

Auf dieser Seite
- Das Unwetter in der Chronik der Unwetterschäden in der Schweiz
- Elementarschäden und Versicherung
- Medienberichte zum Ereignis
- Das Unwetter im Raum Zuzwil SG, 1876
- Berichte am 13. Juni
- Berichte am 14. Juni
- Berichte am 15. Juni
- Berichte am 16. Juni
- Berichte am 17. Juni
- Berichte am 18. Juni
- Berichte am 20. Juni
- Berichte am 24. Juni
- Ein Gang durch’s Tössthal acht Tage nach der Ueberschwemmung
- Ueber die Ursachen der Wasserverheerungen und die Mittel zur dauernden Abhülfe.
- Aufruf zu Gunsten der Wasserbeschädigten
Das Unwetter in der Chronik der Unwetterschäden in der Schweiz
Gerhard Röthlisberger schreibt in seiner Chronik der Unwetterschäden in der Schweiz:
1876, 10.-15. Juni. Schwere Wasserverheerungen in der Nord- und Ostschweiz mit grösserem territorialem Ausmass als 1868. Ursachen waren langandauernde Landregen und darauf folgende intensive Gewitter auf einen stark vernässten Boden. Der Gesamtschaden betrug über 14 Millionen Franken. Nebst zahlreichen Rutschungen wüteten vor allem folgende Flüsse mit ihren extrem langen Hochwasserspitzen (ohne die zahlreichen sogenannten Dorfbäche speziell zu erwähnen): Rhein, Thur, Sitter, Urnäsch, Murg, Lauche, Töss, Glatt, Reuss, Aare, Emme und Sirs. Insgesamt wurden 13 Kantone betroffen.
Quelle
Quelle: Röthlisberger, Gerhard: Chronik der Unwetterschäden in der Schweiz. Berichte der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft, Nr. 330, 1991. download
Elementarschäden und Versicherung
10.-12. Juni 1876. Gewaltige Wasserschäden in 13 Kantonen. Der Gesamtschaden verteilt sich im Kanton St.Gallen wie folgt:
| Private | Fr. 1’576’829 |
| Korporationen | Fr. 469’727 |
| Staat | Fr. 113’000 |
| Eisenbahnen | Fr. 100’000 |
| Total | Fr. 2’258’956 |
An diesen Schäden partizipierte der Bezirk Wil allein mit Fr. 1’029’860 und das Untertoggenburrg mit Fr. 506’445. Von den Gemeinden wurden am meisten betroffen: Steinach, Thal, Lütisburg, Mogelsberg, Oberuzwil, Henau, Flawil, Bronschhofen, Zuzwil, Oberbüren, Niederbüren, Niederhelfenschwil. (…)
Quellen
- Schriftstücke betreffend die Wasserverheerungen in der Schweiz in den Jahren 1876 und 1877, Bern 1878
- Jahrbuch des Schweizerischen Wasserwirtschaftsverbandes, 1. Jahrgang 1910, Zürich 1911, S.66-68.
> Elementarschäden und Versicherung. Studie des Rückversicherungsverbandes kantonal-schweizerischer Feuewersicherungsanstalten zur Förderung der Elementarschadenversicherungen. I. Band, Bern, 1936.
Literatur
- Allemann: Die Hochwasser vom 11. bis 14. Juni 1876. Zeitschrift: Die Eisenbahn, Band 4 / 5, 1876, Heft 4. download
- Die Hochwasser in der Nord- und Ost-Schweiz im Juni 1876. Zeitschrift: Die Eisenbahn, Band 4 / 5. 1876. Heft 25. download
- Die Ueberschwemmung der Murg bei Frauenfeld. Die Eisenbahn = Le chemin de fer, Band: 4/5 (1876). download
- Die Wasserverheerungen in der Ostschweiz. Appenzeller Kalender, Band 156, 1877. download
- Bänziger, Gustav: Die Hochwasserkatastrophe vom 10. und 11. Juni 1876 in Flawil. Toggenburger Annalen: kulturelles Jahrbuch für das Toggenburg. Band 18. 1991. download
- Landolt: Die Wasserverheerungen vom 10. bis 15. Juni 1876. Schweizerische Zeitschrift für Forstwesen, Band: 27 (1876). download
- Simon Scherrer: Historische Hochwasser: Weshalb der Blick zurück ein Fortschritt bei Hochwasserabschätzungen ist. «Wasser Energie Luft» – 103. Jahrgang, Heft 1, 2011. download
Links
Sturmarchiv Schweiz – 18760611 01 Flood Ostschweiz
Die Töss – Ursprung und Bedeutung
Napoleonturm Hohenrain: Der Giessen und die Thur
Medienberichte zum Ereignis
> Das Unwetter im Raum Zuzwil SG, 1876
Die Ostschweiz, 24. Juni 1876
Aufruf! Eine furchtbare Katastrophe, wie eine solche noch nie dagewesen, hat den 10. 11. und 12. Juni vor, während und nach dem Dreifaltigkeitssonntag die ganze politische Gemeinde Zuzwil–Züberwangen in Angst und Trauer versetzt. Samstag Abends um ½ 5 Uhr entlud sich über Wuppenau, das Nollen-Gebirge und die ganze Umgegend ein ungeheurer Wolkenbruch, wie eine Sündfluth strömte der Regen hernieder und dauerte zwei Tage und drei Nächte bereits ununterbrochen fort.
Der von Wuppenau durch die enge Talschlucht Hugentobel mitten durch das Dorf Zuzwil nach Weiern und von da in die Thur fliessende Bach — bisher ohne Gefährde — wälzte urplötzlich die wilden, entfesselten Wogen daher, hoch über seine Ufer, Alles mit sich fortreissend, überall sich Bahn brechend, den ahnungslosen, plötzlich überraschten und erschreckten Bewohnern Tod und Verderben drohend.
Schlag auf Schlag durchzuckten den Himmel die Blitze: das Rollen des Donners, das Geläute der Sturmglocken, der Hülferuf der in Todesgefahr Schwebenden verbreitete starres Entsetzen. Was fliehen konnte, floh; die Zurückgebliebenen wurden in ihren, von allen Seiten umflutheten Häusern gänzlich abgesperrt, keinen Augenblick vor dem Tode sicher. Alle Stege und Brücken waren im Nu hinweggerissen, das Dorf in zwei Theile getrennt, jede Kommunikation diesseits und jenseits des Stromes total abgeschnitten.
Alle Häuser am Bache standen in beständiger Gefahr, von dem reissenden Strome hinweggerissen zu werden, wie es schon am Samstag mit der Scheune der Wittwe Eisenbart geschehen war. Die fortgerissenen Trümmer derselben stürzten in ihrem Laufe auf die Gebäulichkeiten des Schustermeister Haag und stürzten die Stallung ein.
Die ganze, weite Ebene unterhalb dem Dorfe ward in einen mit entwurzelten Tannen, Hölzern, Wagen, landwirthschaftlichen und häuslichen Geräthen aller Art angefüllten See verwandelt: Schlamm, Schutt und Kies ablagernd. Auch Züberwangen und Weiern litt grossen Wasserschaden an Häusern, Brücken, Strassen, Aeckern und Wiesen, besonders durch Schlipfe an der neuen Strasse in Langensteig.
Am Schauerlichsten sind aber die Verwüstungen am südlichen Abhange des Leuberges und durch das Hugentobel der Poststrasse entlang bis und bei der Säge des Hrn. Abraham Schwaninger, welche über alle Vorstellungen gehen. Ganze Strecken Weinberge sind durch Schlipfe gänzlich verschüttet und vernichtet; oberhalb der neuen Scheuer des Herrn J. Gartenmann z. Lenter drohte ein Bergrutsch sämmtliche Gebäulichkeiten zu verschütten und zu vernichten; Montag Morgens den 12. musste Alles aus Haus und Scheuer geflüchtet werden; die herabgestürzten Erdschlipfe, einer nach dem andern, bieten dem Auge einen traurigen Anblick dar.
Die Verwüstungen durch das ganze Hugentobel längs der Poststrasse, zirka 20 Minuten weit, spotten jeder Beschreibung. Ueberall Erdschlipfe, hinweggerissene, in den Abgrund versunkene, überschüttete oder sonst rätselhaft verschwundene Strassenstrecken, gähnende Abgründe; es scheint beinahe unmöglich, diese Post-Verbindungsstrasse zwischen Wyl – Utzwyl – Weinfelden wieder herzustellen.
Glücklicher war der Hügel, Loberg genannt, auf dem die Kirche, das Pfarrhaus und zwei andere Häuser stehen, sowie das südlich an denselben angebaute Gasthaus „zum Rössle“ sammt Dependenzen; hier war die Zufluchtsstätte für die diesseitigen Bewohner am Bache und ihrer Fahrhabe; an diesem Hügel fanden nur drei Erdrutsche statt. Die erste Samstag Abends nördlich oberhalb der Scheune des Herrn alt Pfleger J. Flammer im Haag, wahrscheinlich durch einen Blitzschlag verursacht, welcher dieselbe eindrückte; die zweite südlich und die dritte östlich am Fusse des Hügels, unterhalb der Kirche, beide unbedeutend, welche aber gefährlicher hätten werden können: letztere gab Veranlassung zu dem Gerüchte, die Kirche in Zuzwil sei herabgestürzt.
Dienstag Abends versammelte der Gemeinderath eine Anzahl Bürger von Zuzwil und Züberwangen; verschiedene Kommissionen wurden bestellt, namentlich um vorderhand die allernothwendigsten Kommunikationen durch Nothbrücken, Strassen ec. wieder herzustellen; auch ein Hülfs- Komite ist ernannt, welches einen Bittruf um Hülfeleistung und Unterstützung erlässt. Wenn irgend wo, thut da Hülfe noth. Letztes Jahr das grosse Hagelwetter, dieses Jahr dieses unbeschreibliche Unglück! Wahrhaft traurige Zeiten und noch traurigere Aussichten!
Angesichts dieser traurigen Zustände, mit denen der Schaden unserer, wenn auch schwer betroffenen Nachbargemeinden bei weitem nicht zu vergleichen ist und welche wir aus eigenen Kräften zu heben vollständig ohnmächtig sind, erlauben wir uns an Ihre werkthätige Liebe zu appelliren. Wenn auch allgemeine Komites die Sache an die Hand nehmen werden, so ist doch unser Unglück so ausnahmsweise gross, so furchtbar, dass auch spezielle Hülfe noth thut und wir glauben nicht fehl zu gehen, wenn wir, Tit., in dieser Meinung uns an Sie wenden mit der inständigen Bitte, für unsere so schwer heimgesuchte Gemeinde Ihre milde Bruderhand zu öffnen.
Das vom Gemeinderath bestellte Hülfs-Komite: J. Jung, Arzt; B. Fleischmann, Pfr.; C. Bernhard, z. „Rössli“; Hässig, Lehrer; R. Bernet, Pfr.; Städler, Lehrer. Zuzwil-Züberwangen, 14. Juni 1876. Die Redaktion ist gerne bereit für die so schwer Betroffenen Gaben in Empfang zu nehmen.
der Bericht in e-newspaperarchives
> Berichte am 13. Juni
Neue Zürcher Zeitung, Nummer 295, 13. Juni 1876 Ausgabe 02
Kantone. Zürich. In Dietikon ist die Reppisch ausgetreten und hat mehrere Stege fortgerissen. Drei nahe stehende Häuser mussten von den Bewohnern verlassen werden, da man den Einsturz befürchtet. Von Glattfelden kommt die Nachricht, dass heute Morgen die hoch angeschwollene Glatt grosse Strecken Landes mitgenommen und die Brücke gegen Schachern fortgerissen hat. In Töss müssen viele Leute ihre Wohnungen verlassen, indem das halbe Dorf unter Wasser steht. Der Verkehr zwischen Gross- und Kleinandelfingen ist bedroht.
In Rykon (Tösstal), das ganz unter Wasser gesetzt ist, gesellte sich zu dem verheerenden Elemente des Wassers noch das ungefährlichere des Feuers. Drei Häuser, deren Fundamente im Wasser standen, sind abgebrannt. Aus dem Tössthal entwirft der „Landb.“ folgendes Bild der Verwüstung: Die schönsten Wiesengründe, die Gärten und Felder sind überfluthet, versandet, die Kellerräume und an vielen Orten auch die Stuben sind voll Wasser, einzelne Häuser sind ganz davon umgeben; die trüben Fluthen der Töss führen Baumstämme, Bretter, Geschiebe aller Art mit. Der Schaden für das ganze Thal, für Gemeinden und Privaten, sowie auch am Bahnkörper ist ein grosser. Diesen Vormittag lässt der Regen etwas nach, aber Flüsse und Bäche wälzen ihre schlammigen Fluthen noch in voller Kraft thalabwärts. Der Betriebschef der Tössthalbahn ist in Rykon „internirt.“
Aus Winterthur berichtet der „Landb.“: Etwa um 1 Uhr Nachts (vom Sonntag auf den Montag) wurden wir durch Hornsignale und Kanonenschüsse aufgeweckt. Die ob ihrer Harmlosigkeit so viel verspottete Eulach hatte bei der „Schleife“ ihre Ufer übertreten und brach sich Bahn durch die Tössthal- und Geiselweidstrasse der Stadt zu. Das Wasser nahm erst seinen Weg von der Platanenstrasse her nach dem Graben, wo die Fluthen an einzelnen Orten in die Keller drangen; in einem Hause musste sogar die zu ebener Erde gelegene Wohnung geräumt werden. Durch Anlegung von Schwellen bei den stadtabwärts führenden Strassen gelang es, dem breiten Strom die Kasernen- und Eulachstrasse als Bett anzuweisen. Oben bei der Kaserne und der Reitschule machte sich jedoch das Wasser Bahn in die umliegenden Gärten und Wiesen, Alles überfluthend und zerstörend.
Das trostlose Gemälde wurde noch düsterer durch die am südlichen Horizont wahrnehmbare Röthe, herrührend von einer Feuersbrunst in Rykon. Am folgenden Morgen um 8 Uhr war die Situation womöglich noch trostloser: die ganze Geiselweid- und die Tössthalstrasse standen tief unter Wasser, die anliegenden Gärten ebenso; man sieht einzig noch die Kronen der Zier- und Obstbäumchen, das Gemüse ist total verloren. Bei der Seidenfabrik wälzt sich das Wasser wohl zwei Fuss tief durch die Strassen, das ganze grosse Gebäude ist umspült und dringen die Fluthen in die Heiz- und Kellerräume. Arbeiten kann Niemand, da der Zugang zur Fabrik von allen Seiten nahezu unmöglich ist.
Aehnlich sieht es aus im Etablissement des Hrn. Weber zur Schleife. In der Seidenfabrik konnte glücklicherweise die Seide vor Schaden bewahrt und in Sicherheit gebracht werden. Der Verkehr in jenem Quartier ist gänzlich unterbrochen und das um- und ausserhalb der beiden genannten Etablissements gelegene Land gleicht einem See; nur hie und da guckt ein Stück Wiesen aus den schlammigen trüben Fluthen wie eine Oase hervor. Bei der Kaserne und der Reitschule stehen die Gärten tief unter Wasser; das Landgut des Hrn. A. Corrodi gleicht einer Insel; der dortigen Bevölkerung ist der Verkehr mit der Umgebung abgeschnitten. Die Fluten umspülen die Häuser fusshoch. Die Eulach selbst hat überall Neigung zum Austreten, bis zum Bahnhof hinunter fliesst das trübe Wasser in der gleichen Höhe des Ufers, an vielen Stellen vom Bord wegfressend. Bei der Ziegelhütte reicht der Strom bis nahe an die Höhe des Durchlasses unter der Strasse. Der angerichtete Schaden ist jedenfalls sehr bedeutend.
Luzern. Im „Luz. Tagbl.“ lesen wir: „Durch die fortwährenden Regengüsse ist die Reuss zu einer bedenklichen Höhe angeschwollen, doch hört man noch nichts von Ueberschwemmungen, namentlich auch nicht aus dem Entlebuch, wo man Betriebsstörungen für die Bahn fürchtete.“
Aus Sursee vom 10. wird berichtet: „Gestern Mittags 1 ½ Uhr wurde Sursee und Umgebung von einem furchtbaren Hagelwetter heimgesucht. Der Schaden in den Gärten, Wiesen, Bäumen und Feldern ist sehr gross. Der Roggen ist stellenweise ganz zerschlagen, das Korn erlitt an vielen Orten einen Schaden von ⅓, ½ , in der Gemeinde Schenkon sogar von ⅔. In einem Baumgarten hat der Wind viele Bäume entwurzelt.“
St. Gallen. Ein uns soeben zugekommenes Extrabulletin des „St. Gall. Tagbl.“ bringt über die Wasserverheerungen des 10. und 11. Juni im Kanton St. Gallen folgende erschütternde Details: „Gossau war erst Sonntag Abends dermassen von der Menge des fortwährend strömenden Regens überschwemmt, dass die Sturmglocken angezogen wurden. Zunächst boten der Bahnhof und dessen Umgebung ein trostloses Bild. Von zwei Seiten strömte das Wasser gegen den Bahnhof und in Zeit von wenigen Stunden war Alles in einen grossen See umgewandelt. Die Schienen waren völlig unsichtbar; die Züge, die überhaupt nur bis hieher fuhren, mussten sich buchstäblich durch’s Wasser vorwärts bewegen.
Auf der Strasse von Gossau nach Oberglatt fand eine grosse Zahl von Erdrutschungen statt, welche sich auf die Strecken von Kressibrunnen bis Oberglatt vertheilen und, wie vor einigen Jahren, grossartige Verwüstungen an den nördlich gelegenen Gütern verursachten. Ganze Jucharten Boden mit Bäumen wurden fortgeschwemmt. Aus einigen an der Strasse gelegenen Häusern wurde das Mobiliar aus Furcht vor Dammbrüchen geflüchtet.
Zwischen der Bahnlinie und Niederdorf, unweit Flawyl in die Glatt einmündend, fliesst der Mühlebach. Sonst ein ungefährlicher Patron, heute aber bis zur sechsfachen Breite angeschwollen, achtet er nicht auf Wiesen, Aecker und Strassen, sondern wählt sich den nächsten Weg. Mehrere Häuser sind gänzlich vom Wasser umgeben und mussten geräumt werden; die Zufahrt ist nur per Kahn möglich.
„Auf der Bahnlinie sind einige Schlipfe sichtbar, an deren Wegräumung gearbeitet wird. Die Eisenbahnbrücke über die Glatt war eine Zeitlang in Gefahr, da das Wasser den einen Pfeiler zu untergraben drohte. Rechtzeitige Hülfe konnte grossem Unglück vorbeugen.
„Der Eisenbahndamm südlich von Oberglatt hielt am Nachmittag noch Stand, zeigte aber einige Schlipfe und Beschädigungen am Wasserdurchfluss, die bei anhaltendem Regen noch verhängnisvoller werden könnten.
„Der Burgauer Bach wälzte in seinem engen Thalbette schwere Steine einher, rückte einen Brunnentrog weit von seinem ursprünglichen Standorte weg und richtete an der Brücke der Staatsstrasse in Oberglatt arge Zerstörungen an.
„An der Sonnenhalde, eine Viertelstunde von Flawyl, riss ein Erdschlipf ein ganzes Häuschen mit fort. Ein Knabe von etwa 12 Jahren wurde dabei zerdrückt; die übrigen Hausbewohner konnten gerettet werden. Auch die Fabrik des Hrn. Ottiker schwebte in hoher Gefahr; ein Zusammensturz war indessen bis Sonntag Abends noch nicht erfolgt. Die bekannte schöne Besitzung des Hrn. Wiget bei Flawyl dagegen blieb im Verhältniss zu andern in gleich oder scheinbar weniger exponirter Lage so zu sagen intakt.
„Die Staatsstrasse wurde selbst an ihren höchsten Lagen bis auf ihr Steinbett ausgewaschen. · Eine ganze Reihe von Liegenschaften wird aufgezählt, deren Umfassungsgeländer sammt Quadersockel auseinander gerissen und in wirrer, unerklärlicher Unordnung umhergestreut waren. Dass durch den Hausflur mehrerer Häuser bis Sonntag Abend Seitenarme übergetretener Gewässer ihren Weg nahmen und in Wasserfülle dahinrollten, als ob das usurpirte ihr natürliches Bette wäre, wird mehrfach bestätigt.
„In der Nähe des Flawyler Bahnhofes beim Rosengarten ist der Eisenbahndamm so stark demolirt, dass eine Wiederherstellung der Verbindung mit dem jenseitigen Ufer des Dorfbachtobels durch die Arbeit mehrerer Tage bei guter Witterung kaum zu erzielen sei. Das noch theilweise im Festschmuck prangende Dorf gewährt einen traurigen Anblick. Durch den Wolkenbruch am Samstag Abend schwoll der Dorfbach in kürzester Zeit zu einem Strome an, der verheerend durch das Dorf tobte, unsäglichen Schaden an Häusern, Strassen, Brücken und Dämmen anrichtend. Gestern noch hatte die Feuerwehr den ganzen Tag zu arbeiten, um weiterm Umsichgreifen des Wassers vorzubeugen.
Hinwieder hat die Sängerfesthütte den Einflüssen der Witterung heroischen Widerstand geleistet und wurde von denselben kaum irgendwie auffällig beschädigt. „So weit reichend die Schädigungen an Gebäulichkeiten, Gärten und Grundstücken, Wegen etc. in Flawyl sein mögen, so werden sie doch bei weitem durch diejenigen übertroffen, welche das Wasser in Oberutzwyl und vornehmlich in Niederutzwyl und Henau angerichtet hat. Doch wurden uns wegen der mangelhaften Verbindung bei fortwährend strömendem Regen wenige zuverlässige Details hinterbracht. „Der Bahndamm zwischen Flawyl und Wyl soll auf grosse Strecken unterbrochen, an zahlreichen (10— 12) Stellen stark beschädigt sein. Ober– und Niederutzwyl standen total unter Wasser; mehrere Häuser sollen daselbst dem Einsturz nahe sein. In Niederutzwyl seien 2 Häuser eingestürzt und 4 Menschen umgekommen. Die Brücke bei Oberbüren ist eingestürzt und es soll auch hier der Verlust einiger Menschenleben zu beklagen sein. In Wyl soll die Hydrantenleitung theilweise zerstört sein.
