

Das Unwetter von 1762 in der Chronik der Unwetterschäden in der Schweiz
Gerhard Röthlisberger schreibt in seiner „Chronik der Unwetterschäden in der Schweiz“:
Furchtbarste Wasserkatastrophe der letzten Jahrhunderte. Ursache: Im ganzen Rhein-, Reuss- und Linthgebiet regnete es während 3 bis 4 Tagen und Nächten unaufhörlich und heftig, bei hohen Temperaturen und einsetzender Schneeschmelze.
- Glarus: Unerhörte Wassermassen brachten in den Haupttälern Schrecken und Zerstörungen.
- Graubünden: Furchtbare Wassernot durch Vorder- und Hinterrhein, Plessur, Landquart, Albula, Moesa, Inn und andere Bäche. Alle Brücken, Wege und Hunderte von Häusern wurden zerstört. Betroffene Regionen: Bündner Oberland und Rheintal, Schams, Domleschg, Albula- und Landwassertal, Schanfigg, das ganze Prättigau, das Engadin sowie das Misoxertal.
- St. Gallen: Verheerungen durch den Rhein und seine Zuflüsse. Das ganze Rheintal bis zum Bodensee war 5 bis 6 Fuss, an manchen Orten gar 12 bis 15 Fuss hoch unter Wasser, « … viele Ortschaften fielen dem wütenden Element zum Opfer … », Seezüberschwemmungen.
- Uri: Mit Ausnahme des Urserentales wurde das ganze Urnerland betroffen, « .. die Leute erwarteten ihren völligen Untergang … ». Ausbrüche von Reuss (die ganze Reusstalebene war unter Wasser), Schächen, Kerstelenbach und allen Bergbächen. Betroffene Regionen und Orte: Göscheneralp, Meiental, Wassen, Maderanertal, Amsteg (5 Tote), Erstfeld, Attinghausen, Altdorf, Seedorf, Schächental (1 Toter), « … der Schächen kam so dick wie Brei aus dem Tale hervor und wurde von einer Breite weiter als einen Büchsenschuss … », Flüelen, Riemenstalden, Sisikon.
- Schwyz: Während 15 Tagen überschwemmte die Muota von Bisistal an den ganzen Talboden, « … das Wasser war 4 bis 5 Fuss hoch und die Schiffsleute zu Brunnen fuhren täglich über alle Häge bis zum Gässli oberhalb lngenbohl. .. ».
- Nidwalden: Ausbrüche der Engelberger Aa und aller ihrer Nebenbäche. Der Stanserboden stand während 10 Tagen unter Wasser. Überflutungen auch in Emmetten, Beckenried (Lielibach), Buochs und Hergiswil (Steinibach).
- Bern: Hochwasser der Langeten infolge «extra ordinari Wassergüsse». Genaue Jahreszeit ungewiss.
Quelle
Röthlisberger, Gerhard: Chronik der Unwetterschäden in der Schweiz. Berichte der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft, Nr. 330, 1991. download
Das Unwetter von 1762 im Kanton Glarus
„(…) 1762 begegnen wir einer Katastrophe, welche die schwerste gewesen sein muss. Der Frühling war vortrefflich gut, von neuer Ostern bis Pfingsten war fast Nichts von Regen zu spüren. Hierauf folgte einige Wochen warme, nasse Witterung, die den Heuwachs wieder bereicherte. Diese Witterung endigte dann mit dem traurigen Schluss vom 29. und 30. Brachmonat, auf den eine unerhörte Ueberschwemmung erfolgte.
Durch den heissen Frühling wurden viel Firnen gespalten, losgerissen und rollten in die Tiefen hinab. Die folgende warme Witterung löste immer mehr auf; dazu trat noch ein starkes Regenwetter ein, welches zwei Tage und zwei Nächte ununterbrochen andauerte. Dadurch wurden die abschüssigen Alp- und Berggegenden locker gemacht, alle Quellen ungemein angetrieben und Bergschlipfe und Erdbrüche stürzten in die Runsen hinunter. Die Hauptströme, Linth, Sernft und Löntsch schwollen fürchterlich an und verbreiteten Schrecken und Verheerung. Es war dies eine in unserm Land fast unerhörte Wasserfluth, mit welcher das grosse Wasser vom Jahr 1726 nicht zu vergleichen sei.
