

Das Unwetter in der Chronik der Unwetterschäden in der Schweiz
Gerhard Röthlisberger schreibt in seiner „Chronik der Unwetterschäden in der Schweiz“:
Bedeutende Hochwasser in 14 Kantonen infolge Gewitter und ununterbrochenen Regenfällen. Wasserschäden meldeten unter anderem die Kantone
- Obwalden (Kleine Schliere, Giswiler Laui)
- Luzern (Reuss, Emme)
- Graubünden (Moesa, Maira, Albula, Inn, Nolla),
- Thurgau (Thur, Sitter)
- Zürich (Sihl, Töss).
Quelle
Röthlisberger, Gerhard: Chronik der Unwetterschäden in der Schweiz. Berichte der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft, Nr. 330, 1991.
Medienberichte
St. Galler Zeitung, 31. Juli 1874


Neue Zürcher Zeitung, Nummer 385, 1. August 1874 Ausgabe 02
Ueber die in Folge der letzten Regengüsse eingetretene Wassergrösse erhalten wir noch folgende Mittheilungen: Der „Anzeiger von Horgen“ schreibt: In Adlisweil grosser Wassernothstand, wie seit 1846 nicht mehr. Morgens früh 3 Uhr ertönten die Hülfrufe und sank der hölzerne Steg in die schlammigen Wogen der reissenden Sihl. In der Mühle musste geflöchnet werden und 1/2 Fuss hoch lag das Wasser über dem zwischen der Sihl und dem Kanal neu angelegten Garten. In die fruchtbaren Aecker im Sood ergoss sich die wilde Sihl stromesbreit, drang in die zunächst liegenden Häuser, dieselben stark unter Wasser setzend.
Aber wie man Morgens auf eine Abnahme des Wasserstandes hoffte, hob sich derselbe um 9 Uhr mit Blitzesschnelle zu unerhörter Höhe und riss selbst den massiv eisernen Steg bei der Seidenstoffweberei mit sich fort, wobei 2 Männer den Tod fanden: ein Familienvater, Wagner Huber, und ein zweiter Bewohner im Soodhof. Ebenso schlimm sieht es in Langnau und im obern Sihlwald aus. Die Häuser nächst der Sihlbrücke stehen ebenfalls unter Wasser.
Nordostbahn, 1. August, Vorm. Die Bahnstrecke Bürglen – Sulgen steht zum Theil noch immer unter Wasser und daher ist ein ganz sicheres Urtheil, welche Zeit ihre Wiederinstandsetzung beanspruchen wird, noch nicht möglich. Doch scheinen die eingetretenen Beschädigungen nicht sehr bedeutend, und man hofft, nächsten Montag die ganze Linie Winterthur-Romanshorn für Personen und Güter wieder dem Betrieb übergeben zu können. Die Linie Winterthur-St. Gallen-Rorschach, welche bei Bruggen unterbrochen worden ist, soll heute Nachmittag wieder in durchgehenden Betrieb kommen. (Siehe jedoch Neuestes.) Da die Bündner Blätter, die uns heute (Samstag) zugekommen sind, keine Silbe über Wasserverheerungen in den Bündner Bergthälern und im Rheinthal enthalten, so ist wohl anzunehmen, dass dieselben diessmal ziemlich verschont geblieben sind.
Appenzell. Auch aus dem Kt. Appenzell kommen Berichte über Verheerungen durch die Gewässer und durch Erdschlipfe, die eine Folge des anhaltenden Regens waren. So ist die Strasse von Schwellbrunn nach Herisau durch einen Erdrutsch verschüttet, so dass die Post ihren Weg über Waldstatt nehmen musste. Aber auch die Strasse Waldstatt-Herisau ist nach der „Appenz. Ztg.“ durch einen Erdschlipf so demolirt, dass sie selbst für Fussgänger nicht mehr gangbar ist und nur die untere Strasse, der Einlenker in die Mittellandstrasse benutzt werden kann. Einem Hause am Stoss ist auf der Hinterseite das Treppengehäuse eingedrückt, in Urnäsch wurde Morgens 3 Uhr ein kleiner Stadel weggerissen, Menschen und Vieh konnten jedoch gerettet werden. Die Strasse /Teufen-St. Gallen soll unterbrochen und der Bahnverkehr auf der Linie Winkeln-Herisau durch einen Dammbruch gestört sein.
