Halt und diese stürzten in die Thäler, in ihrem Sturze alles im Schutt begrabend, was ihnen

Das Hochwasser gesellte sich (…) einen furchtbaren Bundesgenossen zu — den Berg- oder Erdschlipf. Die Wassermassen raubten ganzen Erdmassen ihren Halt und diese stürzten in die Thäler, in ihrem Sturze alles im Schutt begrabend, was ihnen im Wege lag.

Der Bund, Band 19, Nummer 274, 4. Oktober 1868

Das ist (…) ein reissender, trüber Strom, (…) und wo er durchgeht, nimmt er die Feldfrüchte und das Ackerland bis auf die Torflage hinab mit sich.

Neue Zürcher Zeitung, Nummer 278, 7. Oktober 1868

Ereignisse dieser Art entgehen aller menschlichen Weisheit und Voraussicht.

Berichte der Expertenkommissionen über die Ursachen und den Betrag des durch die Ueberschwemmungen im Jahr 1868 in den Kantonen Uri St. Gallen, Graubünden, Tessin und Wallis angerichteten Schadens.

Abbildung zu «Unwetter in den Kantonen St. Gallen und Graubünden, September 1868»

Schadenkarte der Unwetter vom 27. September bis 3. Oktober 1868. Die grösseren Schäden im Hinterrheingebiet sind auf die höheren Abflüsse zurückzuführen. Das Schadenzentrum war der Kanton Tessin. Quelle: Petrascheck, Armin: Die Hochwasser 1868 und 1987: ein Vergleich.

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Das Unwetter in der Chronik der Unwetterschäden in der Schweiz

Gerhard Röthlisberger schreibt in seiner „Chronik der Unwetterschäden in der Schweiz“:

Katastrophale Wasserverheerungen in den Kantonen Tessin, Graubünden, St. Gallen, Uri und Wallis. Ursachen waren heftige Gewitter mit sintflutartigen Regengüssen und durch Föhn einsetzende Schneeschmelze in höheren Lagen. Auf dem San Bernadino wurden in 2 Tagen 467 mm, in 5 Tagen 703 mm und in 8 Tagen gar 1118 mm Niederschlag gemessen.

  • Im ganzen forderten die Hochwasser 50 Menschenleben.
  • 18’183 Personen wurden geschädigt.
  • Die Schadensumme betrug in damaliger Währung über 14 Millionen Franken. Um diesen Schaden im Jahre 1868 auszugleichen, mussten damals alle Schweizer 4.2 Tage arbeiten.

Quelle

Röthlisberger, Gerhard: Chronik der Unwetterschäden in der Schweiz. Berichte der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft, Nr. 330, 1991. download

Literatur

  • Geel, Ernst: Rheinnot vor 100 Jahren. Gedenkschrift Rheinüberschwemmung 1868.
  • Petrascheck, Armin: Die Hochwasser 1868 und 1987: ein Vergleich. Zeitschrift: Wasser Energie Luft, Band (Jahr): 81 (1989) Heft 1-3. download
  • Berichte der Expertenkommissionen über die Ursachen und den Betrag des durch die Ueberschwemmungen im Jahr 1868 in den Kantonen Uri St. Gallen, Graubünden, Tessin und Wallis angerichteten Schadens. Schweizerisches Bundesblatt, XXI. Jahrgang. l. Nr. 12. 27. März 1869. download
  • Die Berichte der Expertencommissionen über die Ursachen und den Betrag des durch die Ueberschwemmungen in Jahr 1868 in den Cantonen Uri, St. Gallen, Graubünden, Tessin und Wallis angerichteten Schadens. 1869. ETH-Bibliothek Zürich. download
  • Die Wasserkatastrophe im Herbst 1868 und ihre Folgen. Bündnerisches Monatsblatt, Nr. 4 bis 6, April bis Juni 1896.
  • GEOGRAPHICA BERNENSIA: 1868 – das Hochwasser, das die Schweiz veränderte. Ursachen, Folgen und Lehren für die Zukunft. Geographisches institut der Universität Bern, 2018 download
  • Stephanie Summermatter: «EiN ZOLL DER SYMPATHiE» – DiE BEWÄLTiGUNG DER ÜBERSCHWEMMUNGEN VON 1868 MiT HiLFE DER EiDGENÖSSISCHEN SPENDENSAMMLUNG. download
  • Landolt: Die Wasserverheerungen in der Schweiz im September und Oktober 1868. Schweizerische Zeitschrift für Forstwesen. Band 20 (1869), Heft 1. download
  • Die Wasserverheerungen in der Schweiz im September und Oktober 1868. Fortsetzung. Schweizerische Zeitschrift für Forstwesen. Band 20 (1869), Heft 2. download
  • Die Wasserverheerungen in der Schweiz im September und Oktober 1868. Schluss. Schweizerische Zeitschrift für Forstwesen. Band 20 (1869), Heft 3. download
  • Das Hochwasser vom 27. September bis zum 4. Oktober 1868 in den Kantonen Graubünden, St. Gallen und Tessin. Bündner Kalender für das Jahr 1870. download

Das Unwetter von 1868 im Kanton St. Gallen

„(…) Wir gehen über zu den Ereignissen, welche sich während der Ueberschwemmung auf der Rheinstrecke von der Tardisbrücke bis zum Bodensee zugetragen haben.

(…) Beim Wuhrstein Nro. 5 hingegen, auf dem linken Ufer, befand sich eine kleine Bucht, mit deren Abschliessung die Ragatzer Wuhrgemeinde trotz ziemlich bedeutender Schwierigkeiten begonnen hatte, in der Absicht, dieselbe während der bevorstehenden Campagne zu vollenden. (…) An dieser Stelle nun ist die erste Bresche entstanden. Es scheint, dass das Rückwasser den Fuss des alten Wuhrs unterspült habe, welches dann, dem Druck von beinahe 6 Metern Wildwasser nachgebend, einstürzte. Eine ungeheure Wassermasse ergoss sich über die zwischen dem Rhein, der Tamina und dem Berg eingeschlossene Ebene, deren überschwemmte Fläche auf 500 – 550 Jucharten geschätzt wurde.

Indem dieses Wasser mit demjenigen der Tamina bei ihrer Einmündung in den Rhein zusammenstiess, staute sich dasselbe oberhalb des Eisenbahndammes an, überflutete den Boden des Bahnhofes und die grosse Strasse auf eine Hohe von 4′ (1.20m) und bedrohte die zunächst dem Bahnhof liegenden Häuser, welche auch wirklich bedeutenden Schaden litten. Diese Zerstörung wurde schon sehr bedenklich, als auch der Zufahrtsdamm sammt der Eisenbahnunterfahrt auf eine Länge von 150 Metern einstürzte. Diese neue Bresche verschaffte dem Wasser um den Bahnhof herum Abfluss. Mit Heftigkeit strömte dasselbe über die Ebene zwischen dem Rhein und der grossen Kantonsstrasse und überschwemmte bis Sargans und Mels eine weitere Fläche von mehr als 4000 Jucharten.

Unterhalb dieses Punktes, stieg die Strömung, verstärkt durch den dort einmündenden Mühlebach, dessen Einlauf Wirbel verursachte, zuerst über den anstossenden Boden und zerstörte sodann circa 150-200 Meter alte Dämme welche zu weit zurück lagen und deren Umbau auch bereits projektirt gewesen war. Der Einsturz dieses Dammstückes scheint dadurch veranlasst worden zu sein, dass das Wasser den nur aus der Flussseite mit Steinbekleidung versehenen Damm von hinten angriff und den aus Kies bestehenden Körper desselben unterwühlte. (…)

Die Eisenbahnbrücke erlitt keinen Schaden; die Bahn hingegen wurde an verschiedenen Stellen, bei Maienfeld, Ragatz und Sargans und weiter unten bis Au an 20 Orten durchbrochen. Das bei Ragaz in die Ebene geflossene Wasser lies in einer Entfernung von mehr als 8 Kilometern durch die Einmündung der Saas bei Trübbach wieder in den Rhein. Da an dieser Stelle das Wasser

mit dem dort einmündenden Trübbach zusammentraf, und überdies die Dämme des Rheins und des genannten Wildbachs im Rücken angriff, so wurden hier die Dämme selbst ziemlich stark beschädigt, obwohl der Hauptkörper derselben stehen blieb.

Von da warf sich die Masse Wasser gegen das rechte Ufer und richtete in dem liechtensteinischen Dorfe Balzers grossen Schaden an. Die Häuser von Trübbach, sowie das Territorium von Wartau haben keinen Schaden gelitten. Bis auf einige geringe Beschädigungen und eine an einem alten Damme entstandene kleine Bresche von 40 – 50 Meter blieb diese ganze Partie so zu sagen unversehrt. Ein weiterer grosser Dammbruch fand auf dem Gebiete von Sevelen bei dem Wuhrsteine

Nro. 32 statt. Auch hier, gerade an derjenigen Stelle, wo die während der letzten Jahre erstellten neuen Dämme aufhörten und in der nächsten Campagne hätten fortgesetzt werden sollen, war es wieder das alte Ufer, das vom Wasser angegriffen und fortgerissen wurde.

Dieser Dammbruch war sehr bedeutend. seine Fluthen erstreckten sich, eine Fläche von nahezu 7000 Jucharten bedeckend, bis an den Berg. Unglücklicherweise wurden verschiedene Dörfer, Burgerau, Salez, Haag, Buchs, Rüfi u. s. w. durch diese Ueberschwemmung heimgesucht.Das Dorf Burgerau ist nahezu ganz zerstört. Ein schlammiges Wasser, welches stellenweise, je nach den Terrainverhältnissen, von starken Strömungen durchfurcht war, bedeckte bis auf 2 Meter Höhe den Boden der Wohnungen. Es befanden sich daselbst noch einige kleinere Breschen, deren Wasser sich aber fast an der gleichen Stelle mit demjenigen des Haupdammbruches vermengten. Leider sind an diesem Orte auch noch 7 Menschenleben zu Grunde gegangen.