Einmal war die Zerstörung zehnfach grösser, sagt der Chronist Trümpi und anderweitige Quellen, namentlich die Aufzeichnungen eines J. J. Oertli von Ennenda — die uns durch die Gefälligkeit des Hrn. Gemeindschreiber Seb. Jenni in Ennenda überlassen wurden — bestätigen dies.
In Elm wurden alle Brücken weggeschwemmt. Zwei Personen, nämlich Kaspar Elmer und Jgfr. Anna Rhyner, welche den schlechten Steg in der Schwendi über den Sernft passiren wollten, wurden von den Fluthen erfasst und verloren das Leben. Bei diesem Ungewitter wurde auch das Wichlenbad verschüttet.
In Matt wurden zwei schöne Häuser und eine Mühle weggerissen, andere Häuser schwer beschädigt, Felder und Saaten verwüstet. In Engi nahm es mehr als zwei Dritttheile des ebenen Bodens hinweg, sammt mehreren Häusern und vielen Ställen. An den Alpen Fittern und Mühlebach wurde ferner ein grosser Theil Weide ruinirt.
Das Grossthal war ein Schauplatz der Noth. Linthal war am empfindlichsten getroffen. Von einer Pfarrkirche bis zur andern breiteten sich die brausenden Wellen aus. Etliche wohlgebaute Häuser sammt einer Mühle und den dabei liegenden Gütern wurden gänzlich verdorben und unbrauchbar gemacht. Noch mehr Häuser, ja mehr als 20, wurden von fürchterlichem Moraste umgeben, aus dem die Menschen nur mit Lebensgefahr gerettet werden konnten. Die evangelische Kirche und das Pfarrhaus waren zum Theil unter Wasser, die meisten Saaten, Gärten und Länder verdorben. Die Linth nahm den Weg hart beim evangelischen Kirchthurm und der Fluss bestand so mehrere Jahre.
Die Brücke in Rüti wurde übel beschädigt, mehrere Häuser weggerissen. Im Marglen, sagt der schon oben genannte J. J. Oertli, »hat das Wasser eine gar schöne mit kleinen Schindeln bedeckte Bruck wie auch die Mühle vollkommen ruinirt. Im Obmat hat es ein Haus weggenommen. In Betschwanden war man wegen der Kirche in der allergrössten Gefahr. In Hätzingen, Luchsingen, Haslen bis wieder auf Schwanden ist fast alles ebenso verdorben worden. In Schwanden wurden alle Brücken weggerissen und Steg und Weg erbärmlich zugerichtet und unbrauchbar gemacht. Die schön und hoch gewölbte Soolerbrücke wurde von Grund aus weggeschwemmt. Ebenso wurde die kostbare gedeckte Brücke, mehrere Häuser, Farben, Mühlenen und Sägen fortgeführt, viele andere Gebäude sowohl übel zugerichtet.
Das Tagwensbuch von Schwanden, das einzige, welches, einigermassen nähere Aufschlüsse ertheilt, spricht sich über den entstandenen Schaden folgendermassen aus:
»Abgekürzter Bericht des unsern Tagwen getroffenen Schadens im grossen Wasser anno 1762 im Brachmonath. Zu äusserst im äusseren Wyden oder der Hrn. Dorfleuthen von Nitfuhren Ehrlen ist die Linth ausgebrochen, und hat den fast geraden Curs genohmen durch das äussere Wyden, davon sie ein grosser Theil abgeschnitten.
Man hat aber im Oktober die Linth vermittelst Wuhren und gschlagene pfeilhölzeren wieder in die alte Furth richten wollen, da aber solches zimlich unbedachtsam vorgenommen worden, und schon grosse Kosten aufgeschwollen, hat ein grosses Wasser so in einer Nacht gekommen alles ruinirt und hiermit alles in alten Stand gesetzt; doch ist von uns Tagwenleuthen zu Schwanden und auch der Dorfleuthen zu Nitfurhen erkennt worden, noch einmahl die Hand an’s Werk zu schlagen, und zu bequemerer Zeit nämlich bei kleinem Wasser solches anzuheben, um sowohl unsere noch aufrecht gebliebene Almeind zu retten, als der Dorfleuten von Nitfuhrn ihr Allmeind Eirlen, wieder in ein nutzbaren Stand stellen zu können, darbei wurden die Wuhr in dem äussern Wyden verderbt auch hat das Überwasser welches bis an den Berg, gleich einem See gienge, viel Lett und Sand ligen lassen von dem Wyden her, hat das Wasser zu beiden seiten die meisten Wuhr weggenommen auch ab etlichen Gütern Boden genommen bis zum Kohlgaden also es die Wuhrtannen, das Mühlikett, eine Gärbi sammt viel Leder weggerissen, unter den Mühlenen das zweifache Haus unterfressen, nachdem es die vor demselben gelegene breite Gärten zuerst mit grund und grath weggespühlet, welches gedroht augenblicklich zu stürzen Doch aber sehr beschädigt erhalten worden.
