Unwetter 1927 · In den Kantonen Graubünden und St. Gallen sowie im Fürstentum Liechtenstein · GL/GR/SG

Unwetter in den Kantonen Graubünden und St. Gallen sowie im Liechtenstein, 1927

Ort und Stärke der Unwetterschäden vom 24. bis 25. September 1927. Quelle: Röthlisberger, Gerhard: Chronik der Unwetterschäden in der Schweiz. download Auf dieser Seite Das Unwetter von 1927 in der Chronik der Unwetterschäden in der Schweiz

Abbildung zu «Unwetter in den Kantonen Graubünden und St. Gallen sowie im Liechtenstein, 1927»
Ort und Stärke der Unwetterschäden vom 24.
Ort und Stärke der Unwetterschäden vom 24. bis 25. September 1927. Quelle: Röthlisberger, Gerhard: Chronik der Unwetterschäden in der Schweiz. download

Auf dieser Seite

Das Unwetter von 1927 in der Chronik der Unwetterschäden in der Schweiz

Gerhard Röthlisberger schreibt in seiner „Chronik der Unwetterschäden in der Schweiz“:

Unwetter-Katastrophe beidseits der Alpen infolge intensiver Niederschläge. Im Bündnerland ertranken 12 Menschen in den Fluten. Der Schaden, vor allem im Bergell und Oberengadin, im Bündner Oberland und im Glennergebiet, belief sich auf rund 7,5 Millionen Franken. Eingestürzte Häuser, verschüttete Dörfer, verwüstetes Kulturland und zerstörte Brücken und Strassen prägten das Bild.

Rheinnot auch im St. Galler Rheintal; Dammbrüche und schwere Überschwemmungen im Lichtensteinischen entlasteten das Hochwasser auf Schweizer Seite. Schäden meldete ferner das Glarner Linth- und Sernftal. Zu den im Tessin betroffenen Gebieten zählte das Bleniotal, die Leventina und die Riviera, mit Schäden von 3 Millionen Franken.

Quelle

Röthlisberger, Gerhard: Chronik der Unwetterschäden in der Schweiz. Berichte der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft, Nr. 330, 1991. download

Literatur

  • Hofmänner, Ernst: Die grossen Rheinhochwasser im 20. Jahrhundert: ein Schwarzer Sonntag: die Rheinkatastrophe vom 25. September 1927. Werdenberger Jahrbuch: Beiträge zu Geschichte und Kultur der Gemeinden Wartau, Sevelen, Buchs, Grabs, Gams und Sennwald. Band 3, 1990. download
  • Schweizerische Bauzeitung: Zur Rhein-Hochwasserkatastrophe. Band 89/90 (1927)

Heft 16. download

  • Bericht des schweizerischen Bundesrates an die Bundesversammlung über seine Geschäftsführung im Jahre 1927. download

Links

Forschungsinitiative Hochwasserrisiko – Überschwemmungsgedächtnis

Warum kam es zur Katastrophe vom 25. September 1927, von der vor allem das Liechtensteiner Unterland aufs schwerste betroffen wurde?

Neben den vernachlässigten Wildbachverbauungen in Graubünden sind vor allem zwei weitere entscheidende Ursachen zu nennen: Das liechtensteinische Hochwuhr war 1927 noch etwa

40 cm niedriger als dasjenige auf Schweizerseite, und die Eisenbahnbrücke Buchs-Schaan lag zu tief. Durch die ständige Sohlenerhöhung des Rheins hatte sich der freie Raum zwischen der Profilunterkante der Brücke und dem Wasser von Jahr zu Jahr verringert. (Im Bereich von Buchs/Schaan hob sich die Flusssohle von 1848 bis 1927 um über zwei Meter)

An jenem 25. September – es war ein Sonntag – ging auf das Bündnerland, das st. gallische Oberland und das Rheintal ein pausenloser Regen nieder, der schon am Vorabend eingesetzt hatte und 24 Stunden andauern sollte.

Quelle

Ernst Hofmänner: Die grossen Rheinhochwasser im 20. Jahrhundert : ein Schwarzer Sonntag : die Rheinkatastrophe vom 25. September 1927. Werdenberger Jahrbuch : Beiträge zu Geschichte und Kultur der Gemeinden Wartau, Sevelen, Buchs, Grabs, Gams und Sennwald. Band 3, 1990. download

Das Unwetter von 1927 in Graubünden

> Elementarschäden und Versicherung

Am 25./26. September 1927 kam es in den Kantonen Graubünden, Tessin und St. Gallen sowie im Fürstentum Liechtenstein zu immensen Hochwasser- und Murgangschäden. In Graubünden verloren 12 Menschen in den Fluten ihr Leben. Eine Kirche, unzählige Gebäude und Ställe, Vieh und Mobiliar wurde vernichtet, Kulturen und Kulturboden weggeführt. Rund 200’000 Gebäudeschäden wurden verzeichnet.

Besonders gross waren die Schäden an Strassen, Brücken, Verbauungen und Bahnanlagen. Am schwersten betroffen wurde der Kreis Disentis, sodann das Bergell, ferner der Glenner. Die amtlich geschätzten Schäden beliefen sich auf insgesamt 7.39 Millionen Franken (damaliger Wert).

Amtlich geschätzte Schäden
Privateigentum1.57 Millionen Franken
Gemeindeeigentum1.05 Millionen Franken
Kantonseigentum4.17 Millionen Franken
Rhätische Bahn600’000 Franken
Total7.39 Millionen Franken
(damaliger Wert).

Quelle

Elementarschäden und Versicherung. Studie des Rückversicherungs-Verbandes kantonal-schweizerischer Feuerversicherungsanstalten zur Förderung der Elementarschaden-Versicherung. Band I. Bern, 1936.

> Das Hochwasser-Denkmal in der Rheinschlucht

Hochwassermarke zum Hochwasser vom 25.
Hochwassermarke zum Hochwasser vom 25. September 1927 am Vorderrhein. zur genauen Position Foto: M. Weidmann
Normaler Abfluss des Rheins bei der Hochwassermarke.
Normaler Abfluss des Rheins bei der Hochwassermarke. Foto: M. Weidmann
Abfluss des Rheins während dem Hochwasser 1927.
Abfluss des Rheins während dem Hochwasser 1927.

> Bericht in der Naturchronik der Naturforschenden Gesellschaft Graubündens

Zwischen Truns und Tavanasa wurde der Bahnkörper der Rhätischen Bahn schwer beschädigt. Das Geleise hing an einzelnen Stellen in der Luft über dem Rhein, der das Wuhr durchfressen hatte. Ein Eisenbahnzug wurde auf dieser Strecke blockiert. Im Somvixertal wurden acht Ställe zerstört und die Alp „Gegia nova“ verwüstet. Brücken und Stege wurden weggerissen und ein Mann kam ums Leben. An Holz sollen einzig aus dem Somvixertal zirka 1000 Festmeter von Rüfen und von den Fluten des Somvixer Rheins fortgetragen worden sein. Zwischen Versam und Valendas wurde die Bahnlinie unterbrochen. Vals: grosse Schäden. In Reichenau räumte der Rhein das durch eine 2 Meter hohe Mauer geschützte Holz- und Bretterlager der Firma Beck fast vollständig.

  • Hinterrhein-Gebiete. Der Hinterrhein trat an verschiedenen Orten über die Ufer. Bei Nufenen beschädigte er auf weite Strecken die Strasse. Zwischen Medels und Splügen riss er eine Brücke weg. Ausserhalb Sufers sperrte ein grösserer Erdrutsch die Strasse. Splügen war am 26. vom Verkehr ganz abgeschlossen, da auch die Splügenpost aus Italien nicht verkehren konnte. Unterhalb Andeer und bei Clugin riss der Hinterrhein grosse Flächen des Kulturlandes weg.
  • Churer Rheintal. Die Rheinbrücken von Felsberg, Haldenstein und Untervaz wurden beschädigt. Zwischen Zizers und Igis brach die Bildrüfe aus und überschüttete Landstrasse und Wiesen. Die Scalära- und Maschenzerrüfe zwischen Chur und Trimmis brachen bereits in der Nacht vom 22./23. September aus, gewaltige Schuttmassen talwärts wälzend, die Landstrasse auf weite Strecke überdeckend.
  • Schanfigg und Prättigau. Sowohl im Schanfigg als auch im Prättigau verursachte das Unwetter verhältnismässig geringen Schaden. Der Schraubach bei Schiers griff das Wuhr an. Im Fuchsenwinkel zwischen Schiers und Jenaz verschüttete eine Rüfe Strasse und Bahnlinie. An verschiedenen anderen Orten, insbesondere in Valzeina gingen zahlreiche Rüfen nieder.
  • Oberengadin. Im Oberengadin wurde die Rhätische Bahn von Bevers an unterbrochen. Der Flazbach überschwemmte den Bahnhof von Samaden. Die Campagna zwischen Bevers und Samaden glich einem See. Der Berninabach führte aussergewöhnlich viel Wasser. Der Eisenbahndamm bei Pontresina wurde in einer Länge von zirka 250 Meter von dessen Fluten weggerissen, und ebenso eine Brücke unterhalb Berninahäuser.
  • Puschlav. Auch im Puschlav schwollen die Wildbäche mächtig an, und der Poschiavino trat an verschiedenen Stellen über die Ufer.
  • Bergell. Das Bergell litt sehr schwer unter dem Unwetter. Die Orlegnia stürzte sich mit gewaltigen Geschiebemassen auf Casaccia und verwandelte die Strasse in ein wildes Flussbett. In Vicosoprano wälzte die Albigna grosse Schuttmassen nach dem Dorfe und demolierte die Dorfstrasse. Quellen und Wasserleitung wurden verschüttet. In Stampa wurden die Brücke Castelmur, die alte Gerberei, drei Häuser und die Sägerei von der Maira weggeschwemmt, und das Hotel Piz Duan erlitt grossen Schaden.

In Promontogno wurde die Mühle Scartazzini stark beschädigt. Die Quelle, welche Brunnen und Hydranten speiste, verschwand. In Bondo wurde die alte Brücke, welche nach Spino führte, weggerissen, und unterhalb Bondo bis Castasegna spülte die Maira grosse Wiesenkomplexe weg.

Quelle

Naturchronik für das Jahr 1927. Jahresbericht der Naturforschenden Gesellschaft Graubünden. Band 66 (1927-1928)

> Das Unwetter vom 25. September 1927 in Zignau GR

Die Truner Fraktion Zignau (ehemals Ringgenberg) wurde 1834 und 1868 durch Murgänge arg verwüstet. 1872/1873 erstellte man zum Schutz von Zignau ein 140 Meter langes Längswuhr; dieses wurde zehn Jahre später von einem Murgang zerstört. 1901/1902 versuchte man, die Siedlung mit Ablenkwuhren besser zu schützen.

Vergeblich: Am 25. September 1927 zerstörte ein verheerender Murgang nicht nur die Wuhre, sondern auch die St. Jakobskirche, das danebenstehende Doppelhaus sowie weitere Gebäude. Wie auch schon 1868 wurden Wiesen und Maiensässe unterhalb des Dorfes grossflächig mit Steinen, Kies und Schlamm zugedeckt («übersart») – für die ansässigen Landwirte eine Katastrophe.

Mariano Tschuor schreibt in seinem Medienbericht „Die Naturkatastrophe vom 25. September 1927 in Zignau“: Es ist sechs Uhr morgens, der 25. September 1927, ein Sonntag. Die ganze Nacht hindurch regnete es unbarmherzig. Oben, in den Höhen der Val Zavragia war es ganz dunkel. Es donnerte. Giachen Ludivic Tomaschett, der mit seiner Familie ein Doppelhaus am Dorfende bewohnte, öffnette die Fensterläden der Stube. Behutsam steckte er seinen Kopf hinaus. Schnell zog er diesen wieder ein, denn das Wasser peitschte ihm wild in das Gesicht. Kaum hatte er das Fenster wieder geschlossen, da schmetterte der Wind eine Telephonstange zu Boden und riss einen Fensterladen mit sich. Giachen Ludiviic wurde bleich wie ein Totentuch, schloss schnell das Fenster und ging zu seiner Frau ins nebenstehende Schlafzimmer. „Es sieht schlecht aus. ich fürchte, die Zavragla wird heute noch schliimmes anrichten”.

Unterdessen war das ganze Haus erwacht. Die acht Kinder hatten schlecht geschlafen. Die Älteste zählte 15 Jahre, die Jüngste 19 Monate, und im Oktober sollte ein weiteres Kind geboren werden. Man rüstete sich zur Frühmesse. Doch in diesem Augenblick rollte bereits eine donnernde Schuttmasse den Hang hinunter. Beängstigte Nachbarn flohen über Felder in Heustöcke, tapfere Männer versuchten, den Bach in seinem Lauf zu behalten. Die Familie Tomaschett war gerade um den Mittagstisch versammelt, da kam die Haushälterin des Pfarrers atemlos angerannt. „La bova vegn, la bova vegn, die Rüfe kommt, die Rüfe kommt“. „Uns geschieht nichts, wir haben die Muttergottes im Hause”, antwortete die Mutter. Tatsächlich, in einer Kammer war eine grosse Muttergottesstatue untergebracht, die jeweils zu festlichen Prozessionen gebraucht wurde.

Giachen Ludivic, der zu dieser Zeit Messmer war, schickte einen seiner Söhne zum Pfarrer um zu Fragen, ob man Sturm läuten solle. Bald kam er miit roten Wangen zurück, „Pfarrer Flury gab mir eine Ohrfeige und sagte, man sollte die Leute nicht noch mehr erschrecken“. Aber wenig später läutete es tatsächlich Sturm. Da stand der Messmer vom Tisch auf und ging mit schnellen Schritten zur Kirche. Diesem Pfarrer wollte er seine Meinung sagen. Am frühen Nachmittag musste die ganze Familie das Haus verlassen. Die hochschwangere Frau ging zu Verwandten nach Lumneins, die Kinder wurden unweit des Hauses in einem Stall untergebracht.

Um 15 Uhr zitterte die Erde, der Himmel war schwarz und gewaltige Felsmassen stürzten in das Dorf hinunter, zerstörten die Kirche; nur der Turm blıeb erhalten und das Doppelhaus. Nun hatte die Familie Tomaschett kein zuhause mehr. Käselaibe schwommen auf der Oberfläche des Wassers. Kleidungsstücke trieben umher. Zwei kleine Mädchen weıinten, denn ıhre neuen Hüte waren ebenfalls weggeschwommen. Giachen Ludivic konnte nur ein Fahrrad retten. Über Nacht blieben die Kinder im Stall, am nächsten Morgen hatte es geschneit und die Kinder wurden bei Verwandten untergebracht. Die Rüfe hatte fruchtbares Weideland zerstört, die Brücke über die Zavragia und jene über den Rhein mitgenommen.

Es war aber nicht die erste Rüfe in der Geschichte der Zavragıa. Bereits 1834 und 1868 geschahen ähnliche Naturkatastrophen, nicht aber in dem Ausmass wıe 1’927. Bereits 1868 wollte man den gefährdeten Teil von Zignau umsiedeln. Man baute dem Laufe der Zavragia nach einen Wall.

1927 wurde die Frage der Umsiedlung wieder aktuell. Wiederum baute man einen noch stabıleren Wall, der heute noch steht. Die Kirche wurde 1930/31 für rund 110’000 Franken an einem anderen Ort neu gebaut. Todesopfer gab es bei der Naturkatstrophe vom 25. September keine. Zwei Todesopfer sind jedoch zu vermerken: Caspar Huonder fiel in den Rhein, als er die Notbrücke überschreiten wollte, und Flurin Job stürzte beı der Errichtung der neuen Brücke ın den Rhein.

Die Familie Tomaschett baute das Doppelhaus nicht mehr auf, später zogen sie in ein neueres Haus ım Dorfteil „Vricla‘. Wohl kamen Hilfeleistungen von überall in Truns an, aber das meiste verkaufte der Gemeinderat. Der ganze private Schaden in der Surselva wurde mit einer Summe von 823’000 Franken berechnet. Am 4. Februar fand in Chur im Beisein der Bundesräte Schultheiss und Häberlein eine Konfernz statt, welche über Wiederherstellungsmassnahmen zu bestimmen hatte. Für die Herstellung der Schäden wurden 1’464’206 Franken gesammelt.

Quelle

Mariano Tschuor: Die Naturkatastrophe vom 25. September 1927 in Zignau. Bündner Zeitung, 23. September 1977.

> Aufforstungen und andere Projekte im Staatswald Zavragia: Vergangenheit und Zukunft

Dıe Siedlung Zignau – früher eine selbständige Gemeinde, seit langem aber ein Dorfteil von Trun mıit ca. 150 Einwohnern – liegt auf einem Schuttfächer, den der Zavragiabach, von Süden her kommend, seit der letzten Eiszeıt ım Vorderrheintal aufgebaut hat. Typischerweise erfolgt ein solcher Aufbau nicht kontinuierlich, sondern ın – aus menschlicher Sicht – katastrophalen Schüben ın Form von Rüfenniedergängen. Siedlungen auf Schuttfächern sind deshalb immer gefährdet. Schon ım 19. Jahrhundert wurden in Zignau Wuhre und Leitdämme erstellt, um den Ort vor Rüfen zu schützen.

Doch erst nach 1850 begann sich die Erkenntnis durchzusetzen, dass die Zerstörungen, welche solche Naturereignisse in jener Zeit immer wieder anrichteten, nicht ausschliesslich göttlichem Willen, sondern teıls auch menschlichem Unverstand zuzuschreiben waren. Und was Unverstand anrichtet, kann Verstand zu reparieren versuchen: Die Schutzfunktion des Waldes in Wildbach-Einzugsgebieten wurde erkannt – das erste Eıdgenössische Forstgesetz stammt denn auch aus einer Zeit (Mitte des letzten Jahrhunderts), in der sich dıe Hochwasser- und Rüfenereignisse häuften – eine Folge des vorangegangenen, jahrhundertelangen Raubbaues am Gebirgswald zur Holz- und Weidelandgewinnung.

In Zignau bedurfte es aber eines welteren äusseren Anlasses für die Inangriffnahme eines Aufforstungsprojektes: Es war dies das zerstörerische Unwetter vom 25. September 1927, welches hier – wie auch anderso ın der Surselva und ım Kanton Graubünden – grosse Schäden zur Folge hatte. Das Unwetter 1927 war zwar nicht das erste, sondern (mit Ausnahme des etwa vergleichbaren 1987) vor allem das bestdokumentierte. Ähnliche Ereignisse gab es aber auch in den Jahren 1748, 1817, 1834, 1868 und 1883. 1868 war so schlimm, dass eine Umsiedlung von Zignau praktisch beschlossene Sache war – das Vorhaben scheiterte dann aber mangels Geld. 1927 war dann aber das Mass voll – und dank neuer Techniken und Materialien ist es seither möglich geworden, auch der Zavragia ein hoffentlich wirksames Korsett zu verpassen.

Von Rüfen aus der Val Zavragia ist nicht nur die Siedlung Zignau bedroht: Wenn die Zavragla ın sehr kurzer Zeıt sehr viıel Geschiebe bringt, kann sie den Vorderrhein im Engnis zwischen Tiraun und Zignau stauen. So geschehen 1834, als sich ein „See über die ganze Ebene von Trun“ hinweg bildete, so auch geschehen 1927 und 1987, als das Hochwasser einen Abfluss jeweils nur noch durch den RhB-Tunnel (unter Tiıraun) finden konnte.

Nach dem September-Unwetter von 1927 waren dann nicht nur der politische Wille, sondern auch dıe finanzıellen Mittel und dıe technischen Möglichkeiten vorhanden, eine – im wörtlichen Sinne! – Beruhigung des Zavraglabaches vorzunehmen, und zwar miıt Massnahmen auf verschiedenen Ebenen. Das Resultat ıst, seıt 1927 resp. ab Baubeginn 1934, eine Reihe von Projekten, die, je nach aktueller Gefährdungssituation, manchmal mehr forstliche, dann wieder mehr wasserbaulichen Massnahmen beinhalten. Von Beginn weg war klar, dass (aus unserer Sıicht langfristige) geologische Prozesse durch „oberflächliche” Massnahmen nicht zu stoppen seın würden. So mussten und müssen sıch die Projekte auf vier wichtige Bereıche beschränken, von denen die ersten beiden in dıe Kompetenz des Forstdienstes fallen, während Punkte (3) und (4) heute Sache des Amtes für Fluss- und Wildbachverbau sind:

1. Aufforsten der von Wald entblössten Flächen auf der liınken Talseite (Draus) zur Verstetigung des

Wasserabflusses,

2. Verbauen der seitlichen Zavragiazuflüsse, die Erosion und Rutschungen ın der Fläche zu verhindern oder zumindest zu reduzieren,

3. Stabilisıeren der Bachsohle durch Schwellen und Sperren, und

4. Schutz der Sıedlung durch grosszügig bemessene Leitdämme.

Die Aufforstung des Einzugsgebietes der Zavragla war eine Bedingung, welche der Bund, in seinem Subventionsentscheid vom 2.11.1928, an dıe Zusage finanzieller Unterstützung knüpfte. In der Folge reichte die Gemeinde dem EDI das“ Aufforstungs- und Verbauungsprojekt Zavragia“ ein. Da sie jedoch keine vorbehaltlose Bauerklärung abgeben wollte (Verlust von Weidefläche resp. Weiderechten!), weiıl die Gemeindekasse auch durch die Restkosten noch stark belastet worden wäre und weil andere, weiter rheinabwärts gelegene Ortschaften aus der Aufforstung ebenfalls Nutzen ziehen würden, schlug der Bund dem Kanton vor, das Projekt zu übernehmen resp. der Gemeinde den (heutigen Staats-)wald Zavragıa abzukaufen. Dies geschah mıt Beschluss des Kleinen Rates vom 5. Juni 1934 für eine Fläche von 151.1 ha, wobei der Koporation Nadels davon noch eine Benützung der Weideenklave Draus für die Dauer von fünf Jahren zugestanden wurde. 1938 forderte dıe Korporation sogar den Rückkauf der Draus, da für diese Weidefläche kein Ersatz aufzutreiben sei.

