

Das Unwetter in der Chronik der Unwetterschäden in der Schweiz
Gerhard Röthlisberger schreibt in seiner „Chronik der Unwetterschäden in der Schweiz“:
Überschwemmungen auf der Alpensüdseite nach intensiven Gewittern. Verwüstungen, Dammbrüche, zerstörte Häuser und Brücken sowie unterbrochene Verkehrswege waren die Folgen.
Nach vorsichtiger Schätzung beliefen sich die Schäden im Tessin auf 11 Millionen, im Bündnerland auf 8 Millionen Franken. In Wirklichkeit dürften die Schäden aber weitaus höher gewesen sein. Drei Personen fanden in den hochgehenden Fluten den Tod. Schwerpunkte waren der Sottoceneri, das Maggiatal, die Magadinoebene und die Leventina im Tessin sowie das Misoxer- und Calancatal, das Bergell, das Oberengadin und das Aversertal im Bündnerland.
Quelle
Röthlisberger, Gerhard: Chronik der Unwetterschäden in der Schweiz. Berichte der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft, Nr. 330, 1991. download
Das Hochwasser im Kanton Graubünden
Der Jahresbericht der Naturforschenden Gesellschaft Graubünden berichtet: “Rüfen gehen in Trun und Trimmis nieder. Der Haldensteiner Brücke reisst der hochgehende Rhein den dorfwärts liegenden Pfeiler weg. Im Oberengadin durchbrechen Inn und Flazbach die Dämme, so dass die Ebene bei Samedan und Celerina zum See wird. In Samedan stehen zahlreiche Häuser bis zum 1. Stockwerk im Wasser. Die Verbindung mit Pontresina ist durch Zerstörung oder Beschädigung der Brücken unterbrochen.
Noch schwerer sind die Hochwasserschäden im Misox und Calancatal, wo zahlreiche Brücken, Strasse und Bahn beschädigt werden. Da der Verkehr vollkommen unterbrochen und mehrere Dörfer abgeschlossen sind, versorgen Flieger der Armee die Bevölkerung mit Lebensmitteln. Die Lawinen des Winters und die Hochwasser des Sommers lassen die ohnehin schwierige Lage unserer Südtäler geradezu trostlos erscheinen.
Kritisch ist die Situation auch bei Castasegna, wo ein grosser holländischer Car und 2 Personenwagen durch eine Rüfe eine Strecke weit weggeschwemmt werden. Der Bodensee steigt in 2 Tagen um 25 cm, was einer Zunahme seines Volumens von rund 140 Millionen Kubikmeter gleichkommt.“

Quelle
- Naturchronik für das Jahr 1951. Jahresbericht der Naturforschenden Gesellschaft Graubünden. Band 83 (1950-1952)
- Conrad, H.: Die Rhätische Bahn und das August-Hochwasser 1951. „Der öffentliche Verkehr“, Heft 8, August 1952. download
Literatur
- Nachtragsbotschaft des Bundesrates an die Bundesversammlung zum Entwurf eines Bundesbeschlusses über die Hilfeleistung an lawinen- und hochwassergeschädigte private Eisenbahngesellschaften. November 1951. Mit detailierten Angaben zu den Schäden der RhB. download
- Boldini, Rinaldo: Alluvioni catastrofiche nel Moesano. In: Quaderni grigionitaliani. Band 21, 1951-1952. Heft 1 download
- Thams, J.C.: Die Hochwasser vom August und November 1951 am Alpensüdfuss der Schweiz. Wasser- und Energiewirtschaft, Band: 44 (1952), Heft: 9. download
- Quervain, M. De / Zingg, T.: Die aussergewöhnlichen Schneefälle vom Januar und Februar 1951 in den Schweizer Alpen und ihre Folgen. Wasser- und Energiewirtschaft, Band: 43 (1951), Heft: 12. download
Medienberichte zum Ereignis
Neue Zürcher Zeitung, Nummer 1714, 8. August 1951 Ausgabe 03
Verkehrs Unterbrüche in Graubünden. Genf, 8. Aug. ag Der Touring-Club der Schweiz meldet: Durch Niedergänge von Geröll- und Schuttmassen sind die Oberalpstrasse und die Malojastrasse für jeglichen Fahrzeugverkehr bis auf weiteres gesperrt. Die Strasse Chur-Landquart ist vorübergehend unterbrochen, wird jedoch im Laufe des Mittwochnachmittags wieder geöffnet werden. Für die Oberalpstrasse und die Strecke Chur-Landquart ist ein Bahntransport möglich.