St. Gallen. Die Steinach ist zu bedrohlicher Wassermasse gelangt und der Weg, den sie nimmt, ist durch Verwüstungen aller Art gekennzeichnet. Luzern. Laut einer Korrespondenz des „Vaterland“ hat die Emme die gedeckte Brücke bei Thorenberg weggerissen und der Fabrik der Herren Gebr. v. Moos in der Emmenweid grossen Schaden zugefügt. Hinter der Emmenbrücke durchbrach die Emme an mehreren Stellen die Wuhren, floss über beide Ufer, überschwemmte das Emmenfeld bis an die Wirthschaft zum „Emmenbaum“ und auf der entgegengesetzten Seite die Strasse nach Malters, sowie die der Reuss zu liegenden Felder.
der Bericht in e-newspaperarchives
St. Galler Zeitung, 1. August 1874
St. Gallen. Die Spuren der gestrigen Ueberschwemmung verlieren sich allmälig, wenigstens in der Stadt. Den ganzen gestrigen Tag waren Saugspritzen thätig, die mit Wasser gefüllten Keller zu entleeren. Die Steinach ist zurückgetreten und der Erdschlipf in der Nähe der Stadt gegen Bruggen hin, durch welchen der Bahnbetrieb einige Zeit gestört war, ist beseitigt, Ein Theil der Speiservorstadt— die Erdschlipfe beim Felsenkeller, bei Dreilinden und in St. Georgen, die mehrere Jucharten guten Wieslandes verwüsteten, Strassen unwegsam machten und Häuser demolierten, bieten noch immer einen trostlosen Anblick. Wahrhaft betrübend lauten die Berichte aus andern Kantonstheilen; so schreibt der „Toggenburger Bote“:
Die Extreme berühren sich! Den auströcknenden Julitagen folgte zum schlimmen Schlusse eine förmliche Schleusenöffnung in den himmlischen Wasserbehältern. Letzten Donnerstag fiel ununterbrochen!! sehr dichter Regen, so dass gegen Abend alle Bäche drohend angeschwollen waren. Die Thur ging schon bedenklich hoch; doch liess die gesunkene Temperatur auf baldige Verminderung des Wassergusses schliessen. Beinahe plötzlich stieg Donnerstag Abend das Thermometer bei fortdauerndem Schnurregen; an Schneefall in den Höhen konnte nicht gedacht werden.
Schon um 11 Uhr Abends war eine Uferübertretung bei der Brücke in Wattwyl bemerkbar: von Minute zu Minute schwoll der Strom an, so dass Freitag Morgen um zwei Uhr das tiefer liegende Thurgelände von oberhalb der Wies bis Lichtensteig stellenweise Fuss hoch unter Wasser geriet. Das Vieh musste aus den Ställen geflüchtet werden. Bei Wattwyl fand ein Dammbruch statt, durch den die Wassermenge mit unwiderstehlicher Gewalt sich bahn schaffte. Die zunächst stehenden Häuser im Unterdorf stunden an drei Fuss tief im Wasser. Der Garten des Hrn. Raschle ist arg demolirt; einsam, seiner schönen Blüthengefährten beraubt, die theilweise entwurzelt umherliegen, sendet der Springbrunnen den unter sothanen Umständen überflüssigen Strahl gen Himmel.