Da das Wasser an dieser Stelle ein schwach befestigtes Ufer traf, welches überdies durch die Ausmündung eines Baches (Mühlebach) unterbrochen war, so musste die Wirbelströmung, welche sich bildete, das alte Ufer und die dort befindlichen Hinterdämme unterspülen. Nachdem diese

schwache Schranke einmal durchbrochen war, konnte sich das Wasser in freiem Laufe über die ganze Ebene ausdehnen, aus welcher es dann nur ganz langsam, 18 Kilometer weiter abwärts, bei den Felsen von Bühel unterhalb Rüti, wieder in den Rhein abfloss. Die Spuren, welche das Wasser in Haag, Salez und Sennwald zurückgelassen hat, sind Zeugen der Gewalt, wie der Richtung des Stromes. Viele Bäume sind in den Aesten bis auf 2 Meter Höhe mit angeschwemmten Materialien beladen; das Gras liegt am Boden und Alles ist mit einer dicken Schlammschicht überzogen.

Da der grösste Theil des Thales ziemlich tiefer liegt als das Rheinbett, so ist es begreiflich, dass die Ebene sehr rasch tief unter Wasser gesetzt war, während die für den allmäligen Abfluss in den Rhein vorhandenen Oeffnungen erst nach Verminderung des Zuflusses und nach dem Sinken des Rheins wirksam werden konnten. Hieraus erklärt sich denn auch, dass ganze Dörfer so lange unter Wasser stunden, bis sie fast vollständig zerstört waren.

Eine neue grosse Bresche oder vielmehr zwei Breschen öffneten sich bei Montlingen. Die erste derselben, zwischen den Wuhrsteinen 75 und 76, hätte zwar für sich allein keine grosse Bedeutung gehabt, wenn nicht ihre Wasser sich mit demjenigen der zweiten, gefährlichern Bresche, welche in der Nähe des Dorfes selbst, bei Nro. 78, entstanden war, vereinigt hätten.

Das Dorf Montlingen, bemerkenswert durch den Hügel, welcher dasselbe dominirt, bildet gewissermassen den Anfang der durch die Rheincurve, genannt Hohenemserbucht, begrenzten ungehenern Ebene, welche sich bis an den Berg gegen Marbach, Rebstein, Balgach und Berneck

erstreckt und die zahlreich bevölkerten Dörfer Au, Diepoldsau, Kriesern, Schmitter und Widnau in sich schliesst.

Diese Ebene liegt fast durchgehend unter dem Niveau des Rheins. Die gewöhnlichen Wasser, welche dieselbe aufnimmt, finden ihren Abfluss durch einen Bach, die Aach, welche mittelst einer, zur Verhinderung der Stauungen durch das Rheinwasser mit selbstwirkeuden Thüren versehenen Schleuse, unter der Eisenbahn durch geleitet wird und sich unterhalb Monstein in den Rhein ergiesst.

Es ist dies der einzige Abfluss für die Gewässer dieser Ebene, deren wirklicher Thalweg längs der grossen Strasse bei Widnau sich hinzieht, woraus sich erklärt, dass, während in Widnau und Au fast in allen Häusern bei 2 bis 3 Meter Wasser stand, das Dorf Diepoldsau verschont blieb und Schmitter und Kriesern von der Ueberschwemmnng nur in ganz geringem Masse berührt wurden.

Mit ungeheurer Schnelligkeit ergoss sich die grosse Wassermasse durch den Dammbruch bei Montlingen über die ganze Ebene, überschwemmte die Dörfer Au und Widnau vollständig und erreichte sogar die ersten Häuser von Berneck und einen Theil von Kriesern. Durch diesen grossen Dammbruch wurde zuerst das ganze Dorf Montlingen überschwemmt; dann stürzte sich die Wassermasse, indem sie drei Reihen alter Dämme und Arriereborde wegriss, in vollem Strom in die Ebene, deren überschwemmte Fläche auf mehr als 10’000 Jucharten geschätzt worden ist.

Bei Au und Monstein sammelte das Wasser sich an, vermochte aber ungeachtet der Durchbrüche, welches es durch den Bahndamm und die Arriereborde machte, nur äusserst langsam in den Rhein abzufliessen, so dass die Wohnungen während nahezu zwei Wochen auf eine bedeutende Höhe unter Wasser stunden und überall massenhafter Schlamm sich ablagerte.

Die Richtung, welche die Ueberschwemmung in dieser Gegend verfolgte, ergibt sich aus folgender Beobachtung: Alle Breschen im Bahndamme und in den Arriereborden und die von der Wasserströmung hinterlassenen Spuren zeigen durch die Neigung der Zweige und Gräser, die Oberfläche des abgelagerten Sandes und Geschiebes, dass die Strömung überall gegen den Rhein zu und niemals vom Rhein gegen das rückliegende Gelände sich bewegt hat. Die längs dem Rheine, zwischen Montlingen und Monstein erstellten Dämme haben keinen bemerkenswerten Schaden erlitten. Man sieht, dass das Bett bis an die Krone der Dämme gefüllt war, allein die Werke sind bis auf einige kleine Ausnahmen unbeschädigt geblieben.

Nach dem Obengesagten ergeben sich also 3 oder, wenn man die Breschen bei Ragatz (Wuhrsteine Nro. 5 und 7) besonders unterscheiden will, 4 grosse Dammbrüche, welche allein die Ueberschwemmung einer bewohnten und kultivierten Landstrecke von nahezu 15-20’000 Jucharten

(6-7000 Hektaren) Flächeninhalt und gegen 750 Häusern verursacht haben.

Abgesehen davon, dass mehrere Personen bei dieser Katastrophe das Leben verloren haben, ist hervorzuheben, dass 35 Ortsgemeinden von derselben heimgesucht worden sind und dass der dadurch für die ganze Gegend erwachsene Schaden zu einer Summe ansteigt, welche die

grossmüthigsten Unterstützungen nicht zu erreichen vermögen. (…)

Wir haben oben gesehen, dass das Wasser des Dammbruches bei Montlingen, über die Ebene von Widnau strömend, sich bei diesem Dorfe und dem grossen Dorfe Au ansammelte und daselbst wegen Mangel eines leichten Abflusses in den hochgehenden Rhein die unglaubliche Höhe von 3 Meter (10′) erreichte, eine Höhe, die ich mir nicht anzuführen getrauen würde, wenn ich sie nicht nach den dort überall vorhandenen unwiderlegbaren Spuren selbst verifizirt hätte.“

Quelle

  • Berichte der Expertenkommissionen über die Ursachen und den Betrag des durch die Ueberschwemmungen im Jahr 1868 in den Kantonen Uri St. Gallen, Graubünden, Tessin und Wallis angerichteten Schadens. Schweizerisches Bundesblatt, XXI. Jahrgang. l. Nr. 12. 27. März 1869. download
Oberriet.
Oberriet. Montlingen, Hochwasser durch Dammbruch, Blick rheintal aufwärts, 1868. Quelle: Staatsarchiv St. Gallen
Oberriet.
Oberriet. Hochwasser im Dorfteil Tänneli in Montlingen 1868.
Quelle: Staatsarchiv St. Gallen
Bad Ragaz.
Bad Ragaz. Vergeblicher Kampf gegen Hochwasser und Überschwemmungen der Tamina. Quelle: Staatsarchiv St. Gallen
Abbildung zu «Unwetter in den Kantonen St. Gallen und Graubünden, September 1868»
Au. Hochwasser um die Postkurs-Station, dahinter das langgezogene Gebäude der Nahrungsmittelfabrik Hollandia, links im Vordergrund Arbeiter am Dammbau, Blick Rheintal aufwärts. Quelle: Staatsarchiv St. Gallen

Das Unwetter von 1868 im Kanton Graubünden

> Die Folgen des Unwetters im Engadin, Puschlav und Bergell

Gion Caviezel beschreibt in seiner Lizenziatsarbeit die Schäden des Hochwassers im Engadin, Puschlav und Bergell:

„Im Engadin, aber auch in anderen Teilen Graubündens und der Schweiz kam es zu den grössten Überschwemmungen seit 1834. Es entstanden Schäden in Graubünden, im Tessin, Uri, Wallis und Veltlin. Wie bereits 1834 verursachte der Inn trotz des sehr hohen Wasserstandes im Vergleich mit anderen Flüssen oder den ihm zufliessenden Wildbächen auch dieses Mal verhältnismässig wenig Schaden. Nebst den starken und lang anhaltenden Regenfällen setzte aufgrund der warmen Temperaturen in höheren Lagen auch die Schneeschmelze ein, was die Gewässer zusätzlich anschwellen liess.

Ab 27. September 1868 traten der Inn und seine zufliessenden Wildbäche über die Ufer. Bei Celerina durchbrach beispielsweise der Schlattain den Kanal und überzog in der Folge die Wiesen von Closs mit einer dicken Decke aus Sand und Steinen. Zwischen Celerina und Samedan durchbrach wiederum der Flazbach bei der Mündung in den Inn die linke Kanalmauer und überflutete die Wiesen bis zur alten Strasse. Auch einige Wiesen unterhalb von Samedan wurden in Seen verwandelt. Bei Bever beschädigten die Wassermassen des Inns die neue Brücke erheblich.

Am 29. September hörte es auf zu regnen, doch blieb es weiterhin eher regnerisch. in der Nacht auf den 3. Oktober begann es nach nachmittäglichem Sonnenschein wieder in Strömen zu regnen, wodurch die Gewässer erneut stark anschwollen. in Sils-Maria flüchteten die Einwohner am 3. Oktober vor den Wassermassen des Fexbaches, der alle seit dem Hochwasser von 1834 noch im Fextal vorhandenen Brücken wegspülte. Nachdem die Brücke im Dorf von den angeschwemmten Holzmengen verstopft worden war, lief das Wasser über die Brücke und durch den unteren Teil des Dorfes, wo es teilweise in den unteren Teil der Häuser eindrang.