Chur, 8. Aug. ag Infolge der anhaltenden starken Regenfällc in der Nacht zum Mittwoch ist mitten im Dorfe Trans im Bündner Oberland eine Rüfe niedergegangen und hat die Kantonsstrasse mit Holz und Geschiebe überdeckt. Bei Trimmis hat die Dorfrüfe eine Brücke zerstört, so dass die Strassenverbindungen ebenfalls unterbrochen sind.
Autounglück im Bergell. Castasegna, 8. Aug. (p-i.-Tel.) In Castasegna im Bergell hat der Fluss Lovero, der infolge starker Gewitter Hochwasser führt, das italienische Zollhaus überschwemmt. Ein Autocar aus Holland wurde mit den 25 Insassen von den Fluten fortgerissen. Die Passagiere konnten gerettet werden. Dagegen verschwand ein anderes Auto, das von zwei Personen besetzt war, in den Fluten. Aus einem weitern Auto konnten sich zwei Erwachsene retten, während ein Kind ebenfalls verschwand. Einzelheiten über das schwere Unglück sind noch nicht bekannt.
der Bericht in e-newspaperarchives
Neue Zürcher Zeitung, Nummer 1716, 9. August 1951
Der Inn tritt im Oberengadin über die Ufer. Samedan, 8. Aug. ag Zwischen Celerina und Samedan hat der Inn an drei Stellen den Damm durchbrochen. Ein grosser Teil der breiten Ebene steht unter Wasser. Die Strassen nach Pontresina und Celerina sind für den Verkehr gesperrt. Beim Golfplatz erreicht das Wasser eine Höhe von zwei Metern. Eine Garage und einige Häuser stehen bis zum ersten Stock unter Wasser. Die Feuerwehr von Samedan wurde schon am Vormittag aufgeboten und steht für Evakuierungen bereit.
Verkehrsstörungen bei der Rhätischen Bahn. Brückeneinsturz bei Samedan. Chur, 8. Aug. ag In Samedan hat der hochgehende Inn ein Widerlager der 25 Meter langen Eisenbrücke der Bahnlinie Samedan-Pontresina unterspült, so dass die Brücke einstürzte und der Verkehr eingestellt werden musste. Die Bahnlinie Bellinzona-Mesocco ist an mehreren Stellen unterbrochen.
Der Rüfenniedergang in Castasegna. Castasegna, 8. Aug. (p.k.-Tel.) Am Mittwochmorgen um 9 Uhr 35, nach lang anhaltendem Regenfall, hörte man plötzlich im ganzen Dorf ein starkes Krachen, und gleich darauf wurde das durch den Lovere-Bach angeschwemmte Holz durchbrochen. Mit grosser Gewalt stürzte der Bach, der die Grenze zwischen der Schweiz und Italien bildet, auf der italienischen Seite am Grenzhaus vorbei und riss das kleine Haus des italienischen Automobilclubs und das italienische Grenzwachhäuschen mit sich.
Ein Autocar mit einer holländischen Reisegesellschaft, der auf der italienischen Seite zur Abfertigung bereitstand und neunzehn Personen mit sich führte, wurde weggerissen. Wie durch ein Wunder konnten sämtliche Passagiere gerettet werden, da der Car etwa vierhundert Meter unterhalb der Strasse Stillstand. Glücklicherweise überschlug sich der Wagen nicht. Zwei französische Citroen-Wagen mit Insassen wurden ebenfalls weggerissen. Aus dem einen Wagen konnten zwei Personen gerettet werden, während ein Kind vermisst wird. Aus dem zweiten Wagen fehlen zwei Personen. Die Namen sind im Augenblick noch nicht bekannt. Es ist zu befürchten, dass zumindest das Kind nicht mehr gefunden werden kann, während gerüchteweise verlautet, dass sich die zwei erwachsenen Personen des zweiten Wagens auf die andere Talseite retten konnten.