Auch der Strassendamm ist zirka 20 Fuss weit eingebrochen. Hrn. Färber Heberlin ennet der Brücke riss der Strom an die 40 Klafter Buchholz mit sich fort. Am Tiefsten steht die Ueberschwemmung wohl im untern Bundt, wo man Morgens 3 Uhr aus einem Stalle das Vieh — schon bis an die Knie im Wasser stehend — flüchten musste. Einige in den untern Räumen eines tiefer stehenden Hauses befindliche Stickstühle wurden durch das Wasser stark beschädigt. Die industriellen Etablissements an der Wies bei Lichtensteig, im Hof und im Soor bei Bütschwyl müssen zur Stunde feiern.
Auch die Säge bei der Stadtbrücke in Lichtensteig erlitt einen Mauerbruch, während die uralte Brücke, als Zeugnis wie die Alten gebaut, auch diesem Sturm getrotzt hat. — Von Nesslau kommt die Nachricht von verschiedenen Erdschlipfen. Auch im Nekerthal sind viele der schönsten Wiesen überschwemmt und Stege weggerissen worden.
Der erste Morgenzug ab Ebnat musste unterbleiben und das Betriebspersonal fuhr in einer Droschke nach Lichtensteig, um von dort aus den um 10 Uhr 9 Minuten hier abfahrenden Zug zu bedienen. Die Strecke Lichtensteig-Wattwyl ist in Folge Dammunterspülung im Rothenbach zur Stunde nicht fahrbar. Ob weitere Beschädigungen an dem Bahnkörper geschehen, wird erst nach Ablauf der gegenwärtig ( Vormittag 11 Uhr ) schon um mehrere Fuss gesunkenen Wassermenge erhärtet und ebenso der Schaden, der jedenfalls sehr bedeutend ist, nach Einzug der Detailberichte fixlrt werden können.
Leider müssen wir heute schon den Verlust eines Menschenlebens beklagen. Heute Mittag wurde in der obern Au bei Lichtensteig ein zirka 11 Jahre alter Knabe todt aus den Fluthen gezogen. Derselbe trägt ein Hemd auf blossem Leibe. Der Verunglückte soll ein Jakob Weber, bürgerlich von Watwil, sein.
Aus dem Seebezirk und Gaster schreibt das „Wochenblatt“: Gaster. In Folge der Regengüsse vom letzten Donnerstag sind mehrere Bäche ausgetreten und haben bedeutenden Schaden verursacht. Zwischen Uznach und Schänis wurde an zwei Stellen die Eisenbahnlinie beschädigt und dadurch der Verkehr gehemmt. Man meintet auch Hiobsposten. aus dem Rheinthal.
Jona. Die seit Jahren ganz zahm geschienene Jona ist letzten Donnerstag Nachts furchtbar angeschwollen. Freitag Morgens 3 Uhr rief die Sturmglocke die Einwohnerschaft zu Hülfe, indem der zum Strom gewordene Bach an verschiedenen Orten über die Ufer getreten war, die Felder überschwemmte und mehreren Häusern Gefahr drohte. Sämmtliche hölzerne Stege wurden weggeschwemmt und auch die Eisenbrücke an der neuen Gemeindestrasse vermochte dem Anprall der Wogen nicht zu widerstehen; sie sank in die Fluthen, wodurch dieselbe gestaut wurden, das ganze Heimwesen eines am Bahndamm wohnenden Hüppe überschwemmten und nebst einem bedeutenden Stück Land desselben zirka 20 Fuss der neuen Strasse wegrissen. Der rastlosen Arbeit der Hülfsmannschaft, welche durch eingehängte Tannen etc. den daher stürmenden Fluthen wehrte, ist es zu danken, dass der Schaden nicht grösser und namentlich das Haus des Genannten, wo die Kinder aus den Fenstern geflüchtet werden mussten, gerettet wurde.
Weiter unten, in der Langrüti und im Blaubrunnen, ist die Jona an verschiedenen Orten ausgetreten und hat Felder und Wiesen überschwemmt und mit Kies überführt. Die beiden Fabrikwuhren der Herren Brändlin und Hürlimann wurden radikal weggerissen. Der Schaden, so weit er bis jetzt zu beurtheilen, wird über Fr. 100’000 betragen. Glücklicherweise ist die gedeckte Brücke in Jona letztes Jahr neu fundamentirt worden, sonst wäre wahrscheinlich auch sie zum Opfer gefallen. Seit Menschengedenken ist die Jona nicht so hochgegangen.