Jezo kommt die Reihe an unser Bruck, welche ganz, frühzeitig in’s Wasser gestürzt und bis auf die Wuhrtannen aufrecht wie Schiff gefahren, allwo es Sie zerwürgt hat. Die Ursach ist dass die Bruck so früh gefallen, dass ein grosser Strohm Linth, bei dem Kohlgaden ausgebrochen, durch den Freiberg geloffen und den dasigen Bruckfuss unterfressen worauf die Bruck in wenig Minuten gefallen; unter dem Kohlgaden war das Wasser 4 bis 5 Schuh über den in der Linth stehenden grossen Räckelenstein geloffen, gut war es, dass die Bruck früh weg war, indem dadurch die Furth sehr erweitert wurde und also den oberhalb stehenden Häusern Luft gemacht wurde; das unter der Bruck nächste Haus gehörig Peter Schmid wurde unterfressen und ins Wasser gestürzt. Dem untern nächsten Haus hat es alles Fundament genommen auf der Linthseiten so dass die Hälfte stark gesunken doch noch beruhend auf einer Säule da auf einem Felsen gestanden, erhalten wurde.
Rechter Hand unter der Bruck hat es das Farbhaus, ein ungeheuer ungestaltet Haus solcher gstalt attaquiert dass man alle Augenblick dessen Fall erwartet, doch auch erhalten wurde, worauf es jedoch mit grosser Lebensgefahr abgebrochen worden. Unterhalb hat es alle Wuhr vergängt, die Strass beim Stämpfli weggerissen noch dazu ein Strich ab dem daran stossenden Guth ab welchem Guth die Strass wieder muss genommen und gemacht werden.
Von dem Guth Schwarzenbach hat es wohl zwei Theil genommen sowol Linth als Sernft; dem Mühlehaus und dasigs Gewirb hat es vil gedroht und der Schaden an Wuhren, wegnehmung der Wuhrtanne auch ziemliche Ueberlettung gemacht; von der daran stossenden Fuhr genannt hat Linth und Sernft etwa den 3tel genommen und den Rest stark überlettet; auf der anderen Seiten hat das Wasser ab dem Ehrlen 2 Gang Saaten genommen. Daher hat die Linth, zu welcher der Sernft mit grosser Wuth geschlagen den Lauf alle grede nach dem Katzbrändli zu genohmen und sich durch die Täniberger ein tiefes Bett gemacht. Dabei das alte Linthbeth hoch ausgefüllt zur seithen bleiben lassen obschon noch ein Strom Linth durch Lieutenant Jakob Hämmerlis Tschachen vor dem Stall hinab geloffen, hir ist noch zu melden, dass die Landstrass sehr verletzt wurde im Katzbrändli und im Zehner Täniberg.
Der Sernft hat auch die meisten Wuhr genommen; die Ehrlenbruck ist auch zeitig weggefahren. Die sonst auch gefährliche Rufi und Niedernbach haben uns gütig verschont wofür die göttliche Güte hoch zu preisen ist. Auf hoch obrigkeitlichen Befehl ist der ganze Landschaden durch Herrn Landshauptmann Landolt und Hr. Badener-Landvogt Schuler besichtigt und auf 8 Tonnen Gold geschätzt worden.«
Auch in Mitlödi, Ennenda und Ennetbühl wurden sämtliche Brücken weggeführt und an Saaten und Feldfrüchten enormen Schaden angerichtet. Der Hauptflecken Glarus war durch seine guten Dämme und Schutzwehre vor dem Unfall des Elementes gesichert geblieben.