Der ganze Platz vor dem italienischen Grenzhaus ist mit Schutt und Steinen von ungefähr anderthalb Metern Höhe überdeckt. Die Aufräumungsarbeiten wurden sofort in Angriff genommen, doch beschränken sie sich im Augenblick vor allem auf die Räumung des an der Grenze liegenden italienischen Restaurants, dessen Parterre- und Kellerräume völlig mit Schutt bedeckt sind.
Das grosse Wehr der Mera auf Schweizer Seite wurde ebenfalls durchbrochen, und es besteht die Gefahr von weiteren Beschädigungen. Der Postautobusverkehr Lugano – St. Moritz wird vorläufig über Poschiavo aufrechterhalten. Ebenso wird die Autostradale die Verbindung Mailand – St. Moritz über Poschiavo weiterführen. Sofern der Regen aufhört, dürfte die Malojastrasse innerhalb von zwei bis drei Tagen wieder geöffnet werden. Drei Minuten vor dem Niedergang der Rüfe hatten drei vollbesetzte schweizerische Postautos den gefährdeten Platz in Richtung Lugano verlassen.
Ganz besondere Anerkennung gebührt der schweizerischen Grenzwache, die unter Leitung von Feldweibel Vieli in Zusammenarbeit mit den italienischen Grenzwächtern sofort die Rettung der im Car eingesperrten Personen organisierte und auch umgehend mit den Räumungsarbeiten begann.
Sperrung einer Rheinbrücke. Chur, 8. Aug. ag Eine Stütze der Holzbrücke über den Rhein unterhalb Chur, die nach Haldenstein führt, ist vom hochgehenden Rhein weggespült worden. Die Brücke musste für den Verkehr gesperrt werden.
Gesperrte und wieder befahrbare Strassen. Genf, 8. Aug. ag Der Touring-Club und der Automobil-Club der Schweiz melden, dass die Strecke Pontresina-Samedan, die Splügen- sowie die Bernardinostrasse durch Niedergänge von Geröll- und Schuttmassen gegenwärtig gesperrt sind. Die Oberalpstrasse und die Strecke Chur-Landquart sind wieder befahrbar. Die Automobilisten, die sich vom Tessin nach Graubünden begeben wollen, sollen sich vor ihrer Abfahrt über den Strassenzustand erkundigen.
der Bericht in e-newspaperarchives
Neue Zürcher Zeitung, Nummer 1720, 9. August 1951 Ausgabe 03
Die Lage im Misox und in Bellinzona. Bellinzona, 9. Aug. ag Die Linie der Rhätischen Bahnen ist im Misox bei Lumino auf eine Länge von 700 Metern mit Material des Luminobaches überschüttet worden. In San Vittore wurde die Kantonsstrasse in einer Länge von 50 Metern unterbrochen. Der historische Ponte di Valle in Roveredo wurde vom ersten bis zur Hälfte des zweiten Bogens zerstört. Die Ebene von Castione ist vom Wasser der Moesa vollständig überschwemmt. In der Stadt Bellinzona wurden mehrere Plätze und Strassen durch den Schlamm des Dragonato überspült. Der Bahn- und Strassenverkehr zwischen Bellinzona und Locarno, der seit Mittwoch unterbrochen ist, konnte noch nicht wieder hergestellt werden.
Hochwasser im Oberengadin. St. Moritz, 9. Aug. (p.k.-Tel.) Durch die anhaltenden Regenfälle ist auch der Inn von Celerina an abwärts an verschiedenen Stellen über die Ufer getreten. In der Nähe des Golfhauses Samedan hat der Fluss den rechtsseitigen Damm durchbrochen; das Wasser strömt seit gestern über den Golfplatz und die Shellstrasse bis an den Rand des Flugplatzes Oberengadin. Auch der Damm in der Ebene von Bevers und Ponte ist durchbrochen worden, und die Wiesen stehen tief unter Wasser.