Dies wurde schliesslich vom EDI abgelehnt, aber unbehirtetes Vieh war in dem – von offenen Entwässerungsgräben durchzogenen und bepflanzten – Areal noch jahrelang widerrechtlich anzutreffen, Heute ist der Staatswald zwar freı von Vieh, nicht aber von Weidetieren, denn mittlerweile sind die Schalenwildbestände (Rothirsch, Gemse, Reh) im Vergleich zu 1934 stark angewachsen. Die Idee, dass hier der Wald primär dem Schutz des Menschen zu dienen hat und alle anderen Forderungen dahinter zurücktreten müssen (das ganze Waldareal des Staatswaldes Zavragia gehört zur Kategorie „Wald mit besonderer Schutzfunktion“), ist aber heute in der Bevölkerung gut verankert.

Quelle

Kreisforstamt 10: Medienorientierung 5. Juni 1997, Trun.

> Wildbachverbauungen Zavragla Trun

Die Arbeiten zur Sicherung des Siedlungsgebietes und der Verkehrsträger im Talboden bei Zignau, Trun sind ein typischen Beispiel für die Kombination von forstlichen und wasserbaulichen Massnahmen, wie sie in unserem Gebirgskanton seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts immer wieder angewendet werden.

Eine Vielzahl von Runsen und Seitenbächen im oberen Einzugsgebiet der Val Zavragia verfrachtet grössere Geschiebemengen, insbesondere aus den grossen Schutthalden, in das Tobel. Bei Starkniederschlägen und Gewittern wird dieser Erosionsschutt in Murgängen zum Vorderrhein transportiert, wobei grosse Sohlen- und Hangfusserosionen im Bachlauf verursacht werden. Im Bachabschnitt Höhenkote 1400 – 1100 m.ü.M., wo der orographisch rechtsufrige Tobelhang aus anstehendem Fels besteht, führt dies In der durch Quellhorizonte durchnässten linken Tobelflanke zu grossräumigen Hangıinstabilitäten.

Die Rüfenniedergänge bedeuteten jeweils eine grosse Gefährdung für das auf dem Ablagerungskegel liegende Wohngebiet der Gemeindefraktion Zignau/Ringgenberg und verursachten gefährliche Geschiebestauungen im Vorderrhein. Grosse Schäden richteten die Murgänge der Jahre 1748, 1834, 1868 und 1883 an. Durch Ablenkwuhre am Schuttkegelhals wurde 1901/1902 versucht, das Wohngebiet besser zu schützen.

Besonders schwere Folgen hatte der Rüfenniedergang vom 25.9.1927, wo die Kirche von Zignau und ein Wohnhaus vollständig zerstört wurden. In der Folge gelangten 1928 zur Ausführung:

– 38 Leitwuhre bei Zignau

– Sohlensicherungsmassnahmen im Seitentobel Val Meta

– 3 grössere Sperren im Tobel selbst.

Im Rahmen forstlicher Projekte wurden umfangreiche Entwässerungen und Aufforstungen in den linksseitigen Tobeleinhängen ausgeführt. Weitere forstliche und wasserbauliche Ergänzungsarbeiten folgten in den folgenden Jahrzehnten.

Quelle

Ergänzungen von Andri Bischoff, Chef Fluss- und Wildbachverbauungen, Tiefbauamt Graubünden, zur Medienorientierung vom 5. Juni 1997, 9.00 Uhr, Trun

Ost-Ringgenberg (heute: Zignau ).
Ost-Ringgenberg (heute: Zignau). Bildarchiv Tiefbauamt Graubünden
West-Ringgenberg (heute: Zignau ).
West-Ringgenberg (heute: Zignau). Bildarchiv Tiefbauamt Graubünden
Die zerstörte Kirche von Ringgenberg (heute: Zignau ).
Die zerstörte Kirche von Ringgenberg (heute: Zignau). Bild: Tiefbauamt Graubünden.
Die zerstörte Kirche von Ringgenberg (heute: Zignau ).
Die zerstörte Kirche von Ringgenberg (heute: Zignau). Schweizer Illustrierte Zeitung.
Plan zur Umsiedlung von Ringgenberg (heute: Zignau ) auf die südliche Talseite.
Plan zur Umsiedlung von Ringgenberg (heute: Zignau) auf die südliche Talseite. Archiv Tiefbauamt Graubünden

Literatur zum Hochwasser 1927 in Graubünden

  • Zur Zerstörung der Rheinbrücke bei Tavanasa. Schweizerische Bauzeitung, Band 89/90, 1927, Heft 15. download
  • Zur Zerstörung der Rheinbrücke bei Tavanasa. Schweizerische Bauzeitung, Band 89/90, 1927, Heft 18j. download
  • Hochwasser im Bergell, 1927. Poster aus der Pro Natura-Ausstellung im Bergell. download
  • Bericht des Kleinen Rates des Kantons Graubünden über seine Geschäftsführung und Staatsrechnung pro 1927. Chur, 1928. download
  • Bericht des Kleinen Rates des Kantons Graubünden über seine Geschäftsführung und Staatsrechnung pro 1928. Chur, 1929. download
  • Amt für Wald, Kreisforstamt 10: Aufforstungen und andere Projekte im Staatswald Zavragia: Vergangenheit und Zukunft. Juni 1997.
  • Bischoff, A.: Wildbachverbauungen Zavragia, Trun. Ergänzungen zur Medienorientierung vom 5.6.1997.
  • Huonder, P.: Bericht zur projektierten Verlegung der Häusergruppe von Ost-Ringgenberg. Bau- und Forstdepartement des Kantons Graubünden, Chur, 13. März 1928. Gasetta Romontscha, Nr. 69, 29. August 1995.

Das Unwetter von 1927 im Kanton St. Gallen

> Elementarschäden und Versicherung

25. September. Die Wolkenbrüche, die über der Alpenscheide niedergingen uncl in Graubünden

und Tessin gewaltige Überschwemmungen hervorriefen, brachten auch ein bedeutendes

Rheinhochwasser. Im Kanton St. Gallen wurde die Gegend von Sargans vom Rhein überschwemmt, und zwar die Gemeinden Vilters, Mels, Sargans und Wartau. Weiter rheinabwärts

entstanden keine grösseren Schäden, da der Dammbruch bei Schaan und die grossen Überschwemmungen von Liechtenstein die Hochwasserführung entlasteten. Nach amtlicher Schätzung betrugen die Kulturenschäden in den vorgenannten Gemeinden Fr. 22’438.

Die allgemeine Liebesgabensammlung, die für die Geschädigten von Tessin, Graubünden

und Liechtenstein durchgefühlt wurde, ergab im Kanton St. Gaìlen die bedeutende Summe von

Fr. 321’332.15, die mit Ausnahme von Fr. 3860, die speziell für das st. gallische Rheintal bestimmt

waren, an die zentrale Sammelstelle abgeliefert wurden. Die kantonalen Geschädigten erhielten aus der eidgenössischen Sammlung Fr. 12’910. 63 Betroffene wurden im Kanton berücksichtigt; die Unterstützungen bewegten sich zwischen 10 uncl 55 %.

Quelle

  • Amtsbericht 1927, S.85, 133, 255.
  • Amtsblatt 1928, S.874.
  • Elementarschäden und Versicherung. Studie des Rückversicherungs-Verbandes kantonal-schweizerischer Feuerversicherungsanstalten zur Förderung der Elementarschaden-Versicherung. Band I. Siebzehntes Kapitel: Kanton St. Gallen. Bern, 1936.
Abbildung zu «Unwetter in den Kantonen Graubünden und St. Gallen sowie im Liechtenstein, 1927»

Uebersichtskarte 1:150’000 des Ueberschwemmungsgebiets. Quelle: Schweizerische Bauzeitung: Zur Rhein-Hochwasserkatastrophe. Heft 16, Band 89/90, 1927.

Abbildung zu «Unwetter in den Kantonen Graubünden und St. Gallen sowie im Liechtenstein, 1927»

Uebersicht des Liechtensteinischen Ueberschwemmungsgebietes, Ende September 1927 (gegen Nordosten gesehen). Am Bildrand links Buchs, rechts Schan, dazwischen die Durchbruchstelle des Rheins (der Pfeil) bei der rechtsufrig eingestürzten Eisenbahnbrücke. Quelle: Schweizerische Bauzeitung: Zur Rhein-Hochwasserkatastrophe. Heft 16, Band 89/90, 1927.

Abbildung zu «Unwetter in den Kantonen Graubünden und St. Gallen sowie im Liechtenstein, 1927»

Eisenbahnbrücke mit daran hängengebliebenem Geschiebe. Quelle: Staatsarchiv St. Gallen

Abbildung zu «Unwetter in den Kantonen Graubünden und St. Gallen sowie im Liechtenstein, 1927»

Zerstörte Eisenbahnbrücke über den Rhein zwischen Buchs und Schaan, Blick von der Schweizer Seite nach Liechtenstein, Publikum auf der Brücke. Quelle: Staatsarchiv St. Gallen

Abbildung zu «Unwetter in den Kantonen Graubünden und St. Gallen sowie im Liechtenstein, 1927»

Nahaufnahme der Holzbrücke bei Schaan mit dem daran stossenden Wasser. Quelle: Staatsarchiv St. Gallen

Abbildung zu «Unwetter in den Kantonen Graubünden und St. Gallen sowie im Liechtenstein, 1927»

Bendern FL im Hochwasser. Überschwemmtes Dorf mit zerstörten Häusern und Teilen von zerstörten Häusern, mit dem Gasthaus zum deutschen Rhein und der eingezeichneten Höchstmarke des Wasserstandes, im Hintergrund die Kirche von Bendern. Quelle: Staatsarchiv St. Gallen

Rorschach

Rorschach.
Rorschach. Quelle: Staatsarchiv St. Gallen

Raum Sargans

Überschwemmung der Sarganserebene, Blick gegen den Fläscherberg und Ellhorn, aufgenommen von Höhenstandort am Gonzen.
Überschwemmung der Sarganserebene, Blick gegen den Fläscherberg und Ellhorn, aufgenommen von Höhenstandort am Gonzen. Quelle: Staatsarchiv St. Gallen
Überschwemmung der Sarganserebene, Blick gegen Ragaz.
Überschwemmung der Sarganserebene, Blick gegen Ragaz. Quelle: Staatsarchiv St. Gallen
Überschwemmung der Sarganserebene, Blick gegen Vilters.
Überschwemmung der Sarganserebene, Blick gegen Vilters. Quelle: Staatsarchiv St. Gallen
Überschwemmung der Sarganser Ebene, vom Schloss Sargans aus aufgenommen.
Überschwemmung der Sarganser Ebene, vom Schloss Sargans aus aufgenommen. Quelle: Staatsarchiv St. Gallen
Talstation Seilbahn des Gonzen-Bergwerks Sargans.
Talstation Seilbahn des Gonzen-Bergwerks Sargans. Quelle: Staatsarchiv St. Gallen
Fabrik Oertle beim Bahnhof, Gebäude im Wasser stehend.
Fabrik Oertle beim Bahnhof, Gebäude im Wasser stehend. Quelle: Staatsarchiv St. Gallen
Bahnhof Sargans, Auspumpen der Keller, Schlauchwagen, im Hintergrund Eisenbahn.
Bahnhof Sargans, Auspumpen der Keller, Schlauchwagen, im Hintergrund Eisenbahn. Quelle: Staatsarchiv St. Gallen

Unzählige weitere Fotos zum Thema Hochwasser im Staatsarchiv St. Gallen

> Ein Augenzeugenbericht

Geben wir das Wort, leicht gekürzt, dem damaligen Berichterstatter im «Werdenberger & Obertoggenburger»:

«Das Feuerwehrkommando [Buchs] stellte sofort die Rheinwache auf Pikett, und um 9 Uhr 15 waren schon die ersten Braven am reissenden Strome. 30 Mann der Aufgebotenen unternahmen sofort mit Gerätschaften den Patrouillengang bis zur Haager- und Sevelergrenze, um allfällige gefährdete Stellen zu avisieren und nach Möglichkeit zu halten. Die längs des Stroms bereit gestellten Steinhaufen und Holz dienen im Notfalle diesem Zwecke.

[…] Ein grausiges Bild bot der Vater Rhein. Seine schmutzigen Fluten wälzten sich mit unheimlicher Schnelligkeit talabwärts, und die Unmenge Holz, die sich auf dem Rücken des tobenden Elementes bewegte, kleinere und grössere Bäume, halbe Brücken etc. bekundeten, dass die Sündflut im Bündnerland bedenklich gehaust haben müsse.

Um 10 Uhr hatte Reichenau die Hiobsbotschaft gemeldet, der Strom sei immer noch im Steigen begriffen, was zu bedeuten hatte, dass 5 lange und bange Stunden auch bei Buchs die Fluten noch zunehmen werden. Überall zeigten sich beim Publikum Aufregung, Angst und Schrecken, während sich beim Kommando der Rheinwache ernste Ruhe wohltuend bemerkbar machte. An Ort und Stelle waren u.a. anwesend: Bezirksammann, Gemeindammann und die Polizei. Die Stromhöhe hatte von 9 bis 10 Uhr 60 cm zugenommen, und die Pegelhöhe war um 11 Uhr auf 8 Meter 85 gestiegen.»

Bis nachmittags um drei Uhr stieg das Wasser auf 9,80 Meter; später wurde nur noch geschätzt, weil der Pegelstand nicht mehr abgelesen werden konnte. Reichenau hatte um drei Uhr ein Sinken der Fluten gemeldet, etwa zur gleichen Zeit wurde die Buchser Holzbrücke für den Verkehr gesperrt, und kurz vor drei Uhr passierte der letzte Zug die Eisenbahnbrücke.

Rückstau-Überschwemmungen bei Trübbach und Sennwald. In Trübbach, wo am südlichen Dorfrand der Trübbach und die Saar unmittelbar nebeneinander in den Rhein mündeten, fiel nicht nur in grossen Mengen Holz an, das im Rückstau des Trübbaches bis zur Eisenbahnbrücke zurücktrieb, sondern auch die Saar wurde in grossem Umfang zurückgestaut und überschwemmte die Saarebene. Die Staatsstrasse Trübbach- Sargans wurde 60 cm tief überflutet, und der Eisenbahnverkehr musste eingestellt werden, ebenfalls der geplante Busverkehr.

Als Folge des Rückstaus des Werdenberger Binnenkanals, was zur Überschwemmung eines grossen Teils der Sennwalderau führte, wurde auch die Bahnlinie Rüthi-Salez-Sennwald unterbrochen; der Verkehr wurde mit Autobussen aufrechterhalten.

Einsturz der Strassenbrücke Buchs-Schaan. Wohl wurden bei der Buchser Holzbrücke die Verschalungen entfernt, um dem Wasser mehr Raum zu geben und dadurch die Brücke zu retten, doch machten die auf das Holzfachwerk aufprallenden Holzmassen diese Hoffnung zunichte.

Der «Werdenberger & Obertoggenburger» meldet: «’Um 6 Uhr 45 [abends]2 vernahm man zuverlässig, ‚ist die alte Holzbrücke zwischen Buchs und Schaan fortgerissen worden.‘ […] Der jahrzehntelang von der Brücke bezwungene Strom hatte sich gerächt, und triumphierend mit gewaltigem Brausen trug er die Beute davon. Die Brücke war in zwei Teile zerschellt worden. Zuerst krachte die westliche Seite zusammen, während die Schaaner Seite ihr nach 10 Minuten rasch folgte.3 […]

Dammbruch bei der Eisenbahnbrücke am Liechtensteiner Ufer. Als weitere Hiobsbotschaft kam um 7 1/2 Uhr [abends] die Meldung vom zirka 200 Meter grossen Dammbruch bei der Eisenbahnbrücke am Liechtensteiner Ufer [Schaan] und vom daherigen sofortigen Sinken des Rheins um 1 1/2 Meter. Schaan ist überschwemmt. Die Schweizerseite war also gerettet, während unsere armen Nachbarn die Katastrophe haben.»

Etwa 50 Meter oberhalb der Brücke hatte der Damm den Wassermassen nicht mehr standzuhalten vermocht. Mit elementarer Wucht durchbrach das Wasser die Eindämmung und vertrieb die Männer, die unter Lebensgefahr mit Sandsäcken, Faschinen, schweren Steinen und Brettern versucht hatten, das Unglück abzuwenden.

Der Dammriss erweiterte sich oberhalb und unterhalb der Brücke auf rund 300 Meter. Die Talebene bei Schaan und das Liechtensteiner Unterland wurden überschwemmt. Zwei Menschen verloren in den reissenden Fluten ihr Leben, der Schaaner Stationsvorstand Albert Prestl und seine Frau.

Abschliessend bemerkt der Berichterstatter des «Werdenberger & Obertoggenburger» zur Situation am Montag früh: «Sonnenschein, 7 Grad Temperatur und Neuschnee auf den Bergen. Also Ende der

Sündflut! An Leib und Seele fröstelnd, geht man den Schreckensnachrichten entgegen. Die eigene Heimat ist verschont durch das grässliche Unglück liebenswerter Nachbarn. Sie haben zu unseren Gunsten den Rhein aufgefangen und uns dadurch gerettet.»

1 Werdenberger & Obertoggenburger, 26. September 1927.

2 Nach Angabe des damaligen Buchser Wasserwehrkommandanten Hans Ködderitzsch um 17.30 Uhr

3 Der Teil bis zum zweiten Pfeiler blieb stehen; siehe Bild und nachfolgenden Beitrag.

Quelle

Ernst Hofmänner: Die grossen Rheinhochwasser im 20. Jahrhundert: ein Schwarzer Sonntag: die Rheinkatastrophe vom 25. September 1927. Werdenberger Jahrbuch : Beiträge zu Geschichte und Kultur der Gemeinden Wartau, Sevelen, Buchs, Grabs, Gams und Sennwald. Band 3, 1990. download

Literatur

  • Der 25. September 1927: Erinnerungen des damaligen Buchser Wasserwehrkommandanten Hans Ködderitzsch. In: Ernst Hofmänner: Die grossen Rheinhochwasser im 20. Jahrhundert : ein Schwarzer Sonntag : die Rheinkatastrophe vom 25. September 1927. Werdenberger Jahrbuch : Beiträge zu Geschichte und Kultur der Gemeinden Wartau, Sevelen, Buchs, Grabs, Gams und Sennwald. Band 3, 1990. download
  • Rheinnot in Liechtenstein. Zum 50. Jahrestag der Rheinüberschwemmung von 1927. Hg. Gemeinden Eschen, Gamprin, Mauren, Ruggell, Schaan und Schellenberg. Schaan 1977.

Links

Digitaler Lesesaal des Staatsarchivs St.Gallen

Forschungsinitiative Hochwasserrisiko – Überschwemmungsgedächtnis

Digitaler Lesesaal des Staatsarchivs St.Gallen

Das Unwetter von 1927 im Kanton Glarus

> Elementarschäden und Versicherung

25. September 1927. Die schweren Niederschläge, die über der Alpenscheide fielen und besonders die Kantone Tessin und Graubünden sowie das Rheintal trafen, brachten auch dem Sernf- und Linthtal erhebliche Schäden durch Überschwemmungen und Rutschungen.

In diesem Jahr erhob die Landesschatzungskommission Wasser- und Rutschungsschäden im Betrage von total Fr. 81’950, die wohl zum grössten Teil auf die genannten Niederschläge entfielen und fast ausschliesslich Kulturen und Boden trafen. Neben umfangreichen Erdschlipf- und Runsenschäden im Betrage von Fr. 54’240 fielen schwere Lawinenschäden an Grund und Grat sowie Gebäuden an. Die Landesschatzungskommission erhob Fr. 22’050.

Quelle

Elementarschäden und Versicherung. Studie des Rückversicherungsverbandes kantonal-schweizerischer Feuerversicherungsanstalten zur Förderung der Elementarschadenversicherungen. I. Band. Bern, 1936.

Anhang: Medienberichte

Neue Zürcher Zeitung, Nummer 1606, 26. September 1927

Wetterberichte. Hochwasser in der Schweiz. Silvaplana, 25. Sept. (Priv.-Tel.) Samstagnachmittag und Sonntag ergiessen sich gewaltige Regengüsse über das Oberengadin und das Bergell. Der Fexbach hat in Sils-Maria den Dorfplatz überschwemmt und ergiesst seine grauen Fluten über die Felder. Die Feuerwehr arbeitet seit 6 Uhr morgens gewaltig und scheint bisher der Fluten Herr zu werden. Der Julierbach in Silvaplana hat die Seitenmauern angefressen und teilweise zerstört. Auch hier arbeitet die Feuerwehr. Von Casaccia, wohin die Feuerwehr von St. Moritz mit drei Postautomobilen abgereist, weiss man nichts Definitives. Man ist besorgt um das Dorf. Die gewitterhaften Regenschauer dauern bis zur Stunde an.

St. Gallen, 25. Sept. (Priv.-Tel.) Der Rhein hat das Niveau der Hochwasser von 1888 und 1910 überstiegen. In Buchs staut er sich an der Eisenbahn- und Fahrbrücke. Diese Brücken sind 1890 um einen Meter gehoben worden. Die Züge von und nach Wien verkehren vorläufig über St. Margrethen. In Trübbach tritt der Rhein durch die bestehende Ausflusslücke des Trübbach in das Gelände. Die Bahnlinie ist dadurch streckenweise unterspühlt. Seit 6 Uhr soll der Rhein laut Be von Reichenau wieder fallen.

Landquart, 25. Sept. Im Bündner Rheintal musste wegen Hochwassers der Bahnbetrieb zwischen Reichenau und Disentis eingestellt werden. Ein 60 Meter langes Stück der Staatsstrasse bei Trimmis wurde seit Freitag durch Rüfe aus dem Skaleratobel weggespült. Verkehr und Telephonbetrieb sind unterbrochen. Die Rheinbrücke von Haldenstein ist schwer beschädigt worden. Die Gefahr dauert fort, da der Regen anhält; bei der Brücke von Untervaz wurde der mittlere Pfeiler weggerissen.

Bellinzona. Anhaltende, mit Gewittern verbundene Regengüsse und Hagelschlag haben Weinberge und sonstige Kulturen schwer beschädigt und mehrfache überschwemmungen verursacht. Der Fluss Tessin hat nördlich und südlich, inks und rechts von Bellinzona über hohe Wuhrbautren hinaus ausgedehnte Liegenschaften überschwemnt, desgleichen im Val Verzasca.

der Bericht in e-newspaperarchives

Neue Zürcher Zeitung, Nummer 1608, 26. September 1927 Ausgabe 02.