Sonntag Nachmittags wurden vom Militärdepartement 40 Pioniere nach Utzwyl beordert.“ Die „St. Galler Ztg.“ berichtet im Weitern, dass in Zuzwyl die Kirche eingestürzt sein solle und dass dort der Zusammenbruch mehrerer Häuser in Aussicht stehe. Beim Zusammenbrechen des Sittersteges unter Engelburg sei ein Arbeiter ertrunken. Glücklicherweise drohe am Rhein keine Gefahr.
Schaffhausen. Das,„Intelligenzbl.“ vom 18. schreibt: Der Rhein wächst seit gestern auf beunruhigendste Weise. In der Unterstadt läuft das Wasser in die Keller, die schöne Badanstalt ist in Gefahr, weggeschwemmt zu werden. Das Fischergässlein steht unter Wasser und noch immer giesst unendlicher Regen herab. Aus den Gemeinden kommen Nachrichten von Ueberschwemmungen, Rutschungen u. s. w.
Thurgau. Die „Thurg. Ztg.“ enthält eine ergreifende Schilderung der Erlebnisse der letzten Tage im dortigen Kanton. Schon am Samstag Abend schwoll in Frauenfeld der Langdorfer-Bach und die sonst so harmlose Murg furchtbar an. Bald nach 9 Uhr, so schreibt das zitirte Blatt, ertönte die Sturmglocke und rief die Feuerwehr und was helfen wollte und konnte zur Hülfe herbei. Allein in der finstern Nacht und bei dem strömenden Regen stand der Mensch dem feindlichen Elemente machtlos gegenüber. Bäume, die man demselben hätte entgegenwerfen können, waren keine zur Hand, oder wo sie, wie in der untern Promenade, zu finden gewesen, war ihnen schon nicht mehr beizukommen.
Das Hauptaugenmerk war auf die beiden steinernen Murgbrücken und einzelne Stellen zu richten, wo man das Murgbett durch Bauten ungebührlich hatte verengen lassen. Daneben handelte es sich hauptsächlich um Räumung der bedrohten Wohnungen und gewerblichen Etablissemente, welcher Aufgabe sich namentlich die freiwillige Feuerwehr mit anerkennungswerther Hingebung unterzog.
Allein das Wasser liess nicht viel Zeit dazu, indem es zusehends stieg und binnen weniger Stunden die bisher nie gesehene Höhe von ca. 26 Fuss über seinen Normalstand erreichte. Sein erstes Opfer war der eiserne Steg bei der Rothfarbe: ihm folgte der hochschwebende Steg bei der Bierbrauerei Frei und ein kleineres Gebäude bei der Seidenzwirnerei im „Gutschick“. Weit Schlimmeres folgte nun Schlag auf Schlag. Mit unbeschreiblicher Wuth stürmte der Strom gegen das am Eingang der untern Promenade, sonst hoch über dem Murgbett gelegene Etablissement Mutter (Eisengiesserei) an. Es mochte gegen Mitternacht sein, die Stunden schwanden im Fluge, da stürzte unter gewaltigem Krachen, das selbst das fernhin vernehmbare Braufen des Stromes weit übertönte, das Giessereigebäude in die Tiefe. Noch stand aber das höher gelegene Wohnhaus, aus dem man rettete, was zu retten war.
Allein nicht lange, so barst dieses mitten entzwei und mit der Hälfte, die vom Strom verschlungen wurde, wurde auch einer der braven Retter, Schriftsetzer Munz, fortgerissen. Sein Leichnam wurde am Sonntag Morgen im Gestrüppe der untern Promenade gefunden. Ein zweites Opfer ist Förster Erni, der bei der Rohrer Thurbrücke das Leben verlor, indem er die bereits tief unter Wasser stehende Brücke noch passiren wollte, und einen dritten Leichnam soll die Murg hergetragen haben. Ungefähr zu gleicher Zeit riss der Strom von den unterhalb der obern Murgbrücke gelegenen Gebäulichkeiten des Mühlemachers Freund mehrere sammt den anliegenden Gärten fort. Nun schien der Zorn des Elementes einigermassen besänftiget zu sein; das Wasser fiel und man durfte sich der Hoffnung hingeben, dass des Unheils genug sei.
Der Sonntagmorgen enthüllte ein erschütterndes Bild der Zerstörung und der Regen ergoss sich noch immer in Strömen. Nachmittags begann der Strom, der um etwa 15 Fuss gefallen war, neuerdings zu steigen, und nach 8 Uhr erschien die Lage wieder als so bedrohlich, dass die Sturmglocken abermals zur Hülfe rufen mussten. Jetzt konnte, da es noch hell war, der Verheerung etwas wirksamer begegnet werden. Der Wasserstand erreichte auch bei circa 6 Fuss nicht die Höhe der Nacht; aber wo das Wasser angefressen, besonders an den Brückenpfeilern; da frass es in der Tiefe unaufhaltsam fort.
Am Montag gegen 8 Uhr Morgens vernimmt man Kanonendonner. Es heisst, dass nun auch die gefürchteten Hochwasser der Thur nahen. Sie sind aber schon da und dringen bereits nahe an das etwa eine halbe Stunde entlegene Langdorf (nordöstliche Vorstadt von Frauenfeld). Die Kanonenschüsse waren aber nicht Allarmzeichen, sondern galten dem Turbinenhause der Fabrik zum „Gutschick“, das zusammengeschossen werden musste, damit es nicht, vom Strome ganz mit fortgerissen, die nahe untere Murgbrücke zwischen Frauenfeld und Kurzdorf sperre, das Wasser nach beiden Seiten abdränge und schliesslich die auf der einen Seite schon tief unterwühlte Brücke selbst vernichte, wie es die Eisenbahnbrücke bereits zerstört und die neue eiserne Gitterbrücke in Langdorf zu zerstören im Begriffe steht.
Zur Stunde ist jenes Schlimmste zwar noch nicht eingetreten, aber jeden Augenblick zu fürchten, da das Wasser noch nicht fällt. Mittlerweile setzt dieses sein Zerstörungswerk andernorts mit ungeschwächter Kraft fort. Bald nach 9 Uhr wird uns berichtet, dass der Pfeiler der Eisenbahngitterbrücke am südlichen Ufer eingestürzt und ein Stück des Kanals zwischen der Seidenzwirnerei in der Ergaten und dem Etablissement Martini, Tanner und Cie. in ziemlicher Höhe über dem Bett weggeschwemmt worden; ebenso die Schreinerei der letztern Fabrik und dass nun deren Eisenmagazin in grösster Gefahr schwebe. Gleichzeitig vernehmen wir, dass auch die schöne lange Thurbrücke bei Rohr, die erst vor etwa 12 Jahren mit grossen Opfern der Gemeinden erstellt worden, vollständig fortgerissen worden.
Auch in Müllheim haben die gewaltigen Gewitterregen ihre verheerende Wirkung geübt. Die schwere eiserne Brücke liegt gebrochen auf geborstenem Pfeiler, drei andere Brücken sind ganz oder theilweise verschwunden. Aehnliche Berichte kommen aus dem Kreise Bussnang, wo bei 30 grösstentheils steinerne Brücken und grössere Dohlen weggerissen oder stark beschädigt worden. ist die Umfassungsmauer um das Zuchthaus zusammengebrochen. Ein gleicher Nothruf ist von der Zwangsarbeitsanstalt Kalchrain eingegangen.
Der direkte Schaden, den im Thurgau Staat, Gemeinden und Privaten erlitten, dürfte sich auf Millionen beziffern. Armendepartement beauftragt, für die vom Wasser heimgesuchten Kantonstheile sofort Experten zu ernennen, welche den Schaden, sobald es die Verhältnisse erlauben, abzuschätzen haben. Ebenso hat derselbe dem Bau- und Strassendepartement unbeschränkten Kredit bewilligt, um Strassen und Brücken dem Verkehr wieder zu öffnen und den Gemeinden und Privaten mit Technikern an die Hand zu gehen. Auf der andern Seite haben die Departemente der Finanzen und des Innern Auftrag erhalten, sofort die Frage zu begutachten, in welcher Weise den schwer heimgesuchten Gemeinden und Privaten ökonomisch an die Hand gegangen werden könne, um mit bezüglichen Begehren an den Grossen Rath zu gelangen.
der Bericht in e-newspaperarchives
Die Ostschweiz, 13. Juni 1876
Neueres. Unwetter. In Zuzwyl soll die Kirche eingestürzt sein. In der Gegend von Kreuzlingen, Emmishofen und Konstanz hat das Unwetter ebenfalls arge Verheerungen angerichtet.
der Bericht in e-newspaperarchives
> Berichte am 14. Juni
Neue Zürcher Zeitung, Nummer 296, 14. Juni 1876
Zürich, 13. Juni, Nachmittags ½ 3 Uhr. See und Limmat sind noch im Steigen. Der Fluss geht gegen 2 Zoll höher als Mittags, und droht jetzt am rechten Ufer bei den Schleusen des Mühlestegs letztern und die Strasse zu überfluthen. Man hofft, durch Oeffnung der Durchfahrtsschleuse dies verhindern zu können, allerdings vielleicht mit anderweitigem Schaden. Der See ist beim Hotel Bellevue und am Sonnenquai, auch bei den Badanstalten bedrohlich ausgetreten.
Leider kommen aus dem Glarnerland wenig trostreiche Berichte über fortwährende Regengüsse. Die Sihl ist mächtig angeschwollen, aber nicht Besorgniss erregend, weil sie theilweise durch den im Bau begriffenen städtischen Wasserwerkskanal beim Limmatspitz einen zwar nichts weniger als regelrechten, aber immerhin für die schlimme Situation sehr wichtigen Abfluss findet, während ihre tobenden Gewässer in frühern Jahren die Limmat stauten, was bei der gegenwärtigen, nie gesehenen Wassermasse der letztern grosses Unglück herbeiführen müsste.
Der „Landbote“ bringt uns die nachfolgenden neuern Nachrichten: Affoltern. Im Bezirke Affoltern grosse Wassersnoth, wie seit 1826 nie mehr. Reuss und Lorze überfluthen ihre Ufer. Die Gemeinden Knonau, Affoltern, Riffersweil, Ottenbach und Maschwanden haben unter den Verheerungen, welche verschiedene Reusszuflüsse anrichten, besonders zu leiden. Der Schaden ist enorm.
Neftenbach, 13. Nachdem unser beliebte Gemeindrathspräsident Steinemann den ganzen Tag über mit der Mannschaft thätig Antheil an der Abwehr bei dem Hochwasser genommen, wurde er gestern Abends spät beim Einhängen von Wehr-Tannen in der Nähe der Rothfarb das Opfer seiner Thätigkeit, indem er ausglitschte und in den Wellen des Näfbaches verschwand. Heute wurde die Leiche aufgefunden.
Töss. Schon am Sonntag Abend trat die Töss oberhalb der Hauser’schen Mühle über’s Ufer und wälzten sich die Fluthen durch Wiesen, Aecker, Gärten und Strassen gegen das grosse Rieter’sche Etablissement im Kloster, gegen das Pfarrhaus zum Oberdorf. Die Zürcherstrasse von der „Krone“ bis zur „Gerbe“ wurde unter Wasser gesetzt. Glocken und Trommel riefen die Hülfsmannschaft herbei. Am meisten gefährdet schienen zwei Häuser oberhalb der neuen Eisenbahnbrücke (Waldshuter-Linie). Noch am Sonntag Abend wurden die Bewohner veranlasst, sich und ihre Habe aus den bedrohten Häusern zu flüchten. Im untern musste man noch mehrere Betten und einen Kasten zurücklassen.
Am Montag Mittags 12 Uhr bot sich hier ein grauser Anblick dar. Die beiden verlassenen Häuser stehen mitten in der Sturmfluth, der westliche Theil des äussern Hauses ist vom Wasser weggefegt und nur noch die Fundamentmauern leisten dem entfesselten Elemente Widerstand. Die Pfeiler der Eisenbahnbrücke haben sich bis zur Stunde bewährt; dagegen wurde der Damm auf der Dorfseite unterspühlt und angegriffen, so dass die Brücke für das Publikum abgesperrt werden musste und nur noch von der Hülfs- und Bahnmannschaft betreten werden durfte.
Weiter oben ist die Nordostbahnbrücke über die Töss und das eine Geleise beschädigt. Die ganze Hauser-Mühle mit einem Werthe von zirka Fr. 100’000 ist im Wasser; ebenso die weiten Räume des „Klosters“· Das daselbst befindliche Telegraphenbureau ist unzugänglich; der von der Waldshuter Linie nach dem Kloster angelegte Damm ist durchrissen. Selbst das herwärts dem Kloster im oberen Felde gelegene Pfarrhaus mit seinem Garten und seinen Anlagen ist rings umspült und blieben seine Bewohner vom Sonntag Abend bis heute Nachmittag eingeschlossen.
Im Keller, in dem der jetzige Pfarrer seit seinem Aufenthalt in Töss noch keinen Tropfen Wasser fand, liegt eine Wassermasse von 9 Fuss Höhe. In den sämmtlichen Wirthshäusern längs der Hauptstrasse, von der „Krone“ her bis zum „Maienrisli“, kann man zur Stunde keinen Tropfen Wein bekommen: die mit Wasser angefüllten Keller sind unzugänglich.
Nicht minder schrecklich ist das Bild, das sich von der neuen Eisenbahnbrücke abwärts dem Auge darbietet. Alle gegen die Töss hin gelegenen Häuser im sogenannten Krugeler sind gefährdet. Die Strassen sind unzugänglich, der Neugierige muss durch Gärten, Wiesen und Feld seinen Weg suchen. Die vor zirka 10 Jahren von der Gemeinde neu erbaute Brücke in Niedertöss hält noch Stand. Mitten aus den gelben wogenden Fluthen ragen die obersten Enden des eisernen Brückengeländers hervor. Die jetzige Strombreite beträgt mindestens das 6 fache des gewöhnlichen Tössbettes. Die Fluthen führen eine Unmasse von Geschiebe mit, dort wälzt sich eine gewaltige Tanne mit Krone und Wurzel daher, hier schiesst pfeilschnell ein gewaltiger Sägblock vorbei, bald kommen Fenster, Thüren, Jalousieladen etc. und mitten in dem wilden Elemente stehen Obst- und Zierbäume, bis zu den Aesten von brausenden Wellen geschlagen.
Die Magazine der Rieter’schen Spinnerei in Niedertöss stehen mitten im Wasser und in der unteren Ecke des umschlossenen Baumgartens sammelt sich Geschiebe (Fenster, Thüren, Balken) wie am Strande des Meeres. Das an die mit Reben bepflanzte Berghalde anlehnende Wirthshaus von Brüngger im Grafenstein ist auf drei Seiten vom Wasser umspült und ist nur noch von der durch Erdschlipfe zerrissenen und verschlammten Bergseite zugänglich. Die Schollenberger Mühle ist mit ihrer ganzen Umgebung unter Wasser gesetzt. Ein Theil des aufgeschichteten Holzes auf dem Sägplatze ist fortgeschwemmt, ein Theil konnte in grössere Entfernung von der Fluth gebracht werden. Das Vieh ist gerettet; die Flucht des Mobiliars ist bis zur Stunde noch unterblieben. Im Falle des Zusammensturzes ginge Alles verloren.
Die Brücke beim Schlosshof, sowie die bei der Bodenmühle sind weggeschwemmt. Die neue Anlage mit Turbine und Transmission im Beugger’schen Etablifsement soll vollständig zerstört sein.
Am Dienstag Morgen 7 Uhr ertönten die Sturmglocken in Töss zum zweiten Male. Dem zur Stunde noch bewohnten Hause zum Grefenstein droht der Einsturz. Laut Mittheilungen von Herrn Forstmeister Keller sind von der Staatswaldung auf dem linken Tössufer an den Kyburger Abhängen vom Sennhof bis gegen Töss ganze Strecken mit Baum und Strauch weggerissen worden. Es habe sich überall frappant gezeigt, wie verheerend die Bergbäche wirken, die von abgeforsteten Berghalden und Schluchten kommen und wie viel weniger Gefahr da vorhanden, wo die Berghänge nach den forstwirthschaftlichen Grundsätzen bewaldet und bepflanzt sind.“
Fischenthal hat gestern (12.) telegraphisch nach Zürich um Hülfe gerufen, da man allein des tobenden Elementes nicht Herr werden konnte. Thalabwärts bis Bauma überall Erd- und Waldschlipfe, Vernichtungen der Strasse, Brückeneinstürze, Demolirungen des Bahnkörpers. Die wenigsten Wuhrungen haben Stand gehalten. Bei Bauma hat die Töss ihren Lauf geändert und mit reissender Strömung alles mit sich gerissen, was Widerstand leistete. Im Rittweg-Saaland die nämliche Verwüstung. Auch bei Zell sind Wuhrungen und Dämme durchbrochen. In Rykon hat die Töss ihr Bett fast vollständig verlassen und wälzt sich in zwei gewaltigen Strömen von der Brücke aus über Land und Dorf. Gestern mussten die grössten Anstrengungen gemacht werden, die von der Hochfluth überraschten armen Bewohner zu retten. Ob und wie viel Menschenleben zu beklagen sind, ist zur Stunde noch unbekannt. Aehnlich sind die weiter unten liegenden Dörfer beschädigt. Selbst die Strasse nach Gyrenbad ist ruinirt und Seen hat diesen Morgen früh Sturm geläutet.
Appenzell A.-Rh. Die „App. Ztg.“ berichtet aus Herisau: Fast unerhörte Regenströme ergossen sich am Samstag Abend mit Donner und Blitz bis in die späte Nacht hinein. Jeder Graben schwoll zum reissenden Bach und jeder Bach zum wüthenden Strome an. Abends von ca. 8 Uhr an entfesselte das gefürchtete Element seine Schrecken und Nöthe. Im Dorfe drangen die Wasser in zahlreiche Keller und Wohnungen und arbeitete man an der Ableitung derselben. In der Bachstrasse staute sich der überdeckte Brühlbach und überfluthete den Platz, bis ihm grösserer Abfluss verschafft werden konnte. Die Glatt, der Sägenbach und der Hubbach wälzten ihre trüben Fluthen mit erschreckender Macht, traten an vielen Stellen hoch und weit über ihre Ufer, überschwemmten Gärten und Wiesen und führten losgerissene Bäume, Pappeln, Sägträmel und Bretter in Masse mit sich, welche die Wogen stauten und sich da und dort ablagerten.
Im Weiler Tobel (längs der Strasse nach Gossau) gefährdete ein Erdschlipf ein an jäher Halde stehendes Wohnhaus derart, dass die Bewohner ausziehen mussten. Der Sägenbach trat aus und wälzte sein Wasser zum Theil auf der Strasse fort, die nun völlig ausgewaschen und an mehreren Stellen beschädigt ist. Am Samstag Abend war sie unfahrbar. Hausplätze, Gärten und Keller standen in Wasser und Schlamm. Die Lokalbahn musste gestern (Sonntag) ihre Fahrten nach Waldstatt total, nach Winkeln fast gänzlich einstellen. Auch ein Menschenleben hat leider das Hochwasser gekostet.
In Folge des fortgesetzten Regens stellten sich seither neue Gefahren und Katastrophen ein. Namentlich die Bahn Winkeln-Herisau hat enorm gelitten. Die schwerste Schädigung ist an der Nordhalde, wo der mit grossen Kosten und unter vielen Schwierigkeiten erstellte Damm sammt der Stützmauer an der Winkelnstrasse verschlipft ist. Es können 2 bis 3 Monate hingehen, bis die Linie wieder fahrbar sein wird.
St. Gallen. Im „St. Galler Tagbl.“ vom 13. finden wir folgende neuere Nachrichten: Gestern früh war, jedoch nur für kurze Zeit, auch der Eisenbahnbetrieb von Winkeln bis Gossau eingestellt. In Gossau und Flawyl haben trotz der fortwährenden heftigen Regengüsse keine weiteren erheblichen Schädigungen stattgefunden und dürfte hier die Gefahr als beseitigt zu betrachten sein.
Dagegen kam gestern Vormittag die Kunde, dass auf der Linie Flawyl-Utzwyl verschiedene Schlipfe drohen und in Henau grosse Wassersnoth herrsche und Hülfe dringend nothwendig sei. Der Regierungsrath hatte schon vorher die nöthigen Anordnungen getroffen und Pionniere in die bedrohte Gegend beordert. Auch die Bahnlinie St.-Gallen-Rorschach hat einige, doch nicht sehr bedeutende Beschädigungen und daherige Störungen erlitten. — Glücklicherweise lauten die Berichte vom Rhein fortwährend günstig und ist der Wasserstand desselben keineswegs besorgniserregend.
Aargau. Wir theilen nachstehend die wenig tröstlichen Neuigkeiten mit, welche uns die „Aar. Nachrichten“ aus dem Aargau bringen: Aus verschiedenen Theilen unsers Kantons gehen traurige Nachrichten über Wasserverheerungen ein; der Verkehr ist vielfach unterbrochen. Der Rhein, die Aare, die Reuss, die Limmat, die Wyne, die Suhre, die Wigger, die Bünz ec. sind vielorts über die Ufer getreten und haben an Strassen, Brücken, Häusern, Wiesen und Feldern grossen Schaden verursacht. Der Rhein ist 8 Fuss höher als im Jahr 1852. Die Reuss ist bei Sins über die Ufer getreten, wodurch die Strasse nach Gisikon unfahrbar geworden ist. Der Verkehr zwischen Muri und Bremgarten einerseits und Affoltern anderseits ist in Folge Austretens der Reuss bei Ottenbach unterbrochen. Das linke Reussufer von Birri abwärts wird von Fussboten bedient. Rutschung bei Etzgen, in Folge dessen der Verkehr mit Ganfingen unterbrochen.