Die zweite Eisenbahnbrücke zwischen Samedan und Pontresina wurde ein Opfer des reissenden Baches; das ganze südliche Brückenlager ist eingestürzt. Der Dorfteil Ariefa am südwestlichen Eingang von Samedan steht unter Wasser, das bis zu den Parterrefenstern hinaufgestiegen ist. Auch auf der Bahnlinie liegt Wasser, doch besteht keine Gefahr, dass der Bahnverkehr nach St. Moritz unterbrochen wird. Die Bahnverbindungen Sankt Moritz – Pontresina und St. Moritz – Chur sind intakt. Sehr gefährdet ist im Augenblick die Brücke, die Celerina mit Pontresina verbindet, denn der Flazbach ist sehr stark angestiegen. Schon seit dem Morgen wird der rechtsufrige Brückenkopf unterspült, und während der ganzen Nacht waren Wachen aufgestellt, um einen eventuellen Durchbruch rechtzeitig melden zu können. Im Laufe des Vormittags hat der Regen wieder aufgehört, und zeitweise kommt sogar die Sonne hervor. Da bis ungefähr 2700 Meter herunter Schnee gefallen ist, muss man erwarten, dass auch die Wassermengen abnehmen werden. Es sei darauf aufmerksam gemacht, dass keiner der Engadiner Kurorte irgendwelchen Gefahren ausgesetzt ist.
Die Sperrung einer Rheinbrücke bei Chur. Haldenstein, 9. August. (Privat Tel.) Wie hier bereits kurz gemeldet wurde (vgl. Nr. 1716 der „NZZ“ vom 9. August), ist am Mittwoch gegen 16 Uhr die mittlere Stütze der Holzbrücke, die unterhalb von Chur über den Rhein nach Haldenstein führt, durch das plötzlich anschwellende Wasser. weggespült worden. Gegenwärtig ist es nur den Fussgängern gestattet, die Brücke zu begehen. Die Baudirektion prüft nun, ob nicht auch leichteren Autos das Befahren der Brücke gestattet werden kann. Das Wasser des Rheins ist seit gestern abend um einen Meter zurückgegangen. Heute morgen fiel in dieser Gegend Graubündens kein Regen mehr. Das Wetter scheint sich zu bessern.
Strassensperrung im Rheinwald und Safiental. Chur, 9. Aug. ag Zwei Erdrutsche haben die Rheinwaldstrasse zwischen Zillis und Andeer sowie unterhalb Sufers überschüttet, so dass der durchgehende Verkehr wiederum eingestellt werden musste. Im Safiental ist bei Safien-Mura eine Stützmauer eingestürzt. Die Strasse nach Talkirch ist gesperrt. Die Telephonverbindungen nach dem Bergell sind vorläufig unterbrochen.
der Bericht in e-newspaperarchives
Neue Zürcher Zeitung, Nummer 1722, 10. August 1951
Das Hochwasser im Engadin. Samedan, 9. Aug. (K. W.-Tel.) Heute, Donnerstag, 15 Uhr 30, 24 Stunden nach dem Einsturz der einen Eisenbahnbrücke der Samedan-Pontresina-Linie der Rhätischen Bahn, der ungefähr den Höhepunkt der Katastrophe darstellte, bestrahlt die nach gefährlich langer Fortdauer des Regens wieder erschienene Sonne eine vollständig veränderte Landschaft: die Reihe der Seen zwischen Maloja und St. Moritz setzt sich fort von Celerina über Samedan und Bevers bis nach La Punt-Chamues-ch.
Der Wasserstand ist seit heute morgen allerdings um anderthalb Meter zurückgegangen, wodurch sich die Wasserflächen etwas verkleinert haben. Aber immer noch reichen sie, nur zum Teil beruhigt, auf beiden Seiten an die Autostrasse zwischen Celerina und Samedan heran. Der Verkehr ist hier ungehemmt, nur gerade beim besonders schlimm mit’ genommenen Dorfeingang von Samedan durch Feuerwehrleute geregelt, woraus der Schluss zu ziehen ist, dass eine Unterspülung der Strassenverbindung zwischen Ober- und Unterengadin nicht befürchtet wird.