Hochwasserkatastrophe in der Schweiz

Im Bündnerland. Chur, 25. Sept. ag Zum Hochwasser im Bündnerland sind folgende Einzelheiten zu melden: Die starken, anhaltenden Niederschläge der letzten Tage und der sintflutartige Regen der letzten Nacht, der fast den ganzen Sonntag über andauerte, haben Bäche und Flüsse gewaltig anschwellen lassen, die dann mancherorts sehr bös hausten.

Die schlimmsten Nachrichten kommen aus dem Bündner Oberland, wo Rüfen und Hochwasser grossen Schaden anrichteten. Alle Verbindungen (Telephon, Telegraph, Bahn, Fuhrwerkverkehr) von Ilanz an aufwärts sind unterbrochen. Bei Tavanasa wurde die neue Betonbrücke zerstört. Eine Mühle samt Wohnhaus wurde mitgerissen. In Waltensburg arbeitete eine Rettungsmannschaft an der Befestigung der Brücke, die aber von einer Rüfe erfasst und mitgerissen wurde. Zwei Männer, Florian Pfister und Melchior Cadonau, fielen ins Wasser. Pfister konnte nicht mehr gerettet werden. Cadonau dagegen wurde 200 Meter weiter unten den Fluten entrissen. Er ist aber so schwer verletzt, dass an seinem Aufkommen gezweifelt wird.

In Ringgenberg wurde die Rheinbrücke zerstört, und eine Rüfe drang ins Dorf hinein. Zur Stunde weiss man nicht, was in dem unglücklichen Ort passiert ist. In Vals stand der Dorfplatz einen Meter unter Wasser, Kirche und Häuser sind ebenfalls überschwemmt. Im Bad Peiden richtete das Wasser grossen Schaden an und schwemmte die Kegelbahn fort. Bei Trimmis hat die Scalära-Rüfe die Staatsstrasse auf eine Länge von 100 Meter zerstört. Den ganzen Tag arbeiteten Soldaten des Sappeurbataillons 6, um die Eisenbahnbrücke vor der Zerstörung zu schützen, was dann auch gelungen ist. Im Oberland war eine Kompanie des Sappeurbataillons 6 ebenfalls tätig.

Im Engadin steht bei Samaden die ganze Campagna unter Wasser. Der Eisenbahnverkehr und der Fuhrwerkvertehr sind sowohl nach St. Moritz als nach Pontresina unterbrochen. Unter Wasser steht auch der Bahndamm der Berninabahn, die den Verkehr einstellen musste. Sehr schlimm hauste der Rhein bei Trübbach, wo die Zuflüsse die Ebene unter Wasser setzten, so dass seit 3 Uhr auch der Verkehr der Bundesbahnen über Wattwil-Herisau-St. Gallen umgeleitet werden muss.

Im Prätigau hat der Schraubbach die Talsperre, die seit 50 Jahren allem Hochwasser standgehalten hat, eingedrückt, so dass die Gemeinde Schiers schwer bedroht ist. Die Feuerwehr und andere Hilfskräfte arbeiten sieberhaft, um ein Durchbrechen des Wildbaches nach der Gemeinde zu verhindern. Zur Stunde ist noch kein Ende des Unglücks abzusehen, zumal der Regen in gleicher Intensität fortdauert und die Temperatur ziemlich hoch ist, so dass der erwartete Schnee ausblieb.

Chur, 26. Sept. ag. Immer noch sind die Verbindungen mit dem Oberland und Ilanz unterbrochen. Man befürchtet, dass sich grössere Unfälle ereignet haben. In Tavanasa wurde ein grosses Doppelwohnhaus und ein Bahnwärterhäuschen von den Fluten mitgerissen. Die acht Bewohner sind ertrunken, ohne dass ihnen Hilfe gebracht werden konnte. In Vals steht der untere Teil des Dorfes unter Wasser; man befürchtet das Schlimmste.

Auch aus dem Bergell kommen Hiobsbotschaften. Die Verbindungen mit dem Engadin sind unterbrochen. Feuerwehrleute aus St. Moritz, die nach Casaccia zu Hilfe geeilt waren, berichten, dass die Orlegna mit mächtigem Geschiebe sich über das Dorf Casaccia ergossen habe, sodass sich die Bewohner nur mit knapper Not retten konnten. In Vicosoprano sind Remisen und eine Autogarage vom Wasser mitgerissen worden.

Am Abend begann in der Höhe Schnee zufallen und der Rhein ging um einen Meter zurück, sodass man hoffen kann, dass die grösste Gefahr überstanden sei. Im Tal regnet es immer noch in Strömen. Im Engadin weht der Föhn. Am Montag früh fahren Abteilungen des Sappeurbataillons 6, das am Sonntag den ganzen Tag an verschiedenen Orten helfend eingegriffen hatte, nach dem Bergell zur Hilfeleistung.

Landquart, 26. Sept. (Tel. unseres H-Korr.) Die Arosabahn, die Berninabahn, die Oberalpbahn und die Rätische Bahn auf der Strecke St. Moritz-Celerina mussten des Hochwassers wegen den Betrieb einstellen. Zwischen Reichenau und Disentis sind zwei Züge mit vier Lokomotiven eingeschlossen; mehrere Rheinbrücken auf dieser Linie wurden weggespült.

Im St. gallischen Rheintal. Von einem Augenzeugen geht uns folgender Bericht über die Katastrophe zu: Strömender, von Blitz und Donner begleiteter Regen, der in der Nacht vom 24. auf den 25. September und an diesem Tage nicht einen Augenblick aussetzte, brachte den Rhein in ungewöhnlicher Weise zum Steigen. So wurde im Laufe des Sonntagvormittags in 40 Minuten eine Waserspiegelerhöhung von 90 Zentimeter registriert. Zeigte das Reichenauer Pegel Sonntagmorgen 8 Uhr (6 m 30 em, so stieg das Wasser bis mittags 1 Uhr auf 7,50 m. Abends sechs Uhr lese ich am Pegel an der Ragazer Eisenbahnbrücte 7,30 m, ein Wasserstand des Rheins, wie er seit 1920 nicht mehr erreicht wurde.

Durch den hohen Wassergang des Rheins wurden die sarganserländischen Seitengewässer furchtbar gestaut. Der Rückstau der Saar führte schon Sonntagmittags zur Ueberschwemmung des umliegenden Wiesengeländes bis zur Bahnlinie Sargans-Trübbach, legte sogar das äusserste, rheinwärts gelegene Geleise des Sarganser Bahnhofes unter Wasser. Der Abendschnellzug Chur-Zürich fuhr vor 7 Uhr in den völlig überschwemmten Bahnhof Sargans ein, wo das Wasser die Unterseite der Weichenlaternen (Unterkante 40 em über der Erde) erreichte. Die Sarganser Bahnhofstrasse stand 30 und mehr Zentimeter unter Wasser. Der Verkehr Sargans-St. Gallen wurde unterbunden, da das Hochwasser des Rheins an drei Orten (Strecken zwischen Sargans und Trübbach, Trübbach und Sevelen und Salez und Rüti) dem Eisenbahnverkehr Halt gebot.

Auch an einen Autoverkehr zwischen Sargans und Trübbach war nicht mehr zu denken. Stand doch die Landstrasse auch unter der Herrschaft des Rheins. Die Reisenden, die den Abendzug nach St. Gallen benutzen wollten, wurden mit dem Abendschnellzug über Zürich geführt. Ein Rheinhochwasser in diesem Ausmass vermögen die letzten Jahrzehnte nicht zu verzeichnen. Ferner wird uns gemeldet: Buchs, 25. Sept. ag. Auch im Werdenberg, im obern und untern st. gallischen Rheintal sind grosse Strecken Landes unter Wasser gesetzt. So ein Teil der Strafanstaltskolonie Saxenried, ferner bei Rüti und Oberriet. Das Stationsgebäude von Salez ist ganz vom Wasser umgeben. Die Wildbäche, die von den Appenzellerbergen herabkommen, reichen bis an den Rand der Brücken und Durchlässe. In schwerster Gefahr ist die alte Brücke über den Rhein bei Buchs.

Die Bundesbahnstrecke Rorschach-Sargans ist an zwei Stellen unterbrochen. Bei Trübbach wurde der Verkehr eine Zeit lang durch Automobile zwischen Sargans und Trübbach aufrecht erhalten. Nachdem die Strasse nun auch überschwemmt worden ist, musste darauf verzichtet werden. Ferner ist die Bundesbahnlinie auf 400 Meter unterbrochen zwischen Rüti und Salez, wo das Wasser des Werdenberger Binnenkanals in Strömen über das Bahngeleise in den Rheintaler Binnenkanal sich ergiesst, sodass vom Bahntrasse nichts mehr sichtbar ist. Hier muss unter schwierigen Umständen umgestiegen werden, indem auf die Distanz eines Kilometers ein Hügel zu überschreiten ist. Die Rheiningenieure und der Betriebsinspektor der S.B. B. in St. Gallen sind auf dem Platze.

Bis jetzt haben die Rheindämme standgehalten. Immerhin ist zwischen Rüti und Salez die Ebene auf eine weite Strecke bereits überschwemmt. Bäume und Sträucher ragen aus dem Wasser; überall sind die Feuerwehren aufgeboten worden. Der obere und der untere Rheindurchstich haben den gewaltigen Wassermassen bisher standgehalten. Der Bodensee steigt rapid. Die Schnellzüge über den Arlberg verkehren nicht mehr über Buchs, weil die Eisenbahnbrücke der österreichischen Bundesbahnen zwischen Buchs und Schaan ebenfalls schwer gefährdet ist. Der Verkehr vom Arlberg wird über St. Margrethen-Rorschach nach Zürich geleitet. Im Rheintal verkehren die Züge mit grossen Verspätungen.

Sonntagabend gegen halb 8 Uhr haben die hochgehenden Fluten des Rheins die hölzerne Strassenbrücke, welche Buchs mit der liechtensteinischen Ortschaft Schan verbindet, weggerissen. Ebenso wälzen sich die Wasser über die etwa 300 Meter oberhalb der Holzbrücke gelegene Eisenbahnbrücke, in deren Gestänge sich ein Teil des mitgeführten Holzes verfangen hat und sich auf die Schienen legte, so dass auch dort der Verkehr gesperrt ist.

Kurz nach dem Einsturz der Holzbrücke erfolgte etwa fünfzig Meter oberhalb derselben auf der Liechtensteiner Seite ein Dammbruch, so dass sich die Fluten ins offene Land gegen Schaan ergiessen. Durch diesen Dammbruch fiel das Rheinwasser in wenigen Minuten um volle zwei Meter. Die grössten Wassermassen sind Sonntag gegen Mitternacht zu erwarten. Der Bahnhof von Sargans steht über einen halben Meter unter Wasser. Die Besucher der Ausstellung in St. Gallen aus dem obern Rheintal und dem Wallenseegebiet mussten mit Extrazug über Uznach durch den Ricken geführt werden.

Buchs, 26. Sept. (Privattel.) Bis 7 Uhr abends stieg der Rhein bis zum Ueberlaufen. Eine Katastrophe war unvermeidlich. Das Wasser führte eine Unmenge Brennholz, Sägeholz und ganze Bäume mit. Um 7 Uhr musste die grosse hölzerne Verbindungsbrücke Buchs— Lichtenstein dem Wasserandrang und dem an den Pfeilern angestauten Holz unter grossem Krachen weichen. Zwanzig Minuten später fiel der Wasserspiegel rasch um zwei Meter. Sofort meldeten die Wachen, dass der Rhein hundert Meter oberhalb der Eisenbahnbrücke Buchs-Schaan nach Lichtenstein eingebrochen sei. Kurz nachher brach er auch noch ob Vaduz auf Liechtensteiner Seite ein.

Zurzeit geht ein grosser Strom durch Liechtenstein der österreichischen Seite des Rheintals zu. Die Bahnlinie jenseits des Rheins ist zerstört. Ein Teil der liechtensteinischen Wachmannschaften flüchtete über die Eisenbahnbrücke nach Buchs. Seit 1871 ist dies die grösste Katastrophe, die das Rheintal erlebt hat, um so grösser noch, als der Einbruch so weit oben im Tal stattfand. Buchs (Rheintal), 26. Sept. ag Durch den Dammbruch auf der Liechtensteinischen Seite haben sich die Wassermassen auf der Schiweizerseite vermindert, so dass die grösste Gefahr vorderhand nachgelassen hat.

Im Tessin. Lugano, 26. Sept. ag Infolge des heftigen Sturmes in der Nacht zum Sonntag ist der Dampfer „Ticino“ im Hafen von Lugano gesunken. Gegen 2 Uhr morgens wurde das Schiff, das sich von seinen Ankertauen losgerissen hatte, gegen die Quaimauer geschleudert. Das Schiffpersonal versuchte sofort, die entstandenen Havarien auszubessern und das durch das Aufschlagen auf die Mauer entstandene Loch in der Schiffswand zu verstopfen. Die Anstrengungen waren jedoch vergeblich und der „Ticino“ sank immer tiefer, bis er gegen 4 Uhr morgens völlig in den Fluten versank. Der „Ticino“ war im Jahre 1905 in den Dienst gestellt worden. Er hatte eine Länge von 48 Metern und eine grösste Breite von über 5 Metern. Er konnte 400 Personen befördern.

Lugano, 25. Sept. ag. Das Unwetter richtete im obern Leventina grossen Schaden an. In Faido brach der Wildbach Formigario die Dämme und überschwemmte die Staatsstrasse auf 100 Meter Länge. Mehrere Häuser mussten geräumt werden; ein Teil des Dorfes Faido in der Nähe des Bahnüberganges ist von den Wassern stark gefährdet.

Bellinzona, 26. Sept.Der Tessin ist in Lodrino infolge des anhaltenden Regens über die Ufer getreten und hat die Ebene bis Castione überschwemmt. Ein Haus und eine Scheune mussten geräumt werden. Die Staatsstrasse ist an zwei Stellen zwischen Castione und Lodrino unterbrochen. Der Verkehr der Gotthardlinie konnte noch aufrechterhalten werden, trodem an einigen Stellen die Wasser über die Geleise gehen. Die Magadinoebene ist überschwemmt. Das Niveau des Langensees ist um 1,2 Meter gestiegen. Bellinzona, 25. Sept. ag. Durch das starke Unwetter im Tessin sind die Telephon— und Telegraphenverbindungen von Bellinzona mit der übrigen Schweiz unterbrochen worden. Die Magadinoehene ist überschwemmt, die ganze Ernte von Biasca durch Hagel vernichtet.

In der Westschweiz. Genf, 26. Sept. ag Die heftigen Regenfälle der letzten Tage haben ein starkes Steigen der Arve zur Folge gehabt. Der Fluss ist an mehreren Stellen über die Ufer getreten. In der Stadt Genf sind einige Keller unter Wasser. Die Feuerwehr ist alarmiert worden.

der Bericht in e-newspaperarchives

Neue Zürcher Zeitung, Nummer 1611, 26. September 1927 Ausgabe 03

Hochwasserkatastrophe in der Schweiz

Im St. Gallischen Rheintal. Ragaz, 26. Sept., 15 Uhr. Das Hochwasser im Rheintal hat seinen Höhepunkt überschritten und ist langsam im Abnehmen begriffen. Immerhin ist die Strasse von Sargans abwärts in der Richtung auf Buchs noch unpassierbar, da weit über 1m hoch das Wasser über der Strasse steht. Einige Autos und ein Motorrad, die den Versuch gemacht haben, hindurchzukommen, sind stecken geblieben. Sonntagnachmittag ist auch das Postauto, das versuchte, den Weg zu zwingen, nicht mehr weitergekommen und hat herausgeholt werden müssen.

Der Verkehr mit dem untern Rheintal wird auf umständliche Weise aufrechterhalten. Die Bahn kann von Sargans aus nicht abwärts fahren. Dagegen ist es möglich, auf Fusspfaden und zum Teil mit Fuhrwerken bis in die Gegend von Salez zu gelangen, wo dann eine Postautoverbindung nach Rüthi besteht, und von dort aus geht es mit der Bahnverbindung über Altstätten nach Rorschach.

Die Wiesen zwischen Ragaz und Sargans sind noch nicht wasserfrei, sogar noch ein Stück der Strasse oberhalb von Sargans wurde erst um die Mittagszeit frei. Die von Chur kommenden Eisenbahnzüge fuhren am Vormittag noch durch Wasser in den Sarganser Bahnhof ein. Ungeheure Mengen von Holz, selbst ein ganzes Haus, sind aus dem Bündner Land herabgeschwemmt worden. Der Schaden, der durch Vernichtung des zum grössten Teil noch draussen stehenden Emdes und der Früchte sowie an Gebäuden angerichtet worden ist, lässt sich bisher noch nicht übersehen.

Buchs, 26. Sept. ag. Der Montagmorgen zeigte ein trostloses Bild. Der Dammriss auf der Liechtensteiner Seite hat sich auf mehr als 200 Meter erweitert und reicht nun bis unter die Eisenbahnbrücke, deren Pfeiler unterspült wurden, so dass die Schienen ins Wasser hängen. Zwei Drittel der Fluten des Rheins ergiessen sich durch den Dammriss gegen Schaan. Das ganze Gelände bis gegen den Schellenberg ist unter Wasser und bildet einen grossen See. Im Dorfe Schaan reicht das Wasser bis zu den Türen der Parterrewohnungen.

Das Bahnwärterhäuschen der Oesterreichischen Bundesbahn ist in den Fluten verschwunden. Auch die Geleise und der Bahndamm sind auf eine Länge von 300 Meter vollkommen unter Wasser. Bei Benders staut sich das Wasser und findet nur in der Richtung auf Feldkirch einen Abfluss, auch dort alles unter Wasser setzend, wo sich die Fluten in die Ill ergiessen. Der Bahnhofvorstand von Schaan wurde am Montagmorgen tot in der Nähe des Bahnhofes aufgefunden, wo er vermutlich von den Fluten überrascht wurde. Seine Frau wird vermisst. Auch einige liechtensteinische Feuerwehrleute werden vermisst. Am Montagmorgen trafen Regierungsrat Riegg, Chef des Baudepartements des Kantons St. Gallen, und Oberingenieur Böhi vom Rheinbaubureau, in Buchs ein. Jeder Drahtverkehr mit Liechtenstein ist unterbrochen.

Altstätten, 26. Sept. ag, Angesichts der Hochwassergefahr waren am Sonntagmorgen die Feuerwehren sämtlicher Rheinufergemeinden aufgeboten worden. Um 12 Uhr mittags erreichte der Wasserstand am Pegel bei Rüti-Büchel die Höhe von 9 Meter, während der normale Stand zwischen 5 und 6 Meter schwankt. Am neuen Rheindurchstichdamm oberhalb Diepoldsau zeigten sich Sickerstellen, die von den Wasserwehren mit Sandsäcken abgedichtet wurden. In der Nähe von Rüti wurde eine Brücke über die Ill weggerissen. Die Rheinbrücke von Kriessern verlor einen Brückenpfeiler. In der Nacht ging das Hochwasser bedeutend zurück, so dass die Gefahr von Ueberschwemmungen beseitigt ist.

Romanshorn, 26. Sept. (A-Korr.) Welch gewaltige Niederschläge Samstag und Sonntag erfolgten, beweist die Tatsache, dass der Bodenseepegel innerhalb der letzten 24 Stunden um 37 cm gestiegen ist und daher der Wasserzufluss den Abfluss um etwa 200 Millionen Kubikmeter überstiegen hat.

St. Gallen, 26. Sept. ag. Auf ein Gesuch der st. gallischen Regierung werden heute Montagnachmittag 200 Mann vom Sappeurbataillon 6, das gegenwärtig in Chur unter dem Kommando von Major Fritzsche den Wiederholungskurs absolviert, nach Sevelen dirigiert, um von dort aus im Rheintal Hilfe zu leisten.

In Liechtenstein. Bregenz, 26. Sept. ag. Die liechtensteinische Regierung hat am Montagvormittag von der Vorarlberger Landesregierung dringend Hilfe erbeten, um die Einwohner von Ruggell, das vom Rhein überschwemmt ist, aus ihrer bedrängten Lage zu retten.

Trotz allen Anstrengungen, die man machte, um den bei Schaan durchgebrochenen Rhein bei Gamprin in den Dämmen zu halten, ist der Rhein bei Gamprin durchgebrochen und strömt durch eine Dammlücke von dreissig Meter Breite in die Ebene gegen Ruggell. Die Bewohner flüchteten auf die Tächer. Die Vorarlberger Landesregierung hat 170 Mann des Versorgerbatallions und der Minenwerferbatterie aufgeboten, die mit vierzehn Rettungsbooten und Werkzeugen auf Lastkraftwagen in das Ueberschwemmungsgebiet von Liechtenstein abzugehen.

Die Trümmer der Holzbrücke von Schaan nach Buchs sind glücklicherweise zerschellt und haben die weiter unten liegenden Brücken nur beschädigt. In Lustenau kamen die Trümmer um 10 Uhr nachts an, darunter ein gegen zwanzig Meter breites Stück, das ein Joch der Oberfahrer Brücke losriss. Dabei wurde die Gasleitung des St. Margrethner Gaswerkes beschädigt. Die Gaszufuhr dieses Werkes nach Lustenau und Dornbirn wurde gesperrt.

In Graubünden. Chur, 26. Sept. ag . Das Sinken der Temperatur und der Schneefall in der Nacht auf Montag haben trotz dem weiter andauernden ergiebigen Regen eine Ausdehnung der Katastrophe verhindert. Die Verbindung zwischen Oberland und Ilanz aufwärts mit Safien und dem Bergell sind immer noch unterbrochen. In Tavanasa sind sieben, nicht acht Personen ums Leben gekommen.

Fast alle Brücken wurden von der wilden Maira fortgerissen. Es ist grosser Häuser- und Kulturschaden entstanden. Am Montag ist die 4. Kompagnie des Sappeurbataillons 6 nach dem Bergell mit Extrazug abgegangen. Im Oberengadin dehnt sich ein See von Samaden bis Celerina aus. Der Bahnverkehr St. Moritz-Samaden konnte wieder aufgenommen werden. Im Laufe des Tages hofft die Rätische Bahn auch die Verbindung zwischen Reichenau und Ilanz herzustellen.

Disentis, 26. Sept. ag. Durch das Hochwasser wurde die Rätische Bahn zwischen Truns und Tavanasa an drei Orten unterbrochen. Vor einem Tunnel unterhalb Truns wurde das Geleise weggerissen und die Wassermassen ergossen sich drei Meter hoch durch den Eisenbahntunnel. Von Truns aufwärts bis Disentis war der Vertehr nicht unterbrochen. In der Gegend von Disentis wurde kein Schaden angerichtet: erst von der Einmündung des Somvixerbaches weg trat der Rhein über die Ufer. Der Somvixerbach kam sehr hoch und hatte an seiner Mündung eine Breite von einem halben Kilometer. Durch eine Rüfe wurde das zur Gemeinde Truns gehörende Dorf Rinkenberg schwer mitgenommen. U. a. wurde die Kirche zerstört.