In Celerina wurden zunächst die am nächsten am Inn lebenden Einwohner aus ihren Häusern evakuiert. Ferner musste auch das Vieh aus den Ställen herausgeführt werden, in denen das Wasser bereits eingedrungen war. Neben der Brücke von Samedan rissen die Wassermassen wiederum einen Teil der Strasse mit sich fort und strömten ein gutes Stück durch die Wiesen von Champagna. Aufgrund der Wassermassen des Flazbaches und aufgrund des von ihm mitgeführten Materials, das unter anderem das Flussbett des Inns bei der Mündungsstelle füllte, trat der Inn erneut über die Ufer des Kanals auf die Ebene von Samedan.

Dank des Schneefalls in den Bergen in der Nacht vom 4. auf den 5. Oktober liess das Hochwasser nach, womit die grosse Gefahr für das Oberengadin gebannt war. Das Bergell hatte trotz starken Regens nur geringe Hochwasserschäden zu beklagen. Einzig nennenswerter Schaden war die Verschüttung der Wiesen zwischen Coltura und Montaccio infolge der niedergegangenen Rüfe La Foppetta bei Coltura. Die Schäden im Puschlav und im oberen Veltlin waren im Gegensatz zum Bergell um einiges grösser.

Im Puschlav waren der Poschiavino und die ihm zufliessenden Wildbäche nach drei Wochen Regen stark angeschwollen, wobei am 3. Oktober die Intensität des Regens nochmals zunahm. Der Wasserstand des Poschiavinos war fast so hoch wie im Jahre 1834. Dank der Bewuhrung erfolgten in Poschiavo Wasserschäden jedoch nur im oberen Teil des Dorfes.

Die Landschaft von S. Antonio wurde hingegen vollkommen überschwemmt. Auch jene Wiesen oberhalb des Dorfes Poschiavo, wie zum Beispiel die Wiesen von Robbia, wurden vom Poschiavino und von den Wildbächen zum Teil überschwemmt. Hochwasserschäden entstanden ebenfalls in der Gemeinde Brusio. Der Poschiavino zerstörte dort unter anderem drei Mühlen, verwüstete die Wiesen von Meschino bis Plattamala und untergrub an verschiedenen Stellen die Flussufer. Ferner riss er mit Ausnahme der zwei neuen Steinbrücken in Meschino und Campocologno alle Stege und Brücken der Gemeinde mit sich fort.“

Quelle

Gion Caviezel: Hochwasser und ihre Bewältigung anhand des Beispiels Oberengadin 1750 – 1900. Lizenziatsarbeit, Bern, 2007 download

> Die Folgen des Unwetters in Trun und Zignau (Trons und Rinkenberg)

„(…) Ganz gleiches Schicksal, wie die Ebene von Surrein, traf diejenige von Trons und die unmittelbar darauf folgende von Ringgenberg; die erstere mag ungefähr 1 Viertelstunde lang und 3-400 Schritt breit, die letztere bis zum Dörfchen Lumnein hinab ½ Viertelstunde lang und 2-300 Schritte breit sein. Der Rhein warf sich am obern Anfange der Tronserfläche [Raum Punt Rensch] aus seinem früheren Bett von der rechten Thalseite an die linke hinüber, zerstörte die dort stehenden Wuhren und frass sich längs den die Ebene begrenzenden Hügeln ein ganz neues Bett aus.

Gleichzeitig stürzte der Ringgenberger Bach [die Zavragia] in der Verengung [zwischen Tiraun und Zignau], welche die 2 Ebenen trennt, mit solcher Gewalt in den Rhein und füllte das Bett desselben so sehr mit Steinen an, dass er sich hoch aufstaute, weit aufwärts in der Tronser Ebene Alles überschwemmte, endlich aber über die ca. 35′ [1′ = 0.3 m] hohe Brücke wegströmte, dieselbe bis an einen kleinen Theil am linken Ufer wegriss und mit seinen ungeheuren Geschiebemassen die vorliegende fruchtbare Gegend bis zum Dörfchen Lumneins hinab bedeckte oder zerriss; unter anderem schwamm hier ein Stall wohl 60 Schritt unversehrt abwärts.

Lumneins, aus 8 Familien bestehend, wovon 7 arm sind, verlor theils durch diese Ueberflutung, teils durch eine seit Menschengedenken zum ersten Mal am nahen Abhang eröffnete Rüfe [vermutlich aus dem Uaul dil Boden] allen seinen Boden. Ueber der weggerissenen Brücke liegen nun 50-60′ hoch über dem Rhein einige Häuser [Tiraun], deren Lage als sehr gefährlich angesehen wird; allerdings ist der Abhang unter denselben etwas angerissen, jedoch nicht sehr stark, und da sich unten am Rheinbette einige Felsen befinden, so scheint nur eine ganz ausserordentliche

Wasserhöhe sie zu bedrohen.

in Ringgenberg selbst, dessen Häuser zu beiden Seiten des Baches, jedoch in einiger Entfernung von seinen Ufern liegen, wurden 2 Ställe forgerissen und beinahe aller vor den Wohnungen genommene gute Gartenboden mit Blöcken bedeckt, von denen die meisten 3-4′ Durchmesser haben, die grössten aber 12-14′ lang und 10′ hoch sind [nach heutigem Mass um 30 m2!].

Bereits hat man angefangen, das Bachbett, welches sich glücklicher Weise etwas vertieft oder seine Ufer durch Schutt erhöht hat, auszuräumen und wünscht durch Sprengen der darin befindlichen grossen Blöcke diese sehr zweckmässige Arbeit fortzusetzen. Vorarbeiten sind ebenfalls getroffen, um den Rhein am obern Anfange der Tronser Ebene durch ein starkes Wuhr wieder gerad zu leiten; etwas weiter abwärts dürften hiefür auch einige Spornwuhren [Buhnen] zweckmässig sein.

Unterhalb der Ringgenberger Brücke wünscht man eine Streichwuhr von ca. 600 m Länge aufzuführen. Die Schatzungen des Privatschadens beruhen auf eidlichen Angaben der Beschädigten; das Quadratklafter Boden ist nach seinem gewöhnlichen Werthe zu 7 ½ bis höchstens 10 Bündnerbatzen gerechnet; dasjenige der Lööser zu 30 bis 40 kr. (60 bis 80 Rpn.). Die Gemeinde besitzt 4 bis 500 fl. an Kapital; die übrigen Einnahmen bestehen in einigen Ansässgeldern und in der Abgabe der Schmelzhütte, von welcher 80 fl. in die Gemeindekasse fliessen.

Die Auen von Trons und Ringgenberg sind in den letzten Jahren getrennt worden; Trons hat von seinem Antheil 33’000 Klafter in 133 Lööser (das Loos circa 248 Quadratklafter) an seine Bürger ausgetheilt, mit der Bedingung, dass die inhaber nach Verfluss von 3 Jahren jährlich von jedem Loos 1 ½ fl. an den Schulfond bezahlen, welche zur Besoldung eines Schullehrers und zur Erbauung eines Schulhauses dienen sollten.

Diess ganze Land ist nun aber zerstört, und die Schule daher aller ihrer Hülfsmittel beraubt. Der in den Tabellen angegebene Schaden von 9000 fl. für den Schulfond ist indess etwas imaginär, indem die Lööser erst durch die Kultur ihren Wert erlangt haben, und die bereits grösstenteils in den Partikularschäden aufgenommen sind.

Man möchte vielleicht geneigt sein, den Betrieb der Eisenbergwerke im Pontelies Tobel als eine wesentliche Hülfsquelle für Trons zu betrachten; allein die Arbeiter werden oft Monate lang, oft gar nicht bezahlt. Überdies werden die Wälder, welche nun leider einmal in den Händen der fremden Bergwerksbesitzer sind, auf eine so schonungslose und verderbliche Weise ausgerottet, dass dieser ganze industriezweig, so wie er jetzt betrieben wird, nicht nur für das Dorf Trons, sondern auch für das ganze untere Thal eher höchst nachtheilige als vortheilhafte Folgen haben muss.“

Quelle

Auszug aus dem schätzungsamtlichen Bericht über die am 27. August 1834 durch Wasserschaden heimgesuchten Partikularen [Privatgrundbesitzer] und Gemeinden im Kanton Graubünden. Seiten 14 & 15

Verwüstungen durch Murgänge in Ringgenberg (Zignau GR).
Verwüstungen durch Murgänge in Ringgenberg (Zignau GR). Quelle: Das Hochwasser vom 27. September bis zum 4. Oktober 1868 in den Kantonen Graubünden, St. Gallen und Tessin. Bündner Kalender, 1870.
Durch einen Murgang talwärts transportierter Felsblock in Ringgenberg (Zignau GR).
Durch einen Murgang talwärts transportierter Felsblock in Ringgenberg (Zignau GR). Quelle: Coaz, J.: Die Hochwasser im September und October 1868 im bündnerischen Rheingebiet.

> Die Folgen des Unwetters in Vals

Ansicht von Vals-Platz .
Ansicht von Vals-Platz. Foto: Robert Schmid, Zürich/Vals. Quelle: Gemeindearchiv Vals
Durch das Wasser ausgehöhltes Haus (durch Trammen gestützt) in Vals-Platz.
Durch das Wasser ausgehöhltes Haus (durch Trammen gestützt) in Vals-Platz. Foto: Robert Schmid, Zürich/Vals. Quelle: Gemeindearchiv Vals
Das zerstörte Schädelhaus und der Friedhof in Vals Platz.
Das zerstörte Schädelhaus und der Friedhof in Vals Platz. Foto: Robert Schmid, Zürich/Vals. Quelle: Gemeindearchiv Vals
Zerstörtes Haus in Clüs bei Vals-Platz.
Zerstörtes Haus in Clüs bei Vals-Platz. Foto: Robert Schmid, Zürich/Vals. Quelle: Gemeindearchiv Vals
Total gestürztes Haus in Vals-Platz.
Total gestürztes Haus in Vals-Platz. „Weisshaus“. Links Haus vom späteren Präsidenten K. Schwarz. Foto: Robert Schmid, Zürich/Vals. Quelle: Gemeindearchiv Vals
Ob dem Hof Vallés in Vals angehäuftes Rüfematerial.
Ob dem Hof Vallés in Vals angehäuftes Rüfematerial. Quelle: Coaz, J.: Die Hochwasser im September und October 1868 im bündnerischen Rheingebiet.