Die Bahnstrecke Samedan-Sankt Moritz ist noch benützbar, wird aber sehr vorsichtig befahren, da stellenweise nur gerade die Schienen aus dem Wasser ragen. Dagegen ist die schnurgerade Strasse zwischen Samedan und Pontresina etwa auf Kilometerlänge noch ganz unter Wasser, das sich an einzelnen Stellen noch in hohen Fluten talabwärts wälzt. Deutlich ist oberhalb des Dorfes Samedan die Stelle erkennbar, wo die vereinigten Gewalten des Inn und des Flazhachs den schlimmsten von mehreren Dammbrüchen verursacht haben. Die eiserne Bahnbrücke über den Inn, unmittelbar nach dem Bahnhof Samedan. Richtung Pontresina. steht noch; zusammengestürzt ist die nach etwa 20 Metern folgende weitere Eisenbrücke, die das Strässchen nach dem Flugplatz und einen kleinen Bach überquert.
Vor der Eröffnung einer Notbrücke müssen die Wassermassen abfliessen, was noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Von einer eigentlichen Reparatur der Schäden kann noch keine Rede sein. Doch nimmt die Sicherung der Uferpartien, die Bergung von entwurzelten Bäumen und von Waren aus den beim Dorfeingang von Samedan unter Wasser gesetzten Liegenschaften eine Menge von Arbeitskräften in Anspruch. Die Schadensumme entzieht sich einstweilen noch allen Mutmassungen. Neben den besonders dramatisch erscheinenden Elementarschäden in Samedan und seiner nächsten Umgebung werden auch die über die ganze Talschaft und über das Gebiet weiter Gemeinden sich ausdehnenden Überschwemmungen eine schwere Last bilden. Man versteht es mit den Gefühlen tiefster Anteilnahme, dass die Oberengadiner die Wassernot des Hochsommers als eine Heimsuchung empfinden, die ein besonders schmerzliches Gegenstück zu den noch lange nicht verwundenen Lawinenkatastrophen bildet.
Die Verkehrsverhältnisse in Graubünden. Chur, 9. Aug. ag Der Bahnverkehr auf der Strecke Bellinzona–Mesocco musste infolge der grossen Wasserschäden vollständig eingestellt werden. Da auch die Strassen auf weite Strecken zerstört sind, sind das Misox und das Calancatal von der Aussenwelt ab geschnitten. Zwischen Pontresina und Bernina-Suot ist das Geleise der Berninabahn unterspült worden. Der Verkehr Pontresina-Berninahäuser wird durch Postautos aufrechterhalten.
Chur, 9. Aug. ag Das kantonale Baudepartement von Graubünden teilt mit, dass entgegen einer anderslautenden Meldung die Strasse Thusis-Andeer nicht gesperrt und also befahrbar sei. Die Strecke Andeer-Misox sei indessen weiterhin unterbrochen.
Ein Todesopfer bei Thusis. Thusis, 9. Aug. ag Der in der Nacht zum Donnerstag mit der Räumung einer durch das Unwetter gefährdeten Materialbaracke beschäftigte 31 jährige Feldweibel Thomas Aebli aus Sufers, Werkhofchef eines Artilleriewerkes, ist auf der Heimfahrt mit dem Fahrrad tödlich verunglückt. Da die über den Suretta-Bach führende Betonbrücke durch Hochwasser weggeschwemmt ist, muss angenommen werden, dass Aebli in der Dunkelheit in den Bach gestürzt ist. Die Leiche des Ertrunkenen konnte in den Morgenstunden des Donnerstags geborgen werden.
der Bericht in e-newspaperarchives
Neue Zürcher Zeitung, Nummer 1739, 13. August 1951
Die Zerstörungen im Misox Chur, 12. Aug. f-ini). Das Misox teilt mit dem benachbarten Tessin das Schicksal, zu jenen Gegenden der Schweiz zu gehören, die unter den jüngsten Hochwasserkatastrophen am meisten zu leiden hatten. Die ununterbrochenen Regengüsse in der Nacht auf den Mittwoch und im Laufe des Mittwochs liessen harmlose Rinnsale zu reissenden Bergbächen anschwellen, und die Abflussmengen der beiden Flüsse Moesa und Calancasca erreichten am Mittwoch alarmierende Ausmasse.