Im Tessin. Bellinzona, 26. Sept. ag. Das Bleniotal ist von jedem Verkehr abgeschnitten. Alle Telephonverbindungen sind unterbrechen. Die Linie der elektrischer Bahn Biasca-Acquarossa ist von zahlreichen Rüfen verschüttet. Das Hochwasser, welches das Spital Santa Croce in Faido bedroht hatte, ist zurückgegangen. Am Montag hat es zu regnen aufgehört. Das Wetter ist wiederum schön, so dass jede weitere Gefahr beseitigt erscheint. Der Staatsrat soll beschlossen haben, eine Kompagnie Sappeure zu mobilisieren.

In der Westschweiz. Genf, 26. Sept. (H.8.-Tel.) Wenn das durch die jüngsten Regengüsse verursachte Hochwasser hier auch nicht jenen katastrophalen Charakter angenommen hat, wie in andern Teilen der Schweiz, so sind doch ernstliche Schäden zu verzeichnen. So hat die Arve, deren Hochstand sogar den der Jahre 1921 und 1910 überstieg, die Wiesen. Felder und Gärten zwischen Veyrier und Vernaz überflutet und zum Teil verwüstet. Ueberall, auch in der Stadt Genf selbst, wo das Wasser an verschiedenen Stellen in die Keller eindrang und Strassen und Brücken bedrohte, ist Feuerwehr zur Hilfeleistung aufgeboten worden. Aehnliche Ueberschwemmungen werden auch von den Ufern der übrigen, sonst meist recht harmlosen Flüsse des Kantons gemeldet, so des Foron, der Versoix und der Loudon.

Der Verkehr in den Ueberschwemmungsgebieten. Zürich, 26. Sept. ag. Der Betriebsunterbruch im Bahnhof Sargans, wo der Verkehr. zwischen dem Ort und dem Bahnhof durch das Hochwasser verunmöglicht war. ist wieder behoben, so dass die Linie Zürich-Chur wieder vollständig fahrbar ist. Dagegen ist die Linie Sargans-Rorschach an zwei Stellen unterbrochen worden, nämlich zwischen Sargans und Trübbach und zwischen Salez-Sennwald und Rüti. Zwischen Sargans und Trübbach war ein Umsteigeverkehr wegen Ueberschwemmung der Strasse unmöglich; doch hoffen die Bahnbehörden. noch im Laufe des Montagvormittags einen Umsteigeverkehr einrichten und bis zum Abend die Linie wieder in Betrieb setzen zu können. Zwischen Salez und Rüti wird der Betrieb durch Umsteigen aufrechterhalten. Es besteht die Hoffnung, dass auch diese Strecke im Laufe des Montags wieder frei wird, so dass von morgen Dienstag an die Strecke Rorschach-Sargans wieder befahren werden kann. Durch den teilweisen Einsturz der Eisenbahnbrücke zwischen Buchs und Schaan ist der Verkehr Buchs-Feldkirch gänzlich unterbrochen. Der Verkehr Innsbruck-Zürich wird daher über St. Margrethen geleitet.

Bern, 26. Sept. ag Der Eisenbahnverkehr geht auf der Gotthardlinie normal vor sich. Bei Lavorgo hatte am Sonntag eine Rüfe die Geleise verschüttet; doch konnten sie in kurzer Zeit wieder freigelegt werden, so dass keine bedeutenden Zugsverspätungen eintraten. Auch im Telephonverkehr sind infolge des Hochwassers Störungen eingetreten. Mit dem Tessin sind einige Notverbindungen hergestellt worden. Das Telephonkabel Bern-Chur ist durch das Hochwasser teilweise zerrissen; doch hofft man, es bis Montag wieder reparieren zu können.

Verkehrsunterbruch auf den Alpenstrassen. Wie uns das Sekretariat des Schweiz. Automobilclubs mitteilt, ist durch die Hochwasserkatastrophe der Verkehr auf folgenden Alpenstrassen, voraussichtlich für einige Tage, unterbrochen: Oberalp, Maloja, Bernhardin und Splügen.

Zürich, 26. Sept. ag Der strömende Regen vom Sanistag zum Sonntag ist in der Hochregion über 2000 Meter in heftigen Schneefall übergegangen. Bis Montagmorgen meldet man auf den Hochstationen eine neue Schneehöhe bis zu 25 und 30 Zentimeter. Montagmorgen haben die starken Niederschläge in der Nord- und Südschweiz zum grössten Teil aufgehört. Im untern Tessintal und besonders auf dem Luganersee und Langensee herrschte in der Nacht vom Samstag auf den Sonntag heftiges Sturmwetter. Die Niederschläge erreichten im südlichen Tessin bis zu 50 Millimeter vom Samstag auf den Sonntag.

der Bericht in e-newspaperarchives

Neue Zürcher Zeitung, Nummer 1613, 27. September 1927

Die Hochwasserkatastrophe in der Schweiz.

Im Hochwassergebiet des Rheins. Bb. Sargans, abends 8 Uhr. Auf der Fahrt ins Hochwassergebiet des Rheins gilt mein erster Halt heute abend Sargans, das schwere und gefährliche 24 Stunden hinter sich hat. In Ergänzung der bisher veröffentlichten kurzen Meldungen sei berichtet, dass die Überschwemmungen auch hier ganz unerwartet hereingebrochen sind, sozusagen von einer Stunde auf die andere. Am Sonntagvormittag konnte niemand die drohende Gefahr ahnen, so dass sich die Sarganser Feuerwehr unbedenklich zu einem Feuerwehrfest nach Pfäfers begeben konnte.

Am Nachmittag aber wälzten sich plötzlich die aus dem Bündnerland kommenden Hochwasserwogen heran und überfluteten die Ufer des Rheins, der von der Gemeinde etwa 1 km entfernt ist, in kürzester Zeit alles unter Wasser setzend.

Die Feuerwehren des Rheintales wurden sofort telefonisch zurückgerufen und gingen gleich an die schwere Arbeit, die erst im Laufe des Montags die Gefahr bannen konnte, nachdem der Rhein weiter unten in der Nähe von Buchs sich ein neues Bett gesucht hatte, so dass die Überschwemmungen in Sargans rasch wieder zurückgingen.

Teilweise stand das Wasser mehr als 3 Meter hoch, so dass auch das gesamte Bahnhofgebiet bis heute vormittag unter Wasser stand; doch gelang es durch eifrige Arbeit, das Bahnhofgebiet wieder vom Wasser zu befreien, so dass nur noch wenig von den Überschwemmungen zu sehen ist.

Die Bahnverbindung rheinabwärts gegen Buchs ist noch nicht wieder aufgenommen worden und muss zum Teil durch Umleitungen über Zürich vollzogen werden.

Einen Begriff von der Ausdehnung der Ueberschwemmungen bekommt man aber auch jetzt noch, besonders auf den tiefer liegenden Feldern um das Bahnhofgebiet herum und auf der Strasse gegen Ragaz, wo rechts und links der Fahrbahn weite Wassergebiete sich zeigen, die auch in der Nacht deutlich erkennbar sind. Zahlreiche Häuser können zur Stunde nur mit Laufstegen erreicht werden.

Besonders schlimm sieht es noch auf der Strasse gegen Trübbach aus, am Fuss des Gonzen, wo die Strasse kurz hinter der Gemeinde eine Senkung macht; hier steht das Wasser noch etwa 1 Meter tief, so dass auch der Fahrverkehr vollständig eingestellt ist. Zwei Automobile, die abends gegen 7 Uhr von Buchs her hofften, durch die wasserreiche Mulde fahren zu können, blieben im Wasser stecken und mussten mit einem Lastauto herausgezogen werden. Der Motor des einen Wagens hatte derart viel Wasser geschluckt, dass jede Weiterfahrt unmöglich war. Die Keller der Häuser an der Strasse stehen unter Wasser; das Vieh musste aus den Häusern herausgenommen werden, doch ist nach den Aussagen der Bewohner zahlreiches Kleinvieh dem Hochwasser zum Opfer gefallen.

Nach den Aussagen der Bewohner hat Sargans eine derartige Ueberschwemmung noch nie erlebt. Ueberschwemmungen zeigen sich auch in der Richtung Trübbach durch einen gewaltigen See zwischen Bahnstrecke und Landstrasse, aus dem hie und da Bäume und Gebüsche herausragen. Die Besitzer der überschwemmten Landflächen erleiden hohen Schaden. Zum Glück scheint das Fallen des Rheines weitere Fortschritte zu machen, dass Gefahr für diese Gegend nicht mehr zu bestehen scheint. Morgen vormittag hoffe ich, aus dem Ueberschwemmungsgebiet auf der Strecke Chur-Disentis Näheres berichten zu können.

Buchs, 26. Sept. -tt- Das Hauptunglück hat den untern Teil des Liechtensteiner Ländchens betroffen, wo unabsehbare Folgen eingetreten sind. Der Dammbruch bei Schaan, der am Sonntagabend erfolgte und dem auch gleichzeitig die Eisenbahnbrücke zum Opfer fiel, hat den hochgehenden schlammigen Fluten des Rheins freie Bahn in die tiefer gelegenen Wiesen und Felder des Ländchens gegeben.

Bis über die Grenzen des Liechtensteiner Landes hinaus in das Vorarlberg hinein strömen zur Stunde noch grosse Wassermassen, alles mit sich reissend und metertief unter sich begrabend. Häuser sind weggerissen, Kulturland weggeschwemmt und mit schwerem Kies überdeckt worden. Viel Holz, Baumstämme, Dächer, ganze Torfhütten, die zahlreich in der Gegend zum Trocknen des ausgestochenen Torses vorhanden sind, schwimmen langsam durch das Land hinunter, aus dem einzelne noch versuchen, mit Hilfe von Schiffen ihre Habseligkeiten zu retten.

Unterhalb von Schaan ist beispielsweise ein Bahnwärterhaus heute abend noch über 3 Meter tief unter Wasser. Nur das Obergeschoss mit dem Dach ragt heraus. Der Umfang des Schadens lässt sich natürlich erst übersehen, wenn die Wassermassen einen Abfluss gefunden haben werden. Dieser erfolgt gegenwärtig regellos in der Richtung auf das untere Rheintal, das in der Nähe von Ruggell unweit der Einmündung der Ill in den Rhein wieder erreicht wird.

Es ist somit auch vorarlbergisches Land, wenn auch in geringerem Umfang, in Mitleidenschaft gezogen worden. Es besteht die Absicht, an der Ill Sprengungen vorzunehmen, um den Fluten raschern Abfluss zu ermöglichen. Oesterreichisches Militär aus Bregenz und Linz ist zur Hilfe eingetroffen, dann auch schweizerische Sappeure aus Chur. Die eigentlichen Hilfsarbeiten werden indessen erst morgen aufgenommen werden können.

Heute abend begnügte man sich in Schaan und in den in der Nähe gelegenen Ortschaften in der Hauptsache damit, das Wasser aus den Kellern der Gebäude wieder herauszupumpen, nachdem das erste Andringen des Wassers vorüber ist, so dass ein neues Hineinfliessen nicht mehr zu befürchten ist. Die Bevölkerung steht der Katastrophe sehr niedergeschlagen gegenüber. Allenthalben findet man Gruppen von Menschen, unter denen sich auch die nun obdachlos Gewordenen befinden, deren wichtigste Frage jeweilen ist, ob wohl von auswärts geholfen würde.

Im St. Gallischen Rheintal ist der Verkehr von Altstätten aufwärts immer noch nur bis Rüthi möglich; von dort nach Salez besteht ein Autoverkehr, von Salez bis Trübbach verkehrt wieder die Eisenbahn. Von dort aus nach Sargans müssen jedoch die Passagiere auf eigene Faust den Weg über eine Anhöhe suchen. Eine Verbindung ist von der Bahnverwaltung auf dieser Strecke nicht hergestellt worden.

Buchs, 26. Sept. ag. Die Bahnstrecke Sargans-Trübbach kann mit Automobilen befahren und der Verkehr durch Umsteigen aufrechterhalten werden. Man hofft, am Dienstagvormittag den durchgehenden Verkehr der Bahnzüge an den beiden unterbrochenen Stellen Sargans-Trübbach und Salez-Rüti aufnehmen zu können.

Militärische Hilfe für Liechtenstein. Bern, 26. Sept. ag Auf dringendes Ersuchen der liechtensteinischen Regierung hat das Eidgenössische Militärdepartement dem Fürstentum eine Abteilung Sappeure zur Verfügung gestellt. Der Bataillonskommandant Major Fritschi hat sich an der Spitze einer starken Kompagnie Sappeure auf das rechte Rheinufer begeben, um sich auf liechtensteinischem Boden an der Hilfeleistung zu betätigen.

In Graubünden. Chur, W. Sept. ag Die Bahnstrecke zwischen Truns und Tavanasa ist an sieben Stellen unterbrochen. Es wird längere Zeit gehen, bis die Schäden soweit ausgebessert sind, dass der Zugsverkehr wieder aufgenommen werden kann.

Beim Eingang des Dorfes Tavanasa ging eine Rüfe nieder, die drei Häuser und zwei Ställe wegriss; ebenso wurde die Betonbrücke, die die Verbindung mit Brigels herstellt, aus dem Fundament gerissen und ans andere Ufer geschwemmt. Von den sieben verschwundenen Personen konnte eine Leiche in der Nähe des Dorfes Tavanasa gefunden werden.

In Rinkenberg bei Truns wurde durch die niedergehende Rüfe neben der Kirche auch ein Doppelwohnhaus zerstört. Nur der Turm steht noch. Zwischen Truns und Tavanasa ist ein Zug mit einer elektrischen Lokomotive, die eine Dampflokomotive als Vorspann hatte, mitten auf der Strecke vom Wasser blockiert worden. Die wenigen Passagiere mussten zu Fuss weiter gehen. In Tavanasa ist bereits Militär für Aufräumungsarbeiten eingetroffen. Erdschlipfe haben an verschiedenen Stellen Stallbauten verschũüttet. Das Oberland hat seit 50 Jahren keine solche Wetterkatastrophe mehr erlebt.

Ilanz, 26. Sept. (Tel. unseres K-Korr.) Zwischen Reichenau und Ilanz ist ein fahrplanloser Postverkehr improvisiert worden. Die schlimmste Stelle befindet sich zwischen Tavanasa und Ringgenberg. In Truns sind vier Häuser zerstört; die Strasse ist auf 300 Meter ganz unpassierbar.

Schiers, 26. Sept. (Privattel.) Schiers ist ausser Gefahr, der Dammbruch abgelenkt. Kein Haus ist vom Hochwasser berührt worden. Die höher gelegene Evangelische Lehranstalt ist völlig geschützt. Aus Schiers wird weiter gemeldet: pt Stark bedroht war eine Zeitlang das Dorf Schiers im Prätigau. Hier hat der Schraubach es vermocht, die seit mehr als 50 Jahren allen Hochwassern Trotz bietenden Dämme zu zerstören und seine Ufer zu überschreiten. Die Feuerwehr und die Dorfbewohner haben fieberhaft gearbeitet, um den Wildwassern einen Weg in die Landquart zu bahnen und das Dorf zu retten. Ueberall haben Abteilungen des gegenwärtig in Chur zum Wiederholungskurs eingerückten Sappeurbataillons 6 helfend eingegriffen. –

Zürich, 26. Sept. ag Ueber den meteorologischen Verlauf des Unwetters wird gemeldet: Nach den bis Montagnachmittag dem meteorologischen Amt zugegangenen Meldungen über die Unwetterkatastrophe in Graubünden hat die Regenflut am Samstagabend nach 7 Uhr eingesetzt; sie dauerte 24 Stunden lang ohne Unterbruch in stärkster Intensität bis gegen Sonntagmitternacht. Die in dieser Zeit gefallene Regenhöhe überschreitet auf der Strecke Sargans-Landquart-Plantahof-Reichenau 100 Millimeter.

Diese für unsere Gegend abnorme Regenmenge führte zur Katastrophe. Sonntagmitternacht traten noch einzelne Gewittererscheinungen dazu, die die Regenintensität zeitweilig noch vermehrten. Immerhin sind die gemessenen Regenmengen stellenweise geringer als diejenigen Mitte Juni 1910, bei welchem Anlass ebenfalls eine furchtbare Hochwassernot das Bündnerland heimgesucht hat. Eine noch grössere Ueberschwemmung fällt auf den September 1868; diese war eine der allergrössten Katastrophen seit 100 Jahren.

der Bericht in e-newspaperarchives

Neue Zürcher Zeitung, Nummer 1615, 27. September 1927 Ausgabe 02

Die Hochwasserkatastrophe in der Schweiz.

Im St. Galler Rheintal. Buchs, 26. Sept. ag Es sind zwei Menschenleben zu beklagen: Bahnhofvorstand Prestelin Schaan und seine Frau, die am Sonntag vermisst und am Montag tot in der Nähe deẽ Bahnhofes im Wasser liegend aufgefunden wurden. Beide hatten versucht, aus dem bereits bedrohten Gebäude noch Gegenstände zu retten, und kamen dabei ums Leben. Drei Insassen eines Hauses an der Strasse zwischen Schaan und der Rheinbrücke konnten am Montagnachmittag ebenfalls mit einem Schiff unversehrt aus ihrer Lage befreit werden.

Im Einverständnis mit der st. gallischen Regierung und der Rheinbauleitung wurde am Montag nachmittag auf Veranlassung der liechtensteinschen Regierung durch Direktor Dommer der Basaltwerke in Buchs der Rheindamm unterhalb der Rheinbrücke von Haag nach Bendern gesprengt, um so den Wassern den Rückfluss ins Rheinbett zu ermöglichen. Die Sprengung gelang vorzüglich, und in kurzer Zeit senkte sich der dahinter liegende Stausee um einen Meter. Damit wurde auch der Wasserzufluss nach Ruggell unterbunden, und man hofft, dass sich das dort liegende Wasser nun ebenfalls rasch senken werde. Der Schaden lässt sich noch in keiner Weise abschätzen, ist aber ungeheuer, da nicht nur sehr viele Gebäude unter dem Einbruch des Wassers gelitten haben, sondern auch die ganze Ernte vernichtet ist.

Bregenz, 26. Sept. ag An amtlicher Stelle rechnet man mit einer zweimonatigen Verkehrsunterbrechung auf der Strecke Feldkirch-Buchs. Der Verkehr wird solange über Laurach St. Margrethen umgeleitet.

In Graubünden. Silvaplana, 26. Sept. (Privattel.) Eine kalte Nacht hat den Regenschauern Halt geboten. Die Wasser gehen stark zurück. Der Julierkanal ist in Silvaplana stark ruiniert. Casaccia, Vicosoprano und hauptsächlich Stampa bilden ein trauriges Bild. Sappeursoldaten sind mit Postautos an die Unglücksstellen abgereist. Es wird damit gerechnet, dass die Herstellung der Strasse zwei bis drei Monate in Anspruch nehmen wird.

Pontresina, 26. Sept. (Privattel.) Die Berninabahn ist nur zwischen Pontresina und Morteratsch für zwei Tage unterbrochen, wo der Betrieb mittelst Postauto aufrechterhalten wird.

Ilanz, 26. Sept. ag Am Montagabend brach auch die Brücke in Rinkenberg zusammen. Die Pfeiler waren stark unterspült. Die Nebenflüsse bringen immer noch Geschiebe zu Tal. Die Gefahr dauert an. Abends 6 Uhr setzte wieder ein leichter Regen ein. Die Temperatur ist gestiegen. Falls auf den Höhen in den Schnee Regen fallen sollte, müsste eine neue Katastrophe entstehen. In Tavanasa brach die zerstörende Rüfe am Sonntagmittag um 12 Uhr ganz plötzlich hernieder und überschüttete alles, was in ihrem Bereich lag, so dass in kürzester Zeit drei Häuser, eine Sägerei, ein Bahnwärterhäuschen, die Bahnanlagen und die Verbindungsbrücke zerstört würden. Keine fünf Sekunden vorher hatte der Mittagszug der Rätischen Bahn die Stelle passiert. Unter den Trümmern wurden begraben Luis Alig, Vater von fünf Kindern, sowie seine beiden Eltern, die er im Augenblick des Unglücks in Sicherheit bringen wollte, sodann die Kinder Caduff, ein fünfzehn- und ein sechzehnjähriger Knabe, weiter der Rechenmacher Soriea und die Bahnmeisterin Frau Parpan, die eben den Mittagszug abgefertigt hatte. Möglicherweise ist auch ein Kind der Frau Parpan verunglückt; doch ist dies bis zur Stunde noch nicht festgestellt.

Die Sappeure, die in Verbindung mit den Einheimischen im betroffenen Gebiet arbeiten, haben in Tavanasa bisher drei Leichen aus den Schuttmassen geborgen. In Waltensburg sind drei Tote zu beklagen, Florian Pfister, Melchior Cadenau, der am Montag im Spital seinen Verletzungen erlegen ist, und ein Viehknecht mit Namen Risch, der in eine Rüfe geriet. Der Sachschaden ist noch unübersehbar. Am Nachmittag besichtigten Regierungsrat Huonder, Bezirksingenieur Ganzoni und Direktor Bener die Unglücksstelle. Der Bahnverkehr wird noch während einiger Tage im Oberland von Reichenau aufwärts unterbrochen bleiben.

Im Tessin. Bellinzona, 26. Sept. ag Vom Unwetter im Tessin hat am stärksten das Bleniotal gelitten. Seit Menschengedenken ist dieses Tal nie von einer solchen Katastrophe heimgesucht worden. In Olivone wurde der kleine Wildbach, der durch den Ort fliesst, in wenigen Minuten zum einem hundert Meter breiten reissenden Fluss, der alles Material von den Bergen herunterbrachte. In Sommascona wurden mehrere Ställe und Heuschober beschädigt. Die Sägerei Broggi ist zerstört, das Asyl für kranke Kinder stark beschädigt. Das Wasser des Brennobaches steht stellenweise drei Meter hoch. Auf der Lukmanierstrasse ist der Vertehr unterbrochen, da drei Brücken weggerissen worden sind. Die Geleise der Biasca— Aquarossa-Bahn sind auf eine Länge von 300 Meter fortgetragen worden. In der Nähe von Ponte Valentino ist die Kantonsstrasse auf eine Strecke von etwa 50 Meter verschüttet.