Literatur

  • Schlussbericht des kantonalen Hülfskomites für die Wassergeschädigten des Kantons Graubünden im Herbst 1868. Chur, 1870.
  • Andeer im Spiegel der Zeit: die Hochwasser. zur WebSeite
  • Coaz, J.: Die Hochwasser im September und October 1868 im Bündnerischen Rheingebiet. Leipzig, 1868. download
  • Arpagaus, J.: Das Hochwasser des Jahres 1868 mit besonderer Berücksichtigung des Kantons Graubünden. Chur, 1870. download
  • Die Wassernot in Vals im Jahre 1868. Kantonsbibliothek Graubünden. download
  • La Nicca, R.: Ueber die Zerstörungen bei Poschiavo im Jahr 1834 und über die in Folge derselben am Poschiavino ausgeführte Flusscorrection. Zeitschrift über das gesamte Bauwesen, Band (Jahr): 3, 1839, Heft 4. download
  • Berichte der Landesverwaltung des Kantons Graubünden vom Jahr 1868 – 1869. download

Coaz, Johann: Die Hochwasser im September und October 1868 im bündnerischen Rheingebiet … Leipzig, 1869. download

Medienberichte

Der Bund, Band 19, Nummer 274, 4. Oktober 1868

Ein Wort für die Verunglückten im Hochland. in den letzten Tagen drängen sich die Hiobsposten über die Verheerungen, welche die jüngsten Wassergrössen im Hochlande, hauptsächlich im Tessin, in Graubünden und im St. Gallischen Oberlande, angerichtet haben.

Die Nachrichten lauten zum Theil grauenvoll; in’s genaue Detail einzutreten, dazu fehlt es für heute noch an der nöthigen Uebersicht. Wir werden im Stande sein, bald das Nähere aus der Feder eines Zeugen an Ort und Stelle unseren Lesern mittheilen zu können. Doch genügt schon das, was wir heute wissen, um sich zu überzeugen, dass das Unglück diesmal im schweizerischen Hochgebirg eine schreckliche Ernte gehalten hat.

Nach einer telegraphischen Depesche der Regierung von Tessin an den Bundesrath beträgt, wie unsere Leser bereits wissen, die Zahl der im Kanton Tessin allein bisher Vermissten 50 — 60. Das Hochwasser gesellte sich in diesem Kanton einen furchtbaren Bundesgenossen zu — den Berg – oder Erdschlipf. Die Wassermassen raubten ganzen Erdmassen ihren Halt und diese stürzten in die Thäler, in ihrem Sturze alles im Schutt begrabend, was ihnen im Wege lag. So wurden im oberen Tessin an der Route über den Gotthard ganze Dorfschaften so zu sagen vom Erdboden vertilgt. In Folge der Bergschlipfe allein sollen einige 20 Menschen ihr Leben eingebüsst haben.

Im Kanton Graubünden und im obern St. Gallen war es besonders der Rhein, der, durch die vielen Zuflüsse aus den bündnerischen Hochalpen übermässig geschwellt, aus seinen Ufern trat und schrecklich hauste. Die ältesten Leute wissen sich keiner Rheinhöhe zu erinnern, die der dermaligen nur von ferne gleichkam. Der erste Eindruck, den die Trauerbotschaften hervorbrachten, war wohl der des stummen Entsetzens. Mit starrem Schauder steht man vor der gewaltigen Naturkraft, die in einer Nacht, so zu sagen mit einem Schlage, die jahrelange Arbeit von Tausenden von Menschenhänden auf lange, vielleicht auf immer vernichtet. Wie klein fühlt sich der Mensch bei solchen Erscheinungen der Natur gegenüber!

Das stumme Entsetzen löst sich aber bald auf in das Gefühl des tiefsten Mitleids. Es drängt sich mit unwiderstehlicher Macht der Gedanke hervor, da soll und muss geholfen werden. Und wer ist wohl eher berufen, im vorliegenden Falle den Verunglückten die Hand werkthätig helfender Liebe zu bieten, als der Mitbürger des engeren und weiteren Vaterlandes? Ja, es ist eine heilige Pflicht aller Schweizer im In – und Auslande, ihren unglücklichen Brüdern in diesen Tagen der Noth und des Elends beizustehen. Das Vaterland ruft seine Söhne nicht nur auf gegen feindliche Heere, es ruft sie auch auf zum Kampfe gegen die feindlichen Elemente der Natur, welche, so gut wie ein äusserer Feind, Leben und Wohlstand der Bürger bedrohen. Da wie dort gilt das schöne, das ächt republikanische Wort, das schon an so manchem Feste mit Stolz ist ausgesprochen worden: Alle für Einen, Einer für Alle. Das ganze Schweizervolk soll das Elend der Mitbürger zu lindern streben; die republikanische Bürgerpflicht fordert es von ihm.

Aber es kann auch helfen. Das Jahr 1868 war durchschnittlich für alle Gauen des Vaterlandes ein reich gesegnetes. Alle Produkte gediehen unter einer Sonne, wie sie sonst nur südlichere Himmelsstriche kennen, auf’s Vortrefflichste. im Verlaufe des Herbstes füllten sich allerorts Scheune und Keller mit reichlichem Ertrag. Seit Jahrzehnten hat kein Jahr solchen Ueberfluss erzeugt, wie das verflossene. Von dem gewonnenen Reichthum können die von Unglück verschonten Bürger mit Leichtigkeit ihren verunglückten Mitbrüdern unter die Arme greifen. Das Jahr hat den Einen Hülle und Fülle, den Andern Roth und Elend gebracht. Vielleicht floss das Eine wie das Andere aus derselben Quelle, aus der übermässig heissen Temperatur des Sommers. Schon dadurch hat aber die Natur selbst es angezeigt, dass der Reichthum des Einen das Unglück des Andern auszugleichen suchen soll. Sie hat dem Einen gegeben, damit er dem Andern helfen kann.

Gewiss wird es wenige Schweizer geben, welche, die Hand auf ihren vollen Säcken und Fässern, dem Ruf der mildthätigen Liebe ihr Ohr verschliessen werden. Vielmehr sind wir fest überzeugt, das Schweizervolk will und wird helfen. Es hat schon bei verschiedenen Anlässen bewiesen, dass ein warmes Herz für das Unglück in seiner Brust schlägt. Auf den ersten Ruf der Noth, fast noch unter dem Wimmern der Brandglocken, eilten bereits zahllose Gaben von allen Seiten der Brandstätte von Glarus zu. Seit damals ist unser Volk nicht hartherziger geworden. Noch heute, wie damals, wird er auf den ersten Hülferuf herbeieilen und seine Gaben niederlegen auf den Altar vaterländischer Bruderliebe. Wer daran zweifeln wollte, der kennt die wahre angestammte Schweizertreue nicht. Doch die Hülfe muss geordnet werden. Es müssen sich in allen Gauen des Landes Hülfsvereine organisiren, welche als Mittelpunkte dienen für die Sammlungen. Und schliesslich möchten wir noch auf Eines aufmerksam machen; die Noth ist dringend, darum sei auch die Hülfe schnell; ein alter, aber wahrer Spruch sagt: doppelt gibt, wer schnell gibt. (…)

Über die Verheerungen im Bündner Lande und den Stand der Dinge, wie er sich beim Aufathmen vom ersten Schreck dem Beobachter darstellen mochte, schreibt ein Korrespondent aus Chur dem „St. Galler Tagblatt“ unter’m 30. September Folgendes:

„Die gestörten Verkehrsverhältnisse lassen die Mittheilungen über die bedauerliche Katastrophe vom Sonntag auf den Montag nur spärlich fliessen. Aus dem Schams und Rheinwald weiss man nur, dass der ganze Rofflapass stark mitgenommen wurde; ganze Strecken der Strasse seien hinweggespült. Es kursiren übrigens über die einzelnen Zerstörungen der Hochwasserfluth so viel verschiedene Gerüchte, dass es gerathener ist, die authentischen Berichte erst abzuwarten.

An manchen Orten, die augenblicklich noch vom Verkehr mit uns abgeschlossen sind, mag die Zerstörung ärger sein, als man vermuthet; so namentlich im Schams; an anderen Orten dürfte sich die erste Hiobspost etwas moderiren, was besonders vom Domleschg zu gelten hat.

Man sagte Anfangs, die im Bau begriffene neue Rhein-Schyn-Brücke sei hinweggerissen; richtig ist, dass sie stark gelitten hat. Das Unglück ist eine vollendete Thatsache, und Graubünden hat zwei schwere Tage zu beklagen. Wo eine absolute Zerstörung an Hab und Gut bei armen Leuten eingetreten — und das soll sehr zahlreich sein — muss die Hand der werktätigen Liebe so viel wie möglich zu lindern suchen.