Aus Rheineck berichtet der „ Allg. Anz.“: Durch die heftigen und anhaltenden Regengüsse des 30. Juli und der darauf folgenden Nacht haben wir heute förmliche Weier in und um unser Städtchen. In einzelnen Kellern steht das Wasser fusshoch und bei manchen Wohungen mussten Dämme aufgeführt werden, um dem Eindringen des Wassers in die Parterre-Räumlichkeiten ein Ziel zu stecken. Mehrere Verbindungswege und Zugänge zu Wohnungen mussten durch Uebrückungen gangbar gemacht werden. Der Rhein ist bedeutend gestiegen und ein Sinken desselben noch nicht bemerkbar.
Ragaz. Durch das einige Tage anhaltende Regenwetter schwoll die Tamina zum reissenden Strome an und erreichte die Höhe von 1868. Wildschäumend und viel Geschiebe mit sich bringend, wälzen sich die trüben Fluthen dahin. Mit donnerähnlichem Getöse brechen sich Kolosse von Steinen Bahn — ein wundervolles Naturschauspiel — wenn nur ohne Schaden!
Leider ist der Weg nach dem Bade Pfäfers an mehreren Stellen eine Beute des wildentfesselten Elementes geworden, ebenso theilweise die Thermalwasser- und Telegraphenleitung. Durch das energische und einsichtsvolle Eingreifen von Herrn Direktor Simon und rastlose Ausdauer der Masse von Arbeitern ist der Weg bereits wieder hergestellt und die Spuren der Verwüstung getilgt. Durch den Unterbruch der Leitung waren die Kurgäste genöthigt, als „ Badende“ kurzen Strike zu machen. Nun aber fliesst die Ouelle wieder rein und klar, so dass die Bäder benutzt werden können und das Kurleben seinen regelmässigen Fortgang nimmt. Hoffentlich wird Jupiter pluvius uns während der höchsten Saison mit derartigen Neckereien verschonen, wir wüssten ihm sonst wahrlich wenig Dank-
Eisenbahnunterbrechungen. Der Eisenbahnverkehr ist von Sulgen bis Felben unterbrochen und daher die Beförderung von Personen und Gütern über diese Bahnstrecke für einstweilen eingestellt.
Appenzell. Auch im Appenzeller Lande hat das entfesselte Element fürchterlich gehaust. Erdschlipfe sind im Stromgebiete der Sitter die Unzahl niedergegangen; fruchtbare Matten wurden auf Jahre hinaus verwüstet. Auch Häuser und Ställe sind der Ueberschwemmung zum Opfer gefallen und in der Sitter will man ertränktes Vieh einhertreiben gesehen haben.
Bern. Auch aus Bern werden Überschwemmungen gemeldet. Die Stadt Bern selbst hat beträchtlichen Schaden genommen.
der Bericht in e-newspaperarchives
Die Ostschweiz, 2. August 1874
(…) Soeben erhalten wir noch nähere Mittheilungen von Urnäsch. Jener Stadel, von dem oben die Rede ist, ist total verschlipft; die drei Kühe jedoch, die darin waren, sind unversehrt davon gekommen. Das an den Stadel gebaute Haus wurde von dem Andrange der herabstürzenden Erdmasse erdrückt und so demolirt, dass es völlig unbewohnbar ist. Der Ofen ist in den Keller hinuntergestürzt. Es war Morgens nach 3 Uhr, als die Katastrophe hereinbrach. Man kann sich den Schrecken der Bewohner denken. Mit Noth konnten sie dem drohenden Tode entfliehen.