Die Telegraphen- und Telephonverbindungen bleiben weiterhin gestört. Eine Kompagnie des Bataillons 96, das gegenwärtig seinen Wiederholungskurs in Airolo absolviert, wird am Dienstag an verschiedenen Orten zur Hilfeleistung eingesetzt. In der Gegend von Locarno ist der Verkehr zwischen Solduna und Pontebrolla über die Quantrinobrücke, welche stark beschädigt ist, unterbrochen. Nach den ersten Schätzungen beträgt der Schaden über 500,000 Fr.

In der Westschweiz Sitten, 26. Sept. ag Die infolge des anhaltenden Regens ausserordentlich hoch gehende Rhone führte am Sonntag viel Material zu Tal. Der o ist aber nirgends über die Ufer getreten und hat keinen Schaden angerichtet. Am Montagmorgen schien jede Hochwassergefahr beseitigt.

der Bericht in e-newspaperarchives

Neue Zürcher Zeitung, Nummer 1617, 27. September 1927 Ausgabe 03

Die Hochwasserkatastrophe. Im Bündner Oberland.

Tavanasa, 27. Sept., 12 Uhr mittags. Da es zurzeit noch nicht möglich ist, von Tavanasa aus telephonisch oder telegraphisch Meldungen zu geben, muss der nachfolgende Bericht per Bote nach Ilanz gebracht und hier aufgegeben werden. Der heutige Tag brachte mich ins bündnerische Oberland, vorerst über Reichenau und Ilanz nach Tavanasa, wo am Sonntagmittag durch die Hochwasserkatastrophe sieben Personen ihr Leben verloren haben.

Augenblicklich kann ich über die ersten Eindrücke nur kurz wie folgt berichten. Schon in Reichenau zeigte sich beim Zusammenfluss von Vorder- und Hinterrhein die gewaltige Wucht des Rheinstromes, der zwar glücklicherweise im Abnehmen ist, aber augenblicklich immer noch einen gefährlichen Hochstand zeigt. Tosend eilen die schlammigen Fluten dahin, Holz und Steine mit sich schleppend. Bestandteile von Fenstern, Türen und Wagen und allerlei Hauswaare treiben ans Ufer, Stücke darunter, an denen sich noch Kettenteile und lange Nägel befinden. Zum Glück hat der Regen, der in der Nacht von gestern auf heute wieder gefahrdrohend einsetzte, aufgehört. Zum Glück hat es auch weitherum im Bündnerland in den letzten vierundzwanzig Stunden geschneit; bis tief auf die Alpen herunter ist ringsum Neuschnee zu erblicken.

Um 9 Uhr vormittags erreichte ich mit dem Auto den Unglücksort Tavanasa. Weiter talaufwärts vorzudringen, ist augenblicklich per Fuhrwerk und der Bahn unmöglich, da von Tavanasa aus die Fahrstrasse an mehreren Stellen noch unpassierbar ist. Schon zwischen Ilanz und Tavanasa war die Strasse an mehreren Stellen durch niedergehende Erdmassen und wilde Bergbäche unterbrochen, doch gelang es in den letzten 24 Stunden, den Schaden einigermassen provisorisch wieder zu beheben. Vorbei geht die Fahrt an Waltensburg, wo sie auch zwei Tote zu beklagen haben. Ueberall an den Rheinufern liegt in hohen Haufen angeschwemmtes Holz, überall sind die Ufer ausgefressen und unterhöhlt. Der Holzschaden allein soll nach Aussagen von Ianzern im Oberland in die Hunderttausende gehen; man habe nicht Hände genug, bemerkte man mir, um alle die angeschwemmten Balken und Baumstämme aufs Trockene zu ziehen.

Wie gross der Schaden an zertrümmerten Häusern und Ställen, an zerstörten Wiesen und Feldern und; weggeschwemmtem guten Alpland ist, lässt sich zur Stünde noch nicht feststellen. Ueberall auf der Strasse treffe ich Telephonarbeiter und Strassenarbeiter und Angehörige des Sappeurbataillons 6, die Tag und Nacht tätig sind, um das Oberland wieder in Verbindung mit der Kantonshauptstadt zu bringen. Die Rätische Bahn nach Disentis fährt nicht mehr; an mehreren Stellen oberhalb Tavanasa sind die Strecke und Brücken zerstört, und es wird wohl Ende der Woche werden, bis der Bahnverkehr wieder aufgenommen werden kann. Es ist ein Glück im Unglück, dass zurzeit die wackeren Sappeure gerade in Chur einen Wiederholungskurs absolvieren. Schon am Sonntag früh wurden sie auf Pikett gestellt. Seither wurden sie aufgeteilt und an die am meisten gefährdeten Stellen im Kanton zur Hilfeleistung abkommandiert.

In Tavanasa allein sind 120 Mann tätig, die unter dem Kommando von Hauptmann Pestalozzi aus Küsnacht bei Zürich als Helfer arbeiten; sie haben eine gewaltige, mühselige und nicht ungefährliche Arbeit zu verrichten, hoffen aber, bis heute abend die Strasse hinter Tavanasa wieder für den Fahrverkehr provisorisch erstellen zu können, indem sie aus Steinen und frisch gefällten Baumstämmen eine provisorische Brücke errichten. Am Sonntagnachmittag wurde in Chur Generalmarsch geschlagen: In kürzester Zeit waren die Kompagnien marschbereit und wurden auf Camions und Extrazügen in die gefährdeten Gebiete gebracht.

Das Unheil in Tavanasa ist nicht dem Rhein zuzuschreiben, sondern einem kleinen Bergbach am Ausgang des Dorfes, der bisher als absolut harmlos galt, der aber in wenigen Augenblicken zum reissenden Bergstrom wurde, der schweres Unglück über die kleine Gemeinde brachte. Tavanasa auf der rechten Seite des Rheins zählt etwa 180 Einwohner; es gehört mit Danis auf dem gegenüberliegenden Ufer politisch zu dem etwas höher gelegenen Brigels. Tavanasa ist Bahnstation der Rätischen Bahn. Der eiserne Bahnviadukt oberhalb der Ortschaft blieb glücklicherweise unversehrt. Vom steinernen Viadukt weiter unten wurde ein Teil durch den aus dem Val Gronda kommenden Bergbach weggerissen.

Der unheilvolle Bergbach am Ende des Dörfchens, von St. Martin herunterkommend, trägt in den Karten keinen Namen; als Tavanaser Tobel ist er in der Gegend bekannt. Wohl waren Veränderungen in seinem Lauf in den letzten Tagen zu bemerken und Verschiebungen in den Felspartien die wenigsten Einwohner ahnten aber, dass er gefährlich werden könnte, und der Gedanke, die Häuser zu räumen, kam niemandem. Am Sonntagvormittag allerdings wurden verschiedene ängstlich; sie merkten Veränderungen an den grossen Felsblöcken etwa 50 Meter über der Strasse. Es ist schwer, ein klares Bild von der Katastrophe selbst von den Einwohnern zu erhalten, die von den furchtbaren Minuten, die sie durchlebt haben, schwer hergenommen worden sind.

Gegen 12 Uhr mittags, erklärte mir ein Tavanaser, habe es plötzlich zu donnern begonnen und wie ein Schuss sei alles weitere geschehen. Zwei gewaltige Felsblöcke lösten sich los, stürzten das Tobel hinunter über die Strasse und zertrümmerten, schneller als man es erzählen kann, drei Wohnhäuser, zwei kleinere und einen grössern Stall und das Bahnwärterhäuschen am Rhein unten. Wie wegrasiert sei plötzlich das Gebiet und nichts mehr von den Wohnstätten zu sehen gewesen. Eine sechsköpfige Familie, die im Haus Nr. 277 direkt neben dem Schuss des Steinsturzes wohnt, entging wie durch ein Wunder dem Unglück; man kann es nicht verstehen, dass nicht auch dieses Haus mitgerissen wurde.

Sie sassen gerade beim Essen, als das Unglück geschah; man habe, erzählte mir eine Frau, durch das Fenster plötzlich wirbelnde Steine gesehen, und einen Augenblick später sei die Stelle, wo der Nachbar wohnte, vollständig leer gewesen; die Familie flüchtete in den Keller und suchte später das Freie. Die Häuser wurden von den Felsen glatt wegrasiert und die sieben darin wohnenden Menschen wurden augenblicklich getötet. Ein Augenzeuge sah, wie das Bahnwärterhäuschen mitsamt der Bahnwärtersfrau in den Rhein gerissen wurde; man habe die unglückselige Frau direkt mitten in den Steinen in die schlammigen Fluten fliegen sehen.

Auch die 1902 erstellte Betonbrücke, die von Tavanasa hinüber nach Danis führt, ist von den Steinen vollständig zertrümmert worden. Der eine Teil wurde an das linke Ufer des Rheins geschleudert; der andere Teil wurde zerschlagen und verschwand in den Fluten. Ein Gasthaus in nächster Nähe und ein Bauernhaus sowie eine kleine Kapelle blieben merkwürdigerweise verschont. Das Bild, das sich dem Auge bietet, ist grauenhaft. Der Bergbach stürzt tosend hinter dem Dorf durch das Trümmerfeld in die Tiefe, hat den Bahndamm vollständig zerrissen, so dass die Schienen mit den Schwellen ins Freie ragen; sonst sieht man nichts als eine gewaltige Sturzbahn, mit Felsblöcken und Steinen übersät. Die beiden Unglücksfelsen liegen jetzt mitten im Rheinstrom und es bleibt viel treibendes Holz an ihnen hängen. Danis und Brigels haben zur Stunde keine direkte Verbindung mehr. Auf Umwegen, zum Teil durch Passieren des eisernen Viaduktes und auf schlüpfrigen, von Bergbächen zerrissenen Saumpfaden müssen die Leute ihre Heimstätte erreichen.

Ich habe den Weg heute vormittag passiert und von der linken Uferseite her das Zerstörungsbild betrachtet, das aus einiger Entfernung gesehen beinahe noch entsetzlicher wirkt. Auf dem linken Ufer liegt auch der Schiessstand von Danis. Er ist glatt weggerissen worden und nur das Ziegeldach liegt zertrümmert ein paar hundert Meter weiter flussabwärts. Die Gefahr für Danis scheint behoben zu sein, trotzdem auch auf der linken Rheinuferseite einige Bergbäche ausserordentliches Unheil angerichtet haben. Sieben Tote beklagt die bedauernswerte Gemeinde: die Bahnwärtersfrau Dorothea Barban, Mutter von sechs Kindern (ihr Mann, ebenfalls im Bahndienst beschäftigt, blieb am Leben); die Familie Alig hat den Vater, die Mutter und den 35jährigen Sohn Louis, Vater von sechs kleinen Kindern verloren; er wohnte in Danis und eilte über die Brücke, um seine alten Eltern vor dem drohenden Unglück zu warnen, wobei ihn der Tod ereilte. Der fünfte Tote ist ein in der Gemeinde wohnender Ftaliener, namens Zortea, Rechenmacher. Endlich hat die Familie Kaduff die beiden ältesten Söhne im Alter von 17 und 15 Jahren verloren, Nikolaus und Jodokus. Diese Familie hat wohl am schwersten gelitten, da ihr ausser fünf überlebenden Kindern nichts geblieben ist, als was sie auf dem Leibe trug. Sie ahnten das Unglück und verliessen ihr Häuschen ein paar Minuten vor der Katastrophe. Heute besitzen sie nichts mehr, da alles unter dem Trümmerfeld liegt.

Es war erschütternd, die beiden älteren Leute dort an der Unglücksstätte weinend stehen zu sehen. Die Leiche ihres Sohnes Jodokus wurde gefunden, ebenso diejenige von Louis Alig. Beim Abräumen der Trümmerstätte wird aus dem Schlamm Hausrat herausgezogen, den die Opfer des Unglücks betrachten, den nutzlos gewordenen Gegenständen schmerzliche Tränen nachweinend. Man glaubt, dass Nikolaus Kaduff sich noch unter dem gewaltigen Trümmerhaufen befindet, dessen Abtragung noch tagelang dauern wird. Die übrigen Leichen dürften den Rhein hinuntergeschwemmt worden sein. Nach den Aussagen von Einwohnern fand man am Montagabend ein mit einem Strumpf bekleidetes Bein, vermutlich ein Glied der verunglückten Bahnwärterssfrau. Aber auch die andern Tavanaser hahen schweren Schaden gelitten, besonders an gutem Weidland, das mindestens im Wert von 10’000 bis 15’000 Fr. weggeschwemmt worden ist. Im Dorf gibt man sich alle Mühe, den Opfern der Katastrophe zu helfen.

Die Familien, die um Hab und Gut und um ihr Heimwesen gekommen sind, sind provisorisch bei freundlichen Nachbarn untergebracht worden. Einige der Bewohner der zerstörten Häuser hielten sich nach dem Gottesdienst in der Kirche von Brigels noch längere Zeit in Danis auf und retteten so ihr Leben; sie mussten vom jenseitigen Ufer aus sehen, wie ihre Heimwesen plötzlich verschwanden und auf weiten Umwegen ins Dorf zurückeilen, da die Brücke ebenfalls in den Fluten verschwand. Ueber den Schaden kann, wie gesagt, zur Stunde noch nichts Genaues gesagt werden. Dass er ungeheuer gross ist, sieht man als Augenzeuge auf Schritt und Tritt. Hier muss, wie in andern Fällen, der freundeidgenössische Brudersinn helfen, um diesen bedauernswerten Menschen wenigstens etwas von ihren grossen Verlusten zu ersetzen, wenn auch ein Entgelt für die Menschenleben nicht geboten werden kann. Heute nachmittag versuche ich, Rinkenberg zu Fuss zu erreichen, wo das Hochwasser ebenfalls grausam gehaust hat. *

Ilanz, 27. Sept. ag. Auch die Gemeinde Somvix weist grosse Verheerungen auf. Der Somvixer Rhein hat furchtbar gehaust. Weite Strecken des Kulturlandes sind in eine Wüste verwandelt worden. Im Somvixer Tal verunglückte ein Mann namens Castelberg. Die Herstellung des Bahnverkehrs bei Reichenau und Waltensburg beansprucht eine Woche, zwischen Waltensburg und Truns drei Wochen. Für die betreffenden Gegenden wurde ein Notverkehr mit Automobilen eingeführt. Aller Verkehr nach und von den Stationen Disentis-Truns muss für die nächsten Tage, d. h. bis zur Instandstellung der beschädigten Strassenabschnitte zwischen Tavanasa und Truns über Göschenen-Andermatt-Oberalp erfolgen. Die Chur-Arosa-Bahn weist keine Störung aus. Die Berninabahn erhält den Betrieb auf der Strecke Pontresina-Morteratsch mittels Postautos aufrecht. Vorn Morteratsch bis nach dem Puschlav ist die Linie unversehrt.

Im st. gallischen Rheintal. Aus Diepoldsau geht uns folgende Schilderung über. die Wassernot zu: Am letzten Sonntag durchlebten die Bewohner von Diepoldsau, das durch die Rheinkorrektion auf das jenseitige Ufer des Rheins gekommen ist, überaus bange Stunden. Von Stunde zu Stunde stieg der Rhein unheimlich rasch, wie seit dem Jahre 1910 nicht mehr. In kurzer Zeit war die erste breite Rampe überflutet und das Wasser stieg noch weiter, erreine die zweite grosse Rampe und drohte auch noch, den hohen Damm überfluten zu wollen. Die Männer standen am Rhein, um bei Gefahr die Bewohner zu alarmieren.

Abends gegen 8 Uhr sank dann das Wasser plötzlich, da der Einbruch bei Schaan erfolgt war. Bis Montagnachmittag sank der Fluss bis zur ersten Rampe. Sofort eilte die Bevölkerung herbei, um dem reissenden breiten Strome das viele Holz, das er aus dem Bündner und dem St. Galler Oberland brachte, zu entreissen. Mit Feuerhaken ging man ans Werk und fischte selbst mächtige Baumstämme aus dem Wasser. An dieser nicht ganz ungefährlichen Arbeit beteiligten sich Mädchen und Frauen. Die Rheindämme haben in diesen Tagen eine sehr schwere Belastungsprobe bestanden, indem sie dem wütenden Element den Ausbruch ins fruchtbare Rheintal verwehrten. Ohne die Rheinkorrektion wäre eine unübersehbare Katastrophe eingetreten.

Die letzte, regenschwere Woche hat übrigens in den Rebbergen des Rheintals grossen Schaden angerichtet, da die Trauben an den Weinstöcken zu faulen beginnen und der Ertrag stark vermindert wird. Die Weinlese wird nicht vor Mitte Oktober beginnen, da die Reife noch nicht weit fortgeschritten ist. Aus Buchs schreibt uns ein Augenzeuge: Vom erhöhten Standpunkte aus gesehen, ist das ganze Gebiet jenseits des Rheins ein grosser See. Dass der Dammbruch bei Nacht erfolgte und sofort jegliche Telephon- und Telegraphenverbindung unterbrochen war, verschlimmerte noch die Katastrophe. Etwa zwanzig Mann befanden sich lange auf einer Damminsel, die später weggeschwemmt wurde. Ein Mann ist ertrunken; zwei werden vermisst und einige befinden sich noch in einem Stalle mitten im überfluteten Gelände.

In der Westschweiz. Genf, 27. Sept. ag Da der Regen am Montag aufgehört hat, ist das Wasser der Arve zurückgegangen und jede Gefahr beseitigt. Die Wiederherstellung der Verkehrsverbindungen. Buchs (Rheintal), 27. Sept. ag Am Dienstagvormittag konnte der durchgessende Verkehr der Bahnzüge an den zwei durch das Hochwasser im Rheintal unterbrochenen Stellen Sargans-Trübbach und Salez-Rüti wieder aufgenommen werden.

der Bericht in e-newspaperarchives

Neue Zürcher Zeitung, Nummer 1619, 28. September 1927

Die Hochwasserkatastrophe. Im Bündner Oberland.

Ilanz, 27. Sept. (Tel. unseres H-Korr.) Ueber die Katastrophe von Tavanasa wurden mir folgende Augenzeugenberichte mitgeteilt: Herr Caduff, dessen zwei Söhne umgekommen sind, erzählt: Wir sassen am Sonntag gerade beim Mittagessen. Plötzlich fasste mich eine Unruhe, und ich zwang meine Frau und meine Söhne, das Haus sofort zu verlassen. Wie wir zur Türe kamen, krachte es, und meine Frau und ich rannten links den Hang hinauf, meine Söhne sprangen rechts hinunter. da kam die Rüfe. Im Nu waren meine beiden Söhne und unser Haus verschwunden im Rüfenstrudel. Wir standen nebenbei und mussten zusehen. Wenige Minuten später kam der grosse Block, er misst etwa sechs Meter, herunter, prallte gegen einen Pfeiler der Betonbrücke und warf die ganze Brücke mit unfassbarer Wucht weit auf das andere Ufer.

Das Bahnwärterhaus, in dem sich die Wärterin mit ihren Kindern aufhielt, wurde auch weggerissen und schwamm einige Zeit ganz auf den Fluten, dann ging es unter. Das alles war furchtbar und, soweit Menschen denken können, noch nie vorgekommen! Der Feuerwehrmann, der in Ringgenberg die Nachtwache hat, erzählt mit grossen Pausen nach jedem Satz: Man kann sich nicht vorstellen, dass Wasser eine solche Gewalt hat. In wenigen Stunden war alles fertig. Die von Truns konnten nicht zu Hilfe kommen, weil die Brücke jederzeit einzustürzen drohte. Ich allein in Begleitung des Landjägers passierte sie. Es liefen dann noch einige mit, aber helfen konnten wir nicht. Die Leute waren auch zu nichts zu gebrauchen, sie standen nur still und steif da und schauten fassungslos in die Fluten, die alles, alles überschwemmten. Die Kirche und ein Haus gingen mit. „In der Kirche steht noch der Herrgott, sonst ist alles verloren.“

Die Leute müssen ausziehen; sie sind bettelarm geworden, denn sie haben ja kein Land mehr; alles Wiesland ist zerstört. Ich bin hier, um zu sehen, dass heute nacht niemand im Dorf bleibt. Wer weiss, wie’s endet! Herr Fanki in Waltensburg, der am meisten heimgesuchte Bauer, erzählt: Am Sonntag regnete es. Wir rechneten mit etwas mehr Wasser als gewöhnlich und gingen deshalb um den Alpweg etwas zu sichern. Gegen Abend kam die Rüfe. Kein Mensch hatte an so etwas gedacht. Meine Kinder hatte ich ins Dorf geschickt, und ich selbst stand noch bei der Brücke. Da plötzlich gab es einen Knall. Es krachte und toste. Wir alle sprangen davon. Zwei Männer, die zu spät flohen, wurden vom Luftdruck erfasst und in der Richtung der Rüfe geradezu fortgeblasen. Seitwärts fliehen konnten sie nicht mehr. Der eine ging sofort unter, während der jüngere mit übermenschlicher Kraft sich immer wieder in die Höhe arbeitete, obwohl Steine und Baumstämme über ihn wegrollten. Er konnte ans Ufer kriechen mit zerbrochenen Rippen und zerschundenem Gesicht, ohne Kittel und nur noch mit einer halben Hose bekleidet.

Weiter unten wurden zwei Ställe niedergerissen. Den meinen drehte der Luftdruck um volle 90 Grad. Er war bis obenauf gefüllt mit Heu und Emtd, aber es drehte ihn so leicht und rasch wie ein Kind eine Handvoll Gras. Obgleich ein riesiges Stück Wiese zerstört ist, ist es immer noch besser, als wenn die Rüfe direkt in den Flimbach gefahren wäre und ihn zum Stauen gebracht hätte. Nach meinem Stall kehrte ein Teil der Rüfe sich gegen die Strasse, benützte sie als Bett, erfasste dort den Florian Pfister und riss ihn in das Tobel. Er war ein so tüchtiger Mann; alle Bausachen konnte man ruhig ihm übergeben. Er wird uns sehr fehlen. Am stärksten mangeln uns Arbeitskräfte. Die Strassen sind zerstört, die Ställe sollte man wieder aufbauen, das Emd heimholen, Kartoffeln aushacken, den Bach eindämmen, und das Vieh muss doch auch besorgt werden. Ueberall sollte man sein und alles sollte man selber machen.