Wo jedoch nur Verschlammungen, wie z. B. von Reichenau an bis hinab in’s St. Galler Oberland, stattgefunden, dürfte es sich darum handeln, aus dieser Ueberdeckung den möglichsten Nutzen zu ziehen. Der Schlamm ist ein zersetzter Bündner Schiefer, der auch ziemlich viel Sand mit sich führt. Es wird nun die nächste Aufgabe sein, den Schlamm genau zu analysiren, um durch die Kenntniss seiner Bestandteile auf die Behandlung desselben mit künstlichem Dünger geführt zu werden. Wo dieser grauschwarze Schlamm bisher in Bünden die Wiesen bedeckte, brachte er immer Vortheil. Freilich ist jetzt seine Ablagerung eine so mächtige, dass ohne kräftige äussere (künstliche) Unterstützung für längere Zeit wenig oder nichts zu hoffen sein wird. Durch die Beimischung von künstlichem Dünger dürfte sich ein Theil der Verheerung paralysiren, namentlich im oberen Rheinthal von Sargans abwärts bis Altstätten, wo die grosse Ausdehnung der Fläche auch eine günstigere Vertheilung des Schlammes möglich machte.

In Bünden hat die Fluth schon verheerender gewüthet wegen der engeren Thalflächen und wird wohl mehr mitgeschwemmt als abgelagert haben, mit Ausnahme der Thalerweiterung bei Chur. Möge es der landwirtschaftlichen Chemie gelingen, durch eine entsprechende Mischung des Schlamms mit künstlichem Dünger einen Theil der grossen Summen an Verlust wieder aufzuwiegen.

Die Poststrasse nach dem Engadin, die namentlich in Churwalden unterbrochen war, ist wieder hergestellt. Dagegen lautet eine Nachricht aus Misox sehr beunruhigend. Auf der Bernardino-Route scheint das Wetter ärger gehaust zu haben, als selbst im Schams. Von Chur aus konnte man am Sonntag Nachmittag beobachten, dass der Süden und Westen mit dichten Wolken behangen war.

In Chur selbst regnete es nur mit ziemlichen Zwischenräumen, aber dann kurz und stark. Nur Nachts, etwa von 9 Uhr an, begann hier der Regen in einem ungewöhnlichen Masse und dauerte bis zum Morgen. Das Gewitter hier beschränkte sich nur auf einige elektrische Entladungen, dagegen hörte man von NO. und SO. stark donnern. Sonderbarer Weise war die Temperatur Sonntag Nachts auffallend hoch. Mein Thermometer zeigte Nachts kurz vor 12 Uhr und nach einem fast dreistündigen „Herabschütten“ — Regen konnte man diesen Niederschlag nicht wohl nennen — noch 12° Celsius. Erst am Morgen fiel der Thermometer. Der Föhnsturm vom Sonntag auf den Montag war ungemein heftig, dagegen Montag Morgens nicht aussergewöhnlich.

Die Bemerkungen des Korrespondenten bezüglich der Verschlammungen und des Nutzens, der aus denselben für den Grund und Boden gezogen werden kann, enthalten einigen Trost; aber derselbe schwindet sofort wieder zusammen, wenn man bedenkt, welch‘ ungeheure Arbeit es erfordert, das Land dauernd von der auf ihm ruhenden Last zu befreien. Fasst man nebstdem die Gegenden in’s Auge, wo der Fluss, statt Schlamm abzulagern, die Humusdecke fortgeschwemmt hat — und dies soll nach den eigenen Angaben des Korrespondenten vielerorts der Fall gewesen sein — so erscheint das eingetretene Unglück immer noch erschreckend gross. Immerhin ist es zu loben, wenn man in Fällen der Noth auch nach guten Seiten forscht. Muthlos im Elend zu verzagen, ist am Ende das grösste Unglück, denn es führt unabweisbar zum Ruin, während eigener guter Wille, Gott und gute Menschen auch in der bittersten Noth noch helfen können.

Nach dem „Fr. Rhätier“ wird der Hochwasserschaden im Kanton Graubünden auf 1 Mill. Fr. berechnet. Der Grund der Hochwasser werde von Sachverständigen in Erweichung der Gletscher durch den Föhn, der Grund der fast widerstandslosen Verheerung in der Abholzung und der daherigen Waldarmuth der Gebirge gesucht.

Die Berichte über die Verheerungen des Rheins im St. gallischen Oberlande sind zum Theil wahrhaft haarsträubend. So berichtet unter anderm Jemand in der „St. Galler Ztg.“ Folgendes: „Gegen Widnau hinunter wird der Rhein zum See, der jenes Dörfchen umschliesst. Manche Häuser ragen nur noch mit den Dächern aus der Fluth hervor. Der Winkel, in welchem Diepoldsau liegt, ist zur Insel geworden und auf dem grossen fruchtbaren Felde von Kriesern bis Balgach dehnt sich wüste Wasserfläche. Der Hügel, an dem Montlingen liegt, ist beinahe ganz von Wasser umgeben.

Noch trauriger wird der Eindruck, wenn man sich dem Schauplatze der Verwüstung nähert. Die direkte Strasse von Altstädten nach Montlingen ist so tief unter Wasser, dass sie nur per Schiff zu passiren war. Hart ausser Oberriet sind die Wiesen und Kartoffeläcker mit Schlamm überzogen. Man muss aus Flössen von einem Hause zum andern passiren. Es ist ein trauriger Anblick — ein Wald von Fruchtbäumen, aber unter ihnen statt der grünen Matten ein grauer See — der mitten im Dorfe eine sehr starke Strömung hat. Hie und da arbeitet sich ein Mann durchs Wasser hindurch, um in seine Wohnung zu dringen, ans der er sich während der Nacht flüchten musste; dort steuert auf einigen Brettern eine Familie mit einigen Feldfrüchten durch die Lagunen, wieder eine andere mit dem Bettzeuge auf dem Kopf sucht ihr Lager auf. Das Vieh musste in Eile auf die Anhöhe und dort unter Bäumen untergebracht werden. Es muss eine furchtbare Nacht gewesen sein. Der Rhein brach an allen Orten ein, trotz aller Anstrengungen. Die Rheinmühle wurde weggeschwemmt. Seit Menschengedenken erlebte das vielgeprüfte Montlingen kein solches Unglück, denn bei der grossen Ueberschwemmung von 1855 war der Wasserstand im Dorfe lange nicht so hoch, da damals der Bruch weiter unten stattfand. Menschenleben ist in Montlingen keines zu beklagen, aber in Kriesen mussten Männer, die auf dem Wuhrkämpf draussen holzten, elendiglich in den Fluthen umkommen, da kein Schiff in der Nähe war.

Die Montlinger sehen einem traurigen Winter entgegen; der grösste Theil der Feldfrüchte wird verderben, geht in den Kellern oder noch im Boden zu Grunde. Die Altstädter senden für die erste Noth Lebensmittel hin. Aber die grössere Noth wird erst kommen.“ Soweit der Korrespondent. Leider ist seine letzte Bemerkung nur zu wahr. Die grössere Noth wird erst kommen mit der vor der Thüre stehenden Winterszeit. Das Elend der von der Hand des Geschickes in einer Unglücksnacht so schwer Erfassten muss darum nachhaltige Mildthätigkeit und ausdauernde Bruderliebe in Anspruch nehmen. Hoffen wir, dass die oft bewährte Opferwilligkeit der Schweizer im In- und Auslande auch bei diesem unglücklichen Anlass sich in einem Umfang zeigen wird, der den Gebern Ehre macht.

Der Stand des Bodensee’s soll nach dem „Schweizerboten“ in Zeit von 48 Stunden um 1′ 3″ Höhe zugenommen haben, wonach sich der ungeheure Wasser-Zufluss zu 9 1/2 Quadratmeilen Flächeninhalt berechnen lässt.

der Bericht in e-newspaperarchives

Bündner Tagblatt, Samstag, 5. Oktober 1868, Nr 234

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Neue Zürcher Zeitung, Nummer 278, 7. Oktober 1868

St. Gallen. Ueber die Ueberschwemmungen im Rheinthal schreibt ein Korrespondent der „Schweiz“ unterm 4. Okt.: Sie wollen Bericht aus dem Rheinthal; gut dass Sie ihn verlangen, sonst wäre mir keine idee gekommen zu schreiben: der Schmerz macht stumm und die grösste, Noth verlangt werkthätiges Handeln.

Seit acht Tagen folgt eine Hiobspost der andern, und greift das Verderben weiter und tiefer um sich. Dazu hängt der Himmel grau über uns und giesst in Strömen, und wenn ein Sonnenblick dazwischen kommt, so zeigt er erst recht, wie furchtbar es in den Bergen fortregnet.

Jeden Morgen erblicken wir neue Wasserflächen und zeigt sich der verderbenvolle graue Strom breiter, welcher bei Montlingen vom Rhein ausbricht und sich über die Felder in einer Breite hinabwälzt, die grösser ist als die des Rheinbettes selbst und nach abwärts zum förmlichen See wird, der sich in Au staut und langsam in den Hauptstrom verliert.

Das ist nicht Ueberwasser, sondern reissender, trüber Strom, Wogen werfend und schäumend, mit weithin hörbarem Brausen, und wo er durchgeht, nimmt er die Feldfrüchte und das Ackerland bis auf die Torflage hinab mit sich.

Dämme, welche kurzen Ueberschwemmungen, z. B. derjenigen von 1855, siegreich widerstanden, werden allmälig alle weich, die Fundamente der Häuser geben nach und während leichte Bauten kurzweg fortgeschwemmt werden, fangen solidere an schief zu stehen und verkünden den nahen Fall.

Von Monstein bis Balgach ist ein dunkelgrauer, von Strömungen durchzogener See, das Stationsgebäude von Au wurde heute weggeschwemmt, das hübsche Turnherrsche Haus senkt sich, die Rheinbrücke sei seit Mittag; im Schäfle und den grössern Gebäuden Wasser bis in die Stube, die kleinen ragen mit den Giebel knapp empor.

Gegen Berneck hinein ist eine Seebucht, in welcher schon letzten Montag einige Reisende auf der Landstrasse fast ertranken. Widnau ragt mit den Dächern aus dem Wasser, und diesen ganzen Vormittag fuhren Flösse, welche Menschen und Vieh nach Heerbrugg hinauf flüchteten. Die Landstrasse ist ausgefressen und unfahrbar, selbst wo die Wassertiefe es erlaubte. in Balgach Sturmgeläute die ganze Nacht und die gesamte Mannschaft auch heute mit Nothdämmen beschäftigt – die nichts mehr nützten und die Fluten bis hart ans Dorf hereindringen lassen mussten.