Die Liegenschaft befindet sich nördlich vom Dorf „ im obern Feld”; ihr Besitzer ist Konrad Altherr. In der Nähe dieser Liegenschaft, an derselben Berg-Halde, ging ein anderer gewaltiger Schlipf, der sich über 4 Liegenschaften erstreckt.
In der „ Zürchersmühle“ (jetziger Besitzer Herr Tschudi) hat die Urnäsch das Wuhr weggerissen, und eine unweit davon stehende Säge entrann mit knapper Noth dem gleichen Schicksal.
In der Umgebung der Stadt St. Gallen gab es zahlreiche, zum Theil sehr bedeutende Erdschlipfe, so beim Felsenkeller, am Freudenberg, beim Gute von Oberst Bruderer. In der Speiservorstadt wurde ein Häuschen zertrümmert und die Bewohner mussten sich durch die Fenster flüchten. Die Vorstadt bildete einen See, desgleichen standen die Strasse von St. Leonhard und die Poststrasse längere Zeit einige Fuss tief unter Wasser. Den ganzen Tag arbeiteten die Pumpen, um das Wasser aus den Kellern und untern Räumen zu schöpfen. In St. Georgen wurde ein Stall demolirt und 2 Kühe giengen in demselben zu Grunde.
Thur und Sitter haben zahlreiche Verheerungen angerichtet, ebenso die Tamina und die Steinach; der Rhein blieb glücklicherweise in seinen Schranken gebannt.
Die obere Brücke bei Schönenwegen wurde weggerissen, desgleichen viele Stege; von der dortigen Papiermühle die Remise sammt einer Chaise fortgeschwemmt; die Etablissements von Lafont haben schwer gelitten.
Ein starker Erdschlipf zwischen Bruggen und St. Gallen hat den Eisenbahnverkehr für kurze Zeit gehemmt, es wurde die ganze Nacht zur Beseitigung der Hemmnisse gearbeitet.
Die Thur hat schon im Toggenburg arg gehaust, die Umgebung von Niederbüren überschwemmt.
Im Thurgau wurde der Verkehr von Bischofszell bis Müllheim gehemmt, und die Nordostbahn hat sehr grossen Schaden gelitten. Das Tagblatt enthält ein Telegramm, nach welchem die Brücke beim Weissbad weggerissen wurde.
Von der Thur, 31. Juli. ( Korresp. ) Verwichene Nacht trat die Thur an verschiedenen Stellen in Folge des anhaltenden Regens über ihre Ufer. Der „ Bundt, d. h. die Wiesen zwischen Lichtensteig und Wattwyl gleichen einem See. Das Räderwerk in den Fabriken des Hrn Näf bei der Stadtbruck und des Hrn. Stähle bei Loretto steht stille. Der erste Zug von Ebnat – Wyl ist ausgeblieben; wahrscheinlich liegt ein Theil der Eisenbahnlinie zwischen Wattwyl und Ebnat unter Wasser.
Seit 1846 soll der Wasserstand der Thur kein so hoher gewesen sein, als dies jetzt der Fall ist. Eine alte Unglücksprophezeiung sagt: „ Kappel muss verbrennen, Wattwyl vertrinken, Lichtensteig verschlipfen.“ Bekanntlich ist der erste Theil dieser Weissagung leider im Jahre 1854 in Erfüllung gegangen. Heute Vormittag fängt der Wasserstand an zu sinken. Leider dauert der Regen zur Stunde noch an.
Von der Thur, 31. Juli. ( Korresp. ) Diesen Morgen früh ist die Thur zwischen Ober- und Niederbüren ausgetreten und hat arge Verwüstungen angerichtet. Auch bei Bischofszell ist sie über die Ufer getreten und hat auf einige Zeit die Strasse unfahrbar gemacht, so dass die Wyler Post eine gute Stunde verspätet nach Niederhelfenswyl gelangte. Man sagt, dass seit 1847 keine Überschwemmung der Thur an solcher Ausdehnung stattgefunden habe. Noch traurigere Berichte gehen von Sitterdorf, Weinfelden und anderen Orten ein.