Wenn nur bald Militär käme. Licht haben wir auch noch keines, Wasser erst seit heute. Man weiss überhaupt nicht, wo anfangen. Der mehr als 80jährige Onkel Peter ist ganz blöde geworden und murmelt immer „scarscheivel, scarscheivel“, entsetzlich entsetzlich. Was überall not tut, ist Geld, aber dies dringend.

Waltensburg, N. Sept. (H-Tel.) Das Dorf Andest bergwärts von Waltensburg ist bedroht; der ganze Hang darüber ist durch Risse gelockert. Wegen des trockenen, kalten Wetters besteht vorerst war keine direkte Gefahr; bei Witterungsumschlag und Schneeschmelze aber wird die Lage bedenklich. Die ehemalige Poststrasse zwischen Waltensburg und Brigels wurde durch Rüfen zerstört.

Im st. gallischen Rheintal. Die Wiederherstellung der Verkehrsverbindungen. „Vom Betriebschef der Kreisdirektion II der N.Z.Z.. erhalten wir folgende Mitteilung über die Organisation des Verkehrs zwischen Trübbach und Sargans: In der Nr. 1613 der „N. Z. Z.“ lese ich unter dem Titel „Im Hochwassergebiet des Rheins“, die Bahnverwaltung habe eine Verbindung zwischen Trübbach und Sargans nicht hergestellt. Dazu sei mitgeteilt: Um 14.30 am 25. September hat Zug 3560 als letzter Zug die Strecke Sargans-Trübbach befahren und man überzeugte sich, dass die Linie nicht mehr fahrbar sei. Der nächste Zug, der die Strecke um 16.00 hätte passieren sollen, war Zug 479 Rorschach-Sargans. Der Zug ist fahrplanmässig in Trübbach eingetroffen und es standen dort zwei von Buchs und Ragaz requirierte Postautos mit 45 Sitzplätzen zum Transport der Reisenden und des Gepäcks nach Sargans zur Verfügung. Ein drittes von Vaduz requiriertes Postauto konnte nicht mehr eintreffen, weil die Rheinbrücken wegen Einsturzgefahr gesperrt waren.

Die Landstrasse Trübbach-Sargans war zwischen Vild und Sargans des Hochwassers wegen nicht mehr fahrbar. Man wollte nun von Vild aus auf einem Feldwege über eine steile Anhöhe nach Sargans gelangen. Vor der Einfahrt in diesen Feldweg sind die beiden Autos wegen der Zunahme des Hochwassers stecken geblieben und nur mit grösster Mühe gelang es, die Reisenden aus der schlimmen Lage zu befreien. Von Sargans her trafen dann nach einer halben Stunde vier in aller Eile requirierte Privatautos auf der Höhe dieses Feldweges ausserhalb der Wasserzone ein. Mit Mühe gelang es, Reisende und Gepäck über eine steile, total versumpfte Wiese zu diesen Autos zu bringen. Mit den grössten Schwierigkeiten konnten diese Autos auf der steilen Halde zur Rückfahrt gekehrt werden. Daraufhin erfolgte die Rückfahrt nach Sargans mit Ankunft um 17:00, also nur eine Stunde nach der Ankunft in Trübbach. Wegen des fortwährenden Ansteigens des Hochwassers war von diesem Zeitpunkt an jeder Auto- oder Fuhrwerkverkehr zwischen Trübbach und Sargans bis Dienstagmorgen vollständig unmöglich. Die Strasse von der Station Trübbach über den Rhein nach Balzers-Luziensteig war ebenfalls nicht passierbar, weil Einsturzgefahr für die Rheinbrücke zwischen Trübbach und Balzers bestand.

Ein Ueberschreiten des Trübbaches auf einem Stege bis hoch in die Alpen hinauf ist ebenfalls nicht möglich gewesen und so war die Bahnverwaltung in die vollständige Unmöglichkeit versetzt, eine Beförderungsmöglichkeit zwischen Trübbach und Sargans bis zum Rückgang des Hochwassers einzurichten. Seit Dienstagmorgen ist die Landstrasse mit Postautos wieder befahrbar und die Beförderung von seiten der Bahnverwaltung wieder aufgenommen worden. Sobald das Hochwasser weiter zurückgeht, wird die Bahnlinie wieder instand gestellt. Alle Vorbereitungen dazu sind getroffen. (Wie schon in der gestrigen Abendausgabe gemeldet wurde, ist der durchgehende Bahnverkehr Sargans-Buchs bereits am Dienstagvormittag wieder aufgenommen worden. Der Verkehrsunterbruch auf der Strecke Buchs-Feldkirch dagegen wird mehrere Wochen dauern; dieser Verkehr wird über St. Margrethen geleitet. Red.)

Romanshorn, 27. Sept. (SKorr.) Wegen des Verkehrsunterbruchs auf der Brenner-Linie wird der Güterverkehr über Gotthard-Romanshorn umgeleitet. Der Bodensee-Pegel ist bis Dienstag auf 5 Meter gestiegen. Es ist zu befürchten, dass der Seespiegel noch weitere 20 Zentimeter steigen wird. Eine Unmasse Holz schwimmt auf dem Bodensee, das vom Rhein zugeschwemmt worden ist. Zahlreiche Motorboote sind damit beschäftigt, namentlich die Holzblöcke, die die Schiffahrt gefährden, an Land zu schleppen.

In Liechtenstein. Feldkirch, 27. Sept. ag Ausser der Rheindammsprengung bei Benders wurde auch bei der Illmündung der Damm geöffnet, um dem teilweise vier Meter hoch stehenden Hochwasser den Abfluss zu ermöglichen. Die Rettungsarbeiten in Ruggell waren ausserordentlich schwierig. Nur die Hälfte der Einwohner konnte am Montag aus dem Dorf herausgebracht werden. Am Dienstag spannte man längs der Häuser Seile, um eine Art Fähre herzustellen. Die Oberleitung der gesamten Arbeiten im Ueberschwemmungsgebiet hat Oberingenieur Böhi von der Rheinbauleitung in Rorschach übernommen. Die Schliessung der Dammlücke bei Schaan wird eine schwere Arbeit sein und viel Zeit erfordern. Nach der Ansicht der Fachleute ist der Dammbruch bei Schaan durch den Rückstau des Rheins an der Eisenbahnbrücke verursacht worden.

Im Tessin. Bellinzona, 27. Sept. ag Wie sich nach den angestellten Untersuchungen bisher feststellen lässt, haben durch die Unwetter vom Samstag und Sonntag ganz besonders das Blenio— und das Leventinatal gelitten. Im Bleniotal wurden besonders die Ortschaften Acquarossa, Semione und Olivene heimgesucht. In Olivone wurden sieben Häuser, zwanzig Ställe und eine Sägerei beschädigt. In der Leventina sind die Orte Faido und Lavorgo am stärksten betroffen. Am Dienstagvormittag war der Fluss Tessin in Bellinzona stark zurückgegangen. Der Wasserstand betrug nurmehr 1,65 m. Der normale Wasserstand zu dieser Jahreszeit ist allerdings nur 50 m. Ueberall sind Arbeiterkolonnen mit der Durchführung der eindringlichsten Arbeiten beschäftigt. Die Verkehrsverhältnisse. Von den Alpenstrassen. Die Gotthardstrasse bleibt, wie uns das Sekretariat des Schweiz. Automobilklubs mitteilt, der Hochwasserschäden wegen für kurze Zeit unbefahrbar. Im übrigen empfiehlt es sich, bei Fahrten über die Passstrassen Schneeketten mitzuführen. Das Unwetter im Ausland. Im Veltlin.

Sondrio, 27. Sept. ag In der Provinz Sondrio hat sich seit Montag die Lage gebessert. Das Wasser der Adda und ihrer Zuflüsse geht zurück, doch ist die Gefahr für Sondrio noch nicht beseitigt. Der Fluss Mallero ist immer noch bedrohlich, besonders für die auf dem linken Ufer befindlichen Häuser. Die Stadt ist ohne elektrisches Licht. Der Eisenbahnverkehr zwischen Sondrio und Lecco ist immer noch unterbrochen. Schweren Schaden hat die Stadt Balero gelitten, die infolge der Verkehrsunterbrechung von der Aussenwelt abgeschnitten ist. Im Weiler Valasin bei Chiesa sind sieben Häuser eingestürzt. Die Katastrophe hat in der Provinz Sondrio zehn Opfer gefordert. Im Laufe des Montag hat es in der Gegend von Chiavenna aufgehört zu regnen, wodurch die Flüsse Mera und Viro verhindert wurden, neue Verwüstungen anzurichten. Hie Weberei von Chiavenna ist nicht zerstört, sondern nur beschädigt worden. Die Arbeit kann wieder aufgenommen werden. Die Mera hat die Dämme durchbrochen und mehrere Häuser in der Umgebung von Chiavenna zerstört.

der Bericht in e-newspaperarchives

Neue Zürcher Zeitung, Nummer 1621, 28. September 1927 Ausgabe 02

Die Hochwasserkatastrophe. Im Bündner Oberland.

Bh. Ringgenberg, 27. Sept., Uhr. Da die wenigen noch betriebsfähigen Telephonleitungen für militärische Gespräche reserviert werden müssen, kann im Augenblick über die Katastrophe von Ringgenberg nur in Kürze berichtet werden. Die kleine, etwa 980 Einwohner zählende Gemeinde wurde im Jahre 1868 durch eine Hochwasserkatastrophe schwer betroffen, die aber viel weniger schlimm war als die vom letzten Sonntag, die der Gemeinde unermesslichen Schaden zugefügt hat. Morgens 6 Uhr ging die erste kleine Rüfe durch das Zavraditobel hernieder, die zum Glück die Leute warnte, so dass die meisten Bewohner die Häuser verliessen und sich in Sicherheit bringen konnten. Fast auf die Minute genau mittags 12 Uhr ging.die grössere Rüfe zu Tat, die drei Wohnhäuser, einige Ställe und die Kirche zerstörte. Glücklicherweise sind keine Menschenleben zu beklagen, doch wurden die Fluren zum grössten Teil und auf Jahre hinaus vernichtet.

Von Tavanasa aus ist Ringgenberg in etwa einer Stunde zu erreichen; die Strasse ist nicht weniger als vierundzwanzigmal durch Rüfen, Steinschlag und ausgebrochene Bergbäche unterbrochen. Die wackern Sappeure arbeiten bis zur Uebermüdung, um die Strasse instand zu stellen, doch wird es längere Zeit brauchen, bis der normale Vertehr wieder aufgenommen werden kann. Auch die Rätische Bahn ist durch das Unglück schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. An drei Stellen ist die Strecke zwischen Tavanasa und Ringgenberg zerstört; ein Zug, der eingeschlossen wurde, steht jetzt noch auf den Schienen. Je mehr man sich dem Orte nähert, um so grösser wird das Chaos von Steinen, Schlamm und Schutt. Entwurzelte Bäume liegen überall herum; gewaltige Blöcke und Stämme hat die Rüfe zu Tal befördert und zwischen den Steinen zermalmt, zerfasert und zersplittert. Das Bild eines Schlachtfeldes bietet sich dar, so weit das Auge reicht.

Die Strasse ist in der Nähe des Dorfes völlig zerstört; man muss durch Schlamm und Sand waten und neu entstandene reissende Bäche überspringen, um zum Ort zu gelangen. Schweren Schaden hat die Kirche gelitten, nur der Turm steht noch, zwei Seitenkapellen und ein Stück vom Hochaltar. Der grösste Teil der Kirche ist weggerissen worden und liegt in einem Trümmerhaufen mit den drei Wohnhäusern vollständig vernichtet. Die Orgel wurde aus der Kirche fortgerissen und von den Schlammmassen in den Rhein getragen. Zum Glück ist nach dem Unglück von 1868 das unheilbringende Bachbett wenigstens auf der rechten Seite mit soliden Steindämmen versehen worden, sonst wäre das Unglück noch viel grösser ausgefallen, da die Rüfe sich die tollsten Wege aussuchte, um ihren Steinmassen einen Weg zu weisen.

Soweit das Auge reicht, ein gewaltiges Schuttfeld, an den meisten Stellen 4 bis 5 Meter hoch; was darunter liegt, war einst fruchtbarer Weidboden und Acker. Alles ist auf Jahre hinaus vernichtet. Fünfzehn Personen sind durch die Katastrophe vollkommen verdienst- und besitzlos geworden. Der Schaden ist in Ringgenberg viel grösser als in Tavanasa; nach dem ersten Augenschein wird der Verlust an urbarem Land allein mindestens 80,000 Fr. ausmachen, so dass eine ganze Reihe von Einwohnern durch die Rüfe um ihre Existenz gekommen ist. Zu allem Unglück stürzte am Montag auch noch die Holzbrücke über den Rhein zusammen. Ringgenberg besitzt nun keine direkte Verbindung mehr mit dem andern Ufer und die Bewohner müssen auf schwierigen und teilweise zerstörten Wegen die Verbindung mit Tavanasa und Disentis suchen. Im Augenblick wird versucht, ein Drahtseil über den Fluss zu spannen, um den Einwohnern rasch das Nötigste zuführen zu können.

Die Rüfe verschlang alles, was ihr im Weg stand und suchte sich die unmöglichsten Wege aus. Jetzt noch stehen mitten im Gewühl volltragende Obstbäume; andere wurden gefällt, um dem Steinhagel den Weg zu verlegen. Gewaltige Felsen mochten vor Hügeln in der Höhe von 20 Meter nicht halt, sondern benützten sie als Sprungbrett, um weiter rheinwärts zu gelangen. Wassermassen und nachgehender Schlamm vermehrten die Vernichtung. Es sieht trostlos aus in der einst stattlichen Gemeinde. Die Bewohner sind hilflos. Was geschehen soll, wissen sie nicht, da die meisten ihr Wertvollstes verloren haben: Wiesen, Aecker und Weideland. Sie halten es für unmöglich, dass der Boden wieder fruchtbar wird und von der ungeheuren Schuttmasse befreit werden kann. Sie haben den Glauben an die sie überragenden Berge verloren, da sie von dort her neues Unheil wittern. Ringgenberg ist jedenfalls das bündnerische Dorf, das bei der Katastrophe die schwersten Wunden erlitten hat.

In Liechtenstein. Buchs, 27. Sept. ag. Während sich das Wasser zwischen Schaan und dem Schellenberg durch die Sprengung des Rheindammes bedeutend gesenkt hat, ist die Not in der Gemeinde Ruggell immer noch sehr gross. Ein reissender Strom ergiesst sich durch die Ortschaft, dessen Wellen an vielen Häusern bis zum ersten Stockwerk hinaufschlagen. Die Rettung der bedrängten Bewohner wird bald zur Unmöglichkeit. Ein Fährmann, der am Montagabend versuchte, zu den Häusern zu gelangen, zerschellte mit seinem Boot an einem Baum und konnte sich mit knapper Not auf den Baum retten. Erst am Dienstagabend gelang es, den Mann in ganz erschöpftem Zustand zu befreien.

Am Dienstag wurde von zwei Privatpersonen eine Reihe von Ruggeller Bewohner mit einem Ponton gerettet. Es sollen immer noch 13 Familien in den bedrohten Wohnungen sein. Aus den Häusern erschallen ununterbrochen Hilferufe nach Rettung und Nahrungsmitteln, doch ist es den beiden Männern nicht möglich, den zahlreichen Begehren Rechnung zu tragen. Die Einsturzgefahr der Häuser erhöht sich von Stunde zu Stunde und verlangt dringende Hilfe.

St. Gallen, 8. Sept. ag Auf Ansuchen der st. gallischen Regierung hat in der Nacht zum Mittwoch das eidgenössische Militärdepartement durch die Militärdirektion des Kantons Zürich ein Pontonierdetachement aufgeboten, um das in höchster Wassernot sich befindende liechtensteinische Dörfchen Ruggell vollständig zu evaluieren. Das Schiffsmaterial ist mit Extrazug von Rapperswil um 1 Uhr morgens und die Mannschaft um 2 Uhr in Rüti (Rheintal) eingetroffen. Die Rettungsarbeiten haben bereits Mittwochmorgen 5 Uhr begonnen. Es müssen etwa 100 Personen aus den vom reissenden Wasser umspülten Häusern herausgeholt werden.

der Bericht in e-newspaperarchives

Neue Zürcher Zeitung, Nummer 1624, 28. September 1927 Ausgabe 03

Die Hochwasserkatastrophe.

In Liechtenstein. Das benachbarte Fürstentum, das so mutig sich aus der Finanzkatastrophe, die ihm der Zusammenbruch der österreichischen Valuta gebracht, emporgearbeitet hatte, ist ebenfalls aufs schwerste heimgesucht worden. Mehr als die Hälfte der Talsohle liegt unter Wasser. Ueber die tragischen Stunden zur Zeit des Dammbruches bei Schaan wird im „Liechtensteiner Vollswirt“ berichtet:

Sonntag, 7 Uhr abends: Die Mannschaft arbeitete, was die Muskeln hergeben konnten das Unglück schien abgewendet. Da kam die doppelte Gefahr im Rücken der Leute. Neue Risse im Damm, die unheimlich schnell zum Bruch auswuchsen. Im gleichen Augenblick schoss eine mannshohe schmutzige Woge herunter. Der Schrei der Leute diesseits und jenseits mischte sich mit dem fürchterlichen Krachen vom stürzenden Fall und Kies und Wasser und brechendem Holz. Die stürzenden reissenden Wogen hinter sich und damit den Tod auf den Fersen rannte die Mannschaft einwärts. Ehe der Letzte das Dorf erreicht, war das Wasser bereits bei den äussersten Häusern.

Und in Sekunden war das ganze fürchterliche Elend da. Im gleichen Moment barst die hölzerne Schaaner Rheinbrücke. Der Rheindamm ist auf 300 Meter durchfressen. Der Eisenbahndamm wurde auf 200 Meter wie ein Sandhaufen weggetrieben. Ein Stück Eisenbahnbrücke hängt ins Wasser herunter. Die Wellen haben in hemnungslosem Lauf was ihnen im Weg stand geknickt und begraben.

Sonntag Nacht: Das Wasser ist im ersten Anlauf bis zur Linde in Schaan vorgedrungen. Das Postbureau, das Stationsgebäude, alle Schuppen und Räume in gleicher Höhe haben 50 Zentimeter Wasser. Die Häuser jenseits der Eisenbahnlinie sind die ersten und schwersten Opfer in diesem Gelände geworden. Wasser bis zum ersten Stock. Zum Fliehen war es für viele zu spät.

Durch die Nacht tönt das Rufen um Hilfe. Männer stehen bis zur Brust, die äusserste Kette steht bis zum Halse im reissenden schweren Wasser. Jeder Tritt ist Lebensgefahr. Jeder Balken kann den Tod bringen. Aus der Richtung eines Baumes hört man das Schreien. In erschöpftem Zustande wird ein Teil der vom Wasser Abgeschnittenen geborgen. In unkenntlichem Zustande kommen die Retter zurück. Es regnet. Die Nacht ist tiefschwarz. Und durch den Lärm des Wasser gellen unablässig die fürchterlichen Alarmsignale. Der Beste kann die Nerven verlieren.

Montagmorgen: In den Strassen liegt der Schlamm. In den Gärten und Zäunen und Kellerfenstern hängen angeschwemmtes Gestrüpp und Schmutz. Das Bahngeleise von Schaan abwärts ist unterspült und gebrochen. Auf der Strasse nach Bendern stehen die Bäume anfangs ein Drittel und gegen Weghälfte bis zu den Wipfeln im Wasser. Das ganze Rheinwasser fliesst in voller Flucht Eschen zu, staut sich in einer weiten Bucht bis zur Kirche in Tosters und sendet den Abfluss endlich in der Richtung Ruggell.

In Ruggell: Das arme, arme Dorf. Wie es heute nachmittag von der Höhe Schellenberg aussah, kann das traurige Bild nicht vergessen. Mitten durchs Dorf reisst der Strom. Einige Häuser stehen bis zum ersten Stock, andere noch höher im Wässer. Man sieht aus den Fenstern das hilfesuchende Winken und hört rufen. Auf das Schellenberger Gelände ist ihr Vieh gerettet und mehrere Männer. Aber die Frauen, Kinder und alten Leute sind ausnahmslos dort im Wasser und wissen nicht, was für ein Schicksal ihre Männer getroffen. Und die Männer stehen am Wasser, zu weit, um sich kenntlich zu machen und haben keine Möglichkeit, hinüber zu gelangen.

Und die Einsturzgefahr der Häuser wächst von Stunde zu Stunde. Einen Neubau rechts beim Dorf sieht man bereits eingestürzt. Der Lehmboden ist bald unterwaschen und das Wasser scheint eher zu steigen und reissender zu werden. Die Flut hinaus treiben gelbe Punkte, Kürbisse. Um halb 3 Uhr nachmittags kommt endlich, endlich Hilse. Landeshauptmann Dr. Ender aus Bregenz hat persönlich einen Transport von fünf Booten zur Stelle geleitet. Weitere Boote und grosse Pontons sind unterwegs, und möge der Himmel es fügen, dass bis zur Nacht die Gemeinde gerettet ist, denn eine zweite Nacht werden die Mauern und die Nerven der armen Leute nicht aushalten. Eschen, Gamprin, Bendern: Die schöne Fabrik in Eschen steht anderthalb Meter im Wasser. Die Häuser jenseits der Kirche, rheinabwärts, haben die Fluten im zweiten Stock. Der Stall der Mühle in Gamprin ist weggespült.

Der Landtag bestellte zur Bearbeitung der täglich vorkommenden dringenden Fragen ein engeres Komitee, in welchem Regierungschef Prof. Schädler das Präsidium führt und Oberingenieur Böhi von der schweizerischen Rheinkorrektion die technische Leitung innehat. Dem Komitee gehören weiter an Landammann Riegg von St. Gallen, Rheinbauingenieur Altweg von St. Gallen, Baumeister Lorenz Hilti (Schaan), Kantonsingenieur Altweg (St. Gallen), Rheinbauingenieur Doca von Rorschach und Abgeordneter Steger von Balzers.

Die Vorarlberger Landesregierung stellte in freundnachbarlicher Weise 174 Mann vom Alpenjäger-Bataillon und anderes Personal bei. Von Rofels und Ruggell fuhren Montagnachmittag zwölf Schiffe zur Bergung der noch in Ruggell befindlichen Einwohner. Die schweizerischen Behörden sandten am Montagabend in echt freundnachbarlicher und sehr verdankenswerter Weise 210 Mann Genietruppen (Sappeure) von Chur, die mit grosser Ausrüstung eintrafen.