Eisenbahnarbeiter, welche heute bei Heerbrugg beschäftigt waren, entrannen mit knapper Noth dem andringenden Wasser. Rebstein und Marbach arbeiten den ganzen Tag an Nothdämmen, in Altstätten werden Flösse gezimmert und nach Kriessern hinausgefahren, um Leute zu retten. Bisher war jenes Dorf wie eine Insel zwischen beiden Rheinströmen, jetzt zieht sich das Wasser enger und lässt keine Ausflucht.

Am traurigsten ist Montlingen daran, in der vollen Strömung des Einbruches, das Dörfchen verlassen, seine Bewohner auf dem kleinen Bergle, im Kapellchen daselbst, Menschen und· Thiere zusammengedrängt, und dabei ein Bivouak, an dessen Feuer zusammengeschwemmte Kartoffeln und gefallenes Vieh zur allgemeinen Speisung gekocht werden.

Es ist für Tausende ganz gleich, ob sie ihre Früchte eingeheimset oder im Felde haben. Alles ist verloren, Kartoffeln, Mais, Obst und Korn in den Häusern, das Heu in den Scheunen, Holz und Torf, häufig Haus und Habe. Welche Menschenleben mittelbar verloren gehen, und wie viele unmittelbar, durch Strapazen und Mangel und nachfolgende Krankheiten, die kaum ausbleiben können, das lässt sich nicht berechnen. Wie es thalaufwärts steht, weiss man hier nicht genau, die Posten gehen nicht mehr, ausser Altstätten-Gais, die Tardisbrücke ist weg, Burgerau, Räfis und Haag haben das Schicksal von Widnau und Montlingen.

Jetzt arbeiten Ingenieure mit grosser Aufopferung und die von ihnen kommandirten Mannschaften mit unermüdlichem Eifer, ebenso viele Behörden. Was noch zu retten und was noch weiter dem Verderben geweiht ist, weiss Gott. Hülfe thut noth; materielle Hülfe in jeglicher Weise und noch mehr gute Organisation der Hilfe, wie sie nur der Geist und die wahre Nächstenliebe zu Stande bringt.

Die „St. Galler Zeitung“ erzählt folgende Episoden aus den Ueberschwemmungen: „Ganz Au musste flüchten und steht das Dorf nun menschenleer. Am Sonntag Morgen kam ein Vater mit zwei Kindern auf einigen Brettern daher geschwommen. Er erzählte, sein Häuschen sei soeben zusammengestürzt. Mit grosser Noth konnte er seine beiden Kinder noch unter die Arme nehmen und auf die Bretter flüchten.

Mehrere andere Häuser stürzten zusammen. Das Wasser geht so hoch, dass selbst Häuser des am Berge gelegenen Berneck im Wasser stehen. Die Eisenbahnstation Heerbrugg schaut trostlos aus dem Wasser, und die in der Nähe beschäftigten Eisenbahnarbeiter konnten nur durch schnelle Hülfe der in Altstätten lokalisirten Lokomotive der sichern Gefahr entrissen werden. Die Eisenbahnbeamten der Station Au sind förmlich abgeschnitten. Dorf Au und Widnau flüchten auf Anhöhen, Dächer und Bäume.

in Montlingen sind 382 Personen ohne alle eigene Nahrung, beinahe ohne Kleidung und Bettzeug, ohne Heizmaterial und ohne alles und jedes Viehfutter. in vielen Häusern sind die Küchen und Feuerherde unter Wasser, gut die Hälfte der Familien kann nicht mehr kochen. Drei Kindbetterinnen können nicht wegtransportirt werden. Hr. Dr. Stieger und der Pfarrverweser krochen gestern zu einem Küchenfenster herein, um einem Sterbenden die letzte Wegzehrung zu geben.

Aus Buchs schreibt man der „St. Galler Zeitung“: Wohl kaum ein Ort im ganzen Rheinthal ist durch die Ueberschwemmung so schwer getroffen als unsere Gemeinde. Am Sonntag noch fröhliche Gesichter, heiteres Leben, lachende Fruchtfelder, und am Montag, ehe der werdende Tag das schreckliche Unglück ahnen lässt, rufen die heulenden Klänge der Sturmglocke den friedlichen Bürger aus seiner Ruhe.

Man eilt hinaus gegen den Rhein; doch schon kann man nicht weiter als bis zum Stationsplatz gelangen, um von dort aus den ersterbenden Hülferuf von Grenzjäger Kehl zu hören. Der düstere Morgen zeigt uns eine Wasserwüste an der Stelle, wo noch gestern die Hoffnung des Landmanns, ja die einzige Hoffnung vieler armer Familien gestanden. Einige beherzte Männer versuchten auf den Hülferuf von Kehl hin den Elementen Trotz zu bieten und gelangten bis ziemlich nahe zur Stelle, wo das Häuschen früher gestanden; es war verschwunden; auf dem Damm aber, von Wind und Wogen umstürmt, sahen sie einige zusammengekauerte Gestalten die Kinder von Kehl sind’s, die, vom Vater im letzten Augenblick zum Fenster hinausgeschoben, zusehen mussten, wie die Gewalt der Elemente Vater und Mutter rettungslos von ihrer Seite wegschwemmte. Mit Lebensgefahr kehrten die Männer zurück und auf einem schwachen Kahn wurden die armen Waisen von einigen muthigen Männern endlich gerettet und an’s sichere Land gebracht.

Schlimmer noch als im Dorf Buchs war’s in der Burgerau. Kaum erwacht, ertönt der Ruf: Der Rhein, der Rhein kommt! Doch schneller als die Nachricht sich verbreitete, war der Sturm der Wogen. Man flüchtet sich von der Stube in die Kammer, es genügt in vielen Häusern nicht, man muss hinauf auf den Giebel des Daches. Rings Geschrei, Hülferuf und Jammer. Kein Schiff, kein Floss ist in der Nähe und die Wuth des Elementes wächst noch! Endlich nach langem, bangem Warten erscheint der bekannte Schiffer Saxer von Trübbach, der von dort aus den bedrängten Landleuten zu Hülfe eilt. Die am meisten Bedrohten werden nach Räfis geschafft und überall gerettet, was möglich. Mehrere Ställe und Schöpfe hat das Wasser sammt dem Inhalt weggerissen, ein Haus einfach umgelegt. Heute Samstag ist der Wasserstand in Folge der Regengüsse wieder zu einer Grauen erregenden Höhe gestiegen.

Graubünden. (Korr. aus Chur vom 4. Oktober.) Wenn ich ihnen nicht früher über die Wassernoth, welche seit acht Tagen unsern Kanton heimsucht, berichtete, so geschah es, um das Ende der Katastrophe abzuwarten und ihnen alsdann möglichst zuverlässige Mittheilungen zu machen. Obwohl nun der Himmel seine Schleusen noch immer nicht geschlossen hat und man stündlich auf neue Hiobsposten gefasst sein kann, so will ich dennoch mit meinem Bericht, so weit er dermalen möglich ist, nicht länger zögern.

Der Schauplatz der seit letztem Sonntag noch immer fortdauernden Regengüsse und des dadurch, vielleicht in Verbindung mit der Gletscherschmelze, verursachten ausserordentlichen Hochwassers ist fast ausschliesslich das Flussgebiet des Rheins, zunächst die Thäler des Vorderrheins (das Bündner Oberland mit den Seitenthälern Lugnez, Vals, Safien) und des Hinterrheins (Rheinwald, Schams, Domleschg) und sodann das Churer Thal von der Vereinigung der beiden Rheine in Reichenau bis zur St. Gallischen Grenze.

Die Niederschläge erfolgten somit hauptsächlich im Adulagebirge, vom Gotthardstock bis zum Vogelberg (Bernhardin); ihren Höhepunkt erreichten sie bekanntlich vom 27. auf den 28. September in einem von einem furchtbaren Gewitter begleiteten, die ganze Nacht hindurch bis in den Morgen andauernden wolkenbruchartigen Regen, der die Gewässer um so mehr furchtbar anschwellte, als der Boden schon durch vorausgehende wiederholte Niederschläge getränkt war.

Vorzüglich waren es der Hinterrhein und der aus Lugnez und Vals herabfliessende, bei ilanz in den Vorderrhein sich ergiessende Glenner (auch Mittelrhein genannt), die verheerend auftraten; vom Hinterrhein (am Fusse des Bernhardin) bis zum Dorf Splügen (etwa 2 Stunden) setzte der Rhein das Gelände unter Wasser und zerstörte auf weiten Strecken die Handelstrasse, in Splügen wurde die zum Bergpass führende gedeckte Brücke fortgerissen; weiter unten im Schamser Thal wurden bei dem sog. Pignauer Bad die starken Dämme durchbrochen, bei Zillis die im Jahr 1836 mit vielen Kosten erbaute gedeckte Brücke, obwohl sie noch unlängst mit Wuhren geschützt worden war, fortgetragen, die Handelsstrasse vielfach beschädigt, die Wiesen überschwemmt.

Das erste menschliche Kunstwerk, auf welches der Hinterrhein beim Austritt aus der Via Mala stösst, ist dermalen die im Laufe dieses Jahres von dem Kanton neu erbaute, mit zwei grossen Bögen über den wilden Strom setzende prachtvolle steinerne Brücke bei Thusis; die gewaltigen Pfeiler hielten zwar den furchtbaren Angriffen Stand, doch wurde der zu derselben führende, durch die grosse Auffüllungsarbeit sehr kostspielige Damm durchbrochen, und weiter unten die alte hölzerne Brücke (ebenfalls von Thusis nach Sils führend) fortgerissen, auch die Dämme bei Thusis eingebrochen und die dortigen Felder, so weit sie flach liegen, überschwemmt.