Koblenz ist der grösste Theil unter Wasser, ein grosser Theil der Bevölkerung musste ihre Wohnungen auf Weidlingen, die leider nicht in grosser Zahl vorhanden sind, verlassen. Verkehr mit der Station ist nur auf dem Geleise der Winterthur-Waldshuter-Linie möglich.
Wie in Suhr, Entfelden und weiter aufwärts, so hat die Suhre auch in Buchs ziemlich arg mitgespielt. Schon die Grösse derselben vergangenen März riss unterhalb dem Dorfe das starke Wuhr weg, infolge dessen die Suhre einen bedeutend schärfern Lauf erhielt und dadurch das Bett derselben bis oberhalb dem Dorfe durchweg 8 bis 5 und mehr Fuss tiefer legte. Die nun in reissendster Strömung seit letztem Sonntag Mittag daherstürmende Wassermasse, bis gestern Nachmittag immer höher steigend, überfluthete längs die Matten und Baumgärten, Boden mit Baum und Strauch mit sich reissend. Sie riss den neuen Steg bei Hrn. Zubler’s Papiermühle weg, brachte die Gebäulichkeiten selbst in die grösste Gefahr. Hrn. Müller-Märki riss sie eine lange hohe Gartenmauer herunter, schwemmte einen Theil des solid gebauten Hühnerhauses sammt Hühnern und Enten fort.
Weiter unten gegen die Brücke beim Besitzthume des Hrn. Grossrath Bächli wühlte und fegte das tobende Element immer mehr von der hohen Böschung weg und konnte nur durch angestrengteste Wehrung mit zahlreichen in Eile gefällten Tannen Einhalt gethan werden; auf gleiche Weise bei dem linken Brücken-Steinlager, wo es anfing zu unterwühlen. Gegenüber diesen Besitzungen riss es in ganzer Länge sehr bedeutend von den Baumgärten weg. Auch unterhalb der Brücke brachte es Schaden. Die Rohrer Suhrbrücke stund ebenfalls in grösster Gefahr. Heute (13.) Morgen 6 Uhr war die Suhre zirka 1 Fuss gefallen und wollen wir hoffen, dass es bei diesem angerichteten Schaden verbleibe.
der Bericht in e-newspaperarchives
Die Ostschweiz, 14. Juni 1876
Flalwyl. ( Korrespondenz vom 11. Juni ) (…) Man erwartete ein gelungenes und zahlreich besuchtes Fest. Doch der Himmel verweigerte sein Placet. Gestern Abend von 4—7 Uhr strömte reichlicher Regen hernieder, dass die ganze Ortschaft mit sammt der Festhütte überschwemmt wurde und im Wasser stand.
Die Strassen glichen Flüssen und die Gärten und Wiesen Seen. Das Dorfglöcklein, Hörner und Trommeln riefen zum Sturm; das Rettungskorps und sämmtliche eingetheilte Mannschaft wurden zur Hilfe herbeigerufen. Das Wasser drang in die Keller, Werkstätten und Lüden; namentlich hauste es arg im Unterdorf. Sämmtliche Strassen sind arg beschädigt, manche Brücken zerstört. Ein Brunnenbeet verschwand völlig im Wasser, und der erste Stock einer Wirthschaft stand ganz unter Wasser. Es kam vor, dass Leute mittelst Leitern aus Häusern gerettet werden mussten. In mehr als einem Haus ist der Auszug angeordnet worden und mehr als einem Haus droht der Einsturz. Gefüllte 25eimrige Fässer schwammen im Wasser; manchem Wirth ist ein bedeutendes Quantum Wein ausgeronnen, da 35 Eimer Bernecker, dort noch mehr; da schwamm auch Oel auf dem Wasser, dort wurden die auf das Fest in Bereitschaft gehaltenen Speisen weggeschwemmt; da ertranken zwei Hühner, dort zwei Ziegen; da schwammen im Wasser aus einem Spenglerladen Lampen, Petroleumkochherde u. s. w. umher, dort Putzwaaren aus einem Modeladen.
Die folgende Nacht war ebenfalls regnerisch und der Regen dauert heute noch fort und zwar in strömender Weise. Namentlich sind auch zahlreiche Erdschlipfe vorgekommen, z. B. beim Bahnhof an der Bahnlinie und gegen Oberglatt, wo die grosse Brücke über die Glatt in grösster Gefahr schwebt. Ebenso ist die Eisenbahnbrücke zwischen Flawyl und Gossau beschädigt; auf der Strasse von Flawyl nach Gossau sieht es nicht minder schlecht aus, besonders bei Kressbrunnen mit seinem Erdschlipf.
Die Feuerspritzen arbeiteten, das Wasser aus den Kellern herauszupumpen, bis sie ihrer Arbeit wegen des beständig nachdringenden Wassers überdrüssig wurden. Gestern Nachts kamen von St. Gallen 57 Mann zur Hilfe, die von Gossau nach Flawyl 2 – 3 Stunden zu Fuss brauchten. Heute ist noch kein Eisenbahnzug hier vorbeigefahren, und es wird wahrscheinlich noch mehrere Tage so bleiben müssen. Die Reisenden, die von Wyl weiter befördert werden wollten, fuhren heute in Kutschen von Wyl über Flawyl nach Herisau. Die Telegraphenstangen neigen sich über die Bahnlinie.
Unter solchen Umständen ist es begreiflich, dass das Organisationskomite schon gestern Abend das Fest abgestellt hat. Wahrscheinlich wird es später abgehalten, da die Festhütte einmal dasteht. Ein grosses Defizit dieses Festes, ist auf diese Weise schon sicher und das Fest selbst, auch wenn es noch abgehalten werden wird, verbittert.
Der Schaden dieser Überschwemmung ist jedenfalls ziemlich gross, kann aber noch nicht genau ermittelt werden. Die letzte Nacht, in der das Dorf von den Feuerlaternen beleuchtet und Alles in Thätigkeit war, wird der hiesigen Bevölkerung noch lange in Erinnerung bleiben, um so mehr, da hier eine solche Wasserfülle seit Menschengedenken nie erlebt worden. Denn die hiesige Ortschaft liegt ziemlich eben, kann auch von keinem Wildbach oder Fluss überschwemmt werden; um so merkwürdiger und überraschender ist die geschilderte Wassermenge und zwar gerade am Vorabend eines solchen Festes. Auch die folgende Nacht gibt noch keinen Lichtblick auf Besserung.
Von mehreren umliegenden Gemeinden, namentlich abwärts nach Wyl lauten die Berichte nicht günstiger. Wir geben sie übrigens nur mit Vorbehalt.
In Oberbüren z. B. sollen zwei Häuser und die kleine Brücke bei der Kirche weggerissen, in der Gemeinde Niederglatt ein Knabe, in Oberutzwyl ein Mann, Vater von 5 Kindern, und in der Sitter ein Mann und zwei Knaben ertrunken, manche Brücken in Utzwyl weggeschwemmt, namentlich Niederutzwyl mit herumschwimmenden Bettern ec. übel daran sein. Möge der Herr der Elemente, gross in der Natur, aber auch reich an Gnade, diesen zur rechten Zeit Halt gebieten.
P.S. Eben jetzt ( Nachmittags 5 Uhr ) läutet es Sturm. Eine Fabrik ( früher Besitzer Herr Egli ) ist in Gefahr, das Armenhaus war es schon gestern. Eine Familie musste jenseits der Glattbrücke (Gemeinde Niederutzwyl ) aus dem Schutt herausgezogen werden, es fehlt davon noch ein Knabe. (…)
Mittelrheinthal, 12. Juni ( Korr. ) Vorige Woche bedroht durch Feuersgefahr, befinden wir uns heute in grosser Wassernoth. Die Gemeinden Au, Berneck, Widnau, Balgach und Rebstein bilden einen kolossalen Sumpf. Der grössere Theil Wiesen und Felder in der Thalfläche ist überschwemmt und stündlich steigt der Wasserstand. Widnau läutet zum zweitenmal Sturm, um den von Hammerschmitte in südlicher Richtung laufenden Hofdamm vor dem Andrang der Krummenfee- und Riedachwasser zu schützen und das Dorf selbst vor völliger Ueberschwemmung zu retten. An einzelnen Stellen in Balgach befindet sich der Wasserstand höher als bei den Rheineinbrüchen von 1855 und 1868. Dank der väterlichen Obsorge unserer hohen Landesväter! Verstehen sie es doch, die Rheinthaler Landwirthe mit wohlweisen Vertröstungen auf den Rheindurchstich zu befreunden! Vernünftiger, für hohe Staatsmänner angemessener, für den Bürger materiell nützlicher ist es, in den Artikeln: Pfaffenjagd, Ultramontanenhatz, Kulturkampf zu machen, als auf die vielen Klagen über Regelung und Ableitung der Binnengewässer und zu rathen und thaten.
Wenn das Mittelrheinthal, das ein Paradies und, für Appenzell und den Kanton eine Fruchtkammer sein könnte, — ein vollständiger Sumpf, der Bürger verarmt, am Körper und Geist versiecht ist, dann ists Zeit, an’s Kanalisiren zu denken. Bis dahin mag es genügen, die Leute mit dem Rheindurchstich zu ködern.
Thurgau. Ermatingen. Am Abend des 8. d., nach 8 Uhr, entlud sich am Untersee, von Berlingen bis gegen Kreuzlingen, ein heftiges Gewitter mit wolkenbruchartigem Regen und theilweise Hagelschlag. Der Hagel zerstörte gerade über Ermatingen in einer Strecke von etwa einer Viertelstunde Gärten und Weinberge. Weit grössern Schaden, schreibt die „ Thurgauer Wochenzeitung“, richtete das Wasser an. Es drang in manche Wohnungen, Keller und Ställe, so dass man flüchten musste; riss in Aeckern und Weinbergen an vielen Orten Fuss hoch die Erde fort; überschwemmte tiefer liegendes Wiesland und Ackerfeld mit Schlamm und Steinen und verursachte an einigen Stellen sogen. Erdschlipfe, die nicht unbedeutende Stücke Reben verschütteten. ( Mehrere Strassen und Wege sind unfahrbar geworden. ) Die ältesten Personen behaupten, kaum je ein ähnliches Gewitter erlebt zu haben.
Ueber weitere Überschwemmungen im Thurgau schreibt man der „ N. Z. Ztg.“ unterm 11. d. M.: Gestern Abend sind in Folge eines heftigen und langandauernden Gewitters und wolkenbruchähnlichen Regens Thur und Murg sammt ihren Zuflüssen ausserordentlich angeschwollen und haben in dieser Nacht und diesen Morgen sehr bedeutenden Schaden angerichtet. Die Eisenbahnbrücke über die Murg kann in diesem Moment nicht durch die Eisenbahn befahren werden, doch ist deshalb die Verbindung nicht unterbrochen. Drei Stege über die Murg bei Frauenfeld sind weggerissen worden, verschiedene Gebäude ganz oder theilweise von den tobenden Fluthen verschlungen, sehr erhebliche Strecken angebauten Landes sind mit Schlamm und Geröll überdeckt.
Ganz Langdorf ist durch die Ueberschwemmungen des sonst so wasserarmen Langdorfer Baches in Schrecken gesetzt. Leider sind auch Verluste von Menschenleben zu beklagen. Mit einem Theil des Hauses von Giesser Mutter ist ein Mann von dem rasenden Element vernichtet worden. Bei Passirung der Rohrer Thurbrücke wurde ein anderer zum Raub der Wellen. Allmählig langen auch aus andern Theilen des Kantons Hiobsposten ein. Mazingen sei besonders schwer heimgesucht und dort seien alle Brücken zerstört. Auch vom Untersee werden neue Überschwemmungen gemeldet, hauptsächlich aus der Gegend von Berlingen. In Bussnang im Thurthal habe das wüthende Gewässer das ganze Archiv der Notariatskanzlei und des Civilstandsamtes fortgerissen.
der Bericht in e-newspaperarchives
> Berichte am 15. Juni
Neue Zürcher Zeitung, Nummer 299, 15. Juni 1876 Ausgabe 02
Der „Freie Aemtler“ berichtet aus dem Bezirk Affoltern: Knonau ist von dem hochangeschwollenen Haselbach 1 Fuß tief unter Wasser gesetzt worden; in Maschwanden ertönte heute Morgen (12. Juni) die Sturmglocke und die Mannschaft arbeitete mit Aufbietung aller Kräfte dem wilden Element entgegen. Bereits schon hat die Ueberschwemmung in der Gerberei von Hrn. Bezirksrichter Leuthold einen sehr bedeutenden Schaden angerichtet und aus vielen Scheunen und Stallungen muss Vieh und Habe gerettet werden. Die Allmend zwischen Lorze und Reuß (½ Stunden breit und an vielen Orten gut bebaut, namentlich leider auch von ärmern Leuten, die sonst kein Land haben) ist ein See und das Gewoge treibt sich in den untern Theil des Dorfes Maschwanden hinein. Man befürchtet einen Durchbruch der Reusswuhrungen, was unsere Lage geradezu entsetzlich machen würde. Brücken und Stege am Haselbach sind, wenn nicht schon weggerissen, überall mit Ketten an Bäumen und Pfählen festgemacht worden.
Bern. Aus der Bundesstadt schreibt das dortige „Intelligenzblatt“: Das Wasser der Aare ist seit gestern Mittag bis Dienstag Mittag immer noch gestiegen. Trotzdem der Himmel heute wieder ein freundliches Gesicht zeigt, zischen und schlagen die schmutzigen Wasserwogen schäumend an die Mauern und Holzwände an der Matte und drohen alles fortzureissen. In den Werkstätten und theils auch in Wohnungen steht an mehreren Orten einige Fuss Wasser. Wir waren Zeugen, wie das Element sich durch eine Küche Bahn gebrochen und nun als reissender Strom durch dieselbe fliesst.
Als Beweis, wie es in den obern Gegenden mag gehaust haben, bringt die Aare zerschellte Brücken und tosend schlagen die Trümmer derselben an die stehenden Brückenjoche an und bedrohen auch sie mit Untergang. Laut „Tagespost“ ist die Aare schon am Sonntag auch bei Uttigen (im Amt Seftigen) ausgetreten und hat ein 200 Fuss langes Stück des Dammes am neuen Korrektionswerk fortgerissen. ist in Folge der hochangeschwollenen Sense die Ruchmühlebrücke theilweise eingestürzt. Das gleiche Blatt berichtet ferner von bedeutenden Verheerungen durch die Emme und ihre Zuflüsse. So habe der Frittenbach bei der Zollbrücke die Brücke weggerissen.
In Bärau und Langnau läuteten am 18. ds. Morgens früh die Sturmglocken. Die Stromschwelle hinter Bärau gegen die Strasse zu wurde zum grössern Theil weggerissen; Kanal und Schutzwehren daselbst zerstört. Viele Jucharten sind von dem aller menschlichen Anstrengungen spottenden Elemente fortgerissen worden. Selbst die Strasse war schwer bedroht. Schaden unberechenbar. Weiter hinunter die gleiche Noth. Der Schachen unter Wasser; die Postverbindung auf üblicher Strasse abgeschnitten. Bei Hasle lief das Wasser fusshoch über die Strasse. Bei Oberburg konnte man in den Wiesen herumflössen.
Aus Walkringen berichtet man: Letzte Nacht (vom 12. bis 13.) ereignete sich hier ein furchtbares Unglück. Am sog. Kabisrain, einem an sehr steilen Bergabhang gelegenen Heimgütlein, löste sich oberhalb des Wohnhäuschens eine gewaltige Erdmasse los, fuhr abwärts und riss den einen Theil des Hauses, bewohnt von einer armen Familie Stuki, gänzlich weg. Die Bewohner des Hauses, eine Gefahr befürchtend, hatten eben mit Verlassen desselben begonnen; die Erdlawine kam aber so schnell, dass zwei Kinder Stuki, ein 18 Jahre altes Mädchen und ein in der Wiege schlafendes Knäbchen, unter den Trümmern der Wohnung begraben und heute Vormitttag als Leichen endlich hervorgezogen wurden, während ein im Gaden schlafender Bruder des Vaters Stuki lebend und merkwürdigerweise unverletzt, gleich nach dem Lawinensturz, aus den Trümmern der Dachbalken hervorkroch. mit der Jahrzahl 1875 zirkuliren. Gepräge nicht scharf, Metall etwas bläulich.
Luzern. Die bis zum Dienstag Mittag reichenden Nachrichten des „Luz. Tagblattes“ lauten: Bei Gislikon ist die Reuss übergetreten; das Ufergelände zwischen Perlen und Gislikon bildet einen See. Bei Sins hat die Reuss ebenfalls bedeutende Ueberschwemmungen angerichtet, sekundirt von dem dortigen Dorfbach. Auch die Luthern und Wigger sind ausgetreten und haben nicht unbedeutenden Schaden angerichtet.
Baselstadt. Der neueste Bericht der, A. Schw. Ztg.“ lautet: Am Mittwoch sank der Rhein rasch um zirka 8 Fuss (der Pegel zeigte 19 Fuss), so dass schon das Wasser auf der Seite Grossbasels bis über die Schifflände zurückwich. Die Gefahr für die Rheinbrücke ist, wenn auch nicht vorüber, so doch bedeutend vermindert und es ist zu hoffen, dass die mit lobenswerthester Ausdauer die Wache führende Sicherheitsmannschaft bald ihres anstrengenden Dienstes überhoben werde.
In Kleinhünigen steht bis herwärts der Klybeck Alles unter Wasser, die Häuser sind Inseln. Die dortigen Brücken, die Schiffbrücke und die im Bau begriffene Eisenbahnbrücke sind total zerstört. Auch die Brücke an der Klybeck ist weg. Die Birs, stark gestaut, bildet einen See bis unter den Gellert und das Forcart’sche Haus. Die daselbst im Bau begriffenen Häuser sind unter Wasser. Der Damm der Verbindungsbahn wurde vom Wasser stark angefressen, der Schaden ist jedoch mit Steinen so weit ausgebessert, dass heute wieder gefahren wird.
Baselland. Der Landrath hat den Hrn. Ständerath Birmann zu seinem Präsidenten, den Hrn. Rebmann zum Regierungspräsidenten und den Hrn. Bankdirektor Oberer zum Obergerichtspräsidenten gewählt.. Baselland ist von den Wassern auch nicht ganz verschont geblieben. Laut der „Basell. Ztg.“ hatte die Ergolz einen hohen Stand, so dass man in Liestal sich bereits mit Vorsichtsmassregeln für den Fall einer grössern Gefahr beschäftigte. Die Birs ist ausgetreten; ihr Abfluss wurde wegen der Höhe des Rheines gehemmt, so dass sich das Wasser staute und Birsfelden zum grössten Theil überschwemmte. Die Keller der untern Häuser sind mit Wasser angefüllt und soll dadurch den Wirthen, namentlich aber der Bierbrauerei Bürkli, bedeutender Schaden erwachsen sein. Der Fluss hat den Steg bei St. Jakob weggerissen.
Appenzell A.Rh. Die Betriebsdirektion der Appenzellerbahn zeigt an, dass sie bis auf weitere Anzeige den Betrieb auf der ganzen Linie einzustellen gezwungen sei, hauptsächlich wegen der zwischen Winkeln und Herisau stattgehabten Erdbewegungen. Zwischen Herisau und Urnäsch dürfte der Betrieb in der nächsten Zeit wieder eröffnet werden können. von Waldstatt nach Hundwyl und von Herisau nach Degersheim bis auf Weiteres nicht fahrbar. Eine Einsendung in der „App. Zig.“ regt den Gedanken an, ob den schwerer heimgesuchten Wasserbeschädigten ausser durch Verabreichung von Gaben nicht auch durch Frohndienste beigesprungen werden sollte.
St. Gallen. Auch das Rheinthal ist bei der gegenwärtigen Wassernoth nicht ganz leer ausgegangen. Eine Korresp. im „St. Galler Tagbl.“ v. 18. ds. aus Rheineck berichtet: Ueberall nur Wasser, wohin das Auge blickt. Anstatt der Strassen haben wir Kanäle, statt der Plätze Seen, statt der Wiesen und Felder Sümpfe, aus denen die Bäume wie belaubte Pfähle emporstarren und erschrocken ihr eigenes Bild zu ihren Füssen erblicken, statt der Wege schwanke Bretter, auf denen man nur mit Aufbietung aller Kunstfertigkeit einander auszuweichen vermag.
Wir haben mehr Wasser als Anno 1868, wiewohl der Rhein jene Höhe noch nicht ganz erreicht hat; denn die Kalamität kommt diesmal hauptsächlich von dem hinterliegenden Wasser, das, vom Wolkenbruch und 3 tägigen Regengüssen angeschwellt, bei dem hohen Wasserstande des Rheins keinen genügenden Abfluss mehr finden kann. Schon am Sonntag rief die Sturmglocke zwei Mal die Mannschaft herbei, um dem Freibach zu wehren, der in dem benachbarten Thal schon mehrere Stege weggerissen und bei Rheineck über den Damm sich ergossen und Wiesen und Gärten bis zum Löwenhof unter Wasser gesetzt hatte. Mit aller Anstrengung gelang es, ihn wieder einzudämmen, die ganze Nacht vom Sonntag auf den Montag wurde dort gewacht und gearbeitet und Montag Morgens gegen 5 Uhr stürmte es schon wieder, weil er neuerdings eine bedenkliche Höhe erreicht hatte.
Zum Unglück regnete es den ganzen Tag ohne Unterbrechung weiter, so dass alle niederen Quartiere ein trauriges Bild der Ueberschwemmung bieten. Der Löwenhof ist eine kaum zu erreichende Insel, die Kugelwies und alle benachbarten Grundstücke bilden zusammen einen See, das untere Städtchen bis zum „Adler“ ist unter Wasser, die kleinen Gässchen, die vom Städtchen zur Station führen, sind gar nicht passirbar, der ausgedehnte Stationsplatz ist zum Teich geworden, auch im Fahr steht es nicht besser. Die Keller sind beinahe alle mit Wasser angefüllt; in vielen schwimmen die Fässer herum. Das Trostloseste bei der Sache ist, dass es auch heute (Dienstag) immer noch fortregnet und dass man gar kein Ende absieht.