Thurgau. Die „ Thurg. Ztg.“ schreibt: Aus verschiedenen Gegenden des Kantons gehen uns Nachrichten über das Austreten der Thur zu. So z. B. wird aus Bischofszell telegraphirt, dass der Wasserstand demjenigen von 1846 gleichkomme. Spezielles wird nicht beigefügt. Von Bürglen aus wird uns mitgetheilt, dass der Wasserstand eher noch höher sei, als derjenige von 1846. Die Landstrasse Sulgen-Kradolf, sowie die Eisenbahnstrecke Sulgen-Bürglen stehen theilweise unter Wasser; letztere ist so beschädigt, dass der Verkehr momentan gestört ist; ebenso
sind die Landstrasse in Bürglen und die dortige Bahnlinie unter Wasser gesetzt.
Ein Telegramm ans Weinfelden lautet: „ Das Wasser steigt immer noch. Der Thurdamm bei Sangen überfluthet. Die Gebäulichkeiten in Sangen stehen unter Wasser. — Die Ueberfluthung scheint sich bis Felben auszudehnen. — Frauenfeld, 31. Juli, 8 1 / 2 Uhr Vormittags. Auch bei Müllheim ist zwischen der Thurbrücke und dem Stationsgebäude der Eisenbahndamm durch Austritt der Thur beschädigt und soll die Beschädigung zunehmen, das Befahren der Strecke ist gefährlich.
Graubünden. Der „ N. Z. Ztg.“ wird geschrieben: Maienfeld, 31. Juli, Morgens 7 Uhr. Aus der Schützenschule Luziensteig. Kolossale Ueberschwemmung. Alle Bergbäche sind ausgebrochen. Die Offiziers- und Soldatenkantinen sind fünf Fuss unter Wasser, ebenso die unteren Kassematten der Mannschaft. Der Wall musste zum Abfluss des Wassers durchbrochen werden. Die Verbindung ist nur per Floss oder über ein Dach möglich.
der Bericht in e-newspaperarchives
St. Galler Zeitung, 3. August 1874
(…) Appenzell A Rh. Ueber die Wassersnoth in Appenzell berichtet die „ Appenzeller Ztg.“ vom 31. Juli: Letzte Nacht ergoss sich der Regen unaufhörlich in Strömen und schwellte alle Gräben und Wässerlein an den Halden dergestalt an, dass vielerorts bedeutender und im Ganzen grosser Schaden entstanden, ja hie und da Schrecken und Noth eingetreten ist.
Die Schwellbrunner Post musste heute Morgen den Weg über Waldstadt nehmen, weil die direkte Strasse nach Herisau verschlipft ist. Aber auch die Strasse Waldstadt-Herisau ist am Stoss durch einen Erdrutsch so demolirt, dass sie selbst für Fussgänger nicht mehr passirbar ist und nur die untere Strasse, der Einlenker in die Mittellandstrasse, benutzt werden kann. Einem Hause an genannter Stelle am Stoss wurde auf der Hinterseite das Treppengehäuse eingedrückt; die Bewohner zogen aus.
Am jenseitigen Abhange kam vom Tätschenberg herunter ein gewaltiger Erdschlipf, der das Haus bei der Kreuzstrasse an der Mooshalden schwer bedrohte und nicht ohne Schädigung liess. Ueberdies sind an den beiderseitigen Halden längs des Sägenbachthälchens eine Menge Schlipfe gegangen; der tosende Bach trat an manchen Stellen aus und rupfte an seinen Ufern. Die Appenzeller Post, die heute früh in Appenzell abging und um 9 Uhr hier in Herisau hätte ankommen sollen, ist ausgeblieben; zwischen dem Gontenerbad und Urnäsch soll sie wegen Unfahrbarkeit der Strasse zurückgehalten worden sein. In Urnäsch sei ein kleiner Stadel mit dem darin befindlichen Vieh von einem Erdsturz niedergerissen worden. Im Weissbad grosse Ueberschwemmung.