Dagegen hat sich das von dem Kanton seit dem Jahre 1834 mit einem Kostenaufwand von mehr als einer Million im Domleschg erstellte Wuhrsystem vortrefflich bewährt und seinen Schöpfern, Hrn. Oberst La Nicca und unserem jetzigen Oberingenieur, Ad. von Salis, ein glänzendes Zeugnis ausgestellt, indem es dem vereinigten Andrang des Rheins und der berüchtigten Nolla bis auf einen nicht sehr erheblichen Einbruch unterhalb Thusis unerschütterlichen Widerstand leistete.

Die bei Thusis in den Rhein sich ergiessende Nolla kam mit solcher Macht, dass sie eine Zeit lang den Rhein aufhielt, den Schutt klafterhoch bis an das jenseitige Rheinufer warf und die gewaltigen Steine (darunter einer von 30 Fuss Länge und entsprechender Dicke) trug. Bei dem Bad Rothenbrunnen (am Ausgang des Domleschg) trat der Rhein, trotz der Dämme, aus den Ufern und setzte die ganze Fläche unter Wasser.

In dem Gebiet des Vorderrheins ist das von einem schlichten Naturvölkchen, einer Kolonie der „freien Valser“ bewohnte, abgelegene Valser Hochthal weitaus am härtesten mitgenommen worden. Ein in das Thalwasser (den Glenner) sich ergiessender Wildbach staute durch das mitgeführte Geschiebe jenes derart, dass die Thalfläche oberhalb sich in einen See verwandelte und als endlich der Durchbruch erfolgte, das ganze Gelände in einer Ausdehnung von zirka 2 1/2 Stunden überschüttet und verwüstet, 8 Häuser und 14 Ställe zerstört, und etwa 20 Gebäulichkeiten derart beschädigt wurden, dass sie dem Einsturz nahe sind.

Auch der Gottesacker wurde von dem entfesselten Elemente schonungslos aufgewühlt und das Beinhaus fortgerissen. Als in Lugnez (in welches das Valser Thal einmündet) Menschengebeine, Särge und Leichname mit dem Strom anlangten, verbreitete sich begreiflich ein furchtbarer Schrecken. In Lugnez selbst konnte der meist in einer tiefen Schlucht laufende Glenner nicht sehr grosses Unglück anrichten; dennoch wurden Brücken und Stege, namentlich diejenige bei dem Bad Peiden und eine neue steinerne bei Oberkastels zerstört, das Gelände des Peidner Bades überschwemmt und die dortigen Gebäulichkeiten in grosse Gefahr gesetzt.

Für diese gezwungene Mässigung rächte sich aber der Glenner bei seinem Austritt aus dem Lugnezer Thal, indem er bei ilanz, wo er sich in den Vorderrhein ergiesst, die kostbaren Dämme zerriss, die Cästriser Rheinbrücke zerstörte und die ganze fruchtbare Thalsohle übergoss.

Weiter oben im Oberland stürzte die schöne Waltensburger Rheinbrücke ein und wurden Disentis und Sedrun von fürchterlichen Rüfen bedroht. In Safien, ebenfalls einem Seitenthale des Vorderrheins, richtete eine Rüfe grosse Verheerungen an und wurden alle Brücken und Stege fortgeschwemmt. Grossen Schaden an Privateigenthum verursachte der Vorderrhein in Reichenau durch Wegschwemmung sehr bedeutender Holz- und Brettervorräthe.

in Chur überflutete zwar der Rhein weithin die Fläche, doch ohne die soliden Dämme, auf deren Erstellung die Stadt zirka Fr. 300’000 verwendete, durchbrechen zu können; dagegen wurde das ungeschützte Gebiet der gegenüber liegenden Gemeinde Haldenstein, so weit es in der Ebene liegt, vom Strome, der sich in demselben ein neues Bett grub, ganz zerrissen.

Weiter unten wurde die Untervazer Rheinbrücke zerstört und das sonst sehr solide Fläscher Wuhr an einer schwachen Stelle durchbrochen und sodann in einer Länge von etwa 400 Metern zerrissen, während das etwa eine Stunde lange Maienfelder Wuhr bis zur Stunde ausgezeichnet Stand hielt. Zu erwähnen ist noch eine grosse Rüfe, welche die Gemeinde Churwalden (an der Julierstrasse oberhalb Chur) in Schrecken setzte und schönen Wiesboden verwüstete.

Obwohl das Engadin und die italienischen Thäler Poschiavo, Bergell und Misox im Ganzen ziemlich verschont geblieben zu sein scheinen, so sollen doch auch in denselben einzelne Wildbäche, so namentlich der Flaz bei Celerina und die Bäche des Beverser und des Campovaster Thales in den letzten Tagen entfesselt gewesen fein; jedoch ist mir Näheres zur Stunde nicht bekannt.

Glücklicher Weise gelang es bisher, einige äusserst bedrohte Rheinbrücken, wie die Tardisbrücke, die Haldensteiner-, Felsberger-, Reichenauer- und Ilanzerbrücken, zu erhalten. Aber auch so ist der Schaden, welcher unsere ohnehin äusserst beengten Kantonsfinanzen, und vielen Gemeinden und Privaten zugefügt wurde, beträchtlich. Solche Katastrophen sind für ein armes Land, das seine kargen Hülfsmittel in einem unausgesetzten Kampf mit den Naturgewalten aufzehren muss, doppelt entmuthigend und machen sich auf Jahrzehnte hinaus fühlbar. (…)

der Bericht in e-newspaperarchives

Neue Zürcher Zeitung, Nummer 279, 8. Oktober 1868

Die Wasserverheerungen von Graubünden und St. Gallen. (Bericht unseres Spezialkorrespondenten.) i. Die Unglücksposten, die gegen Ende der letzten Woche aus St. Gallen, Graubünden, Tessin und Wallis einliefen, sind leider nur zu wahr gewesen. Mit Unrecht hoffte man da und dort, der erste Schreck, die Ratlosigkeit in den ersten entsetzlichen Augenblicken habe die Ueberschwemmungsnoth namentlich in ihren Folgen für die Zukunft verhängnisvoller geschildert, als sie in Wirklichkeit sei.

Die Berichte, die wir bis jetzt über die Verheerungen hatten, sind von der grauenvollen Wahrheit noch überholt worden, seit die Schreckenstage vom 27. und 28. Sept. sich in den betroffenen Thalschaften letzten Samstag und Montag in Folge der abermaligen Wolkenbrüche erneuert und das grausige Zerstörungswerk da noch vollendet haben, wo die Hoffnungen der unglücklichen Bewohner sich wieder zu beleben anfingen.

Ende voriger Woche standen die Quellflüsse des Rheins wieder auf der gleichen Höhe, wie ein paar Tage vorher, ja zum Theil noch höher. Eine jener Katastrophen, welche die kühnsten Werke der Menschenhand wie Halme zerknickt, hat einen Theil unserer Miteidgenossen heimgesucht. Die entsetzliche Grösse des Unglücks lässt sich noch gar nicht überschauen, da die Verbindungen zwischen den einzelnen Thalschaften theilweise abgeschnitten sind.

Noch nie hatten die Bewohner des Hochgebirges so sehnlich auf den Schneefall gewartet, der glücklicherweise am letzten Montag eingetreten ist, doch kämpfte immer noch der tückische Föhn um die Herrschaft. Seit Wochen erweichte er die Firnen der Gotthards- und Rheinwaldgebirge, so dass die Regengüsse vielorts mächtige Eisblöcke in die tiefern Lagen führten.

In schauriger Weise haben die Ueberschwemmungen das sonst so liebliche, viel bewunderte Thal von Chur bis Ragatz, sowie das oft schon so schwer betroffene St. Gallische Rheinthal heimgesucht. Man ist allgemein der Ansicht, dass die Flut dieses Jahres weit mächtiger gewesen sei, als diejenige von 1817 und 1834. Viele wollen in dem seltsamen Spiel des Zufalls, dass die Unglücksjahre allemal Doppelzahlen (17, 34, 68) sind, eine schwache Hoffnung auf nicht so baldige Wiederholung der Katastrophe bauen, denn die nächste Jahrzahl wäre 1936. Bis dahin sollte allerdings das Rheinwerk, das in seinen momentan vollendeten Theilen auch dem höchsten Anprall der Wogen widerstand, längst vollendet und das Thal seinem Verderben entrissen sein.

Doch berichten wir über die Ereignisse der traurigen Woche, namentlich aber über die augenblickliche Lage der Dinge. Obgleich der Rhein und seine gewaltsam über die Dämme gebrochenen Arme am Montag Morgen (5. Okt.) als wir auf der Unglücksstelle eintrafen, um mindestens drei Fuss gefallen waren, breitete sich gleich oberhalb der Station Mels ein See aus, der in der Mitte eine so starke Strömung zeigte, dass man den eigentlichen Rhein vor sich zu haben glaubte. Dieses Gewässer bedrohte jene Wasserscheide zwischen dem Rhein und dem Seezthale, deren gewaltsamer Durchbruch schon oft den Glarnern und Zürchern prophezeit worden ist; aber glücklicher Weise fliesst auch dieses Mal noch die trübe Flut in der Stärke eines Fabrikkanals wieder in den Rhein zurück.

Dass ein Dammbruch unterhalb Fläsch uns den Rheinstrom einmal in seiner ganzen schaurigen Majestãt nach Zürich bringen könnte, kann man kaum mehr bezweifeln, nachdem man das Resultat des jetzigen Dammbruches gesehen hat.

Es ist Montag Mittags. Die Station Sargans erhebt sich, wie viele andere Häuser, als insel aus der weiten schwarzgrauen Flut, die überall beim Zurückweichen eine oft mehrere Fuss hohe Schlammschicht zurücklässt. Um die Station Sargans kreist ein einsamer Schiffer in einem Kahn; auf dem Bahndamm, der nur wenig über dem Wasser emporragt, führt die ächzende Lokomotive Material herbei, um den durchbrochenen Damm wieder herzustellen.