Netstall hatte ein gar erbärmliches Schicksal. Der wilde Löntsch hatte einige Häuser spurlos weggeschwemmt, noch mehrere unbewohnbar gemacht und brausete durch das Dorf hinab. Die evangelische Kirche, die damals auf einer sichern Anhöhe stund, war nebst Ställen einige Tage lang der Aufenthalt vieler Familien, die mit ihrer Fahrhabe sich dahin geflüchtet hatten. Die ebene Fläche des untern Landes, ob Mollis, von Näfels bis Weesen, von der Ziegelbrücke bis an den rothen Berg war offener See.
Näfels stund tief darin, die Bäche zu Mollis, Näfels, Niederurnen und im Mühlehorn hatten sich auch ergossen und grossen Schaden verursacht. Von den Brücken des Landes blieb einzig die Ziegelbrücke unversehrt, diejenigen in Näfels, in Rüti waren schwer beschädigt, alle übrigen weggerissen.
Wer das Land vorher gekannt und dasselbe nach diesen Fluthen durchwanderte, entsetzte sich über die traurige Verwüstung der Anmuth in Wüsteneien. Der Rath liess eine Schätzung des Schadens durch’s ganze Land aufnehmen, der Verlust solcher, die bis 2000 fl. eigen Vermögen besassen, ferner der Kapitalisten, die an ihren Pfändern einbüssten und der Gemeinden wurde nicht in die Schätzung genommen. Gleichwohl betrug die Rechnung des Verlustes gegen 86’000 Fr. Die obrigkeitliche Kommission sagt, dass sie nicht einmal den 5. Theil der Vernichtung in Berechnung gezogen habe und dass der Gesamtschaden wenigstens auf 5 Tonnen Goldes, resp. 400’000 fl. angeschlagen werden dürfte.
»Man wird in Zukunft«, sagt der Chronist Trümpi, »die Möglichkeit dieser Berechnungen in Zweifel ziehen, welche denen, die den traurigen Schauplatz gesehen, glaubwürdig waren.« Für die Beschädigten wurde anno 1768 eine Landessteuer von 6000 Gulden, resp. von 1 Promille erhoben. Auch flossen etwa 2000 fl. Liebesgaben aus andern Kantonen. Besonders Netstall wurde zudem durch Arbeitsleistungen unterstützt.
Quelle
Legler, D.: Die Wasserverheerungen des 18. Jahrhunderts im Kanton Glarus und die in derselben untergegangene evangel. Kirche. Jahrbuch des Historischen Vereins des Kantons Glarus, Band 16 (1879) download
Das Unwetter von 1762 im Kanton Graubünden
„Fällt irgendwo das Wort Hochwasser, so tauchen im Bewusstsein von uns Älteren sofort die beiden Jahreszahlen 1910 und 1927 auf, und vielleicht denken wir auch daran, dass uns die Grossväter von gewaltigen Überschwemmungen erzählten, die Graubünden Anno 1868 heimgesucht hätten. Doch schon das vorangegangene Jahrhundert hatte, ebenfalls im siebenten Dezennium, seine Wassernöte, und zwar die weitaus schlimmste im Sommer 1762. Ihren Höhepunkt erreichte die Katastrophe wohl an jenem Sonntag, der im alten Kalender als 30. Juni, im neuen aber als 11. Juli gezählt wurde.
Recht ausführlich berichtet wird über die damaligen Schreckenstage in den «Beiträgen zur Naturchronik der Schweiz, insbesondere der Rätischen Alpen» von Professor Chr. G. Brügger. Aus seinen Aufzeichnungen ergibt sich, dass nicht nur das nördliche Graubünden, sondern auch das Berner Oberland, die Kantone Uri und Glarus und das St. Galler Rheintal vom Unglück heimgesucht wurden. Der Rhein durchbrach unten bei Oberried und Au seine Dämme, und man konnte von Sennwald bis Bregenz und Lindau 12 Stunden weit in einem Schiff fahren. Als das Wasser sich dann verlief, war der Boden mit Letten und allerlei toten Kleintieren bedeckt.