Um die Mittagszeit wurde in Roveredo die Feuerwehr aufgeboten. Etliche Häuser des Dorfes standen bereits unter Wasser. Kurz nach zwei Uhr stürzte ein Teil der jahrhundertealten steinernen Brücke, die die beiden Dorfteile verbindet, krachend in sich zusammen. Die Strasse zwischen Roveredo und Sassello wurde allmählich unterspült, bis das ganze Trasse in den Fluten verschwand. Am späten Nachmittag war das Dorf ohne Verbindung mit der Aussenwelt, ohne Licht und zum Teil auch ohne Trinkwasser. Das Telephonkabel war bei Roveredo zerstört worden, die Strasse bei San Vittore und Luino unterbrochen.
Eine grosse Rüfe hatte bei Luino auch das Geleise der Rhätischen Bahn auf einer Länge von 609 Metern verschüttet und zum Teil unterspült. Bei Molinazzo hatte der Riale d’Arbedo die Bahnanlagen stark beschädigt. Ein trostloses Bild bot sich zwischen Roveredo und Grono. Die Calancasca war bei der Eisenbahnbrücke gestaut worden, hatte das alte Flussbett aufgefüllt und sich einen neuen Weg über fruchtbares Kulturland östlich Roveredo gebahnt. Der Bahndamm war weggespült worden, die Strasse auf einer Länge von 400 Meter zerstört. Das Wasser hatte sich sechs Meter tief in den Boden eingegraben.
Zwischen Sorte und Lostallo hatte die Moesa das Geleise unterspült, und bei Ponte del Sasso unterhalb Soazza war die Strasse beschädigt worden. Inzwischen ist es gelungen, die Schäden im oberen Teil des Tales zu beheben, so dass die Bahn zwischen Grono und Mesocco wieder normal verkehrt und die Strasse für den durchgehenden Verkehr bis Thusis freigegeben werden konnte. Im unteren Teil des Tales ist die Strasse von der Tessiner Grenze bis oberhalb San Vittore befahrbar. Der Bahnbetrieb konnte auf der Strecke Castione-Roveredo in beschränktem Umfang wieder aufgenommen werden. Zwischen Bellinzona und Castione sollen die Schäden am Bahnkörper bis Montagmorgen provisorisch behoben sein.
Schwer heimgesucht wurde besonders das Calancatal. Von Grono aus führt die Strasse in zahlreichen Kehren bis zur Talsohle hinauf. Eine Abzweigung verbindet Castaneda und Santa Maria mit der Hauptstrasse. Diese zwei auf einer sonnigen Terrasse gelegenen Dörfer blieben von der Katastrophe verschont.
Von der Abzweigung bis Buseno, dem ersten Dorf auf dem Talgrund, hatten kleinere Rüfen die Strasse an verschiedenen Stellen unterbrochen, doch konnten die Schäden rasch behoben werden. Die neuen Werkanlagen der Calancasca-Aktiengesellschaft in Buseno (Sommerfassung und Stauanlage) haben die schwere Belastungsprobe glänzend bestanden und überhaupt keinen Schaden erlitten. Die Calancasca führt im allgemeinen nur bescheidene Wassermengen, zur Zeit der Schneeschmelze übersteigen die Hochwasser nur selten 40 Kubikmeter pro Sekunde. Das Stauwehr des Calancasca-Werkes wurde für die Ableitung einer Katastrophenwassermenge von 400 Kubikmetern pro Sekunde dimensioniert. Am Mittwoch wurden jedoch Abflussmengen von 500 Kubikmetern pro Sekunde gemessen.