Wir fahren von Mels mit einem Fuhrwerk nach Ragatz; zweimal gehen die Pferde auf der Strasse fast bis an den Bauch im Wasser. in der Nähe der Wirthschaft zum Freihof hat die zweite Flut vom letzten Freitag den Eisenbahndamm durchbrochen und die Strasse ein paar Fuss hoch überwogt. Nur ungerne bequemen sich die Rosse, den tief in Schlamm versinkenden Wagen durch das kalte Bad zu ziehen. Aber welch‘ einen Anblick bietet uns die Umgebung des Bahnhofes Ragatz. Um das Feld der Zerstörung von seinen Anfängen an zu überschauen, gehen wir auf dem Schienengeleise den Damm entlang, der dem Rheine zuführt.

Plötzlich ein jäher Absturz. Vom zerrissenen Eisenweg hängt noch ein langes Stück Schwellen und Schienen in die Tiefe. Wir stehen vor dem grossen Einbruch des Rheins. Eine Kluft von 400 Fuss trennt uns von der prächtigen Eisenbahn-Rheinbrücke, an deren unentweglichen, erst kürzlich vollendeten runden Eisenpfeilern die schwarzen Wogen brausend zerschellen.

Da ist der Ursprung des grossen Unglücks für Ragatz und Sargans. Vor zehn Tagen noch schützte ein mächtiger, von der Eisenbahnbrücke aus stromaufwärts gehender Damm, der mit dem Eisenbahnwall etwa einen rechten Winkel bildet, das tiefer liegende Land vor den Wassern des Rheines und der Tamina. Die letztere verhielt sich vor zehn Tagen ziemlich ruhig; erst die Regengüsse der letzten Tage schwellten sie so mächtig, dass sie ihr Bett grösstentheils verliess und sich zum Theil durch die Weingärten von Ragatz einen neuen Weg bahnte.

Die Wogen des Rheins dagegen gingen schon bei der ersten Ueberschwemmung so hoch, dass man bald den Einbruch des Dammes befürchtete; doch liess der Strom noch Hoffnung. Er goss sich zuerst oberhalb in die weiten, oft schon überschwemmten Streuriedter zwischen der Mayenfelder Bahnlinie und dem Pirminsberg, überflutete und unterfrass den Bahnkörper das „Hinterwasser“ staute bis Mayenfeld, wo übermenschlich gearbeitet wurde, und zwar mit Erfolg.

Mayenfeld ist fast gar nicht betroffen, während Fläsch grosses Unglück hereinbrechen sah. Der seit sechs Jahren fortgeführte überaus kostspielige Wuhrbau, der die schönen Gemeindegüter und die untern Weingärten schützen sollte, wich dem furchtbaren Andrang des Wassers mit demselben sahen die unglücklichen Dorfbewohner das Werk vieler Jahre und die reichsten Triften ihres Gemeindebannes vernichtet.

Montags um 8 Uhr Morgens überflutete der Rhein auch den erwähnten Damm bei der Eisenbahnbrücke, brach denselben etwa 100 oberhalb der letztern und nun goss sich der Strom längs des Bahndammes gegen die äussersten Häuser des Dorfes Ragaz hin. Die Fundamente dieser Gebäude wurden augenblicklich total unterwühlt; Gartenpavillons, gedeckte Kegelbahnen, der grosse Platz vor dem Bahngebäude, Alles wurde unterfressen, stürzte zusammen oder droht den Einsturz, während wie durch eine seltsame ironie des Schicksals eine armselige Bretterhütte, dicht am Damm, ohne Schaden die Wogen über sich hinwälzen liess.

Ein paar hundert Fuss von der Brücke befand sich am Bahndamm ein steinerner Durchlass mit darüberliegendem Eisengitter. Hier brach sich nach wenig Stunden das entfesselte Element eine Gasse. Der ganze mãchtige Damm ist wie weggefegt. Wo er stand, hat sich der ausgebrochene Rheinarm ein Rinnsal geschaffen, das am Dienstag (5.) noch 8 Fuss tief und mindestens so breit war, wie die Sihl bei Zürich.

Mit dem zweiten Durchbruch durch den Eisenbahndamm waren zwar die bedrohten Häuser von Ragaz gerettet; aber die ganze Ebene bis gegen Mels, jene stundenlangen Mais- und Kartoffelfelder, vor wenigen Wochen noch die segenverheissenden Zeugen der Fruchtbarkeit des Jahres, wurden mehrere Fuss unter Wasser gesetzt und sind durch die erneuerten Güsse vom 1. Okt. an auch in der Flut geblieben, natürlich grösstentheils ruinirt.

Glücklicherweise waren die Gerüchte über die Zerstörung der untern Tardis- und der Haldensteinerbrücke nur theilweise begründet. Die erstere kam um einen Pfeiler und hat sich in Folge dessen bedeutend gesenkt; doch kann sie ohne Gefahr beschritten werden. Die Brücke von Haldenstein ist dem Verderben auf Kosten der unglücklichen Gemeinde entgangen. Das Wuhr brach oberhalb derselben, so dass die Flut sich theilte; die zerstörende Partie derselben strömte durch die Güter und nahm alles Erdreich mit. Diese Gemeinde ist ebenfalls ungemein schwer betroffen. Dem furchtbaren Kampf der Elemente gegenüber war die menschliche Kraftanstrengung allerdings meistentheils ohnmächtig; das Wasser ist ein ganz anderer, viel schrecklicherer, viel heimtückischerer Feind als das Feuer siegesgewiss braust es daher und begräbt die Arbeit eines Menschenalters im Nu.

Nicht Jeder hat in solchen Augenblicken das Zeug in sich, über der allgemeinen Kalamität die eigenen interessen hintanzusetzen, zu opfern, Todesgefahr nicht zu scheuen. Doch weisen auch diese furchtbaren Unglückstage Beispiele heroischen Muthes, kühner Todesverachtung und unsäglicher Anstrengung in Menge auf. Es war keine leichte Aufgabe, sich Sonntags mit einem elenden Nachen in die gewaltige Flut zu wagen, um das Seil für eine schwanke Nothfähre über den Strom zu bringen; es war keine Kleinigkeit, noch beim Hochwasser die gebrochene Telegraphenleitung wieder herzustellen es ist auch nicht gering zu achten, wie die Hülfskorps aller Gemeinden des Sarganserlandes an der Wiederherstellung des Wuhres arbeiten.

Vielleicht ist aber das Schwierigste des ganzen momentanen Hülfswerkes, auseinandergehende Interessen durch persönliches Beispiel zu einigen, und diese Aufgabe scheint Hr. Direktor Simon bis zur Stunde mit Glück gelöst zu haben.

Was die andern bündnerischen Thäler betrifft, so bestätigt das in ilanz erscheinende romanische Blatt die grauenhaften Mittheilungen über das Unglück in Vals insoweit, als dieselben die Zerstörung des Kirchhofs und einer Anzahl Häuser betrafen. Da der Glenner die Kommunikation von ilanz her unmöglich machte, musste der Abgeordnete der Regierung von Bünden, Hr. Regierungsrath Franz von Mayenfeld, beim fürchterlichsten Wetter über Rheinwald und den Valserberg hinten in’s Thal hereinzukommen suchen. Die Verwüstungen zwischen Truns und Ilanz sind hauptsächtlich durch Rüfenen veranlasst worden.

Das Prättigau blieb trotz seiner wilden Landquart gnädig verschont; doch blickten die Bewohner ängstlich zu den umnachteten Bergspitzen empor und mögen wie alle Andern Gott gedankt haben, als der helle Dienstag Morgen alle Gipfel im frisch gefallenen Schnee erglänzen liess. Endlich scheint die Gefahr vorüber zu sein.

Unsäglich traurig sieht es im Rheinthal und im Lichtensteinischen aus. Viele tausend Fuss des Bahnkörpers sind verschwunden und arg geschädigt, stundenweite Strecken momentan noch überflutet; wir werden darüber im zweiten Bericht Genaueres bringen. Hier, wo ganze Dörfer seit zehn Tagen im Wasser stehen, sind manche Menschenleben verloren gegangen, die Mutigsten von dumpfer Verzweiflung ergriffen. Die Bahngesellschaft, die Gemeinden, der Staat, die Privaten All sind in unerhörter Weise heimgesucht. Möge die alte eidgenössische Bruderliebe sie trösten! “

der Bericht in e-newspaperarchives

Intelligenzblatt für die Stadt Bern, 9. Oktober 1868

Glarus. Auch aus diesem Kanton wird von Zerstörungen durch Bergströme gemeldet. Am Samstag Morgen war die Linth zu einer bedenklichen Höhe angewachsen und man fing im Lintthal an, Tannen zu hauen und an den beschädigten Wuhrungen in die Strömung zu hängen.

Es wurden durch den übertretenden Strom später zwei Grundstücke überschwemmt und mit Steinen hoch überdeckt. Am höchsten war der Fluss von 3—5 Uhr Abends. Ganze Strecken Wuhrungen wurden weggerissen und fortgespült. Am fürchterlichsten heulte der wilde Durnagelbach aus seinen Schwarzen Schlünden hervor.

der Bericht in e-newspaperarchives

Weitere Medienberichte

  • Graubünden. Hochwasser. Bündner Tagblatt, 29. September 1868. download
  • Bündner Tagblatt, Mittwoch, 30. September 1868, Nr 230 download
  • Bündner Tagblatt, Donnerstag, 1. Oktober 1868, Nr 231 download

> Bündner Tagblatt, Freitag, 2. Oktober 1868, Nr 232 download

> Bündner Tagblatt, Samstag, 3. Oktober 1868, Nr 233 download

Letzte Bearbeitung: 16.12.2025, markus weidmann

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