In Schwellbrunn ist das Wirthshaus des Meister Brugger zum Sonnenberg, herwärts des Dorfes am Strassenrand, ebenfalls durch einen Erdrutsch gräulich demolirt worden, es war dem Einsturz nahe. Wie Schwellbrunn, so hat auch Urnäsch eine Unzahl von Schlipfen, welche die Wieshalden ruiniren und den Futterertrag schmälern. Hier in Herisau ist, wie oben bemerkt, der Sägenstrich am schwersten geschädigt, ein Schlipf reiht sich an den andern. Aber auch an der südlichen Abdachung des Rosenberges gegen das „Thal“ hinunter sieht es bedenklich aus. Oben in der Liegenschaft des Herrn Appreteur Höhener sieht man 6 Schlipfe, und von ihnen zieht sich ein breiter Strom von Schlamm bis auf die Gebäulichkeiten hinunter.
Der nebenan befindliche Scheibenstock der hiesigen neuen Schiessstätte hat von Abrutschungen sehr empfindlich gelitten; ein Theil der Scheiben ist in eine bedenklich schwankende Position gerathen. Beim Zollhäusle an der Mauchlerstrasse, wo die Eisenbahnbaute im Werk ist, soll der Pass gesperrt sein. Auch sonst haben die Wasser diesen Bauten an verschiedenen Punkten Schaden gethan und viele neue Arbeit angerichtet. Die vielen Auffüllungen haben durch Abschwemmungen gelitten, die Einschnitte durch Erdbrüche, so namentlich am Frickenrähn, wo ein gewaltiger Abrutsch stattfand. Auf dem Bahnhofplatz ist durch die nach dem frühern Schlipfe erstellten soliden Dohlungen eine Wiederholung jenes Unfalles verhütet, dagegen in Folge der Abgrabungen hart hinter dem Gries ein Stück der Mauer einer Remise eingestürzt. Auch die Strasse Teufen-St. Gallen soll unterbrochen sein. Der Bahnverkehr auf der Linie Winkeln-Herisau ist durch einen Dammbruch gleichfalls gestört. Auch in Urnäsch wurden einige Häuser demolirt.
Wassernoth. Die Berichte der letzten Tage lassen keinen Zweifel mehr aufkommen, dass die Wasserverheerungen den ganzen Kanton mehr oder weniger betroffen haben und den Charakter einer Kalamität annehmen. Der Rhein hielt sich glücklicherweise innert seinen Dämmen aber seine verschiedenen St. Gallischen Zuflüsse und die Wasserläufe des Bündner Unterlandes haben schlimm genug gehaust.
Das Oberland hat durch die Seez und ihre Bäche gelitten; rings um den Wallensee donnerten die Wasser, die sich an schönen Frühlings- und Vorsommertagen wie weisse duftige Schleier um die jähen Abhänge legen, in zerstörender Wuth zu Thale (s. Bericht aus Weesen). Die rechtuferigen Zuflüsse des Linthkanals durchbrachen ihre Dämme, zerstörten die üppigen Matten, deckten sie mit Sand und Gerölle, schädigten die Fabrikgebäude, unterbrachen den Strassen- und Bahnverkehr.
Am Tollsten aber scheinen Thur und Sitter gehaust zu haben, wie sich denn auch die Regenmasse einem stundenlangen anhaltenden Wolkenbrüche ähnlich über die Nordwestabhänge des Säntis und dessen Ausläufer entladen hat. Die Berichte der Toggenburger Blätter haben wir in der letzten Nummer schon gebracht. Und ein Gang längs der Thur über die Gefilde, die vor Kurzem noch die reiche Hoffnung des Landwirthes trugen, bestätigt leider, dass der erste Schrecken nicht übertrieben hat. Eingerissene Dämme und Wuhrungen, zerfressene mit Schutt, Sand und Schlamm bedeckte Wiesen, ertränkte Getreidefelder, entwurzelte Bäume bezeichnen den Weg, den das gefrässige Ungeheuer der Ueberschwemmung genommen. Der Schaden an beschädigten Stegen und Gebäulichkeiten, an weggeschwemmtem Holz ist allein, nicht nach Hunderttausenden zu bemessen. Da und dort wurden todte Kühe und Rinder, noch an die Krippe festgebunden, aus dem allmälig sich verlaufenden Wasser gezogen. Und was das Schlimmste: die Fluthen scheinen auch mehrere Opfer an Menschenleben gefordert zu haben. So sollen, wie man uns erzählt, bei Oberbüren und Züberwangen Leichen aufgefischt worden sein.