Nach Ansicht von Kantonsoberingenieur Abraham Schmid ist es dem Stauwehr zu verdanken, dass Grono einer Katastrophe entgehen konnte. Das Wehr hat die erste riesige Flutwelle aufgehalten. Im Staubecken von 760 000 Kubikmetern Inhalt haben sich Baumstämme, Wurzelwerk und Geschiebe angesammelt. Zwischen Buseno und Arvigo ist die Ponte Nuovo genannte steinerne Brücke teilweise zerstört und für den Verkehr gesperrt. Ein trostloses Bild bietet Arvigo. Im kleinen Vorort Antiglio hat die Calancasca die Sägerei Rigassi vollständig zerstört. Das gegenüberliegende Haus des Elvezio Scolari steht nur noch zur Hälfte. Die vordere Seite ist von den Flutwellen erfasst und mitgerissen worden. Die Bewohner konnten sich nur mit knapper Not in Sicherheit bringen und haben in einem Stall in der Nähe Zuflucht gefunden. Die Strasse ist auf einer Länge von 1,3 Kilometer weggespült worden.
Der Riale d’Arvigo hat die Wuhranlagen zerstört und die Sägerei Denicola vollständig unter Wasser gesetzt. Zwei Häuser sind unter den Schuttmassen verschwunden. Im oberen Teil des Tales sind fast alle Brücken, die die Dörfer mit der Landstrasse verbinden, zerstört oder schwer beschädigt worden. Der Riale di Rode hat die Strasse zwischen Cauco und Santa Domenica mit Geröll überschüttet. Auch bei Augio und Rossa, dem letzten Dorf des Tales, ist die Strasse an zwei Stellen unterbrochen. Grosse Kulturschäden hat die Hochwasserkatastrophe bei Selma und Augio angerichtet.
der Bericht in e-newspaperarchives
Neue Zürcher Zeitung, Nummer 1747, 14. August 1951
Nach der Unwetterkatastrophe. Fliegerhilfe für das Calancatal. Dübendorf, 13. Aug. ag Die Abteilung Flugwesen und Fliegerabwehr teilt mit: Wie in den Monaten Januar und Februar, bei den ausserordentlichen Lawinenniedergängen unsere Fliegertruppe durch Versorgung der eingeschlossenen Talschaften Hilfe geleistet hatte, so machen jetzt die Verheerungen der letzten Woche Fliegerhilfe notwendig. Die Hilfeleistungen gelten diesmal dem Calancatal, dessen Verkehrswege besonders schwer hergenommen worden sind.
Nachdem die von einem Einsitzer durchgeführte Rekognoszierung der Anflugverhältnisse ergeben hat, dass trotz den vielerorts an den Bergen aufliegenden Wolken und der unsicheren Wetterlage eine Aktion im Bereiche der Möglichkeit liegt, startete am Montagnachmittag eines der bewährten dreimotorigen Junkersflugzeuge zum Fluge über die Alpen. Der Auftrag lautete, in den Ortschaften Augio und Braggio total 1000 kg Brot mit Fallschirmen abzuwerfen. Der Flug konnte trotz den durch die Witterung bedingten erheblichen Schwierigkeiten durchgeführt werden. Ein weiterer Lufttransport ist für den Dienstag vorgesehen.
der Bericht in e-newspaperarchives
Neue Zürcher Zeitung, Nummer 1749, 14. August 1951 Ausgabe 02
Nach der Unwetterkatastrophe. Der Telephon- und Bahnverkehr im Misox Chur, 13. Aug. ag Am Montagnachmittag konnten die Telephonverbindungen mit dem Misoxtal wieder hergestellt werden. Dagegen ist mit dem Calancatal noch keine Telephonverbindung möglich. Der Bahnverkehr konnte am Montag auch auf der Strecke Bellinzona-Castione aufgenommen werden, so dass die Züge zwischen Bellinzona und Roveredo wieder normal verkehren können. Auch zwischen Grono und Mesocco funktioniert der Bahnverkehr. Unterbrochen ist er zwischen Roveredo und Grono, da die Calancasca dort ein neues, tiefes Bett gegraben hat. Es ist beabsichtigt, hier eine provisorische Brücke zu bauen.
der Bericht in e-newspaperarchives
Weitere Medienberichte
Letzte Bearbeitung: 16.12.2025, markus weidmann