Bei uns in Graubünden dagegen haben die reissenden Fluten bedeutend mehr weggerissen als liegen lassen. Am meisten litt, wie übrigens auch im Jahre 1910, das Vorderprättigau. So wurden allein in Grüsch 22 Häuser und viele Ställe zerstört, ferner zwei Mühlen, die Wassersäge, die Rybi, die Walchi und die Wasserschmiede. Bei Schmitten musste die kurz vorher erbaute kostbare und wehrhaft angelegte Brücke weichen, nachdem sie 50 Stunden lang standgehalten hatte und dabei mit Sand und Steinen bis an das Dach gefüllt worden war. Küblis wurde, wie unser Kulturhistoriker J. A. v. Sprecher berichtet, durch die Wasser- und Schuttmassen, die aus der Kapälser Rüfe hervorbrachen, vom Untergang bedroht. Wie durch ein Wunder wandten sich diese aber plötzlich der Landquart zu, und das Dorf war gerettet.
In Davos hauste das sonst so friedlich dahinplätschernde Landwasser mit ungeahnter Wut. Die Wiesen zwischen Platz und Frauenkirch wurden in eine Sand- und Steinwüste verwandelt. Ständerat Andreas Laely berichtet anhand alter Privatchroniken ebenfalls von der «erschröcklichen und niemals erhörten Wassergüsi», die in Glaris vom Bockwaldji bis hinunter nach Ardüs auf beiden Seiten des Landwassers mehrere Heimwesen vollständig weggeschwemmt habe.
Das Wüten der Plessur schildert der Augenzeuge Johann L. Cadenat, der selber zu den arg Geschädigten gehörte, in einem kleinen, von Hand geschriebenen, aber gut lesbaren Büchlein sehr ausführlich. Dieses liegt heute in unserem Staatsarchiv. Auf Cadenats Bericht stützt sich zur Hauptsache die folgende Darstellung, die vor einigen Jahren der von Lehrer Domenic Cantieni redigierten, bisher aber nicht im Druck erschienenen Churer Heimatkunde einverleibt wurde:
„Ein Tag, den die damaligen Churer ihr Leben lang nie mehr vergassen, war der 30. Juni des Jahres 1762, ein Sonntag. Drei Tage und drei Nächte vorher war ununterbrochen warmer Regen gefallen, der im Schanfigg jeden Wassergraben zu einem Bächlein und jedes Bächlein zu einem reissenden Wildbach werden liess und der den Schnee, der in den Bergen von Arosa und am Nordhang des Weisshorns noch lag, plötzlich zum Schmelzen brachte.
Die Plessur schwoll an, zuerst langsam, dann immer rascher. Schon am Samstagabend trat sie an einigen Stellen über die Ufer. Die Bewohner der am Flusse gelegenen Häuser begannen, ihre Habe wegzuführen, um sie bei Bekannten im Innern der Stadt oder im Lürlibad in Sicherheit zu bringen. Während der ganzen Nacht hörte man das Rasseln der Wagen, das unheimliche Tosen des hochgehenden Flusses und die klagenden Töne der Sturmglocke.
Am Sonntag in der Frühe waren alle Männer, versehen mit langen Seilen, Schaufeln, Sägen, Äxten und Flösshaken, an der Plessur. Viele wurden in den Wald unter St. Hilarien geschickt, um dort in aller Eile jüngere Tannen zu fällen. Diese schleppte man unter Einreissen der Zäune an den Fluss, legte sie den Ufern entlang hinein und versuchte, sie mit Steinen zu beschweren. Sie sollten verhindern, dass die Plessur immer mehr Boden wegreisse und die Fundamente der benachbarten Häuser und die Brückenköpfe unterspüle.
Alles war in einer gewaltigen Aufregung, und der Herr Pfarrer liess die Hauptpredigt zu St. Martin ausfallen. Das Sturmläuten hatte man auch in den Nachbardörfern gehört. Die Männer aus Zizers und Trimmis erschienen mit Werkzeugen und Seilen, und hinter ihnen folgten Fuhrwerke mit «Beuschen», d.h. jungen Tannen, und Reiswellen. Die Emser und Felsberger berichteten, sie seien ebenfalls zur Hilfeleistung bereit, fragten aber die in Wassernot geratenen Churer noch an, wie es mit dem Lohn stünde und ob man ihnen ausserdem einen gehörigen Trunk Wein zu geben bereit wäre. In der Stadt waren unterdessen sogar die Frauen zur Hilfeleistung aufgeboten worden.