Aargau. Von Koblenz den 12. d. berichtet die,„Botschaft“, daß mehr als die Hälfte dieses Dorfes unter Wasser stehe. Die Fluth brach gegen Mittag mit solcher Schnelligkeit ein, daß nur das Vieh noch aus den Ställen geführt werden konnte, Menschen aber aus den Häusern getragen oder mit Weidlingen gerettet werden mußten. Von der Post bis zur Eisenbahnbrücke steht auch die Landstraße so unter Wasser, daß der Verkehr eingestellt werden mußte. Der Rhein ist bedeckt mit schwimmenden Balken, Brettern, Geräthschaften, Gartenzäunen, entwurzelten Bäumen ec., wodurch Häuser beschädigt und dem Einsturz nahe gebracht wurden.
Besonders hart wurde die Familie Häfliger betroffen. Ihre neugebaute, jetzt mitten im reißenden Strome stehende Mühle war der Gefahr am meisten ausgesetzt. Abends 6 Uhr wurde der untere Anbau weggerissen, wodurch 1400 Ztir. Getreide ein Raub des entfesselten Elementes wurden, im obern Anbau leidet der Mehlvorrath ebenfalls. Die Mühle und die dem Rheine zunächst liegenden Häuser lassen das Aeußerste befürchten. Unter- und oberhalb Klingnau, zwischen Koblenz und Waldshut, Rietheim und Kadelburg alles ein See. Die Barzmühle unterhalb Zurzach wurde fortgerissen und die Giebelmauern eines neuerbauten Hauses stürzten ein. Auch die Getreidemühle in Rheinheim ist in den Wellen verschwunden.
Thurgau. Den der „Thurg. Ztg.“ nach und nach zugehenden detaillirten Berichten über die Wasserverheerungen im Thurgau entnehmen wir noch Folgendes: Die Dinge scheinen sich endlich zum Bessern wenden zu wollen. Die Murg geht zwar immer noch so hoch, dass man zu anderer Zeit, wo nicht die Ereignisse vom 10. bis 12. Juni vorangegangen, von einer bedeutenden Wasserhöhe sprechen würde, während man sich jetzt gelassen sagt, die Sache stehe gut. Dazu kommt, dass an den gefährlichsten Stellen, wie namentlich bei der Kurzdorfer Murgbrücke, nun seit gestern Morgen nach den Anweisungen des eidgenössischen Oberbauinspektors Salis und unter der umsichtigen Leitung des erfahrenen Thurwuhrmeisters Dickennmann mit dem Aufgebot aller Kräfte gewuhrt wird, so dass mit Grund erwartet werden darf, es werde dem Strome die Beute, die er mit gierigem Rachen gepackt und zerfleischte, noch zeitig genug entrissen werden können. Wenigstens sind bis zur Stunde weitere Gebudeeinstürze nicht zu beklagen.
Auf der Probefahrt der Nordostbahn auf der Strecke Frauenfeld-Sulgen (Sulgen-Romanshorn war nicht unterbrochen) machte der Berichterstatter folgende Beobachtungen: Die erste namhafte Verwüstung in der Nähe der Bahn jenseits des gänzlich zerstörten Bachüberganges im Langdorf zeigte sich am Uebergang über den Wellhauser Bach; auch standen noch weitere Strecken, einerseits herwärts Felben, anderseits zwischen Müllheim und Märstetten vollständig unter Wasser, ohne dass indessen der Bahnkörper erheblich beschädigt worden. Schlimmer sah es schon in Weinfelden aus, wo der Giessen sich ein neues Bett gegraben, nahe der Bahn ein im Bau begriffenes Haus an einem unförmlichen Haufen liegt, das Schulhaus an einem grossen Teiche steht und der Einblick in die Feldgasse an Venedig erinnert.
Weitere bedenkliche Wahrnehmungen machte man bei Bürglen; allein im Ganzen konnte doch mit erleichtertem Gemüthe konstatirt werden, dass der Schaden, den die Thur angerichtet hat, von ferne nicht hinanreicht an die Verheerungen der Murg und ihrer Zuflüsse Lauche und Thunbach, sowie verschiedener Bergbäche, besonders am nördlichen Hange des Seerückens, von wo uns noch am wenigsten Berichte zugegangen sind, da nur auf weiten Umwegen dorthin zu gelangen ist. Im Thurthal oberhalb Frauenfeld dürfte sich der, immerhin sehr erhebliche und sehr bedauerliche Schaden im Wesentlichen auf den mehr oder weniger vollständigen Verlust der landwirthschaftlichen Sommernutzung und die Beschädigung etlicher Fabrikanlagen beschränken. Unter den durch die Wassernoth geschädigten Gemeinden befindet sich auch Aadorf.
Die Lützelmurg, einmal zu gewaltiger Wassermasse angeschwollen, spottete der Versuche, sie in ihr Bett einzudämmen. Wohl hat sie die Ortschaft als solche nicht überschüttet, allein die Wuhrungen dreier Etablissements sind gänzlich ruinirt und beläuft sich der Schaden jedenfalls auf die Tausende. Das Regenwetter der letzten Tage hal die Ortschaften Horgenbach und Erzenholz (im Bezirk Frauenfeld) mit einem ebenso schaurigen als grossartigen Schauspiel bedacht, wie man es hier noch nie gesehen. So grossartig war es, dass Alt und Jung ihr Leben lang es nie vergessen werden. Am Montag wurde die ganze grosse Thalebene vom Thurbett südlich nicht bloss bis Horgenbach und Erzenholz, nein bis zu den Anhöhen bei Strass und Wald der Tummelplatz des zum wilden Strome angewachsenen Gewässers. Da wälzte sich mit Tagesgrauen von Osten her eine Wassermasse, immer mehr in die Breite sich ausdehnend, schnurstracks Erzenholz zu, schritt sodann in und bei dieser Ortschaft bis weit hinauf über die Landstrasse, um die ganze Ebene bis zu den Ansteigungen bei Strass, jedenfalls eine halbe Stunde breit, in ein einziges Strombett zu verwandeln.
In Zeit von einer halben Stunde war dies grosse Werk vollbracht, und um ja nichts von dem Grossartigen einzubüssen, behielt der Strom die einmal angenommene Weite und Stärke bis zum Abend bei und erst gegen Nacht zeigte derselbe eine Mässigung. Menschenleben sind Gottlob nicht zu beklagen, keine Häuser und keine Brücken sind dem wüthenden Element zum Opfer gefallen, obschon 26 Familien mit dem Vieh und der unentbehrlichsten Fahrhabe auswanderten, da Wohnungen und Ställe schon tief im Wasser standen. Es war ein wehmüthiger Anblick, als in den ersten Stunden des Tages mit Hülfe herbeigeeilter Nachbarn die Gefährdeten, Karawanen gleich, mit Vieh und Geschirr auszogen, unerschrocken sich Bahn brechend durch das sich drohend entgegenstellende Wasser.
Einen traurigen Anblick aber bieten unsere verwüsteten Gefilde dar und mit Angst und Bangen sehen wir der Zukunft entgegen; denn mit der Ueberfluthung unserer Fluren sind auch alle Produkte derselben unter Wasser und dem Verderben ausgesetzt worden. Und Alle sind von diesem Schlage betroffen worden, der Taglöhner mit seinen wenigen Quadratfuss wie der begüterte Bauer. Für Alle ist die Ernte ein bedeutungsloses Wort geworden.
Matzingen (Bezirk Frauenfeld) ist durch die Hochwasser vom 10. auf den 11. Juni schwer betroffen worden. Thunbach, Lauche und Murg, zu unglaublicher Grösse angeschwollen, traten aus ihren Ufern; die beiden erstgenannten durchflutheten das Dorf in der Richtung von Ost nach West, rissen Häuser an und gefährdeten das Gasthaus zur „Neubrücke“ sammt dem Schulhaus in ganz erheblicher Weise.
Am Sonntag Morgen traten die Verheerungen in erschreckender Klarheit zu Tage; die beiden neuerstellten, steinernen Brücken über die Lauche und Murg waren vollständig demolirt, die Landstrasse durchbrochen und die Strasse am Kirchhof vorbei zum grössten Theil weggespült, Privatgärten und Güter fortgerissen. Am Montag Vormittag drohte die Murg, welche ihr altes Bett durchbrach, ihre Richtung direkt auf Matzingen zu nehmen, doch kam man in dieser Hinsicht mit dem Schrecken davon. Grosser Jammer herrscht auch in Stettfurt (ebenfalls im Bezirk Frauenfeld).
Der Schaden, welchen die Lauche und der Dorfbach anrichteten, die erstere, indem sie die steinerne Brücke, über welche der Weg nach Wängi führte, wegriss und manches gute Stück Land wegschwemmte oder verdarb, der letztere, indem er in viele Häuser drang und mehrere Keller anfüllte, ist noch nicht das Schlimmste. Noch grösser ist die Noth, welche durch die Erdmassen entstand, die in Folge der grossen Nässe von der Schlucht des Sonnenbergs sich ablösten und, die grössten Bäume mit sich fortreissend, gegen das Dorf hin rutschen. Zwei Scheunen sind eingestürzt. Aus sämmtlichen Häusern des Oberdorfes haben die Leute ihre Habseligkeiten geflüchtet, das Schlimmste befürchtend. Und zur Stunde weiss Niemand, wie weit der Schaden noch um sich greifen kann.
Von Weingarten (im Bezirk Tobel) endlich schreibt man: Das Gewitter nahm Samstag Abends um 5 Uhr seinen Anfang und dauerte, unter beständigem Blitz und Donner und einem Regen, als ob alle Schleusen des Himmels geöffnet wären, bis halb 9 Uhr fort, so dass die Wassergräben am Hange des Immenbergs zu Bächen und die Bäche zu Strömen anschwollen. Bald raste die Lauche von Affeltrangen her theilweise über Wiesen und Aecker dem untern Lauchethal zu, alles überfluthend, wegreissend, was ihr im Wege war. Immer höher stieg die trübe Fluth, genährt und verstärkt durch den Lommiser und andere Nebenbäche.
Die beiden nach Lommis führenden Brücken (die gewölbte und die hölzerne), die solide, gewölbte Brücke in Stettfurt und, wie wir hören, einige in Affeltrangen vermochten den gewaltigen Fluthen nicht zu widerstehen und sind fortgerissen; auch die Dorfbrücke in Lommis soll beschädigt sein. Der Schaden lässt sich noch gar nicht übersehen. Die meisten Feldfrüchte, namentlich das Futter, sind verschlammt und vernichtet, und was die Lauche verschonte, das verheerten die Nebenbäche und die von den steilen Abhängen des Immenbergs herabstürzenden Fluthen. Strassen, Wege und Wasserleitungen sind furchtbar zugerichtet, ein Nebengebäude der untern Mühle in Lommis ist weggeschwemmt und in Lommis sollen mehrere Gebäude unterwühlt sein. Was den Schaden noch ungeheuer vermehrt, sind die am Immenberg theilweise durch Winter- und Frühlingsnässe vorbereiteten und durch den seit 50 Stunden anhaltenden Regen beförderten Erdrutschungen eine Kalamität, deren Ende noch nicht abzusehen ist.
(Korr. vom 13. Juni.) Ueber die Regengüsse der letzten Tage werden Klagen laut von allen Seiten. Der Rhein hat eine Besorgniß erregende Höhe erreicht. Die Wutach hat ihrem Namen auf’s Neue alle Ehre gemacht, und wo im Lande ein Bach und ein Bächlein nur sich findet, ist es zum rauschenden oder zerstörenden Gewässer geworden. Erdrutschungen haben in ungezählter Menge stattgefunden. Man muß sich fast fürchten, die Nachrichten alle zu hören über die Zerstörungen, welche die ungewöhnlich starken und andauernden Regengüsse seit Samstag ringsum an Wegen und Stegen, an Feldern und Saaten angerichtet haben.
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Die Ostschweiz, 15. Juni 1876






> Berichte am 16. Juni
St. Galler Volksblatt, 16. Juni 1876












> Berichte am 17. Juni
Seeländer Bote, Band 27, Nummer 73, 17. Juni 1876
Walkringen. In der Nacht vom Montag ereignete sich hier folgendes Unglück: Am sogenannten Kabisrain, einem an sehr steilem Bergabhang gelegenen Heimgütlein, löfte sich oberhalb des Wohnhäuschens eine gewaltige Erdmasse los, fuhr abwärts und riss den einen Theil des Hauses, bewohnt von einer armen Familie Stucki, gänzlich weg.
Die Bewohner des Hauses, eine Gefahr befürchtend, hatten eben mit Verlassen desselben begonnen, die Erdlawine kam aber so schnell, dass zwei Kinder Stucki, ein 13 Jahre altes Mädchen und ein in der Wiege schlafendes Knäbchen, unter den Trümmern der Wohnung begraben und Heute Vormittag als Leichen hervorgezogen wurden, während ein im Gaden schlafender Bruder des Vaters Stucki (lebend und merkwürdiger Weise unverletzt, gleich nach dem Sturz, aus den Trümmern der Dachbalken hervorkroch.
Thurgau. Ueber die in Folge der kolossalen Wasserverheerungen in der Bevölkerung herrschende Stimmung sagt die heutige „Thurg. Ztg.“: „Auch das bürgerliche Leben in allen seinen Beziehungen ist tief gestört; die Fabriken stehen still, zunächst weil alle Kanäle vernichtet, und weil die Mehrzahl der Arbeiter vom Rettungswerke, fei es am eigenen Heim, sei’s in der Fabrik selbft oder im öffentlichen Dienste in Anspruch genommen find. Daneben hat sich nach der Aufregung der ersten Zeit der Menschen selbst eine schmerzhafte Abspannung bemächtiget; auch klopft die Noth schon an manchen Thüren, namentlich bei den Landleuten der Ausgemeinden; für Milch hat die Behörde forgen müssen und können, aber Viehfutter herbeizuschaffen ist fast unmöglich, da weithin Alles unter Wasser steht und selbst da, wo dies nicht der Fall, der unaufhörlich strömende Regen das Einbringen von Gras und Klee hindert. So gestaltet sich die Lage leider immer noch trostloser, und so steht es weit herum.“
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Die Ostschweiz, 17. Juni 1876











> Berichte am 18. Juni
Die Ostschweiz, 18. Juni 1876
St. Gallen. Niederhelfenschwyl, 13. Juni. ( Korr. Verspätet.) Jetzt, wo zum ersten Mal seit 3 Tagen der Himmel sich ein wenig lichtet und Alles wieder etwas freier aufathmet, will ich Ihnen über die vergangenen Tage, so weit sie auch für unsere Gemeinde Tage des Schreckens waren, Bericht geben.
Es war Samstags, den 10. Juni, gerade am Jahrestage des entsetzlichen Hagelwetters vom
vorigen Jahre, als gegen Abend wider Erwarten (es hatte den Tag über ziemlich kühle Temperatur
geherrscht, die Sonne auch nicht e i n e n freundlichen Blick uns zugeworfen) ein heftiges Gewitter über unsere Gegend herzog, das indessen ohne irgend welchen Schaden anzurichten, sich wieder
verzog.
Trotzdem wollte sich der Himmel nicht aufheitern und blieb mit schwerem, grauen Gewölke umhangen. Dasselbe begann sich nach 8 Uhr in furchtbaren Regengüssen zu entleeren. In kürzester Zeit schwollen die Gräben zu Bächen, die Bäche zu Strömen an. In nicht geringe Gefahr kam der tiefgelegene Pfarrhof, bei dem das Wasser aus der ganzen Ortschaft und deren nächster Umgebung vorbeipassieren muss, um bei der etwa 10 Minuten entfernten Jakobsmühle sich jäh in die Thur hinabzustürzen. Der angestrengten Thätigkeit herbeigeeilter Hilfsmannschaft gelang es, deren Fluth rechts und links abzulenken, so dass sie weder dem Haus, noch dem Garten, von dem sie bereits ein Stück weggerissen hatte, weiter mehr etwas anhaben konnte. Arge Verwüstungen lichtete das tosende Element weiter unten in der Nähe der Tuffsteinbrücke, oberhalb der Jakobsmühle an; ein Theil der Mühle selbst wurde hart mitgenommen; ihrem Felsenfundamente hat sie’s zu danken, dass sie nicht in die Thur hinabgestossen wurde.
Fast noch grössere Gefahr drohte der in tiefer Schlucht verborgenen Mühle in Enkhäusern.
Verschiedene Wuhre wurden demolirt, Zufahrtsstrassen theils weggerissen, theils mit Erde zugedeckt. Oberhalb der Scheune machte sich eine Erdlawine los, die jedoch gerade noch zur rechten Zeit zum Stillstand kam. Die schwerste Besorgniss erregte eine drohende Erdrutschung hinter Haus und Mühle; es war zu befürchten, dass eine gewaltige Masse auf einmal niederstürze, die Wasser aufstaue, das enge Gewölbe verstopfe und so Haus und Mühle zusammenbreche. Um, wenn
möglich das Aeusserste abzuwenden, hatte man Montag Abends durch Sturmgeläute möglichst
viele Mannschaft zusammengerufen. Zum Glück löste sich je nur ein kleinerer oder grösserer Theil;
vor Anbruch der Nacht war die ganze gefurchtere Erdmasse sammt Gehölz hinuntergestürzt und langsam abgeleitet.
Auch die Mühle in Zuckenriet war ein höchst gefährdeter Posten. Der auf ältern Landkarten noch figurirende, längst ausgetrocknete grosse Weiher präsentirte sich wieder in mächtigem Umfange den erstaunten Blicken. Sein Wasser riss den Garten der Mühle weg, unterwühlte ein paar
Nebengebäude, nagte an der Scheune herum, liess indessen Alles an seinem Orte stehen. Höchst
verhängnissvoll wäre hier ein Dammbruch geworden.
Heute Morgen stürmte es in der Kapelle Zuckenried: das etwas seitwärts und höher gelegene Heimwesen des Hrn. Klaus in St. Gallen wollte in Niedergang gerathen; die Hauptgefahr ist auch da glücklich vorüber. Schreckliche Verwüstungen hat die Wasserfluth dem dortigen grossen Weinberge durch Ueberschwemmungen und Rutschungen angerichtet.
Lenggenwyl sollte ebenfalls nicht mit heiler Haut weg kommen. Gestern morgen, als eben
Mannschaft nach Oberbüren ab gehen wollte, um der daselbst bedrohten Kirche zu Hilfe zukommen, langte vom Stolzenberg die Nachricht an, dass es daselbst nicht mehr geheuer sei und einige Gebäude, namentlich das Haus von Hrn. Pferdehändler Näf bedeutende Neigung zeige, eine Rutschpartie zu machen. Doch kam es auch hier nicht zum Aeussersten.
Hat das entfesselte Element im Uebrigen an Privatbesitz wenig geschadet, so hat es um so ärger an Strassen seine Wuth ausgelassen; die meisten Brücken wurden weggeschwemmt, oder doch unfahrbar gemacht; es dürfte noch einige Zeit währen, bis die Post von hier nach Wyl fahren kann. Die Strasse von Bischofszell bis hieher hofft man in dieser Woche noch befahren zu können.
Sind wir also auch ziemlich mitgenommen worden, so wollen wir doch nicht klagen. Denn sehen wir nach Niederbüren hinüber und hören wir von den grausigen Verheerungen in Oberbüren. Nieder- und Oberuzwyl, Flawyl, Henau und Zuzwil erzählen, dann können wir wohl zufrieden sein. Immerhin aber sind wir in Zukunft um eine frohe Zuversicht ärmer, dass uns unsere Lage vollständig gegen Wassergefahr schütze. Bis voriges Jahr glaubten wir, es könne bei uns nicht hageln (denn seit über 50 Jahren hatte ein Hagelwetter die Gemeinde nicht heimgesucht); was uns jene Hoffnung am 10. Juni 1875 benommen, so wissen wir seit dem 10. Juni 1876, dass wir trotz Allem auch vor Ueberschwemmung nicht sicher sind. Es ist zweifelsohne das erstemal, dass unsere Glocken wegen Wassergefahr Sturm geläutet haben. Auf solche Weise beginnen wir uns bald zu fürchten, selbst vor dem Erdbeben, „dem Schrecklichsten der Schrecken“.
Benken. (Korresp. vom 14.Juni.) Auch in unserer Gegend Hochwasser. Der Wasserstand der Linth hatte bis zum 13. d. M. Abends eine Höhe erreicht, wie dies seit 1851 nicht mehr der Fall war. Am rechtseitigen Nebenkanal war schon am 11. Juni Dammbruch vorhanden, konnte aber ein Ausbruch durch energische und unausgesetzte Arbeit während drei Tagen und drei Nächten verhindert werden.
Am 13. Juni war successives Zurückgehen des Wasserstandes dieses Kanals bemerkbar und
somit die grösste Gefahr von dieser Seite vorbei, währenddem das Wasser im Linthkanal immer im Steigen war und an vielen Stellen zwischen Giessen und Grinau bis an wenige Zoll die Höhe der Dammkrone erreichte und die Gefahr eines Uebertrittes und Durchbruches nahe stand.
Es musste nun die bis anhin durch grosse Anstrengungen erschöpfte Mannschaft von Benken mit Zuzug verstärkt werden und geschah dieses auf Ansuchen in bereitwilliger Weise durch die
Hilfsmannschaften von Uznach und Tuggen. Heute ist nun auch an diesem Fluss ein kleines Zurückgehen des Wasserstandes wahrzunehmen und wie wir hoffen wollen, auch die grösste Gefahr
vorbei.
Der glückliche Vorübergang dieser Katastrophe — ohne grössern Schaden und Unglück für das Linthgebiet — haben wir nächst Gott, auch hauptsächlich der aufopfernden Thätigkeit und der energischen und umsichtigen Leitung der Schutzarbeiten des Hrn. Linthbauführer Laager ’s zu verdanken. Wie wird es aber bei ähnlichen Hochwasserständen in Zukunft kommen, wenn der Seedamm in Rapperswyl erstellt sein wird? so hört man durchgehends sagen, wenn zwei oder mehrere zusammen kommen.