Aehnliches lässt sich von der Sitter berichten, nur verlautet bis jetzt noch nichts vom Verlust von Menschenleben. Dass der Thurgau, über den sich die Thur und Sitter mit vereinter Wuth ergossen, wo möglich noch mehr gelitten, ist erklärlich. Ein glücklicher Umstand ist s bei allem Jammer zu nennen, dass die fürchterlichsten Stösse von Thur und Sitter nicht im gleichen Momente eintraten. Die Sitter ging bei Bischofzell Morgens zwischen 4 und 5 Uhr am höchsten; sie drohte Alles, was in ihrem Bereich war, mit sich fort zu reissen, so dass Sturm geläutet wurde
Zwischen 7 und 8 Uhr, als die Sitter schon um 2 Fuss gefallen war, wälzte die Thur wo möglich noch fürchterlichere Wassermengen heran. — Die Steinach liess es nicht bei Demolirung von Weg und Steg bewenden; sie forderte auch noch ein Menschenleben. Ein 12 jähriges Mädchen fiel mit einer unterfressenen Böschung in die tobenden Wasser und konnte erst bei der Einmündung des Flusses in den See als Leiche herausgezogen werden. (…)
Es wird allgemein behauptet, dass die verschiedenen Wasserläufe noch nie, selbst im Jahre 1846, zu so riesiger Grösse angeschwollen, Verderben und Jammer in dem Masse verbreitet hätten wie in den letzten Julitagen.
Wallenstadt. In der Nacht vom 30. auf den 31. Juli stürzte ein fast wolkenbruchartiger Regen aus den schweren Wolkenmassen hernieder, in Folge dessen Bäche und Flüsse, und unter letzteren besonders die Seez so stark angeschwollen, dass sie vielerorts aus den Ufern traten.
Die Seez richtete namentlich durch Austreten in Pflanzackern und Wiesen nicht unbedeutenden Schaden an, indem grosse Strecken mit Schlamm überführt wurden. Es ist verzeihlich, wenn sich die Bodenbesitzer im Rayon des Seezkorrektionsterrains sehr beklagen, dass die Wuhrungen am Seeztal in der Gegend vom Baschgen nicht schon langst erhöht worden sind, indem der Ausbruch des Wassers stets dort stattfindet, und von dort aus die sonst fast trocken gelegten Gräben an- und überfüllt werden und das Land unter Wasser legt. Die Betreffenden werden nicht verfehlen, ihre frühern Reklamationen bei der Seezkorrektionskommission zu erneuern, und hoffen wir auch, dass die Reklamanten gehörige Berücksichtigung finden werden. ( B. am W. )
Weesen. Der kleine Marktflecken Weesen lag in der Nacht vom 30. auf 31. Juli unter der Sündfluth der Verwüstung. Der Bergbach Launbach schwoll zur ungeheuren Höhe an, so dass er im Dorfe nach allen Richtungen austrat. Die Strassen im Dorfe Weesen sind nunmehr Schutthaufen, der Kanal des Baches eine Ruine, sämmtliche Brücken, fünf an der Zahl, weggespült. Auch die Umgebung ist schwer mitgenommen. Erdschlipfe in Massen.
der Bericht in e-newspaperarchives


















Letzte Bearbeitung: 16.12.2025, markus weidmann