Während man so in fieberhafter Eile die Ufer der Plessur zu schützen suchte, hatte sie hinten auf dem Sand plötzlich die notdürftig errichteten Dämme weggespült, sie riss den Mühlkanal ein, stürzte dann mit aller Wucht gegen den Felsen gegenüber dem heutigen Depot der Arosabahn und riss nachher einen Garten mit einigen grossen Nussbäumen weg.
Beim Churerhof stürzte der untere Teil eines Hauses in die hochgehenden Wogen Auf dem Metzgerbrücklein standen gerade Lukas Stecher, der Werkmeister, und Noah Holderegger von Gais im Appenzellerland, wahrscheinlich ein junger Handwerksbursche. Dieser Noah entkam den Wassern aber nicht so glimpflich wie seinerzeit unser gleichnamiger Stammvater. Das Brücklein stürzte ein, Holderegger und der Werkmeister wurden weggeschwemmt und fanden den Tod. Dort, wo heute das Volkshaus steht, befand sich damals das Gasthaus «Steinbock». Auch dem erging es schlimm genug. Zwei Mauern des Kellers wurden durchbrochen, und das Hochwasser riss zwei volle Weinfässlein ein Stück weit mit. Erst beim Aufräumen wurden sie dann gefunden.
Als der Regen endlich nachliess, konnte man den angerichteten Schaden überblicken. Sechs Häuser und einige Ställe waren ganz oder teilweise zerstört, eine ganze Reihe von Baumgärten war vollständig weggeschwemmt worden, und auch alle Brücken mit Ausnahme des Kettbrückleins hatten der Wucht des wilden Wassers weichen müssen. Über dieses wurde eine Zeitlang aller Verkehr geleitet. Die Fuhrleute waren sehr ungehalten über den grossen Umweg, der ihnen dadurch erwuchs. Deshalb machte man sich so bald als möglich an den Wiederaufbau der Obertorerbrücke.
Dazu lieferten der Bischof, Tamins und Maladers unentgeltlich lange Tramen. Die Churer selber arbeiteten im Gemeinwerk. Lohn gab’s keinen, sogar für das Essen musste jeder selber sorgen. Sehr schlimm sah es auch unterhalb des Kettbrückleins auf den flachen Wiesen aus. Die Plessur hatte nicht vermocht, die gewaltigen Schuttmassen, die «Materi», wie unser Chronist in seinem kleinen Büchlein schrieb, bis in den Rhein zu befördern, und noch während des ganzen Winters floss sie bald über die Grossbrugger Wiesen hinunter und bald zur Dalpschen Hütte, die auf einem Felsen neben er heutigen Drescherei steht.
Natürlich besann man sich sofort nach dem Hochwasser, wie man ähnlichen Verheerungen vorbeugen könnte. Zuerst wurden zu beiden Seiten des Flusses Dämme aufgeworfen. Diese konnten aber nicht genügen, und daher beschlossen die Ratsherren, nachdem sie sich die Sache mehrmals angesehen hatten, im April 1763, es sei der Plessur gegen ihre Mündung hin ein gerader Weg zu verschaffen, sie durch einen Graben bis zuunterst in die Dalpschen Wiesen zu leiten und dann schräg in den Rhein zu führen. Der Kanal sollte von der Bündte an 6 Schuh tief und 40 Schuh breit werden.
Mit dem Bau wurde am 14. Februar 1764 begonnen. Ausser den Arbeitern, die in der Stadt wohnten, wurden auch solche aus Felsberg, Haldenstein, Tamins, Maladers und Tschiertschen eingestellt. Die Felsberger schämten sich offenbar noch ein wenig, dass sie der Stadt anlässlich der Wassernot nicht sofort zu Hilfe geeilt waren. Daher beschlossen sie, beim Kanalbau mit 70 Mann einen Ehrentag zu leisten, also einen Tag lang ohne Bezahlung zu arbeiten. Am 1. April 1765 ergoss sich die Plessur dann zum erstenmal durch den Kanal, der ihr noch heute dient, in den Rhein.