Es behauptet zwar der eidgenössische Linthingeneur „macht nichts “ und die eidgen. Herren
Experten sagten es auch als es sich um die Seedammfrage handelte. Ersterer musste aber aus
Erfahrung wissen, dass die Nivellirung des Obersees mit dem Untersee, von wegen der Seeenge zwischen Rapperswyl und Hurden bei Hochwasser ohne Seedamm langsam genug vor sich geht und bei einer grössern Verengung des Abflussgebietes durch den Damm noch sichtbarere Stauungen erfolgen müssen.
Die Letztern mochten mit den Verhältnissen weniger vertraut gewesen sein; denn hätten sich diese von der Sachlage eines solchen Hochwasserstandes durch eigene Anschaungen überzeugt, ihr Gutachten wäre nie zu Gunsten der Seedammbaute ausgefallen! Aber in das künstlich gespannte Netz der Rapperswyler fielen auch die Bundesbehörden, sowie die Mehrheit der St. Gallischen Landesvätter, letztere namentlich noch durch Subventionirung dieser Seeschlange. An warnenden Stimmen von Technikern und von Seite der Bewohner der Linthgegend hat es nicht gefehlt; man hatte taube Ohren für dieselben! Die Segnungen des Escherschen Werkes sind für uns in Frage gestellt und mit banger Erwartung sehen wir der Zukunft entgegen.
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> Berichte am 20. Juni
Neue Zürcher Zeitung, Nummer 307, 20. Juni 1876
St. Gallen. Aus Thal (Unterrheinthal) schreibt man dem „St. Gall. Tagbl.“ unterm 17. Juni: Die Dorfbäche — besonders der mittlere oder Gstaldenbach — haben am Sonntag arg gehaust, Stege, Wuhre und Stücke Boden fortgerissen, Gärten, Wiesen und Aecker überschwemmt.
An mehreren Orten hat sich das Bachbett mit enormen Schutt- und Steinmassen hoch angestaut und sich das Wasser rechts und links bahn gebrochen. Sehr arg ist auch der herrliche, kostbare Weingarten am innern Buchberg mitgenommen; viele Stütznauern sind eingestürzt und haben die Rebgelände verwüstet; eine grosse Menge Rutschungen des Geländes in grösserm und kleinerm Umfange treten zu Tage und sind die betroffenen Eigenthümer schwer geschädigt.
Grösser aber und dato noch unberechenbar ist der Schaden, den die Wasser im Bauried und der Ortsgemeinde Altenrhein anrichten. Ein grosser Theil des Bauriedtes mit seinen Wiesen und Aeckern bildet einen See. Das Dörfchen Altenrhein schwebt in grösster Gefahr, ganz überschwemmt zu werden. Der Zugang von Staad her ist nur noch mit Schiffchen möglich; der See hat eine seltene Höhe erreicht und dringt von allen Seiten herein. Gestern Nachts kam ein Eilbote nach Thal, der um Hülfe ansprach, die auch sofort entsendet wurde.
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> Berichte am 24. Juni
Walliser Bote, 24. Juni 1876


> Berichte ab 27. Juni
Neue Zürcher Zeitung, Nummer 321, 27. Juni 1876 Ausgabe 02
Ein Gang durch’s Tössthal acht Tage nach der Ueberschwemmung
Es war nicht bloss Neugierde, es war ein Besseres, Edleres, was in den letzten Tagen eine Menge von Menschen nach den Orten zog, an denen das Wasser vom 10. bis 12. Juni sein Werk der Zerstörung geübt, so dass z. B. am Sonntag den 18. Juni die Personenwagen der Tössthalbahn zum Transport der Schaaren nicht ausreichten, und Güterwagen zu Hülfe genommen werden mussten. Auch uns zog es hin, die Verheerungen des Tössthal mit Augen zu schauen. Wir unternahmen unsere Reise in dasselbe am 21. und 22. Juni, gerade 8 Tage nach dem Unglück, das über das Thal gekommen. Das Grossartige und Ergreifende desselben, die tobenden Wasserfluthen, konnten wir zwar nicht mehr sehen; das Schwerste, den Schrecken und die Angst jener Tage konnten wir nicht mehr miterleben, aber es blieb noch genug für Auge und Gemüth, um zu einem Gang durch’s Thal zu bewegen.
Im Bahnhof von Winterthur harrten wir des Rufes zum Einsteigen. Die Wagen der Tössthalbahn sind vor denen aller andern kenntlich durch ihren hohen zweistöckigen Bau. Am Mittwoch war das Geleise offen bis Turbenthal. Bis dorthin lösten wir unsere Billets. Schon in der Nähe von Seen zeigten sich Spuren der Wassersnoth, der Bahndamm war von den Bächen, die von der anliegenden Höhe herabströmten, zum Weichen gebracht worden und konnte, erst nothdürftig hergestellt, nur langsam befahren werden.
Zur Einfahrt in’s Tössthal beim Sennhof winkt grüssend von der gegenüberliegenden Höhe herab die Kyburg. Wie oft mag sie im Laufe der Jahrhunderte schon Zeuge geworden sein von Gefahr und Elend, das zu Zeiten das an ihrem Fuss vorbeifliessende Flüsschen gebracht hat! So unschuldig sieht es zwar gewöhnlich aus, trocken liegt der grösste Theil seines Bettes. Aber wenn der Schnee schmilzt oder starke Regengüsse auf seine anliegenden Höhen fallen, dann bringt sein trübes, rauschendes Gewässer regelmässig Sorge und Gefahr. In welchem Grade die in den Wäldern, welche die steil abfallenden Seitenhänge das ganze Thal entlang bekleiden, herrschende Raubwirthschaft die Gefährlichkeit des Wassers vermehrt, wagen wir nicht zu entscheiden. Dass sie es thut, ist gewiss. Dass die Menschen so oft erst durch Schaden klug werden können!
Vor den Zeiten der französischen Revolution waren die Waldungen des Thales fast durchweg Eigenthum von Korporationen, aber damals wollten die Begriffe von republikanischer Freiheit keine Beschränkungen im Verfügungsrecht über das Eigenthum mehr dulden, und so kamen die Korporationen zur Vertheilung. Jetzt, durch Schaden klug geworden, würde man gern genug wenigstens in diesem Punkte die Geschichte der verflossenen Dezennien wieder umkehren. Es gibt eben keine vernünftige Freiheit ohne vernünftige Beschränkung. Das obere Tössthal erstreckt sich in steten Windungen, die an einem einzigen Orte, zwischen Turbenthal und Wyla, eine geradlinige Entwicklung von zirka einer halben Stunde aufkommen lassen, vom Sennhof bis in’s Fischenthal in einer Länge von gegen sechs Stunden. Die beidseitigen Abhänge treten meist nahe zusammen, die grösste Breite des Thales geht nirgends auf eine Viertelstunde, viel häufiger mag sie nur 5 Minuten betragen.
In diesem Thale finden sich, Fischenthal mitgerechnet, 5 zum Theil grosse Kirchdörfer mit einer Bevölkerung von gegen 10,000 Seelen. Der an Zahl geringere Theil beschäftigt sich mit Landwirthschaft und Viehzucht, der grössere lebt der Industrie. Man zählt von Sennhof bis Bauma allein 14 Baumwollspinnereien. Dazu kommen noch verschiedene andere industrielle Gewerke, so einige mechanische Werkstätten, eine Seidenspinnerei etc. Die Wasserkräfte nehmen diese Etablissements meist von den Bächen, die der Töss zufliessen. Ein solcher entspringt oberhalb Turbenthal mitten in den Wiesen des Thales und setzt wenige Minuten nach seinem Aufquellen bereits eine mechanische Werkstatt, eine Mühle und 3 Baumwollspinnereien in Bewegung.
In dieses freundliche, lebensvolle Thal haben die Wasserfluthen der Töss in den Tagen vom 10. bis 12. Juni Schrecken und Verheerung gebracht. Es war zwar nicht das erste Mal, dass sie zerstörend ihre Ufer übertraten, fast jedes Jahr bei schnellem Schmelzen des Schnees oder bei starkem Gewitterregen ist es geschehen, ja man sagte uns, dass die Wassermasse, die sie führte, Anno 1852 noch grösser gewesen sei. Aber noch nie hatte ihre Grösse eine so lange Dauer, noch nie hatte sie wie dieses Mal zwei lange Tage und zwei lange Nächte Zeit, an ihrem Zerstörungswerk zu arbeiten. Gewöhnlich fielen die Wasser schon nach längstens 12 bis 24 Stunden.
Angesichts der Thatsache, dass das Unglück mit jedem Jahre wiederkehren kann, ist denn auch die Frage, wie Hülfe und Schutz möglich sei, immer dringender geworden. Im Laufe der letzten Dezennien hatte man den Fluss durch Faschinen auf eine Breite von 50 bis 60 Fuss das ganze Thal herab eingedämmt. Die Faschinen hatten dann ausgeschlagen und so war das Bett auf beiden Seiten von dichten und hohen Weidenbüschen eingerahmt.
In einem grossen Theil des Jahres floss, besonders da, wo die Wasserleitungen der Fabriken nebenher gingen, in demselben kein Wasser, erst durch Nachgraben im Geröll könnte man solches finden. In diesem engen Bette nun häufte sich von Jahr zu Jahr das Gerölle und Geschiebe, so dass es schliesslich an nicht wenigen Stellen höher war, als das umliegende Land. Wo dann noch irrationelle Bauten von Brücken und Stegen hinzukamen, da war ein ungehindertes Abfliessen grösserer Wassermassen von vorn herein unmöglich, und wird es auch, so wie die Sachen liegen, für die Zukunft bleiben. Da hilft offenbar nur ein gründliches und durchgehendes Kanalisiren, es muss der Töss ein Bett gegeben und dasselbe mit Steinplatten unten und zu beiden Seiten belegt werden (ähnlich wie es z. B. Baden mit der wilden Wutach gethan), damit das Geschiebe, das vom Wasser gebracht wird, nirgends liegen bleiben kann.
Das ist nun freilich eine Arbeit, die Hunderttausende verlangt, und wer soll sie ausführen? Die Gemeinden des Thales zahlen sonst schon an Staats- und Gemeindesteuern jährlich ihre 10 bis 12 pro mille. Da geht es wohl nicht anders, als dass der Staat, der mit seinen allezeit gefährdeten Strassen sonst schon an einer Abhülfe das grösste Interesse hat, recht fühlbar mithilft, denn an ihr hängt das Gedeihen und die Wohlfahrt des ganzen, reichbevölkerten Thales.
Die ersten Eindrücke von den Folgen der Ueberschwemmung hatten wir im Sennhof, wo die Bahn in’s Tössthal eintritt. Die grosse Fabrik stand still, die Wasserleitung war versandet, verschlammt und zerrissen. Um die Häuser des sonst so freundliches Dörfchens, auf den Gärten, den Wiesen und Feldern seiner Umgebung lag ein gelber Schlamm. Es war überall so still und menschenleer, ein mitten im Bau begriffenes Haus unter dem Bahnhof, das augenscheinlich ganz im Wasser gestanden, zeigte auch nicht einen Arbeiter.
Das eine Viertelstunde weiter hinaufliegende Kollbrunn mit seinen 2 gewaltigen Fabriken, seinen Herrschaftshäusern und seiner ganzen Kolonie von neuen Arbeiterhäusern hat weniger gelitten. Die Töss geht in einem Bogen um den Ort herum. Die Wasserkanäle sind zwar auch an verschiedenen Stellen zerstört, und man sah überall Arbeiter mit ihrer Herstellung beschäftigt, ber Ort selbst indess stand nicht unter Wasser, und selbst die gedeckte Brücke nach Weisslingen ist, mit der zwischen Wyla und Turbenthal die einzige im ganzen Thal, verschont geblieben.
Anders sieht es dann freilich aus gegen die Au und Ryken hin. Das Land um das Dörfchen Au, Gärten, Wiesen und Aecker sind versandet und durchwühlt, Haufen von Holz und Reisig richten sich an den stehen gebliebenen Obstbäumen empor; weiter hinauf ist eine längere Strassenstrecke, zwischen die Eisenbahn und das Tössbett eingedrängt, vollständig verschwunden, an ihrer Stelle, unmittelbar neben der verschont gebliebenen Eisenbahn, fliesst ein trüber Wasserstrom.
Am grauenhaftesten ist der Anblick von Ryken. Das Thal ist dort eng, zu beiden Seiten der Töss liegen mit zwei Spinnereien die Häuser des Dörfchens. Das Geschiebe des Flusses hatte sich hier von früher her mehr gehäuft als kaum irgendwo. Es ist uns das aufgefallen, als wir vor einem Jahre in die Gegend kamen. Die Brücke lag kaum 3 bis 4 Fuss über dem Flussbeit. Als darum der Wasserstrom kam und diese nicht alsbald wich, wälzten sich seine Fluthen ungehemmt auf beide Seiten, unterwühlten die Fundamente der Häuser, durchwühlten Gärten und Wiesen und verwandelten das sonst so stille, friedliche Thal mit seinen grünen Auen und Abhängen in ein Bild der traurigsten Zerstörung.
Am meisten hat hiebei das untere, Nussbergersche Fabrikgebäude mit den es umgebenden Wohn- und Oekonomiegebäuden gelitten. Mit Mühe hatte man da und dort ausgebessert, was fallen wollte. Bemühend war namentlich auch der Anblick der Ruinen des Hauses, das mitten in den Wasserfluthen hülflos den Feuerflammen zum Opfer gefallen war. Ungelöschter Kalk soll es in Brand gesetzt haben. Obstbäume, Pappeln, Alles, was in Jahren und mit viel Mühe an den Ufern entlang gepflanzt worden war, entweder hatte das Wasser sie weggenommen oder man hatte sie zum Schutz gegen dasselbe gefällt. Jahre dürften jedenfalls hingehen, bis diese Ortschaft von den Zerstörungen dieser Tage sich erholt haben wird. (Fortsetzung folgt.)
der Bericht in e-newspaperarchives
Neue Zürcher Zeitung, Nummer 323, 28. Juni 1876 Ausgabe 02
Ein Gang durch’s Tössthal acht Tage nach der Ueberschwemmung. (Fortsetzung.)
Wenn man gesehen, was die Wuth des Wassers in Rykon vermochte, da wundert man sich nicht mehr über das, was man weiterhin zu sehen bekommt. Zwischen Rykon und Remismühle begnügte es sich mit Ueberschwemmung und Zerstörung einer Brücke; was die Fabriken an letzterm Orte gelitten, war nahezu wieder ausgebessert, dagegen war der Anblick des fruchtbaren Landes auf dem linken Tössufer ein trostloser. Die Eindämmung des Flusses war vollständig verschwunden, seine frühern Grenzen waren nirgends mehr sichtbar, wo früher Hanfländer, Aecker, Wiesen sich ausdehnten, da war jetzt überall Flussbett, nur hie und da ragten aus der Schuttmasse noch einzelne Baumkronen, wie zum Hohn bekränzt bis hoch hinauf von Wurzeln und Reisig, welche das Wasser hergebracht hatte.
Bei der Brücke im Friedthal hatte es durchgebrochen, diese selbst zerstört und damit die Verbindung von Uster und Fehraltorf mit dem Tössthal nach dieser Seite für längere Zeit unterbrochen. Dass es nach der linken Seite ausbrach, war wohl ein Glück für die auf der rechten Seite liegende Spinnerei im Friedthal, weil sonst sie in die grösste Gefahr gekommen wäre.
Als wir letzten Herbst nach langen Jahren zum ersten Mal wieder nach Turbenthal kamen und dort die Eisenbahn besteigen wollten, da sahen wir auf dem Bahnhof uns lange um nach dem Flussbett, ohne es finden zu können. Dem äussern Geleise des Bahnhofes entlang zog sich ein hohes, undurchdringliches Weidengebüsch, das Alles, was darüber hinaus sich befinden mochte, dem Auge verbarg. Jetzt hat Niemand, der mit der Bahn in Turbenthal ankommt, mehr nöthig, mit den Augen nach dem Flussbett der Töss zu suchen, es liegt seit der letzten Ueberschwemmung nur allzunahe.
Die freundliche Umkleidung des Bettes, jenes hohe Weidengebüsch, ist bis auf die letzte Spur verschwunden, bis hinüber an den Fuss des jenseitigen Abhanges dehnt sich Eine Wüste von Sand und Geröll, der äussere Theil des Bahnhofes mit einem Geleise ist fort, und zur Zeit unserer Ankunft war eine zahllose Schaar von Arbeitern, meist Italienern, beschäftigt, theils die aufgewühlten und fortgeschwemmten Stellen des Bahnhofplatzes wieder aufzufüllen, theils gegen Wyla hin in einer Strecke von einigen hundert Fuss ein neues Geleise zu legen.
Morgen, so hiess es, sollte die Lokomotive bis Wyla gehen. Wir wollten das angesichts der Arbeit, die noch zu leisten war, nicht glauben. Aber siehe, schon 2 Stunden später sahen wir mit eigenen Augen von der Anhöhe des Gyrenbades herab die erste Lokomotive über die kaum von Schaufel und Hammer verlassene Stelle schnauben. Wir sahen es hier, wie sehr es der Direktion der Tössthalbahn daran gelegen ist, möglichst schnell dem Thale seine gewohnte Verbindung wieder zu geben, und sie leistet in der That das Menschenmögliche. Alle Arbeiter, die an der Fortsetzung der Bahn nach Fischenthal und Wald beschäftigt waren, wohl einige Hundert an Zahl, sind herabgenommen worden, um den Wasserschaden zu verbessern und die Aufnahme der Fahrten zu ermöglichen. Langsamer geht’s dann freilich mit den Strassen, die der Staat zu bauen und zu bessern hat. Man muss indess, um billig zu sein, nicht vergessen, dass er seine Arbeiter erst werben muss, und deren findet man im Augenblick nicht an allen Ecken.
Das Dorf Turbenthal selbst hat von der Ueberschwemmung nicht viel gelitten. Die Wiesen der Umgebung lagen unter Wasser, einige Strassenstrecken find ausgewaschen, einige Zeit bedrohte auch ein Arm der Töss die äussersten Häuser gegen Wyla und wühlte an ihren Fundamenten, so dass die Bewohner auszuziehen genöthigt waren, sonst ist ihm nicht viel geschehen.
Wir hatten uns vorgenommen, bis Bauma das Thal zu durchreisen. Von Turbenthal galt es per pedes weiter zu kommen, da jeglicher weitere Verkehr mit Dampf und zu Wagen unmöglich war. Da aber zu solcher Tour der Abend nicht mehr gereicht hätte, so entschlossen wir uns, den noch übrigen Theil desselben und die Nacht im Gyrenbad zuzubringen. Das Gyrenbad ist eine landschaftliche Perle nicht nur des Tössthals, sondern des Kantons Zürich, und so Viele von fern und nah es auch etwa besuchen und ihren Aufenthalt in ihm auf kürzere oder längere Zeit nehmen, es ist es werth, auch in weitern Kreisen bekannt zu werden. Es liegt etwas über 2200 Fuss über Meer, eine halbe Stunde unter der Höhe des Schauberg. Zu Wagen ist es von Elgg her in zirka 1/2, von Zell her in 1 Stunde erreichbar, doch ist die letztere Zufahrt gegenwärtig durch Rutschungen unterbrochen. Zu Fuss gelangt man von Turbenthal und Hutzikon aus in einer leichten halben Stunde hinauf. Es ist ein im östlichen Theil des Kantons Zürich und im Thurgau längst bekanntes Schwefelbad, doch wird es in neuerer Zeit ebenso häufig zu Milch- und Molkenkuren benutzt. Von der Ueberkultur moderner Kurorte mit ihren befrackten Kellnern ist es noch nicht beleckt, die Bedienung wie die Preise sind einfach und recht, der Aufenthalt mit Umgebung und Aussicht köstlich.
Auf dem Fussweg, der in ziemlicher Steigung im Zickzack, im Schatten des Waldes zur Höhe führt, mussten wir sehen, wie viel der Regen der Ueberschwemmungstage durch Rutschungen geschadet hat, fast ebenso viel, wie durch die Ueberschwemmungen selbst. An den steilen Abhängen des Thales ist einmal um’s andere der Boden gewichen, der Weg zerklüftet, oft ganze Land- und Waldparzellen mit den darauf stehenden Bäumen zu Thal geglitten. An allen möglichen Stellen, wo früher nicht die Spur von Wasser war, da thaten Quellen sich auf und brachten die Hänge in Bewegung. Mehr als ein Mal hörten wir die Meinung äussern, es müsse nothwendig mit den Regengüssen eine Erderschütterung, ein Erdbeben verbunden gewesen sein. Jahre mögen hingehen, bis die vielen durch Rutschungen blossgelegten Stellen des Erdreichs wieder verwachsen sind, und an vielen, besonders jäh abfallenden Stellen dürfte dies ohne sorgsame Nachhülfe von Seite der Menschen gar nie mehr geschehen.
Früh am Morgen des folgenden Tages nahmen wir Abschied von dem lieblichen Erdenwinkel und stiegen zu Thal, um auf’s Neue dem Lauf der Töss zu folgen. Von Turbenthal war auf eine ziemliche Strecke der freundliche Pfarrer, dem wir hiemit grüssend die Hand drücken, unser Begleiter. Auf seinen Rath wählten wir auf dem Weg nach Bauma die alte Strasse auf dem rechten Ufer der Töss, die an der Quelle vorbeiführt, welche dem schon oben berührten, nach kurzer Zeit wohl über 8 Fuss breiten Bach mit dem klarsten Wasser das Leben gibt, und die weiter hinauf in einen Fussweg überleitet, auf dem man dem Fusse des Abhanges entlang nach Tablat kommt.
Die Wiesen oberhalb Turbenthal standen in den Tagen der Ueberschwemmung alle unter Wasser. Als wir vorbeigingen, war Heuet auf ihnen. Am geschnittenen Grase hing noch der Schlamm, der dann unter dem Einflusse der Sonnenhitze zum Staube ward, den man durch Schütteln des Heues entfernen konnte.