Zur Hochwasserkatastrophe bei Ruggell und Bangs wird uns noch berichtet: Um die Hochwassergefahr auf liechtensteinischem Gebiete bei Schaan, Mauern und Eschen einigermassen abwenden zu können, ist unterhalb der Brücke, die Haag und Bendern miteinander verbindet, der Rheindamm gesprengt worden. Damit glaubte man, sei auch die Hochwassergefahr für die am Westfuss des Eschenbergs gelegenen Dörfer Gamprin, Ruggell und Bangs beseitigt.

Leider hat sich diese Annahme insofern als unrichtig erwiesen, da man nicht mit einem Dammbruch gerechnet hatte. Unterhalb der Brücke von Haag hat der Rhein den für so grosse Wassermengen etwas schwachen Damm durchbrochen und nun flutet das Wasser unaufhaltsam Gamprin, Ruggell und Bangs zu. Wie eine Halbinsel ragt nun der Escherberg in dieses überschwemmte Gebiet hinein. Eine Verbindung mit dem Festlande ist nur durch die hohe Talsperre bei Feldkirch möglich. Geradezu unbeschreiblich ist aber die Hochwassernot in den oben genannten Dörfern.

Am Montagabend ereignete sich der Dammbruch bei Gamprin. Wild wogend kam der Rhein daher. Von Salez und Montlingen hörte man das Vieh brüllen und verzweifelte Schreie von Menschen, die in Lebensgefahr waren, erfüllten die stille Nacht. Den Anwohnern des Rheins geht das furchtbare Los der Liechtensteiner und der Vorarlberger tief zu Herzen. In Ruggell fliesst das Wasser jetzt noch metertief durch die Dorfstrasse und als Ihr Berichterstatter heute der Unglücksstätte einen Besuch abstattete, sah er, wie die verzweifelten Menschen aus ihren Hütten, die bis in die obersten Stockwerke im Wasser sind, durch ein Boot gerettet werden konnten, bevor die wogenden Fluten Häuser und Ställe ganz mitrissen. Sogar auf die Bäume mussten sich die Menschen flüchten und konnten dann durch den Bootfahrer aus ihrer schwierigen Lage befreit werden. Auch das Dorf Bangs steht fast gänzlich unter Wasser. Kurz vor der Illmündung hat sich das Hochwasser einen Weg in den Rhein gesucht und flutet über den Damm in das Flussbett. Damit der Abfluss rascher vor sich geht, wurde der Rheindamm gelockert. So bestehen also gegenwärtig am Rheindamm vier grosse Brüche.

Schaffhausen, 28. Sept. ag. Der Rhein ist so stark gestiegen, dass der Dampfbootverkehr zwischen Schaffhausen und dem Untersee eingestellt werden musste, weil die Schiffe nicht mehr unter den Brücken hindurch fahren können. Am Untersee beginnt das Hochwasser wieder in einigen Gemeinden wie Gottlieben, Berlingen und Ermatingen, in die Häuser einzudringen.

Schaffhausen, 28. Sept. ag Das Wasser des Rheins ist bei Schaffhausen seit dem letzten Freitag um 72 Zentimeter gestiegen. Die Wassermassen nehmen immer noch zu. Trotz den Quaimäuerchen, die nach dem letzten Hochwasser angebracht worden sind, überflutet das Wasser bereits die tief gelegenen Strassen und Keller des Fischerhäuserquartiers. Es mussten Notstege gebaut werden.

Die Hilfe. Das Unwetter vom letzten Samstag und Sonntag hat am bündnerischen, wie st. gallischen Rhein zu schweren Katastrophen geführt. In Rhein-Not befindet sich auch ein ansehnlicher Teil des befreundeten liechtensteinischen Ländchens. Die Leser haben den Berichten und Schilderungen entnehmen können, wie schwer die Schäden sind, und dass es der betroffenen Bevölkerung vielfach unmöglich sein wird, ohne freundeidgenössische Hilfe sich wieder emporzuarbeiten. Diese Hilfe hat bis jetzt noch immer kräftig eingesetzt, wenn es nottat. Der eidgenössische Sinn wird sich gewiss auch angesichts der Wetterkatastrophen in der Ost- und Südschweiz bewähren. Gaben werden von unserer Fürsorge-Abteilung (Postscheckkonto VIII/5602 gern entgegengenommen. Wir ersuchen um gefl. Angabe des Zwecks (Wetterkatastrophe).

der Bericht in e-newspaperarchives

Neue Zürcher Zeitung, Nummer 1626, 29. September 1927

Die Hochwasserkatastrophe Zu Liechtenstein. Rettungsarbeiten in Ruggell. Buchs, 28. Sept. ag

Dem auf den Mittwoch aufgebotenen schweizerischen Pontonierdetachement ist es gelungen, den vom Hochwasser bedrängten Einwohnern von Ruggell tatkräftig Hilfe zu bringen. Das Detachement arbeitet mit drei Booten unter schwierigsten Verhältnissen. Bis zur Stunde (Mittwochabend) sind 40 Personen gerettet worden; darunter befinden sich eine 80jährige totkranke Frau und der Ortsgeistliche. Wie viele Personen noch gerettet werden müssen, lässt sich nicht genau bestimmen, doch vermutet man, dass sich noch 50—60 Leute in den Häusern aufhalten. Zwei Familien mit etwa sieben und acht Kindern rufen noch um Hilfe. Von der Habe konnten die Leute nur sehr wenig retten.

Grossvieh und Pferde müssen vorläufig in den Ställen gelassen werden, da die Pontoniere zuerst die Menschen retten müssen. Sie werden jedenfalls noch die ganze Nacht mit der Rettung von Menschen tätig sein müssen. Der Stand des Wassers ist um 30—40 Zentimeter zurückgegangen. Die Strömung dagegen ist gleich stark wie am Vortage. Es haben sich Stromschnellen gebildet. Häuser und Ställe stehen noch etwa ein Meter tief im Wasser und drohen einzustürzen, da das Wasser die Fundamente unterspült. Die Einwohner von Gambrin und Schaan sind alle in Sicherheit, hingegen werden in Ruggell einige Personen vermisst. Auf der Seite des Schellenbergs sind auch österreichische Pontoniere mit der Rettung von Leuten beschäftigt.

Im Bündner Oberland. Chur, 28. Sept. ag Die bündnerische Regierung hat einen Aufruf zugunsten der durch die Wasserkatastrophe geschädigten Bevölkerung erlassen und zugleich beim Bundesrat um Hilfe nachgesucht. Man ist daran, in den Tälern den Schaden abzuschätzen. Der Haus- und Kulturschaden im Somvixertal wird auf 300’000 Fr. angeschlagen; dazu sind vom Somvixer Rhein 1000 Festmeter Holz fortgeschwemmt worden. Der in Ringgenberg anzuschlagende Schaden übersteigt eine Million Franken. Grosse Not, die rasche Linderung erheischt, herrscht in den am härtesten betroffenen Gemeinden Ringgenberg, Tavanasa, Surrhein und im Tal Bergell.

– Hilfsaktionen. Bern, 27. Sept. ag Das Zentralsekretariat des Roten Kreuzes teilt uns mit, dass die Sammlung des schweiz. Roten Kreuzes zugunsten der Wettergeschädigten bis heute die Summe von 9600 Fr. ergeben hat. Angesichts der jüngst erfolgten Verheerungen in der Ost- und Südschweiz hat das Zentralkomitee des Roten Kreuzes beschlossen, die Sammlung neuerdings zu erweitern und mit der Verteilung des Ertrages abzuwarten, bis die Grösse des Schadens ersichtlich sein wird. Das schweiz. Rote Kreuz bittet, Gaben auf das Postscheckkonto 11/4200 „Hilfsaktion des Roten Kreuzes“ einbezahlen zu wollen. Gaben werden auch von der Fürsorgeabteilung unseres Blattes (Postscheckkonto VIII/5602) entgegengenommen.

Die Verkehrsverhältnisse. Die Hochwasserschäden bei der Rätischen Bahn. Die Bahnverwaltung teilt mit: Nach dem Ablauf der Hochwasser zeigt sich, dass die Bahnbauten die Wasserprobe sehr gut bestanden haben. Von den grössern Kunstbauten (Brücken und Tunnels) haben keine gelitten. Von einer kleinen Brücke bei Tavanasa hat eine Rüfe ein Widerlager, von einer Feldwegunterführung bei Samaden der ausgetretene Inn beide Widerlager weggespült. Der 224 m lange Tirauntunnel bei Truns hat eine Zeitlang dem durch die Rinkenbergerrüfe gestauten Rhein als Ueberlauf gedient, was die dortige Gegend vor noch grösserem Schaden bewahrte. Die Bahndämme wurden an zwölf Stellen, meist an Orten, wo man es weniger erwartet hätte und die Linie durch Erlen und Waldbestände einigermassen geschützt schien, beschädigt.

Weggespült ist der Bahndamm an der Ausfahrt Samaden-Pontresina gleich nach der Innbrücke auf 30 m, sowie zwischen Versam und Valendas im Waldbord unter Carrera auf 160 m. Die grössten Zerstörungen fallen auf die 5,8 km lange Strecke Tavanasa-Truns, wo im Dorf Tavanasa mit den 7 Menschenleben, den Häusern und Ställen auch 50 m Bahnkörper vernichtet worden und Dammbrüche in einer Gesamtlänge von rund 200 m entstanden sind. Technisch schwierig und zeitraubend werden nur die Wiederherstellungsarbeiten im Dorfe Tavanasa sein, wo die Bahn voraussichtlich in eine Galerie verlegt werden muss. Der Verkehr auf der Chur— Arosa-Bahn ist gar nicht gestört.

Romanshorn. H Die unglückseligen katastrophalen Verheerungen im st. gallischen Rheintal, in Vorarlberg und Liechtenstein und die dadurch bedingten Verkehrsstörungen hatten zur Folge, dass sich der Durchgangsverkehr auf den Bahnhof Romanshorn gewaltig steigerte, da bis zur Wiederherstellung der Rheinbrücke bei Buchs, was Wochen beanspruchen wird, der Arlbergverkehr über St. Margrethen-Rorschach-Zürich geleitet werden muss, so dass Schnellzüge wie auch Güterzüge bis auf weiteres über Romanshorn geführt werden. Auch der grösste Teil des Brennerverkehrs ist über Romanshorn umgeleitet, so dass im Bahnhof für das Personal Hochbetrieb herrscht.

St. Moritz, 28. Sept. ag (Mitg.) Trotz den Verheerungen, die der Regen in den letzten Tagen im Kanton Graubünden angerichtet hat, sind alle Pässe für den Automobil- und Touristenverkehr von Chur nach St. Moritz geöffnet; ebenso ist der Verkehr von St. Moritz über den Berninapass nach Italien sowie nach Landeck und Innsbruck intakt.

Pontresina, 28 .Sept. (Privattel.) Donnerstag den 29. September wird der durchgehende Verkehr auf der Berninabahn wieder in vollem Umfang aufgenommen. .

Berlin, 27. Sept. pt Wie das „Berliner Tageblatt“ aus München meldet, ist auch in Schwaben schweres Unwetter aufgetreten. Zahlreiche Dörfer stehen unter Wasser, so dass der Verlehr nur mit Kähnen aufrecht erhalten werden kann. Der Lech ist über die Ufer getreten. Die Ortschaft Kissing ist vollständig überschwemmt. Auch in der Nähe von München hat die Ifar die Hochwassergrenze überschritten

Am Bodensee. Friedrichshafen, 27. Sept. J. M. Am 17. September zeigte der Friedrichshafener Seepegel 4 Meter 18. Vom Sonntag, 25. Sept., auf den Montag stieg der See um 40 Zentimeter, vom Montag auf Dienstag um weitere 15 Zentimeter. Das Steigen des Sees um einen Zentimeter bedeutet eine Wasserzunahme von 5,4 Millionen Kubilkmeter; also nahm der See an beiden Tagen zusammen um 297 Millionen Kubikmeter zu. In diesen zwei Tagen floss in Konstanz nur rund ein Drittel des Zuflusses ab. Hochwassergefahr kann nur durch die beabsichtigte Bodensee-Regulierung behoben werden. Eine Pegelhöhe des Sees von 4 Meter 99 (am 27. Sept.) ist ausserordentlich. Sonst schwankt der Seepegel im Monat September zwischen 3,4 m und 3,9 m.

der Bericht in e-newspaperarchives

Neue Zürcher Zeitung, Nummer 1628, 29. September 1927 Ausgabe 02

Die Hochwasserkatastrophe. Fahrt durch Liechtenstein. Vaduz, 28. Sept., abends 6 Uhr. Bh.

Der dritte Tag brachte mich vom Bündner Oberland in das Rheingebiet Liechtensteins. Das Fürstentum hat entsetzlich gelitten, weil hier durch den Dammdurchbruch des Rheines bei Schaan der grösste Teil des Landes unter Wasser gesetzt wurde und der Rhein hier das neue Bett fand, das über den grössten Teil des Fürstentums hinweg bis zur Illl führt, bis vor wenigen Tagen ein Nebenfluss des Rheins, der jetzt durch die Katastrophe, unter Protest gegen jede Geographie, zum Aufnehmer des grössern Stromes geworden ist, nachdem sich dieser gewaltsam eine neue Richtung erzwang.

So ist aus dem grössten Teil des unglücklichen Ländchens innerhalb weniger Stunden ein gewaltiger See geworden, mehr als zehn Kilometer lang und an seiner grössten Ausdehnung gut vier Kilometer breit, alles unter sich begrabend, was wenige Tage vorher noch prächtiges, erträgnisreiches, urbares Land war; unschätzbare Werte verloren gegangener Ernte an Feldfrüchten aller Art, an Obst, Gemüse, Ma:s und wertvollen Wiesen liegen unter Schutt, Schlamm und Geschiebe, darüber der wildgewordene Strom tosend der Il zuströmt. Es klingt geradezu paradox, dass das alte Rheinbett beinahe wasserlos ist: aber der am Montag erfolgte gewaltsame Dammbruch bei Bendern, vollzogen in der durchaus verständlichen Absicht, den Strom in sein altes Bett zurückzuleiten, führte nicht zum Ziel, so dass sich nach wie vor die gewaltige Wassermenge gegen das unglückselige Dörfchen Ruggell ergiesst, in rund 140 Häusern etwa 600 Einwohner zählend, das allem Anschein nach dem Untergang geweiht zu sein scheint.

Von ihm sei zur Stunde in erster Linie die Rede, weil von dort eine Hiobsbotschaft nach der andern eintrifft und das Schlimmste für die Gemeinde zu befürchten ist, wenn es nicht gelingt, in allerkürzester Zeit den dort noch eingeschlossenen Einwohnern Hilfe zu bringen. Ruggell liegt am Abhang des Schellenberges, einer Hügelkette, die ungefähr in der Mitte des Liechtensteinschen Ländtchens liegt, mit einem Frauenkloster auf der Höhe; ein schmales Strässchen führt zurzeit als einziger Zugang von dort in der Rheinrichtung gegen das stattliche Dorf, aber auch nur erreichbar, wenn man über Feldkirch durch österreichisches Gebiet, gewissermassen von hinten herum, den Schellenberg erreicht, da alle übrigen durch das Gelände führenden Wege zurzeit noch grösstenteils meterhoch unter Wasser stehen.

Das Dorf mit stattlicher Kirche wurde durch das Hochwasser wie alle andern Leidensstationen vollständig überrascht; als sich durch den Dammbruch am Sonntagabend die Flut heranwälzte, war gerade noch Zeit, einen Teil des Grossviehs auf die Schellenberger Seite zu treiben und so rasch stieg das Wasser, dass die viehtreibenden Männer nicht mehr in ihre Gemeinde zurückkehren konnten, da innerhalb kürzester Zeit die Felder in einen wildströmenden Fluss verwandelt wurden, der in der Hauptrichtung mitten durch das Dorf ging. Schon am Montag früh war es in Ruggell nicht mehr möglich, sich in den untern Wohnräumen aufzuhalten; das Wasser stieg unaufhörlich und machte überdies bis auf weiteres jedes Entkommen unmöglich, da eine mitten im Land liegende Gemeinde natürlich auch nicht über das kleinste Boot verfügt, geschweige denn über grössere Schiffe, mit denen es möglich gewesen wäre, durch den durch das Dorf treibenden wilden Strom und den See ans rettende Ufer zu kommen.

Zum Glück hat seither die Flut abgenommen, so dass mit einigem Erfolg das Rettungswerk an die Hand genommen werden konnte. Der grösste Teil der Einwohner konnte in den letzten achtundvierzig Stunden in Sicherheit gebracht werden, teils nach der liechtensteinschen, teils nach der schweizerischen Seite hin, aber noch immer befinden sich nach einer ungefähren Schätzung (genauere Angaben zu erhalten ist zur Stunde noch ganz unmöglich) zwischen 50 und 80 Personen in dem Dorf, zum Teil allerdings durch eigene Schuld, da sie sich weigern, ihr Heim und vor allen Dingen ihr Vieh zu verlassen, das zum grössten Teil bis in den zweiten Stock hinaufgeschleppt werden musste, um es vor den Wasserfluten zu retten.

Bei aller Achtung der Liebe zur Scholle wird im Notfall ohne Zwangsentfernung nicht auszukommen sein; dass die Rettung in erster Linie den Menschen zu gelten hat, ist selbstverständlich. Als heute nachmittag ein Boot mit fünf Einwohnern glücklich den Schellenberg erreichte, von einer grossen Menschenmenge erwartet, eilte ein älterer Ruggeller auf den über das Schiff kommandierenden Pontonier zu und flehte ihn an, seine Familie herüberzubringen: „Sagen Sie meiner Frau, rief er bewegt, wenn sie mir nicht folgen will, dass ihr die Behörde befiehlt, herüberzukommen.“ Drei Boote konnten im Laufe des heutigen Nachmittags am Schellenberg anlegen und etwa 15 Personen in Sicherheit bringen. Auch eine Kuh und ein Kälblein waren unter den Passagieren, auch etwas Hausrat.

Es bedeutete ein mühseliges Stück Arbeit, durch das Wasser, den Schlamm und die tausenderlei Hindernisse die Boote sicher an Bord zu bringen; zur Ohnmacht gezwungen, standen wir am Ufer und verfolgten fieberhaft das Rudern, Stacheln und Stossen der Rettungsmannschaft, die ohne Rücksicht auf Lebensgefahr als brave Männer ihren Mitmenschen halfen. Dass auch zürcherische Pontonniere und Sappeure unter dem Kommando von Major Walther dabei sind, darf uns aufrichtig freuen; neben ihnen sind Matrosen der Schiffahrt von Bregenz und Alpenjäger vom Bat. 4 aus Bregenz tätig, alles wackere Leute, die auf dem Wasser Bescheid wissen und nichts unversucht lassen, um das Rettungswerk zu vollenden. Sie haben eigenes Bootsmaterial mitgebracht, freilich zum Teil für die hiesige Situation nicht geeignet, sodass schon mehrere Boote zerstört und unbrauchbar wurden.

Vorteilhaft sind einzig möglichst flache Boote, wie sie unsere Pontonniere verwenden, die auch über seichte Stellen wegzubringen sind, keine spitzkieligen Boote, die leicht aufsizen und kentern. So erfreulich es ist, dass das Wasser weiterhin fällt, so wird damit doch das Befahren des Wassers erschwert, weil die seichten Stellen mit dem Sinken immer schwerer zu passieren sind und teilweise nur überwunden werden können, indem die Mannschaft ins Wasser und in den Schlamm steigt und mit ihnen auf diese Weise fertig zu werden versucht, eine mühselige Arbeit in diesem kalten Wasser, wo der Mann keinen Augenblick sicher ist, ob er nicht in einen darunter liegenden Graben, in Sumpf oder Schlamm gerät.

Als das zweite Boot des heutigen Nachmittags schon den grössten Teil der Fahrt zurückgelegt hatte, sank ein Mann bis zur Brust plötzlich im Schlamm ein; dass noch niemand von der Rettungsmannschaft dabei verunglückte, ist geradezu wunderbar und erstaunlich ist überdies, wie sich die Pontonniere der fortwährend wechselnden Flut anzupassen verstehen; jedes Mal muss der Weg genau sondiert werden, weil von Viertelstunde zu Viertelstunde das durchströmende Wasser mit dem vielen mitgeschwemmten Holz die Situation verändert. Von blossem Auge ist zu erkennen, dass drüben über dem „See“ in dem gefährdeten, mit Obstbäumen reich versehenen Dorf Leute auf den Dächern stehen und Rettung heischend winken. Auch unverständliche Rufe hören wir, doch ist die Strömung so stark, dass nichts zu verstehen ist.

Was will aber das starke Rauschen neben uns sagen gegenüber dem wilden Tosen des Stromes im Dorf selbst; Gerettete erzählen uns, dass dort von Haus zu Haus und von Dach zu Dach jede Verständigung unmöglich sei, dass das Tosen der Wasser, die sich durch die Strassen, die Ställe und die Häuser wälzen, jeden Zuruf unhörbar machen. Schon beginnen, erzählen sie, die Lebensmittel drüben knapp zu werden; Milch sei noch wenig vorhanden, geniessbares Wasser gar nicht; auch Kranke seien unter den Zurückgebliebenen, für die Medikamente nötig seien. Deutlich sehen wir mit dem Glas ab und zu winkende Gestalten, hie und da vernehmen wir einen hilfeheischenden Hornstoss und stehen nicht viel mehr als einen Kilometer davon entfernt, ohne etwas zur Rettung der Unglücklichen tun zu können.

Sie werden nicht begreifen können, warum die Hilfe nicht kommen will, sehen sich verzweifelt die Augen aus nach Schiff und Rettung aber jetzt werden sie endlich Trost geschöpft haben, da sie wissen, dass neue Hilfẽmannschaften auch von der Rheinseite ins Dorf eingedrungen sind, die kein Haus unkontrolliert lassen, so schwer es für die Ortsfremden auch sein mag, sich in diesem Chaos zu orientieren. Dieweilen grast das glücklich über das Wasser gebrachte Vieh auf den Weiden des Klosters, und freundliche Menschen nehmen sich der Herübergelkommenen an; die Kinder sehen zum Teil recht elend aus; sie haben frühzeitig ein grosses Erlebnis hinter sich, drei bange Tage in Wassersnot und in einem Haus und Dorf, das von einer Minute auf die andere in den Fluten verschwinden kann.