Soweit die «Churer Heimatkunde». Beizufügen wäre vielleicht noch, dass zur teilweisen Deckung der Kosten, die der Bau und der Unterhalt des neuen Flussbettes verursachten, eine besondere Plessurkasse geschaffen wurde. Der Stadtrat verfügte u.a., dass jeder Bürger, der eine Frau aus einer anderen Gemeinde heiratete, 40 Gulden in diese Kasse zu entrichten hätte, und wenn ein neuer Bürgermeister gewählt wurde, so bezahlte dieser 100 Gulden. Auffallen muss, dass sogar die Ortschaften Tirano und Trahona im Veltlin zu Beiträgen an die Korrektion der Plessur verhalten wurden.
Die Plessurverbauung war übrigens das erste grosszügige Werk dieser Art in Graubünden. Sie hat sich in ihrer ganzen Anlage auch während der Hochwasserkatastrophen unseres Jahrhunderts bewährt. Wir verdanken sie der Einsicht, der initiative und dem Opferwillen der alten Churer und ziehen vor ihnen den Hut.An manche der Wassergeschädigten, z.B. solche in Klosters, Sils i. D. und Davos, scheint der Bundestag Beisteuern aus der Landeskasse bewilligt zu haben.
Heute sind die Wunden, die jene schwarzen Tage mitten im Jahre 1762 unserem Lande geschlagen haben, natürlich längst vernarbt. Heute helfen die Schuttmassen, die die erzürnte Plessur damals unten auf Grossbruggen hat liegen lassen, im Gegenteil ein wenig mit, uns die neue Stadt zu bauen. Dort werden nämlich seit einiger Zeit grosse Mengen von Kies und Sand gewonnen und dann auf die Baustellen des Jahres 1962 geführt.“
Quelle
M. Schmid-Gartmann: Wassernot in Graubünden vor 200 Jahren. Bündner Jahrbuch 1962. download
Denkwürdiges über Elementarkatastrophen und abnorme Witterung insbesondere im Prättigau
„Von 1680 bis 1792 schrieb die Conterser Familie Jost fünf Generationen lang alles auf, was ihnen am Geschehen in und um Conters wichtig schien. In ihrer Jost’schen Chronik wird das Hochwasser von 1762 erwähnt als “ …grosse und allgemeine Wassers-Not, so den 28., 29. und 30. Juni 1762 unsere bündnerischen und andere umliegenden Gegenden und Länder betroffen hat. Welche entstanden ist aus einem von Ost und Norden schwer daherfahrenden und ungefähr in die 68 Stunden dauernden Regenwetter, das einen Strich dieser Länder von den südlichen Grenzen nach bis gegen Abend an die fanzösische Grenze hinaus durchzogen hat.“
Weiter ist in der Chronik zu lesen: „Die grossen Wasserüberschwemmungen, von denen man liest von 1460, 1640, 1720 und 1750, sind dieser gegenwärtigen Wassersnot nicht zu vergleichen. Es wurde dieser Tage überall viel mal Sturm geläutet. Die Leute kamen in grosser Eil zusammen; ja, am Sonntag hat fast alles ohne Verrichtung des Gottesdienstes bleiben und arbeiten müssen (An vielen Orten musste der Gottesdienst sogar unterlassen werden) arbeiten müssen. Denn nicht nur in dem Tal Prättgau wurden alle Landbruggen über die Landquart von Klosters hinaus bis an die obere Zollbrugg samt allen Wuhren und Dämmen hinweg genommen.
Ich mache also den Anfang bei unserer benachbarten Landschaft Davos, allwo es im Dörfli gegen das Flüelatal hin eine Mühle und eine Säge weggenommen, ein Haus übel verderbt, im Dörfli selbst die meisten Häuser vom dort herunterrollenden Bergbach und den niederbrechenden Rüfenen mit Sand und Steinen besetzt und die Landstrasse ruiniert; damals stieg der grosse See von der Anschwellung bis über die Landstrasse hinauf.
Bei der Hauptkirche haben die Bäche und Rüfenen sehr grossen Schaden getan; desgleichen bei der mittleren Kirche auf Glaris hin, und sind sechs oder sieben Häuser samt einer Wassersäge und anderen Gebäulichkeiten und Stallungen von Grund aus weggeschwemmt worden, sodass der gesamte Schaden durch Wasser und Rüfen an Gütern und Gebäuden in der ganzen Landschaft auf 150’000 Gulden geschätzt wird.