Der gefährlichste Punkt für Turbenthal war die Stelle unmittelbar oberhalb der Eisenbahnbrücke. Wäre dort das Wasser, durch die Brücke und das an ihr hangen gebliebene Wurzelwerk ohnedies gestaut, durchgebrochen, so wäre es direkt auf den äussern Theil des Dorfes losgestürzt und hätte es rettungslos der Zerstörung übergeben. Dort standen denn auch alle wehrhaften Männer des Dorfes, von der Sturmglocke gerufen, während zwei Tagen und zwei Nächten in strömendem Regen, bis an die Knie und noch tiefer in den trüben Wasserfluthen und bestanden mit ihnen einen Kampf auf Leben und Tod. Mit Seilen banden sie sich abwechselnd an das eiserne Brückengeländer und befreiten mit Aexten und Haken die Brückenbogen von dem Holzwerk, das sich an ihnen aufthürmte.
Aengstlich harrten indessen daheim die übrigen Einwohner des Dorfes, ein Mal um’s andere von der Kunde geschreckt, ihre Männer und Söhne vermöchten den Eindrang des Wassers nicht mehr zu bewältigen. Zum Glück erwiesen sich alle diese Nachrichten als falsch, wenn es oft auch nahe genug daran war, dass sie wahr geworden wären. Der Eisenbahndamm wenigstens unter der Brücke konnte vor dem andringenden Wasser gerettet werden, und als wir vorbeigingen, waren die Arbeiter eben daran, seine Krone wieder zu verebnen und ihn fahrbar zu machen.
Eine ähnliche Stelle, wie für Turbenthal die Eisenbahnbrücke, war für Wyla unterhalb der gedeckten Brücke nach Tablat. Dorthin rief das Heulen der Sturmglocke des Dorfes Bewohner, ein schönes und fruchtbares Stück Land um das andere fiel den fressenden Fluthen zum Opfer, einmal um’s andere wollte der wehrenden Mannschaft der Muth entsinken, und dann hätte der Strom sich direkt auf das Dorf losgewälzi. Die Fluthen konnten schliesslich abgehalten werden, aber die Verheerung des schönsten und fruchtbarsten Landes ist geblieben. Die gedeckte Brücke nach Tablat ward auf dem rechten Ufer vom Wasser unterfressen, verlor dort ihren Halt und legte sich, von den Wellen hinübergeworfen, im Holzwerk fast unversehrt auf’s linke Ufer, so dass man nach Abfluss des Wassers noch einige tausend Ziegel von ihrem Dache nehmen konnte.
Es war ein trauriger Anblick, den wir hatten auf dem Wege nach Tablat, vor und über uns am Bergabhang eine Rutschung um die andere, und neben uns das Land weit herum wie eine Wüste voll Geschiebe und Sand, hie und da durchfressen von einer tiefern Wasserrinne; die Bäume entweder gefällt zum Schutz des unzerstörten Landes, oder aber mit dem ganzen Wurzelwerk davongetragen.
Oberhalb Tablat gingen wir hinüber auf das linke Ufer, um auf der Poststrasse unsern Weg weiter zu verfolgen. Eine Rohbrücke, am Tag vorher von der Abtheilung Sappeurs, die in Wyla stationirte, erstellt, brachte uns hinüber. Sie bestand aus Balken und war mit tannenen Prügeln belegt. Auf eine Strecke von etwa 10 Minuten waren uns von dort an alle weitern Verheerungen entrückt, indem die Töss unmittelbar am Fuss des rechtsseitigen Abhanges ihr Bette hat, einzig der Anblick von Rutschungen wollte uns nicht verlassen. In um so traurigerer Gestalt traten sie dann aber wieder vor uns bei dem Dörfchen Au unterhalb Saaland. Die Sappeurabtheilung war hier gerade mit Errichtung einer Nothbrücke beschäftigt, mehr denn 100 Arbeiter hinwieder mühten sich mit Herstellung der Eisenbahn. Auf eine Strecke von mehreren hundert Schritten ist nicht nur die ausser dem Bahntrace sich hinziehende Landstrasse, auch die Eisenbahn völlig verschwunden, und die Schienen hangen über dem Wasserstrom in der Luft. An einer andern Stelle hat sich eine Masse Erde aus dem anliegenden Abhang wie herausgehoben und auf die Bahnlinie gelegt. Es hiess, dass bis Samstag (innert 2 Tagen) die Linie bis Saaland fahrbar gemacht sein müsse. An Händen zur Arbeit hat es nicht gefehlt, ein Mann stand fast am andern, aber der Arbeit war für die kurze Zeit fast zu viel. (Schluss folgt.)
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Neue Zürcher Zeitung, Nummer 325, 29. Juni 1876 Ausgabe 02
Ein Gang durch’s Tössthal acht Tage nach der Ueberschwemmung. (Schluss)
In Saaland waren die Verheerungen des Baches an Häusern und Strassen, in Gärten und Wiesen noch deutlich sichtbar, die derselbe durch Austritt eines Weihers vom Laubberg und Hasel her angerichtet hatte.
Von Saaland bis Bauma hat Eisenbahn und Strasse den grössten Schaden erlitten, nicht minder schwer lastet er auf den Privaten, die er traf, während er allerdings mit Ausnahme des Dorfes Bauma weniger allgemein ist, als weiter unten im Thale. Das Flussbett liegt tiefer, die Uferborde sind höher, und so schadete der Fluss weniger durch Ueberschwemmung, als durch Unterwühlen des Landes und der Häuser, die zunächst an den Fluss grenzten.
Es sind auf dieser Strecke vorzüglich drei Stellen, an denen das Wasser in wahrhaft grauenhafter Weise gewüthet hat, an allen dreien ist auf hunderte von Schritten von der Eisenbahn mitsammt den Bahnwärterhäuschen, an zweien auch von der Landstrasse nicht die Spur mehr zu sehen.
Die erste dieser Stellen befindet sich unmittelbar gegenüber der Baumwollspinnerei von Juckern, deren Anblick uns unwillkürlich an den Prozess erinnerte, der vor Handelsgericht seine Erledigung fand, und über den das Feuilleton der „N. Z. Z.“ letzten Winter, wenn wir nicht irren, referirte. Die Fabrik selbst hat mit Ausnahme der zerstörten Wasserleitung keinen Schaden gelitten, dagegen ist die Brücke nach Juckern bis auf ein Joch, das traurig sich aus dem umiliegenden Schutt erhebt, vollständig zerstört.
Die Schienen und Schwellen der Eisenbahn haben ihren Zusammenhang bei allem Wogendrang festgehalten, haben auch wohl, so lange sie sich über dem Boden erhalten konnten, dazu gedient, ihre Gewalt zu brechen. Aber als ein Stück des Bahndammes um das andere versank, da musste auch der Schienenstrang tiefer und tiefer fallen, und jetzt liegt er auf eine weite Strecke begraben in Schutt und Geröll.
Die zweite der Stellen liegt zwischen Rittweg und Dillhaus. In einem weiten Bogen hat sich die Töss durch Eisenbahn und Strasse hindurch in die fruchtbarsten Aecker hineingefressen und dabei eine Scheune zum guten Theil mitgenommen, während sie vor einem Wohnhause stehen bleiben musste. Wenn die Wuth des Wassers nur um einige Stunden noch angedauert hätte, auch das Haus wäre ihm unrettbar zum Opfer gefallen. Das Uferbord hat an jener Stelle eine Höhe von gegen 10 Fuss. Als wir ihm entlang gingen, traten wir alle paar Schritte auf Ketten, an denen die eingeworfenen Wuhrtannen hingen. Diese Wuhrtannen schlug man im nächsten, besten Waldstück. Wir sahen zur Seite der Strasse ein solches, in dem mehr als ein halbes Dutzend Stöcke, in Brusthöhe abgeschnitten, davon Zeugniss gaben. Wo Obstbäume in der Nähe, besonders wenn sie noch gefährdet waren, schlug man auch diese. Als wir dort vorbeigingen, war man eben beschäftigt, zur Nothdurft eine Wehre herzustellen, die der Fabrik in Juckern das nöthige Wasser zutreiben und den gezwungen feiernden Arbeitern Arbeit bringen sollte.
Die dritte Stelle ist oberhalb der Fabrik in Wyden, einige Minuten unter dem Dorfe Bauma. Auch hier sind wie im Rittweg über Eisenbahn und Strasse hinaus Felder und Wiesen fort. Ein Haus stand in der grössten Gefahr, bereits war eine Ecke desselben unterwühlt und theilweise davongetragen. Bei unserm Durchpass war man mit Anlage einer provisorischen Strasse über das intakt gebliebene Feld beschäftigt. Ohne weitere Vorbereitungen bedeckte man einfach die Aecker in der nöthigen Breite mit einer Schichte Sand und Geröll aus dem Tössbett.
Die Fabrik in Wyden war bereits wieder im Gang. So nahe das Wasser auch an ihre Schwellen gekommen, sie selbst hatte nicht Schaden genommen. Da ihr Kanal zerstört worden, so arbeitete sie mit Dampf. An dieser Stelle war der Schienenstrang der Eisenbahn zerrissen, aber nicht von der Gewalt des Wassers. Bahnangestellte hatten in ihrem Diensteifer die Laschen gelöst, wahrscheinlich um einige Schienen zu retten, und so den Strang auf eine nicht geringe Strecke der völligen Zerstörung übergeben.
Und nun nach dem nebst Rykon wohl am härtesten mitgenommenen Bauma. Wie schwer haben dem sonst so freundlichen Dorfe mit den schmucken Häusern und den schönen Strassen die Wasser der Ueberschwemmungstage zugesetzt! Von der einen Seite wälzte die Töss, von der andern der vom Neuthal herkommende Mühlbach ihre trüben Fluthen gegen und in dasselbe. Darum hat man im Dorfe selbst den Anblick von verheerten Gärten, von eingestürzten Bachmauern, von ausgewaschenen Strassen, da und dort auch von einem Haus mit erschüttertem Fundamente, das man in der Eile zur Nothdurft ausgebessert hat.
Und erst der Bahnhof mit seiner Umgebung! Man fragt unwillkürlich: Was soll solches Verkehrsgebäude in dieser Umgebung? Wie eine Wüste voll Sand und Geröll sieht es nach allen Seiten um denselben aus, die Zufahrtsstrassen sind zerrissen, zum Theil völlig verschwunden, Wiesen und Aecker sind zur Einöde geworden, aus der da und dort noch ein Obstbaum müde und matt sein Haupt erhebt. Und diesen Anblick der Zerstörung hat man weit über das Dorf hinaus. Welcher Schaden einzelnen Privaten daraus erwachsen, davon wollen wir nur ein Beispiel anführen, deren es noch manche gäbe.
Da war ein Mann, der ohne weiteres Vermögen mit seiner Hände Arbeit nebst seiner Frau sein Leben lang sich gemüht, dass er für sich und seine Kinder eine Heimath habe. Das Land bepflanzte er mit Obstbäumen, Aecker und Wiesen machte er fruchtbar und sah nun einem freundlichen Alter entgegen. Da rissen die Fluthen der Töss dieses Frühjahr ihm einen Schopf weg, den er in der Nähe des Ufers gebaut. Er errichtete darauf einen solchen an der Scheune, vor kaum 14 Tagen ward er vollendet. Das Hochwasser der Ueberschwemmungstage nahm ihm Schopf und Scheune zugleich, es zerstörte sein Land, vernichtete nahezu die ganze Arbeit seines Lebens, und liess ihm von den mehr als 60 Bäumen, die er gepflanzt, kaum noch ein Dutzend. Man schätzt den Schaden dieses einzigen Mannes auf 7000 – 8000 Fr. Es ist wahr, nicht bloss arme, sondern auch reiche Leute haben grossen und schweren Schaden erlitten, Wasserwerke, Kanäle, Anlagen wurden zerstört und die Fabriken und ihre Werke vielleicht auf Wochen stille gestellt. Aber sie können trotz des Schadens sich selbst helfen, ohne darum zu verarmen, arme und mittellose Leute können das nicht. Und doch horten wir die Klage, dass vielfach ärmere Leute ihren Schaden viel ergebener und stiller tragen, als hie und da reiche, die nicht müde werden, an die Behörden Zumuthungen zu machen, dass man auf öffentliche Kosten ihnen helfe. Doch genug von diesen Bildern der Zerstörung und des Jammers, die mit jedem Schritt das Thal entlang bis nach Fischenthal sich wiederholen würden.
Von Bauma kehrten wir bei der Hitze der Mittagssonne auf demselben Weg, den wir am Morgen gekommen waren, nach Turbenthal zurück, nur dass wir, statt nach Tablat hinüberzugehen, über Wyla unsere Schritte lenkten. Am Nachmittag trug uns der Bahnzug wieder der Heimath zu.
Zum Schlusse noch Eines. Die Wassersnoth dieser Junitage war nicht die erste, welche das Tössthal heimgesucht hat, aber bei Menschengedenken hat keine in solchem Umfang Schaden gebracht, wie die letzte. Es hängt diess schon mit der Steigerung der industriellen Anlagen, der wachsenden Zahl von Arbeitskräften zusammen, die von diesen in ihrem Brode abhängig sind. Sodann ist noch nie eine solche Menge Kulturland, und zwar gerade das beste des Thales, der Wuth des Wassers zum Opfer gefallen, wie diesmal. Es gab eine Zeit, wo das meiste von demselben nicht Kulturland, sondern Tössbett war. Menschenalter mit unsäglicher Mühe und Arbeit waren nöthig, um es zu Kulturland zu machen, und wieder, um es als solches zu erhalten. Jetzt ist das Thal, sind seine Bewohner dahin zurückgeworfen, wo Eltern und Ureltern der gegenwärtigen Generation anfingen, und der Wohlstand, ja die Existenz von vielen Familien hat darob mehr als gelitten. Die Geschädigten können mit der Mühe und dem Ringen der vorangegangenen Geschlechter auf’s Neue beginnen, um nach kürzerer oder längerer Zeit denselben Katastrophen entgegenzugehen. Sollen wir unthätig solcher periodischen Wiederkehr alten und immer wieder neuen Unglücks entgegensehen?
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Neue Zürcher Zeitung, Nummer 321, 27. Juni 1876 Ausgabe 02
Ueber die Ursachen der Wasserverheerungen und die Mittel zur dauernden Abhülfe.
Wer die vielen Berichte gelesen, welche den Zeitungen aus den verschiedenen Gegenden über die dortigen Verheerungen zugesandt worden sind, und hierauf die betreffenden Gebiete selbst bereist hat, der findet, dass die Berichterstatter mit sehr verschiedenem Massstabe gemessen haben. Schreckenerregende Schilderungen sind von Orten eingelangt, die niemals in grosser Gefahr waren, und wo der Schaden dem unerfahrenen Auge grösser scheint, als er in Wirklichkeit ist. Umgekehrt stehen leider noch heute und in Zukunft andere Ortschaften in höchster Gefahr, ohne dass dies zur allgemeinen Kenntniss gelangt wäre, weil die Berichterstatter für die beginnenden, nicht schon vollendeten Uebelstände kein Verständniss hatten. Das Steuern für die Wasserbeschädigten hat begonnen. Schade, dass die Gewohnheit eingerissen ist, sich befriedigt zu fühlen im Bewusstsein, seinen Beitrag abgeliefert zu haben, ohne sich weiter darum zu kümmern, was mit den Gaben geschehen solle. Die regierungsräthlichen Kommissionen zur Schätzung des Schadens werden, so nimmt man an, die richtigen Verhältnisszahlen zur Vertheilung liefern. Die Absicht bei solcher Hülfeleistung ist gut, aber das Resultat ist oft nach wenigen Jahren nirgends mehr zu finden, wenn die Gaben unter die beschädigten Privaten vertheilt wurden. Daran trägt die Kurzsichtigkeit und Bequemlichkeit der Geber nicht wenig Schuld, aber die Noth tritt immer wieder neu und in erhöhtem Masse ein.
Wie ein Morgenroth, das einer schwindenden Nacht den zukünftigen Tag verkündet, schimmert mehr und mehr durch unser Zeitalter ein grosser Gedanke: Die wissenschaftliche Erkenntniss, d. h. die Erkenntniss von den Ursachen und dem Zusammenhang der Erscheinungen in der Natur soll das Leben und Handeln der Menschen durchdringen und leiten. Nur die Erkenntniss der Ursachen gibt das Mittel zum erfolgreichen Eingreifen. In früheren Zeiten spitzte sich eine weit verbreitete auch jetzt noch vertretene Richtung in dem Gedanken zu: „Wissenschaft und Kunst sind höhere Sphären, die durch Berührung mit dem praktischen Leben entweiht würden.“
Der Idealismus unseres Jahrhunderts aber wurzelt in dem Bestreben, das Leben und die Kunst mit Wissenschaft zu durchdringen und dadurch in der That einer bessern Zukunft zuzuführen, Leben und Kunst in eine höhere Sphäre zu heben. Wollen wir der gewaltigen Zeit, in der wir leben, würdig sein, so ist es nothwendig, zuerst nach den Ursachen der verhängnissvollen Erscheinungen zu suchen, bevor wir das Unterstützungswerk beginnen.
Die Fragen, die wir uns zu stellen haben, sind: Was ist die Ursache der Verheerungen? Was ist für die Zukunft zu erwarten? Wie können wir helfen? Wohl sind die Worte „Flusskorrektion“, „Bebauung“ in vieler Munde, allein heute müssen wir Alle warm werden bei diesen Aufgaben, um sie lösen zu können. Wir können aber. nur das mit Begeisterung erfassen, was wir wirklich verstehen, was klar vor uns liegt. Es scheint uns deshalb nothwendig, in diesem Momente aus den Zeitschriften und Hörsälen der Geologen und Ingenieure hinaus vor einen weitern Kreis zu treten. Es ist freilich nicht möglich, an diesem Orte eine vollständige Untersuchung der Verheerungen durchzuführen, vielmehr wollen wir uns durch einige Beispiele verständlich zu machen versuchen, und greifen als solche Herdern und Stettfurt im Kanton Thurgau und das Tössthal im Kanton Zürich heraus.
Die Rutschungen an den Gehängen sind von den Zeitungsberichten meistens nur beiläufig erwähnt worden, obschon sie bis zur Stunde verhängnissvoller geblieben sind, als die Unterspülung von Strassen und Brücken. Im Tössthalgebiete sind die Gehänge meistens nur von sehr wenig lockerem Schuttboden bedeckt, so dass die zahlreichen Abrutschungen alle ganz lokal geblieben, und nirgends in sehr gefährlicher Ausdehnung eingetreten sind. Ganz anders ist es in vielen Gebieten des Thurgau. Dort sind die Molassegehänge mit dicken zusammenhängenden Schuttmassen von unten bis oben bedeckt, und der Molassefels (hier Nagelfluh, Sandstein, Mergel [Leberfels], oft mit etwas Kalk und Kohle, alles in horizontaler Schichtung) tritt meistens nur an der oberen Kante der Berge oder in tief eingeschnittenen Schluchten zu Tage. Dagegen liegen die Dörfer am Fusse der fruchtbaren Schuttgehänge, welche mit Wiesen, Obstbäumen und besonders mit Reben bepflanzt sind. Hier wird die Böschung flacher und ruht auf dem Thalboden oder auf einer Molasseterrasse auf. Der Schutt selbst besteht grösstentheils aus thonig mergeligem, durch Verwitterung aufgelöstem Molassematerial und aus diluvialem Kies, Sand und Thon mit Humusboden.
Das Dorf Herdern ruht auf einer Felsterrasse über einem Bachthälchen, während das ganze Gehänge oberhalb des Dorfes bis an den steilen oberen Bergrand und auf nahezu zwei Kilometer Länge in Bewegung begriffen ist. Vom östlichen Ende des Dorfes aufwärts verfolgen wir eine ununterbrochene Kluft, längs welcher der westliche bewegte Theil am östlichen festen sich verschiebt. Am obern Abriss des sich bewegenden mächtigen Schuttkörpers tritt der Molassefels zu Tage. Er ist durch eine grosse Zahl von weit klaffenden Spalten, die schaarenweise nebeneinander sich hinziehen und aneinander sich anreihen, bezeichnet. Das untere Bodenstück ist gegenüber dem oberen oft um ein oder selbst um mehrere Meter gesunken. Die zahllosen kleinen und grossen Quellen, welche auf der ganzen Länge des Abrisses aus den zerklüfteten Sandsteinbänken des Molafssefelsens austreten, ferner die vielen Bäche, die über denselben in nasser Jahreszeit fliessen, versiegen in den Spalten als zur Tiefe rieselnde Bäche, oder sie stauten sich zur Zeit des höchsten Wasserstandes in denselben zu Seen und Tümpeln auf, die langsam eindrangen. Die Rutschfläche in der Tiefe, welche den Schuttkörper des Abhanges von der Felsunterlage trennt, wird auf diese Weise fortwährend auf’s vollständigste mit Wasser durchtränkt und ihre Schlüpfrigkeit befördert.
Im oberen Theil des bewegten Bodens, im „Abrissgebiet der Rutschung“, sind die Absitzungen, oft löcherartigen Versenkungen und klaffenden Spalten vorherrschend, im unteren, dem Ablagerungsgebiet, die Bodenauftreibungen und Erhöhungen in Gestalt von Terrainfalten (bis zu 3 Meter Höhe); es erscheint hier nicht selten der Rasenboden in Falten gestaut. Die unterste Reihe der Wülste, welche den untern nicht ganz scharf begrenzten überstossenden Rand der Rutschung bezeichnen, lässt sich hinter der obern Häuserreihe des Dorfes verfolgen, und hat bereits Risse in einigen Häusern, auch im Schulhause, erzeugt. Ungefähr 6—8 Häuser, welche auf bewegtem Boden standen, sind zerspalten, krumm geschoben, oft von Rissen durch die darunter sich hebenden Wülste und Stauungen des Bodens in mehrere Stücke auseinander geschoben, und es blieb nichts anderes übrig, als sie, soweit dies ohne Gefahr möglich war, vor dem Einsturze abzubrechen. Keine Feld- oder Rebgrenze, keine Baumreihe, kein Weg steht mehr genau auf dem alten Fleck, alles ist etwas abwärts geschoben, aber die verschiedenen Stellen verschieden weit. Die Rebstöcke, die Bäume stehen hier nach allen Richtungen oder sind in Klüften halb versunken. Der ganze Schuttkörper des Gehänges liegt getrennt vom Untergrunde gletscherähnlich langsam abwärts fliessend da. Die Böschung des bewegten Abhanges ist eine sehr mässige. Wie konnte hier die Bewegung eintreten?