Ein Glück, dass der Strom gegen die Ill einen Abfluss hat und diese imstande ist, die Wassermassen aufzunehmen und weiterzuleiten, sodass ein Stauen oder gar Zurückströmen nicht zu befürchten ist. Das kleine Dörfchen Bangs im Oesterreichischen liegt ebenfalls vollständig im Wasser; dahin auch noch zu gelangen, war mir leider nicht möglich, da jeweilen gewaltige Umwege notwendig sind, Streifen durch Schlamm, Sand, Wasser und Sumpf, um von einem Ort zum andern zu kommen. So weit das Auge blickt, sieht es nichts als strömendes Wasser, verfaulte Emd- und Strohhaufen darin, schwimmendes Holz und Kürbisse, abgebrochene Bäume, Gartenzäune, trostlos stehende Bäume mit geknickten Zweigen und abgescheuerter Rinde.

Versuche, ins Dorf mit langen Seilen zu gelangen, die von Baum zu Baum und von Mast zu Mast gezogen wurden, mussten aufgegeben werden, da sie zu gefährlich waren; kenterte doch mehr als ein Rettungsboot im Dorf, eines darunter, das mit fünf Mann besetzt war, von den Fluten weggerissen wurde und in Trümmer ging; im letzten Augenblick noch konnten sich die Leute auf die Bäume retten, und Stunden vergingen (im Dorf gibt es natürlich jetzt weder Licht noch Telephon), bis die ängstlich wartenden Kameraden draussen von dem glücklichen Abgang dieser kritischen Episode endlich erfuhren. (Schluss folgt.)

Vom Bodensee. Konstanz, 28. Sept. ag (Wolff.) Der Wasserstand des Bodensees ist immer noch im Steigen begriffen. Heute morgen betrug der Wasserpegel an der Konstanzer Bucht 5,10 Meter, also 70 Zentimeter mehr als am Samstag. Das Wasser überflutet bereits die Ufer und hat zwischen Radolfzell und Konstanz teilweise das Bahntrasse erreicht. Aus dem Gebiet des Rheins bis nach Waldshut werden keine nennenswerten Ueberschwemmungen gemeldet.

der Bericht in e-newspaperarchives

Neue Zürcher Zeitung, Nummer 1631, 29. September 1927 Ausgabe 03

Die Hochwasserkatastrophe. Fahrt durch Liechtenstein. (Schluss.)

Bb. Vaduz, Mittwochabend. Allem Anschein nach dürfte das Dorf Ruggell als verloren zu betrachten sein; man wird dankbar sein müssen, wenn es wenigstens gelingt, alle Menschen zu retten. Die nächsten Stunden müssen Aufklärung bringen, ob in der Zwischenzeit Ruggeller im Dorf gestorben sind, ob sich in den tieferliegenden Wohnräumen Leichen Ertrunkener befinden. Die Geretteten selbst wissen nur wenig Genaues zu berichten, da sie mit eigenen Sorgen genug zu tun hatten und es für sie unmöglich war, von einem Haus in das andere zu gelangen. Auch ein Laie sieht es, dass es ganz unmöglich ist, in wenigen Tagen den Rhein in sein altes Bett zurückzuzwingen.

Monate werden nötig sein, um die beiden Dammbrüche bei Schaan und bei Bendern wieder zu schliessen, und während dieser Zeit wird der Rhein in dem neuen Bett fliessen, das unglückseligerweise durch das liechtensteinische Ländchen und besonders durch das Dorf Ruggell zieht. Dieser langen Zeit und den Wassermengen werden wohl auch die solidesten Häuser nicht standhalten können. Jetzt schon kommen Berichte. von Geretteten, dass verschiedene Häuser einzustürzen drohen. Für die Bevölkerung wird das Ländchen neue Unterkunfts- und Lebensmöglichteiten suchen müssen.

Die Meldung, dass gestern auch der Ortspfarrer von Ruggell ans Land herübergebracht worden sei, dürfte nach dem, was ich am Ufer vernahm, nicht stimmen. Nach den Aussagen der gestern Herübergekommenen hat der Pfarrer erklärt, im Dorf zu bleiben, bis der letzte Ruggeller glücklich an Land gekommen ist; er wohnt zum Glück in einem soliden, etwas höher gelegenen Hause neben der Kirche. Die Nachricht dürfte dadurch entstanden sein, dass augenblicklich der in Zürich amtierende katholische Pfarrer Dr. Matt, ein geborener Ruggeller, sich in ver Unglücksgegend befindet. Kurz entschlossen fuhr er gestern nachmittag mit einem ins Dorf steuernden Ponton hinüber und konnte seinen 73jährigen Vater endlich bewegen, sein Häuschen, das er vom ersten Tage seiner Geburt an bewohnte, zu verlassen.

Der alte Mann willigte ein, aber erst nachdem die Pontoniere sein wertvollstes Stück Vieh mit in den Ponton geladen hatten. Es war ein ergreifendes Bild, den alten Mann mit seiner Lieblingskuh, von seinem Sohn unterstützt, an Land steigen zu sehen. Noch immer hört man über den See herüber Hornsignale und sieht winkende Leute auf den Dächern. Die Rettungsmannschaft leistet das Menschenmöglichste, um alle Leute an Land zu bringen, die durch eine Verfügung der liechtensteinischen Regierung nunmehr im Notfall mit Gewalt aus den Häusern herausgenommen werden sollen. Sind einmal die Menschen gerettet, so wird man auch versuchen, das Vieh an Land zu bringen.

Vielleicht gelingt es unsern Sappeuren, die neben österreichischen Hilfstruppen brüderlich hämmern, graben, aufschütten und eindämmen, auch noch, einen Steg hinüber zu führen, der für die Rettung von Vieh und Hausrat dienen könnte. Die im Dorf in den letzten Tagen erfolgten Erkrankungen dürften auf den Genuss des Rheinwassers zurückzuführen sein; denn die Milch wird knapp und Trinkwasser ist längst keines mehr vorhanden, da alle Leitungen und Quellen zerstört sind. Schlimm, aber unvermeidlich ist, dass zurzeit nicht alle Ruggeller wissen, wo sich ihre Angehörigen befinden und ob sie schon gerettet sind; denn ein Teil des Abtransportes erfolgt durch das fast leere Flussbett des Rheins gegen die schweizerische Seite hin; andere Boote bringen die Leute nach dem Schellenberg auf liechtensteinischem Gebiet. Wasser ist ärger als Feuer!

Die alte Wahrheit dieses Satzes habe ich in diesen Tagen im Bündner Land und im Liechtensteinischen wieder einmal mit eigenen Augen feststellen können. Wer es nicht gesehen hat, macht sich keinen Begriff, was wildgewordenes Wasser vollbringen kann und wie ungeheuer viel menschliche Kraft es braucht, des Elementes Herr zu werden, wobei schon mit den ersten Vorarbeiten kostbare und uneinbringliche Stunden verloren gehen. Das Dorf Ruggell bildet eine grosse Insel mitten im neu gebildeten Seebecken, in deren Mitte durch das Dorf hindurch der Rhein seine trüben Fluten wälzt, weiter wild an der Vernichtung der einst stattlichen Gemeinde arbeitend. Das Rettungswerk auch in der Nacht fortzusetzen, dürfte ganz unmöglich sein, da in der Dunkelheit die Schwierigkeiten des Durchkommens durch tausenderlei Hindernisse vermehrt werden.

Bevor ich gestern Ruggell besuchte, besichtigte ich am Vormittag auch das übrige zerstörte Gebiet von Liechtenstein, vor allen Dingen Schaan, das neben Ruggell am meisten gelitten hat. Schon von Luziensteig aus erblickt man den See, aus dem die stehen gebliebenen Bäume herausragen. Bei Schaan führt von Buchs her die Bahn auf einer eisernen Brücke über den Rhein. Die Höherlegung der Brücke ist längst vorgesehen, konnte aber bisher noch nicht ausgeführt werden. Hier durchbrach auf dem rechten Ufer am Sonntagabend der hoch angeschwollene Rhein den Damm und riss Liechtenstein ins Verderben hinein. Dieser Dammbruch hatte dann zur Folge, dass das schweizerische Rheintal rasch aus der Wasserflut herauskam, da der Rhein rapid sank, sobald er sein altes Bett verlassen hatte, aber nunmehr bemächtigte sich das wütende Element unseres kleinen Nachbars, dessen wertvolles Land zwischen Rhein und den Bergen oberhalb Vaduz der Zerstörung anheimfiel.

In Schaan wird immer noch fieberhaft gearbeitet. Feuerwehrleute und schweizerisches und österreichisches Militär gehen gemeinsam der Vernichtung zuleibe und retten und reparieren, was sie können. Eine Trümmerstätte bildet das ganze Land; die etwas tiefer liegenden Häuser und die Strassen und Felder gegen den Rhein zu sind mit meterhohem Wasser überdeckt, und überall muss man Notstege benutzen, um weiterzukommen. Eifrig wird das Wasser aus den Kellern gepumpt und geretteter Hausrat (wem mag er gehören?) in Sicherheit gebracht, ein wüstes Durcheinander von Möbeln, Feldfrüchten, Geschirr, Dachziegeln, Waren, Bäumen, Gartenzäunen, Büchern usw.

Der durch das Wasser an den Hauswänden eingefeuchtete Strich zeigt deutlich, wie hoch das Wasser gestanden ist (3 bis 4 Meter) und wie entsetzlich der Durchbruch sich hier am ersten Ort nach der Bahnbrücke auswirkte. Zwei Personen fielen dem Einbruch zum Opfer, der Stationsgehilfe von Schaan und seine Frau. Der Bedauernswerte wurde am Montag früh, die Hände in einen Leitungsmast verkrallt, stehend tot aufgefunden. Wahrscheinlich kam er beim Suchen nach seiner Frau, die neben ihm weggeschwemmt wurde, ums Leben; ihre Leiche konnte noch nicht gefunden werden; sie dürfte mit dem Rhein längst in den Bodensee getrieben worden sein.

Auch der Bahnhof von Schaan stand tief im Wasser, doch ist er heute wieder frei und hat wenig gelitten. Ich versuche, auf dem zerstörten Bahngeleise von der Station weg bis zur Bruchstelle des Dammes Richtung Rhein vorwärtszudringen, was aber nur teilweise gelingt. Alles ist zerschlagen und zerstört, das. meiste vom Damm weggeschwemmt, unter den Schienen und Schwellen fliesst das Wasser hindurch. Brücken und Stege sind zerschlagen, die Telephonstangen und Leitungsmaste zum Teil umgelegt, ein Gewirr von Drähten erfordert grösste Aufmerksamkeit. Stellenweise fliesst der Rhein über den Bahndamm und die Schienen hinweg; mit ein paar langen Stangen gelingt es, balancierend über die Hindernisse hinüberzukommen.

Die Schienen ragen zum Teil in den groteskesten Formen, mit den eisernen Schwellen noch behaftet in die Luft, rechts und links gurgelndes Wasser, Lehm, Schutt, Sand, Steine, Emd, geknicktte Bäume. Hie und da ragt noch eine Herbstblume aus einem weggeschwemmten Garten hervor, und ein vollbeladener Obstbaum wartet auf das Endwerk der Vernichtung, da und dort ein stehengebliebener Kilometerstein, ein eisernes Signal. Von Wegen, Stegen und Strassen ist nichts mehr zu sehen, nur Gebüsch zeigt an, dass da und dort ein Feldweg oder ein Bach durch die Wiesen führte.

Im Dorf wimmelt es von Neugierigen, die nach Möglichkeit zurückgehalten werden, da das Besichtigen der Einbruchsstellen mit Lebensgefahr verbunden ist. Sie rücken per Auto von Oesterreich und der Schweiz an, zu Fuss, mit Wagen und auf Rädern; wenn jeder von ihnen nur einen Franken bezahlen müsste, könnten Tausende an Liebesgaben gewonnen werden. Ein paar im Dorf aufgestellte Büchsen für Spenden finden leider wenig Beachtung, dafür sind aber die Wirtshäuser bis unters Dach gefüllt. Von der Höhe der Kirche aus hat man einen guten Ueberblick über das überschwemmte gewaltige Gebiet und die Einbruchsstelle bei der Brücke, auch die bekannte Holzbrücke von Buchs nach Schaan ist den Fluten zum Opfer gefallen.

Die Durchbruchsstelle hat eine Länge von mindestens 250 Meter; hier schiesst jetzt der Rhein ins tieferliegende Wiesland hinein; nur ganz wenig Wasser fliesst im alten Bett weiter. Bis zum zweiten Pfeiler auf der linken Seite ist die Bahnbrücke stehen geblieben, alles andere ist in den Fluten verschwunden. Um in die rheinwärts gelegenen Gebiete zu gelangen, müssen wir mit dem Auto über Feldkirch fahren. Der liebenswürdige österreichische Zollvorstand lässt unsern Wagen durch, trotzdem wir keinerlei internationale Ausweise für das Auto, die zum Passieren der Grenze nötig sind, besitzen.

An der Grenze treffen wir zum Glück den Hofkaplan Alfons Feger aus Vaduz an, der im Begriffe ist, eine Hilfsaktion im Ländchen selbst zu organisieren und unter dessen Führung ich in das jenseitige zerstörte Gebiet gelange. Wir müssen zum Teil für den Autoverkehr verbotene Feldwege benützen, um von Mauern her den Schellenberg zu erklettern und von dort aus in die Tiefe zu fahren, wo Ruggell vor uns liegt.

Die weitere Fahrt zeigt immer mehr, wie schwer Liechtenstein gelitten hat, ein Ländchen mit etwa-10,000 Einwohnern, die wirtschaftlich seit 1924 eng an uns angeschlossen sind und die kaum die Währungskatastrophe einigermassen überwunden haben. Sie sind jetzt zum zweiten Mal vom Schicksal grausam angefasst worden und unmöglich in der Lage, den augenblicklich noch nicht berechenbaren Schaden selbst zu tragen. Allein an Strassen sind 25 km zerstört worden und dazu der grösste Teil des urbaren Bodens, von dem fast die gesamte Bevöllerung lebt; was verschont blieb, sind ein paar Dörfchen rheinaufwärts und das Wald- und Berggebiet rechts des Rheins.

Das Völklein blickt sehnsüchtig nach nachbarlicher Hilfe aus und hofft, Mitgefühl in der Schweiz zu finden; ihre Hoffnung wird gewiss nicht zuschanden werden, da bei dieser entsetzlichen Katastrophe das Mitleid an teine Landesgrenzen gebunden sein kann; der Rhein ist ein gemeinsamer Strom, der uns und ihnen jetzt so schweren Schaden zugefügt hat. Gelitten haben auch die Ortschaften Gamprin, Mauern, Eschen und Bendern, deren Häuser zum Teil am Wasser liegen. Schlimm sieht es vorab in Bendern aus, wo dem Rhein ein zweiter gewaltsamer Durchbruch geschaffen wurde, in der Hoffnung, ihn wieder ins alte Bett zu zwingen, doch liegt die Talsohle tiefer als der Fluss, der von hier aus, nachdem er sich am äussersten Ausläufer des Schellenberges durchgezwängt hatte, direkt auf Ruggell zuströmt.

Die von Bendern nach Gams über den Rhein führende Holzbrücke ist stehen geblieben; von dort her kommen viele Menschen, um sich das Zerstörungswerk anzusehen. Sie gelangen aber nur bis zum diesseitigen Brückenkopf und stehen dann vor dem neuen Rhein, hinter sich das leere Flussbett, und sie erblicken auf unserer Seite ein paar grössere, fast vollständig zerstörte Wohnhäuser; das Wasser unterwühlte die Fundamente und die sich heranwälzenden Fluten und Steine zerdrückten den Unterbau, sodass die Dächer schliesslich zusammenstürzen mussten. Zum Glück gelang es, den meisten Hausrat zu bergen und ein grosses Warenlager eines Händlers wenigstens zum Teil in Sicherheit zu bringen, bevor der Einsturz erfolgte.

Von der Kirche von Bendern aus sieht man rechts und links über das überschwemmte Land. Neben dem Magazin des Händlers stand eine Autogarage mit einer neuen Karosserie; beide sind von den Fluten weggespült worden. Der Händler schildert mir die Erlebnisse der entsetzlichen Sonntagnacht; kaum habe man telephonisch vom Dammbruch gehört, als sich auch schon die Fluten heranwälzten und das elektrische Licht erlosch; in der tiefsten Dunkelheit musste man an die Rettung des Notdürftigsten gehen und den Hausrat der gefährdeten Häuser über den Hang hinauf zur Höhe bringen; dabei stürzten auch noch Wege unterhalb der Kirche ein, wodurch das Chaos noch grösser wurde.

Neben ihm hat ein Mann, der in Amerika sein Glück machte, und der hier in Ruggell jung verheiratet wohnt, sein Häuschen verloren, die Frucht seiner Tätigkeit über dem Ozean. „Am Mississippi kann es nicht schlimmer sein“, erklärte mir seine Frau, und dabei hob sie ihr Kind empor, glücklich, dass wenigstens das Wertvollste gerettet sei. In Eschen steht eine ganz neue Jutefabrik, die vor der Eröffnung stand, tief im Wasser. Die Gemeinde, die finanziell daran beteiligt ist, erleidet schweren Schaden. Und auch hier, wie überall, Zerstörung, wohin das Auge blickt, Schutt, Schlamm und gurgelndes Wasser. Die Ernten sind vernichtet und ratlos stehen die Leute umher, keine Erklärung findend, was nun geschehen soll, da der Winter vor der Türe steht. Hilfe tut not; sie wird und sie muss kommen.

Es ist noch kein Unglück über unser Land und das was ihm benachbart ist, gegangen, wo nicht rasch helfende Mitmenschen einsprangen. Wir wissen, das wird auch diesmal geschehen, wo weit herum in unserm Land, im Bündner Oberland, im Bergell, im Unter-Engadin, im Rheintal, im nachbarländischen Liechtenstein und anderwärts neben grossen Verlusten an Menschenleben viele Familien schwer geschädigt, zahlreiche Menschen um alles gekommen sind und weite Gebiete verwüstet oder ganz zerstört worden sind, die mit eigener Kraft aufzubauen nicht möglich ist.

Unsere Abteilung „Fürsorge“ wird in den nächsten Tagen einen Aufruf an alle Hilfsbereiten veröffentlichen, damit dem Beispiel des Kantons Graubünden folgend, der als Opfer der Katastrophe sich bereits an die eidgenössische Bruderhilfe wendete. Unter dem Eindruck der schweren Bilder und des namenlosen Elendes, die der Berichterstatter in den letzten drei Tagen sehen musste, richtet er vertrauensvoll den Appell an den grossen Leserkreis der „N. Z. Z.“ und an die weiteste Oeffentlichkeit, gipfelnd in dem einen Worte: Helft! Spenden erbitten wir auf Postscheckkonto VIII, 5602, Abteilung „Fürsorge“ der N. Z. Z., unter der kurzen Bezeichnung: „Hochwasserkatastrophe“. Das Ergebnis soll allen Opfern zugute kommen.

Buchs (Rheintal), 29. Sept. ag Im Laufe des. Mittwochabends wurden durch das schweizerische Pontonierdetachement noch 20 Personen aus Ruggell gerettet, darunter die beiden Familien, die den ganzen Tag über um Hilfe gerufen hatten. Es befinden sich jetzt nur noch fünf Personen in den überschwemmten Häusern. Trotz den energischen Vorstellungen der Militärorgane wollen sie ihre Heimwesen nicht verlassen. Auf Befehl des liechtensteinischen Regierungspräsidenten mussten sie eine schriftliche Erklärung über ihre Weigerung unterschreiben. Am Donnerstag werden nochmals Anstrengungen gemacht. die fünf Personen zum Verlassen der Wohnungen zu veranlassen. Im übrigen beschäftigten sich die Pontoniere mit der Rettung der Habe. Mittags werden die Pontons nach Rüti transportiert und nach Rapperswil verladen. Die Pontoniere, die vorzügliche Arbeit geleistet haben, werden nachmittags 3 Uhr in Rüti entlassen. Die obdachlose Bevölkerung von Ruggell wurde vorläufig in Tann, Rüti und Oberriet einquartiert.

Glarus, 29. Sept. ag Wegen der starken Regengüsse sind im Sernftal, besonders in Elm, zahlreiche Erdrutsche und Rüfen niedergegangen. Im Sulzbach und Meissenboden wurden die Wiesen auf mehrere hundert Quadratmeter mit Schutt überführt. Der Schaden ist erheblich.

Hilfsaktionen. Glarus, 29. Sept. ag Der glarnerische Regierungsrat beschloss, zugunsten der Wassergeschädigten in Graubünden, St. Gallen und Liechtenstein eine Hilfsaktion einzuleiten. Die Sammlung soll durch die Gemeinderäte durchgeführt werden. Die Regierung wird den Landesbeitrag später festsetzen. Chur, 29. Sept. pt. Die Liebesgabensammlung des „Freien Rätier“ hat in kurzer Zeit beinahe 2000 Fr. ergeben. Als erste Hilfe für die Wassergeschädigten hat der Regierungsrat einen Beitrag von 5000 Fr. bewilligt.

der Bericht in e-newspaperarchives

Letzte Bearbeitung: 16.12.2025, markus weidmann

Videos zum Thema

Literatur zum Thema

Weitere Ereignisse dieser Art

  • Der unterspülte Abschnitt der Autobahn A13.

    Unwetter 2024 · Misox · GR

    2024 Misox GR

    Am Freitag, 21. Juni 2024 führten intensive Niederschläge im Misox zu Murgängen und Überschwemmungen. Dabei traten mehrere Bäche über die Ufer. Im…

  • Unwetter 2019 · beide Seiten des San-Bernardino-Passes · GR

    2019 San Bernardino GR

    Auf beiden Seiten des San-Bernardino-Passes – sowohl im oberen Misox als auch im Rheinwald – führte das Unwetter zu Schäden an Landwirtschaftsland,…

  • Abbildung zu «Unwetter im Kanton Graubünden, 2005»

    Unwetter 2005 · der gesamte Alpennordhang zwischen der Sarine und dem Alpenrhein · GL/GR/SG

    2005 Kanton Graubünden

    Während des Unwetters vom 21./22. August 2005 entstanden gesamtschweizerisch erfassbare Schäden von rund drei Milliarden Franken. Am stärksten betroffen waren die Kantone…

Alle 107 anzeigen →