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Neue Zürcher Zeitung, Nummer 323, 28. Juni 1876 Ausgabe 02
Ueber die Ursachen der Waserverheerungen und die Mittel zur dauernden Abhülfe. II.
Rutschungen der Gehänge haben ihre Ursache oft in Untergrabung durch einen Fluss oder Bach. Diese Ursache fällt bei Herdern weg, indem die Sohle durch die Felsterrasse der Ortschaft gebildet wird.
Eine andere Ursache von Rutschungen ist die Durchnässung des Bodens. Der gleiche Schutt, welcher in trockenem Zustande bei 50 % Steigung ruhig steht, gleitet bei 10, wenn er stark durchnässt ist. Die Durchnässung wirkt als Verminderung der Cohäsion und zugleich durch die Mehrbelastung des Gehänges mit aufgesogenem Wasser. Ist einmal eine Rutschfläche gebildet, so setzt sich die Bewegung leicht fort. Allerdings konnte kein Mensch die unermesslichen Regenwasser in ihrem Falle aufhalten, allein es war doch, wie wir zeigen werden, zum Theil Mangel an Erfahrung und menschliche Nachlässigkeit an dem Entstehen der Rutschung Schuld. Am ganzen bewegten, wie stille stehenden Gehänge erkennt man alte Wulstformen, von deren Entstehung freilich Niemand mehr etwas weiss. Schon vor Jahren konnte ein geübtes Auge den Abhang trotz seiner geringen Böschung als unsicher erkennen. Allein man hat mit Ahnungslosigkeit ausser mehreren, freilich meistens nur zur Regenzeit fliessenden Bächen, selbst das Abwasser einer Drainirung, welche über dem Felsrande auf der Höhe angelegt· worden ist, ohne Bedenken unterhalb des oberen Felsenrandes wieder im Boden versickern und schilfreichen Sumpfboden bilden lassen. Hier, wo das Drainirwasser nicht abgenommen wurde, scheint die Bewegung begonnen zu haben; hier hat sich der Boden am stärksten verschoben und vom umgebenden Lande abgescheert, und von hier aus hat die Bewegung unter der Felskante durch gegen Westen immer weiter gegriffen, ohne dort eine scharfe Begrenzung zu finden. Bei regenreichen Zeiten fliessen alle bleibenden Wasseradern, die unterirdischen wie die oberen, reichlicher. Von den bleibenden aus geht zuerst eine immer weiter greifende Lockerung des Bodens, während neue Wege für das Wasser sich nur schwer und langsam öffnen. Hätte man in Herdern früher alle von oben kommenden Quellen und Bäche und besonders die Drainirungswasser gehörig abgeleitet und vor Versickerung auf dem verdächtigen Boden geschützt und alle zur nassen Jahreszeit austretenden Quellen gefasst, die sumpfigen Theile des Gehänges drainirt, so wäre das Gehänge gar nicht oder jedenfalls nicht so vollständig in Bewegung gekommen.
Die Erfahrung hat gelehrt, dass Bergschlipfe von diesem Charakter, wenn die Lostrennung so weit gediehen ist und die Durchtränkung der Rutschfläche fortgeht, oft rasch schnellere Bewegung annehmen können. Sie fliessen dann langsam und wie eine Grundlawine abwärts, und stossen Alles, was ihnen im Wege ist, mit einer Kraft weg, welcher keine Stützmauern Stand zu halten vermögen, denn die Lasten der Erdmasse sind zu gross. Während mehreren Tagen konnte man keine Minute wissen, ob nicht einige Stunden später das ganze Dorf Herdern von seiner Terrasse hinuntergewischt und bedeckt sein und gleichzeitig an Stelle von über 1 Quadratkilometer gut bebautem Lande eine kahle zerrissene Schuttmasse treten werde. Das Unglück ist bis zur Stunde nicht eingetreten, es hat sich nur vorbereitet, der Abriss ist nicht zum Abfluss gekommen.
Am 15. Juni wurde von den Bewohnern tüchtig gearbeitet, die nahe der Oberfläche, besonders in den Spalten abzufangenden Wasser wurden seitwärts vom Rutschboden abgeleitet, ebenso das genannte Drainirwasser. Einige Tage warmer trockener Witterung kamen zu Hülfe, der Boden steht vorläufig wieder stille. Der vorhandene Schaden ist nun aber nicht nach den zerstörten Häusern und Kulturen zu messen, es ist noch etwas viel Schlimmeres geblieben: die Rutschfläche in der Tiefe. Wenn eine Rutschung der Art stattgefunden hat, so gebraucht es nicht mehr halb so viel Regen und Bodennässe, um sie wieder in Gang zu bringen, als nothwendig war, um sie zu erzeugen. Ferner ist durch die enorme Zerrissenheit des Bodens für das Wasser ein viel leichterer Zugang zur Rutschfläche geschaffen, als er je vorher bestand.
Würden wir allen Privaten das Verlorene vollständig ersetzen können, aber das Gehänge lassen wie es ist, so bleibt es in hohem Grade wahrscheinlich, dass in kurzer Zeit, möglicherweise noch in diesem Jahre, die Bewegung wieder eintritt und die obere Häuserreihe, wenn nicht das ganze Dorf, zerstört wird. Entwässerung wird die Beweglichkeit wieder aufheben, nur durch Entwässserung können wir uns vor dem drohenden Unglück vollständig sicher stellen. Es ist das nicht eine Ansicht oder eine Theorie, sondern eine tausendfach gestützte Erfahrung. In Fällen wie derjenige von Herdern muss gewissermassen eine doppelte Entwässerungsanlage ausgeführt werden. Die erste hat den Zweck, die Versickerung an der Oberfläche des bewegten Bodens zu vermindern, indem überall, besonders im oberen Theile, schneller Abzug geschafft wird, so dass in keinen Spalten oder Vertiefungen Tümpel liegen bleiben und eventuell die schlimmsten Spalten mit Lehm ausgestossen werden.
Die zweite, für die Dauer wichtigste und nothwendigste Entwässerung soll das zwischen Fels und Schutt fliessende Wasser abfangen. Es geschieht das in manchen Fällen am besten dadurch, dass das Abrissgebiet oben durch eine Sickerung (Schlitz oder Stollen mit grossen Steinen gefüllt, durch welche das Wasser sich leicht bewegen kann) umfahren wird, deren Sohle im oder doch auf dem Mergelfelsen liegen muss.
In sehr vielen andern Fällen ist es besser, die Sickerung etwas unterhalb der oberen Abrisse in genannter Weise durch den Boden zu treiben, wiederum in andern Fällen geschieht dies besser in den klaffenden Abrissen selbst. Manchmal ist es möglich, das Wasser schon oberhalb des Abrisses an einzelnen Stellen aufzufangen, manchmal tritt es im Centrum des oberen Abrissbogens unter der rutschenden Erdmasse aus den Felsen und kann dort gefangen und abgeleitet werden.
Oft ist eine Kombination verschiedener Methoden nothwendig. Auf welche Weise die untere Entwässerung anzulegen ist, kann nur ein Ingenieur, der hierin viel Erfahrung und Uebung erlangt hat, am besten aber ein mit technischen Arbeiten vertrauter Geologe beurtheilen. Im Thurgau sind Gehänge von einer Stunde Längenausdehnung in Bewegung begriffen diese alle zu entwässern und dadurch dauernd festzulegen, würde grosse, wohl nicht aufzutreibende Summen erfordern. Da wo aber ganze Dorfschaften im höchsten Grade gefährdet erscheinen, ist es eine absolute Nothwendigkeit und Pflicht, die Entwässerungsarbeiten gründlich durchzuführen. Mit einer verhältnissmässig kleinen Summe, die wir für solche Arbeiten ausgeben, retten wir für die nächsten Regenzeiten und für alle Zukunft Gebäude und Kulturland, deren Werth mehr als das Tausendfache beträgt von den gefährdeten Menschenleben nicht zu sprechen. Trotz der Liebessteuer an den Privaten ist der arm gewordene Mann arm geblieben, und der sich weiter bewegende Erdrutsch würde den armen Mann mit seinem durch die Unterstützung neu reparirten Haus und Garten vom Boden wegwischen und gründlich ruiniren, so dass die verzehnfachte Hülfe nicht mehr retten könnte. Nur wenn wir denso leicht erfolgenden bevorstehenden Wiedereintritt des Uebels verhindert haben, haben wir geholfen; das fordert viel, lohnt aber tausendfach.
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Neue Zürcher Zeitung, Nummer 325, 29. Juni 1876 Ausgabe 02
Ueber die Ursachen der Wasserverheerungen und die Mittel zur dauernden Abhülfe. III.
Ganz ähnlich, wenn auch nicht so äusserst gefährlich wie die Rutschung in Herdern, sind unter anderen die Erdbewegungen oberhalb der Ortschaft Weingarten im Murg-Lauche-Gebiete. Der Bauinspektor des Kantons Thurgau hat die Entwässerungsarbeiten mit Sachkenntniss und Energie und durch den Rath von Fachmännern unterstützt, an die Hand genommen. Wir wünschen ihm, dass er durchdringe und das klar gesehene Ziel erreiche. Es sind solche Arbeiten ein Kulturkampf nicht nur mit der unorganischen Natur, sondern noch mehr mit dem kleinlichen Egoismus und der Verständnisslosigkeit der meisten Menschen.
Im Kanton Zürich sind an mehreren Stellen ähnliche Erdbewegungen ebenfalls eingetreten. Sehr bezeichnend für die Ursachen ist die schon nach den früheren Hochwassern dieses Jahres vor mehr als zwei Monaten im Gebiet der Gemeinde Schöfflisdorf am Nordabhang der Lägern eingetretene und abgeflossene Abrutschung des Schuttes vom Felsgrunde, welche 30 bis 40 Jucharten Wiesland mit etwas Wald für längere Zeit zerstört hat. Hoch über dem obern Abriss fliesst ein lebhafter kleiner Bach die Wiesen hinunter. Bald versickert und verschwindet er fast plötzlich; jetzt aber tritt er einige 100 Fuss gerade unterhalb im oberen Anriss des Bergrutsches, welcher die Molassejchichten entblösste, als Quelle wieder zu Tage. Gleich nachdem die Bewegung begonnen hatte, hätte man auf das den Leuten der Gegend wohl bekannte Bächlein aufmerksam werden und ohne Säumen dasselbe vom Versickern abhalten und wegleiten sollen, und ein Gleiches hätte sofort mit allen den zahlreichen ähnlichen über den Nordabhang des Lägern rieselnden Bächen geschehen müssen, wo sie theilweise versickern, will man nicht mit Gleichgültigkeit weiteren Rutschungen entgegensehen.
Durch eine solche Fassung und Leitung, welche oft mit weniger als 100 Franken erstellt werden könnte, retten wir viele Jucharten schönen Kulturbodens. Allein das Verständniss für diese Erscheinungen ist noch nicht wach geworden, es muss erst durch den Schaden zum Leben aufgerüttelt werden. Was dürfen wir übrigens von den Landleuten verlangen, wenn staatsangestellte Techniker die Verhältnisse nicht zu beurtheilen vermögen! Ueber dem Lägernrutsch versickert das verursachende Bächlein nach wie vor ungestört. Seine Ableitung hätte allerdings nur am Beginne der Bodenbewegung dieselbe anhalten können, aber auch jetzt befördert es weiteres Nachbrechen am Rande des Abrisses.
Alle ähnlichen Bächlein, deren möglicherweise zugehörender Erdrutsch sich noch nicht so gelöst hat, dass dies an der Oberfläche sichtbar wäre, sind unberührt geblieben; keine entsprechende Anordnung ist getroffen worden, nur das Wasser, welches in den Vertiefungen des Rutschgebietes sich staute, ist freilich nur theilweise und ungenügend abgeleitet worden. So fanden wir die Umstände mehr als zwei Monate, nachdem der Rutsch stattgefunden hatte, und doch war, wie man uns versicherte, ein von der Zürcher Regierung abgesandter Ingenieur lange an der Stelle, um das Nöthige zu untersuchen und anzuordnen.
Ebenso wurde ein Ingenieur, dessen Spezialität nach ganz anderer Richtung geht, mit Begutachtung der Gehängebewegungen bei Benken beauftragt. Die Regierung von Zürich ernannte Kommissionen zur Schatzung des Schadens an Brücken, Strassen, Feldern etc. Anstatt an die Spitze derselben in Forst-, Strassen- und Brückenbau und durch Expropriationsthätigkeit erfahrene Techniker zu stellen, die am sichersten und schnellsten die Aufgabe vollziehen könnten, wurde den Kommissionen blos der Beizug von solchen gestattet. Schatzungen von Leuten wie sie der Regierungsrath gewählt hat, fallen erfahrungsgemäss immer viel zu gross aus, so gewissenhaft auch die Kommissionen arbeiten mögen, und so tüchtig die Männer sind, welche sie zusammensetzen.
Der Dorfbach von Stettfurt, Kanton Thurgau, hat sich in die Molasse ein tiefes Thal mit südlicher Richtung eingeschnitten. Wo dasselbe gegen die Ebene der Lauche. sich öffnet, liegt auf der schwach geneigten Oberfläche des Bachschuttkegels die Ortschaft Stettfurt. Der Gipfel des hohen Bergwinkels zwischen Dorfbachthal und Lauchethal wird von dem alten Schloss Sonnenberg, das jetzt dem Kloster Einsiedeln gehört, eingenommen. Im Dorfbachthale am östlichen Abhange, gerade unterhalb Sonnenberg, lössten sich Montag den 11. Juni zwei Stücke Schutt mit Wald von dem steilen Gehänge ab, glitten in das Bachbett hinunter, und stauten den Bach auf. Nachdem der See hinter dem gerutschten Waldstück, dessen grosse Tannen, Eschen und Buchen noch aufrecht standen, eine gewisse Höhe erreicht hatte, trieb er diese Barriere, die ihn staute, vor sich her, erst langsam, dann in raschem Laufe unter Tosen und Krachen dem Dorfe zu. Drei Scheunen wurden umgeworfen und vier Wohnhäuser von den Bäumen angespiesst oder vom Schutte halb erdrückt, so dass sie verlassen werden mussten.
Hier, wo die Schlucht sich öffnet, floss der See als wilder Bach zu beiden Seiten des Waldrutsches durch das Dorf ab, währenddem der Schutt zwischen den Trümmern der Gebäude liegen blieb. Die ganze Erscheinung war ein typischer Wildbachausbruch, ein „Wuhrgang“. Die Ursache des allzu steilen Abhangs des Dorfbachthales, welche Abrutschungen befördert, liegt in der Sohlenvertiefung des Baches, wie sie bei jedem starken Anschwellen desselben entsteht. Durch dieses Hochwasser allein hat sich der Bach an einigen Stellen 1 Meter tief in Schuttboden und dazu noch fast 1 Meter tief in Molassesandstein, Nagelfluh, und an anderen Stellen 1/2 Meter in Mergelfels (Leberfels) neu eingegraben.
Es kann und muss dieses Einschneiden dadurch zum Stillstande gebracht werden, dass die Sohle durch einige kleine und mit ziemlich geringen Kosten zu erstellende Thalsperren fixirt wird. Solche werden im Stande sein, kleinere seitliche Abrutschungen aufzuhalten. Die unmittelbare Veranlassung zu der verhängnissvollen Abrutschung im Thale lag aber in unserem speziellen Falle, wie die Untersuchung zeigte, noch weniger in Unterspühlung der Gehänge, als vielmehr wiederum in einer nachlässigen Arglosigkeit der Menschen.
Der alte Schlossgraben von Sonnenberg ist mit Mauerschutt gefüllt und seither überwachsen. Er·wirkt wie eine Sickerungsanlage, welche fast vom ganzen Berggipfel das niederfallende Wasser und das Abwasser des Schlosses sammelt und mündet über dem steilen Abhang des Dorfbachthales. Hier tritt eine kleine Quelle aus dem zur Sammelleitung gewordenen Graben des verschwundenen Jahrhunderts. Man hat diese Quelle niemals aufgefangen, sondern am obern Waldrande in den Boden versickern und denselben sumpfig werden lassen.
Nun hat sich unmittelbar darunter der schlimme Waldbodenabriss gebildet und in der Mitte desselben sprudelt unsere Quelle aus den Klüften der Sandsteinbank, in welche sie etwa 200 Fuss oberhalb einsickerte. Diese Quelle selbst hat, anschwellend durch die reichlichen Regengüsse, die längst angebahnte Lockerung und Lostrennung vollzogen. Dass man das Wasser in der Weise am obern Rande der steilen mit Schutt bedeckten Halde versickern liess, ist, wir wollen es gerne glauben, mehr eine Folge von Mangel an Kenntniss der Gefahr, als von unverantwortlicher Nachlässigkeit.
Eine vollständige Fassung und, Ableitung des aus dem Schlossgraben aussickernden Wassers hätte wohl nicht 300 Fr. gekostet, jetzt aber beläuft sich der durch das Unterbleiben der Fassung in Stettfurt verursachte Schaden auf viele Tausende. Ausser durch seinen Wildbach hat Stettfurt noch durch Rutschungen der Abhänge des Sonnenberges in seinen Rebgeländen gelitten. Hier ist die Gefahr, wie in Herdern, nicht vorbei. Ueber die Mittel zur Abhülfe in solchen Fällen haben wir schon gesprochen.
Wir haben nur wenige Beispiele herausgegriffen, sie könnten noch wesentlich vermehrt werden. Angesichts derselben scheint uns für den Staat die Aufgabe zu erwachsen, alle Gehänge durch ein geübtes kundiges Auge prüfen und bei den als gefährlich erfundenen diejenigen Arbeiten bezeichnen zu lassen, welche zur Sicherstellung nothwendig erscheinen. Es werden dieselben meistens darin bestehen, alle von oben zutretenden Wasser vor Versickerung zu schützen und gut abzuleiten, und alle austretenden Quellen tief zu fassen. Durch das letztere liesse sich in manchen Fällen nebenbei eine sehr günstige Verbesserung und Vermehrung der Brunnen gewinnen.
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Neue Zürcher Zeitung, Nummer 327, 30. Juni 1876 Ausgabe 02
Ueber die Ursachen der Wasserverheerungen und die Mittel zur dauernden Abhülfe. IV.
Treten wir endlich an die Flüsse der Thalgründe und benutzen wir als leitendes Beispiel die Töss. Um die Verheerungen im Tössthale zu verstehen, gehen wir zunächst von Kohlbrunn bis gegen Turbenthal. In diesem Gebiete hatte die Töss ihr Bett sehr wesentlich durch Geschiebeablagerung erhöht, und zwar vorwiegend in den letzten Jahrzehnten. Die alten Fabrikwuhre sind zum Theil durch Bedeckung mit Geschieben ganz unsichtbar geworden, die Flusssohle rückte zu nahe unter die Brücken und es mussten manche derselben alle paar Jahre durch neue Balkenunterlagen zwischen Brücke und Pfeiler gehoben und die zu ihnen gehörenden Strassendämme, sowie die Dämme der Töss selbst erhöht werden. Die Sohle der Töss ist auf diese Weise an vielen Punkten mehrere Fuss höher zu liegen gekommen, als das umgebende Land und als die Strassen und Häuser (z. B. bei Rykon).
Allein weder die Fabrikbesitzer noch irgend eine der zahlreichen Inspektionen, welche bei baulichen Gelegenheiten die Ingenieure des Staates ausgeführt haben, haben die Initiative für die Untersuchung der Ursachen und Verbesserung dieser Zustände ergriffen, so sehr dieselbe in der Pflicht besonders der Inspektion gelegen hätte. Der Uebelstand mehrte sich jährlich. Im Januar 1878 beauftragte die Regierung Herrn Oberforstmeister Landolt, zum Theil mit Zuzug des Kantonalingenieurs, mit der Untersuchung des Tössthales, nachdem der erstere auf die steigenden Gefahren aufmerksam gemacht hatte.
Der Bericht des Oberforstmeisters wies auf die „sehr beunruhigenden Zustände“ hin und setzte die Mittel zur Abhülfe auseinander. Dieser Bericht ist publizirt worden; dennoch sind selbst die Fabrikbesitzer, die für sich den grössten Schaden voraussehen konnten, passiv geblieben. Es ist bis jetzt, da die Verheerung eingebrochen, nichts geschehen. Dem hochangeschwollenen Strom war es ein Leichtes, an zahlreichen Stellen die schwachen kleinen Dämme durchzuspülen, sich nun über das tiefer liegende Land zu verbreiten und hier ein neues Bett einzuschneiden, oder Alles mit Kies zu überschütten. Das Wasser fand oft lange nicht den Weg in das alte Bett zurück. Die Ursache der Verheerungen im untern Tösslauf sind eine Folge der Betterhöhungen, diese letztern eine Folge der Geschiebeführung. Die Ablagerung der Tössgeschiebe ist besonders durch die Fabrikwuhre und noch mehr durch den Wasserabzug, welchen die Töss durch die Fabrikkanäle erlitt, befördert worden, indem die kleiner gewordene Wassermenge die Geschiebe nicht mehr abwärts zu spülen vermag. Bei Turbenthal und weiter aufwärts ist dies nicht mehr in dem Masse der Fall, weil manche Fabriken von grossen Quellen getrieben werden, die im Boden des Tössthales austreten.
Noch andere Ursachen treten hinzu: Es kann nachgewiesen werden, dass, wie in allen Thälern, wo stark entwaldet wurde, die Wassermenge des Stromes viel wechselnder geworden ist, weil die kahlen Gehänge zur Regenzeit das Wasser rascher abfliessen lassen und nie den Abfluss ausgleichen da die quellenerzeugende Versickerung damit abnimmt.
Zwar ist das obere Tössthal sehr reich an Waldboden, aber derselbe ist oft nur mit schlechtem Gestrüppe bedeckt. Wir finden keine alten samenfähigen Bäume und daher keinen Nachwuchs. Unter dem häufigern Wechsel von Wassermangel und Wasserüberfluss leidet die Industrie von Jahr zu Jahr mehr. Oft werden die Kanäle und Weiher mit Geschieben gefüllt. Die gleichen Klagen über grössere Schwankungen im Wasserstande ertönen ebenso von allen andern Flüssen Europas. Die grössere Zahl der Fabriken im Tössthale muss sich zeitweise mit kostspieliger Dampfkraft die Wasserkraft ersetzen, wenn sie nicht stille stehen wollen.
Je schwankender die Wassermenge eines Flusses, desto grösser sind die Veränderungen in seinem Laufe, desto verheerender wird er. Die Entwaldungen haben erst nach dem Bau der Strasse, vor etwa 30—40 Jahren begonnen; ebenfalls hat erst seither die Fabrikation festen Fuss gefasst. Aus früherer Zeit weiss man nichts von grossen Ueberschwemmungen, die Töss wurde als ein ungefährlicher, gleichmässig fliessender, von vielen Quellen gespiesener Strom beschrieben. Wir haben gesehen, dass die Verheerungen im untern Tössthal die Folge erstens ungleicher Wassermenge und zweitens des von oben gebrachten Geschiebes sind.
Wir können das Unglück an der Wurzel angreifen, wenn wir im Stande sind, diese beiden Umstände zu ändern. Das Erste kann durch Verbesserung der Forstwirthschaft geschehen, was freilich nur sehr langsam sich ausführen lässt, weil die Waldungen unglücklicher Weise zu über 98 % Privaten angehören. In dieser Richtung sind indessen vom Staat bereits Schritte gethan worden, indem er im Tössthal vergangenes Jahr forstliche Kurse abhalten liess, Prämien für Bepflanzungen aussetzte und die Gebiete des obern Tössthals unter den Schutz des eidgenössischen Gebirgsforstgesetzes gestellt worden sind.
Das Zweite haben wir noch näher zu untersuchen. Wir haben die Frage zu beantworten: woher kommen die Geschiebe in die Töss und lassen sie sich in ihrem Sammelgebiete festhalten? Alle Korrektionen geschiebereicher Flüsse wirken nur dann auf die Dauer, wenn sie kein Geschiebe mehr in die Flüsse gelangen lassen. Im obern Theil, im Sammelgebiet der Ströme, sowohl im Hauptfluss wie in den Seitenbächen, ist die Stosskraft grösser als die Geschiebelast, und die Gewässer schneiden hier ihre Sohle tiefer ein, sie „kolken“.
Seit ca. zwanzig Jahren hat sich im Oberlauf die Töss nicht nur in Schuttboden, selbst in Molassefelsen stellenweise um 8 bis 10 Fuss vertieft. Die Fundamente der Brücke unterhalb Lipperschwendi mussten schon vor einigen Jahren 8 Fuss tiefer gesetzt werden, weil Unterspülung drohte. Die gleiche Erscheinung ist bei dem diesjährigen Hochwasser an vielen andern Strömen in ihrem Oberlaufe eingetreten. Im Unterlauf gingen die Brücken zu Grunde, weil ihre Bogen das Wasser nicht mehr zu schlucken vermochten und sich mit Bäumen, Holz etc. verstopften. Die Murg z. B. hatte ihre Sohle seit 1852 unter der Eisenbahnbrücke bei Frauenfeld um 4 Meter erhöht; die Schuld hieran und an der Zerstörung der Brücke muss einem weiter unten angelegten Fabrikwuhre zugeschrieben werden. Im Oberlauf hingegen wurden die Brücken zerstört, weil der an Stosskraft angeschwollene Strom die Pfeiler und Widerlager unterkolkte.
Gegenwärtig lässt sich an vielen Stellen des Tössoberlaufes sehen, dass eine Vertiefung des Bettes um mehrere Fuss in Folge des letzten Hochwassers stattgefunden hat. Dieser Uebelstand ist an Ort und Stelle durchschnittlich geringer, als Ablagerung; der Fluss verlässt sein Bett nicht ganz, verlegt es nur langsam, indem er die Ufer an denjenigen Stellen, gegen welche hin er convexe Krümmungen untergräbt. Auf diese Weise sind an vielen Orten Strecken der Strasse und der allerdings oft sehr unvorsichtig ohne allen Schutz nahe an die Töss gebauten Bahn verloren gegangen. Bei diesem Hochwasser hat die Töss weiter abwärts als gewöhnlich ihr Bett etwas vertieft, was eine Folge der abnormen Wassermasse und der desshalb ausserordentlichen Geschwindigkeit des Wassers war.
Diese Auskolkung im obern Stromlaufe liefert einen im Tössthale wohl den grössern Theil der Geschiebe, die sich unten ablagern. Ein anderer stammt von den zahlreichen kleinen Abrutschungen der Seitengehänge in den Bachschluchten, welche, untergraben vom einsehneidenden Bache und nicht genügend von Waldwurzeln festgehalten, nachgleiten mussten, und ein dritter Theil kommt von denjenigen Stellen, wo die Töss bei ihren Krümmungen an die eine Thalwand sich anlehnt und dieselbe unterspült, so dass diese nachbrechen und zurückweichen muss.
Die Vorgänge der Thalbildung: Einschneiden und Verbreitern der Thalschlucht durch Serpentinenbildung liefern das verderbliche Geschiebe. Wir halten dieses zurück, wenn wir die Thalsohlen der Töss und ihrer Zuflüsse in ihrem Niveau im oberen Laufe durch kleine Thalsperren (einfache hölzerne Flussschwellen im Bette des Hauptstromes) fixiren und so vor Kolk bewahren, mit den Thalsperren, Faschinen und Aufforstung die rutschenden Gehänge der Schluchten stützen und ihre weitere Vertiefung aufhalten.
Allein noch liegt die Sohle zu hoch, noch wird bei den sich immer steigernden plötzlichen Hochwassern der Fluss die Dämme brechen und den Thalboden verwüsten. Ganz unbekümmert um den jetzigen Lauf des Flusses und um Sonderinteressen muss für denselben ein möglichst geradliniger Kanal gestochen werden. Der Kanal soll einerseits in trockener Jahreszeit das Wasser so concentrirt in engem ausgeschaltem Bette beisammen halten, dass es genügende Geschwindigkeit behält, um die Geschiebe, welche die Töss noch führt, nicht liegen zu lassen, sondern weiter zu spülen und zu zerreiben. Andererseits soll er bei Hochwassser einer grossen Menge Wasser den Durchpass möglich machen, ohne dass Ueberfliessen stattfindet.
Es sind diese beiden Bedingungen nur dadurch zu erreichen, dass das Profil ein doppeltes wird: In den Boden zwischen den beiden weit voneinander stehenden Uferdämmen, zwischen welchen das stärkste Hochwasser Abflussraum findet und welche das Hochwasserprofil darstellen, ist das Normalprofil für mittleren und niederen Wasserstand als engere Rinne eingeschnitten. An der Thur (und an andern Flüssen) ist eine solche Theilung in Normal- und Hochwasserprofil in gewissem Sinne (mit Hülfe von Flechtwerk und Sinkwalzen) auf manchen Strecken durchgeführt und hat sich, obschon noch unvollendet, vortrefflich bewährt, indem die grossen Geschiebe in der Tiefe des Normalprofiles blieben, und das übertretende Wasser nur feinen nicht unfruchtbaren Schlamm absetzte.
Bei dem wesentlichen Mehrgewinn an Geschwindigkeit, der durch das Normalprofil und durch Abschneiden der Krümmungen bei der Töss gewonnen wird, werden die Fabriken viel eher ohne Schaden ihre Triebkraft abfangen können und es wird dieselbe nach den oben ausgeführten Verbauungen eine gleichmässigere und weniger durch Geschiebe gestörte sein. Die Bauten, welche dauernd helfen können, sind also: Aufforstung, Flechtwerke und Thalsperren zu oberst im Quellgebiet und in einzelnen Seitenschluchten der Töss, Thalsperren (in Gestalt vieler kleiner Schwellen) in der Sohle des oberen Tösslaufes, geradlinige Kanalisirung mit Doppelprofil von der Gegend zwischen Lipperschwendi und Bauma abwärts. Aehnlich ist es in anderen Gebieten, ähnlich muss dort verfahren werden. Je nach den lokalen Verhältnissen wird mehr die eine oder mehr die andere Hülfsbautenart in Anwendung kommen müssen. (Schluss folgt.)
der Bericht in e-newspaperarchives
Neue Zürcher Zeitung, Nummer 328, 1. Juli 1876
Ueber die Ursachen der Wasserverheerungen und die Mittel zur dauernden Abhülfe. (Schluss.)
Es ist freilich viel gefordert, die von uns bezeichneten Hülfsarbeiten für das Tössthal und andere ähnliche Fälle zur Ausführung zu bringen. Allein es handelt sich nicht darum, ob die Kosten dieser Korrektion der Töss mit den Verheerungen dieses Hochwassers in Beziehung stehen, sondern es handelt sich um die Zukunft des Thales. Es ist ganz sicher und der intelligentere Theil der Tössthalbewohner sieht das heute vollkommen klar ein, dass, wenn wir jetzt keine durchgreifende einheitliche Korrektion ausführen, das Thal der Verarmung entgegengeht.
Vor Allem haben wir uns vor Stückwerk ohne einheitlichen Grundplan zu hüten. Damit wird Geld weggeworfen und doch nichts geholfen. Vorläufig sollte nur lokal das Nöthigste, aber keine Wuhrung, kein Damm ausgeführt werden, der für immer gelten soll, bevor ein einheitlicher Korrektionsplan von einem Wasserbauingenieur ausgeführt ist. Könnte nicht wie bei der Eisenbahn auch hier die Initiative von den Thalbewohnern ausgehen? Geschieht nichts, so werden die Tössausbrüche häufiger, das Flussbett wird breiter, der ganze schöne Thalboden zum Geschiebbett, die Industrie kann sich nicht mehr halten, weil die Wasserläufe immer unbeständiger werden und es bleiben nur noch die schlechten Waldabhänge voll kahler Rutschungen und die rauheren Hochflächen übrig.
Denken wir an die sämmtlichen Länder rings um das mittelländische Meer, sie sind durch solche Vorgänge, deren Anfang Entwaldung und Quellenarmuth war, zu Grunde gerichtet worden. Denken wir an die Gebiete der Durance und Isere in Frankreich, wo wir in den breiten Thalböden nur noch Ruinen zwischen den Geschieben finden, und wo 1836 bis 1866 die Bevölkerung um 1/10 (um 25,000 Einwohner) sich vermindert hat. Die Vorgänge der Verwitterung der Erdoberfläche sind stärker als die Völker, so lange die Völker nur gegen die momentanen Folgen, gegen die Endwirkungen sich wehren. Diese Ursachen müssen wir erkennen, nur an der Quelle des Uebels ist die Abhülfe möglich. Das Aufreissen und Abrutschen des Bodens im Oberlauf (Erosion) und das Absetzen der Geschiebe im Unterläuf (Alluvion) zu verhindern, hierin allein liegt die Erlösung von der Ueberschwemmungsnoth, die Errettung des Landes.
Für die Schweiz ist die Verbauung der Wildwasser eine brennende Lebensfrage. Für die Nord-Ost-Schweiz, soweit sie nicht zum eigentlichen Hochgebirge gehört, sind diese letzten Hochwasser als das Signal zu einer raschen Verschlimmerung der Zustände anzusehen, wir haben keine Zeit mehr zu verlieren, und das neue eidgenössische Wasserbaupolizeigesetz und die dadurch bedingten Kantonalgesetze erst abzuwarten, wäre für manche auszuführende Arbeit gefährlich. Wir wollen nicht rechten wegen der Fehler, die bisher da wie dort begangen worden sind, wir haben sie nur desswegen scharf gekennzeichnet, damit sie der Zukunft zur Lehre werden. Hier wie überall in ähnlichen lange verkannten Dingen muss erst eine gewaltige, fast erdrückende Erfahrung vor uns stehen, bevor wir Alle den Zusammenhang der Erscheinungen, die Kette von Ursachen und Folgen erkennen. Jetzt heisst es rechnen mit der Zukunft, aufpassen, entwässern, aufforsten, verbauen, kanalisiren, und zwar nicht nur da, wo die Uebelstände bereits zur Noth gewachsen sind, sondern auch da, wo mit Wenigem der Eintritt einer verhängnisvollen Erscheinung angehalten werden kann. Diese Mittel helfen sicher, wenn sie von kenntnissreicher, in dieser Spezialität geübter Hand verwendet werden. Sie sind nicht das Resultat von Stubengelehrsamkeit, sondern von zahlreichen, durch treffliche Forscher angestellten Beobachtungen und von ebenso zahlreichen praktischen Erfahrungen.
Es liegt klar vor uns, was wir zu thun haben. Die heftigen Regenfälle sind nur die schlimme Veranlassung, das Unglück selbst entsteht erst durch Zusammentreffen der Regenmassen mit der schlechten Wirthschaft auf der Erdoberfläche, und diese steht in unserer Hand. Nun noch eine kleine Rechnung: Wenn die Liebessteuer für die ganze Ostschweiz, wozu leider wenig Anschein vorhanden ist, befriedigend gross würde, ich will sagen über eine Million erreicht, und wir vertheilen sie an die unbemittelten geschädigten Privaten, so werden wir dem Einzelnen wohl doch noch nicht 10 Prozent seines Schadens in Geld wieder ersetzen können. Wer arm geworden ist, dessen Lage wird durch diese 10 Prozent nicht sehr wesentlich verbessert werden. Kommen wir einige Jahre später wieder in die betreffende Gegend, so kann uns Niemand mehr ordentliche Auskunft ertheilen, was mit den Liebessteuern Gutes geleistet worden sei. Der Abhang bewegt sich bei nasser Zeit nachher wie vorher, zerdrückt Haus um Haus, und es reissen sich bleibende Lücken in den Kulturboden.
Der Wildbach erzeugt neue Abrutschungen, es erfolgen neue Ausbrüche immer rascher, der Boden des Stromes erhöht sich schneller und schneller, die Hochwasser kehren öfter und plötzlicher wieder, die Ausbrüche verheeren den ganzen Thalboden. Immer wieder ertönt der Nothschrei, allein die Schallwellen desselben dringen immer weniger weit, die Menschen verlieren die Kraft zum begeisterten Zusammenarbeiten, die betroffene Gegend ist verarmt und kann nicht sich selbst helfen, Jahr um Jahr find die zur Hülfe nothwendigen Arbeiten durch das Verschieben schwieriger und kostspieliger geworden. Die Mittel sind verschwunden, die Anforderungen sind enorm gestiegen und verschwunden sind die gespendeten Tausende was anderes bleibt übrig, als die Gegend für Jahrtausende aufzugeben.
Wir sind selbstverständlich nicht der Ansicht, dass von den Liebessteuern nicht ein Theil an die hülfsbedürftigen Privaten abgegeben werden solle, wir kennen selbst Fälle, wo dies ein Gebot der Menschlichkeit ist. Allein zu dem eben genannten Ende Aufgeben der Gegend für Jahrtausende kommen wir, wenn wir alle Kraft in ber Hülfeleistung an den Einzelwirkungen zersplittern, während ein ganzes und gründliches Zusammenarbeiten von Staat, betroffenen Gegenden und der Privatwohlthätigkeit eine Lösung der grossen Aufgabe möglich machen würde. An der Quelle tausend Franken richtig angewendet verhindert den Eintritt von einem Schaden, der durch eine Million nur vorübergehend gehoben werden könnte, und sich bald wiederholen würde.
Wir wollten zum Schlusse unserer Auseinandersetzungen alle Diejenigen, welche unsere Ueberzeugung theilen, einladen, ihre Steuern mit der bestimmten Weisung, dass dieselben zu Hülfsbauten verwendet würden, an die sammelnden Komites abgehen zu lassen, indem wir der Ueberzeugung sind, dass jeder Geber mit seiner Gabe möglichst viel Gutes auszurichten wünscht. Wir hatten die Hoffnung, dass ähnlich wie 1868 ein grosser Theil der Liebessteuern zu diesem Zwecke für die jetzt in Folge des letzten Hochwassers in Frage stehenden Gebiete bestimmt werden könnte. Der seither erfolgte Aufruf des schweizerischen Bundesrathes hat uns einen Strich durch unsere Hoffnungen gemacht. Die darin enthaltene Hinweisung auf die in Aussicht stehende gesetzliche Regelung der „Wasserpolizei“ kann uns freilich keineswegs beruhigen, theils weil die Ausführung noch zu lange auf sich wird warten lassen müssen, theils weil ohne die ausserordentliche Anstrengung Aller fast unmöglich die genügenden Mittel zu beschaffen sind. Gegenüber dieser nun leider geschlossenen Handlungsweise des Bundesrathes bleibt immerhin anderen lokaleren Komites die Aufgabe, für Arbeiten von bleibender Wirkung in unserem Sinne zu sammeln, und vom Staate, besonders vom Bunde dürfen wir nun auf andere Weise ein um so energischeres Vorgehen zur Ausführung der nöthigen Schutzbauten des Bestimmtesten erwarten.
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Neue Zürcher Zeitung, Nummer 323, 28. Juni 1876 Ausgabe 02
Aufruf zu Gunsten der Wasserbeschädigten
Der schweizerische Bundesrath an das Schweizervolk. Getreue, liebe Eidgenossen! Während unser Vaterland unter der Ungunst der allgemeinen Zeitverhältnisse leidet, ist über einen Theil desselben ein schweres Unglück hereingebrochen. In Folge der Regengüsse vom 10. bis 12. Juni ist ein Theil unserer Flüsse über die Ufer ausgetreten und zu einer seit Menschengedenken unerhörten Höhe angeschwollen. In wenigen Stunden war unermesslicher Schaden angerichtet. Dämme und Brücken, Strassen und Eisenbahnen, Wohnungen und Fabrikgebäude wurden von den Wogen fortgerissen oder beschädigt, und weithin wurde das Land mit Schutt und Trümmern aller Art bedeckt. Bodenrutschungen haben ganze Weinberge zerstört und mehrere Ortschaften schwer bedroht. Ganze Landstriche der Kantone Thurgau, Zürich, St. Gallen, Appenzell A. Rh. und Aargau haben die Hoffnung auf eine reiche Ernte dahin und bieten das Bild der Verwüstung; andere Theile unseres Vaterlandes sind weniger allgemein, aber nicht minder schwer geschädigt.
An den Ufern der Thur, der Töss, der Murg und der Glatt sind eine Reihe von Fabriken zerstört oder zum Stillstand gezwungen, die Hunderte von Arbeitern beschäftigten, von denen alle ihren Verdienst, viele dazu ihre Habe und einige sogar ihr Leben verloren haben. Bevölkerungen und Behörden sind mit voller Thatkraft diesem Unglück entgegengetreten und haben mit grösstem Muth gegen das entfesselte Element gekämpft, wie sie auch entschlossen sind, alle ihre Kräfte aufzubieten, um die Zerstörungen herzustellen und den vom Missgeschick heimgesuchten Gegenden wieder aufzuhelfen. Aber dieser Aufgabe sind ihre Kräfte allein nicht gewachsen; denn die Verluste berechnen sich nach Millionen und diejenigen der Privaten sind insbesondere bedeutend.
Getreue, liebe Eidgenossen! Die erste Kunde von diesem Nationalunglück hat alle Herzen aufs schmerzlichste ergriffen. Hilfsgesellschaften haben sich aus eigenem Antrieb gebildet, und mehrere Kantonalbehörden haben Unterstützungen beschlossen und Sammlungen angeordnet. Auch die eben versammelten eidgenössischen Räthe haben Zeugniss davon abgelegt, wie sehr sie an diesen traurigen Ereignissen Antheil nehmen. Gewiss verdient all‘ dies volle Anerkennung; aber wir dürfen nicht vergessen, dass wir uns gegenüber einer schweren Nothlage befinden, welcher wir nur mit ausserordentlichen und umfassenden Massregeln begegnen können. Darum hat eine von unserm Departement des Innern einberufene Konferenz von Repräsentanten aller Kantone den einstimmigen Wunsch ausgesprochen, es möchte der Bundesrath, wie im Jahr 1868, die Organisation einer Nationalsubskription zu Gunsten der heimgesuchten Bevölkerungen an die Hand nehmen. Ein Aufruf, wie wir ihn heute an Euch richten, hat stets in Aller Herzen Wiederhall gefunden. Ihr werdet auch bei diesem Anlasse beweisen, dass die Eidgenossen nie enger unter sich verbunden sind, als in den Tagen des Unglücks, und dass kein Theil des Schweizervolkes leidet, ohne dass sich der andere wie ein Mann zur Hilfe in der Noth erhebt. Darum erlassen wir an die Regierungen der Kantone und das gesammte Schweizervolk die Einladung, ohne Verzug Sammlungen zu veranstalten und uns deren Ertrag einzusenden. Im Jahr 1868 wurde ein Theil der Gaben zur Bildung eines öffentlichen Fonds für Schutzbauten ausgeschieden. Heute ist eine solche Verwendung nicht mehr am Platze, nachdem die Eidgenossenschaft seither auf dem Wege der Gesetzgebung die Wasserpolizei an die Hand genommen und die Unterstützungspflicht geordnet hat. Der Gesammtbetrag aller Liebesgaben wird daher unter die Bedürftigen vertheilt werden.
In der Zuversicht, dass unser Aufruf offene Ohren und Herzen finde, empfehlen wir uns mit Euch in den Machtschutz dessen, der die Stätten der frühern Wasserverheerüngen diesmal gnädig verschont hat; er wird durch dieses Unglück den Geist des Gemeinsinns und der Eintracht erwecken, aus welchem neue Kraft und neue Wohlfahrt emporblüht. Bern, den 24. Juni 1876. Im Namen des schweizerischen Bundesrathes, Der Bundespräsident: Welti. Der Kanzler der Eidgenossenschaft: Schiess.
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Letzte Bearbeitung: 16.12.2025, markus weidmann