Die grosse Wassernot hat auch die Gemeinde Klosters und Serneus nicht unberührt gelassen, da es zwei Häuser, 20 Ställe, vier Mühlen, zwei Walken, eine Wassersäge und eine (Hanf-)Reibe aus dem Grund fortgerissen und auch an Gütern durch Verderbung oder Wegschwemmung derselben einen solchen Schaden getan hat, dass derselbe auf die 20’000 Gulden gerechnet wird.
Gemäss der Chronik wurde in St. Antönien zuhinterst im Tal eine Wassersäge und zu äusserst in Ascharina dem Jöri Juon eine Mühle samt Wohnhaus fortgerissen und eine Schmiede stark beschädigt.
In Dalvazza wurde die neu erbaute, schöne und kostbare Landquart-Brücke und viele Hanfländer und Kabisgärten zerstört; ferner haben die unter Fideris von der Aumühle auswärts gelegenen Güter grossen Schaden gelitten. Im Fideriser Tobel sei ein Haus mit etwas Wiesboden und einigen Gärten eine Beute des brausenden Elementes geworden.
Auch in Jenaz habe die wütende Landquart inner- und ausserhalb des Dorfes schöne Güter beschädigt und Ställe weggerissen.
In Schiers habe der grimmige Landquartfluss die innerhalb des Dorfes gelegenen schönen, neu gepflanzten Baum- und Krautgärten samt den schützenden Wuhren und Dämmen teils verdorben, teils weggeschwemmt, desgleichen unterhalb des Dorfes die schönen Allmend- und Privatgüter.
In dem zwischen Schiers und Grüsch gelegenen Sandgelände hatte man nicht lange vor dieser Wasserkatastrophe durch kostbare Verbauungen und Wuhren Pflanzungen anlegen können. Diese wurden nun in einem weiten Bezirke wieder vernichtet; bloss das oberhalb der Landstrasse gelegene Haus samt Stall und einigen Stück Boden seien noch übrig geblieben.
In Grüsch kam ein wütender Bach ab dem Alpgebirge mit einer solchen Grausamkeit durch das Seewiser Tobel heraus, dass er ganze Tannen und grosse Steine mit sich führte, welche sich am Ausgang des Tobels hinter der nicht lange vorher neu erbauten Brücke, die über 1000 Gulden gekostet, stauten, sodass das Wasser hoch anschwoll und linksseits zwischen dem Felsen und der festen Brücke so gewaltig durchbrach, dass die Häuser, welche dem Felsen entlang den Wellen in den Mund standen, wie auch die weiter abwärts gelegenen Wohnungen, 22 im ganzen, mit schrecklichem Gerassel niedergerissen und von Grund aus zerstört, die übrigen teils stark beschädigt, teils unterfressen oder eingesandet wurden. Eine Mühle, eine Säge und eine Schmiede wurden fortgespült, sogar der Kirchenturm stand in Gefahr.
Der Chronist hat sich nach Möglichkeit durch persönlichen Augenschein und durch authentische Berichte informieren lassen.
Die Gemeinden Jenins und Malans seien in Gefahr gewesen, weg gerissen zu werden. In Ragaz seien von 180 Häusern nur 30 unbeschädigt geblieben, 42 Firsten seien der Art verschwunden, dass selbst der Ort, wo sie gestanden, nicht mehr zu finden sei. Auch an Gütern und Weingärten sei unbeschreiblicher Schaden angerichtet worden.“
Quelle
Sprecher, F.: Denkwürdiges über Elementarkatastrophen und abnorme Witterung insbesondere im Prättigau. Buchdruckerei Schiers AG. download
Hochwasser in Chur, Juni 1762
„Man findet verzeichnet, dass die Wasserschäden des Jahres 1627, den 28. Mai, wo ebenfalls die Oberthorer Brücke nebst einigen Gebäulichkeiten daselbst weggerissen wurden, des. Jahres 1697 den 19. Mai und 17. Herbstmonat, des Jahres 1725 den 15. August und des Jahres 1747 den 28. Brachmonat, in welchem letzten Jahr der alte kostbare und hohe Wasserfall auf dem Sand verloren ging, zusammen den Schaden nicht erreichten, den das einzige Hochwasser der Plessur und des Rheins im Jahr 1762 verursachte. Er wurde auf Gulden 150’000 geschätzt, was nach damaligem Geldwert und für Chur ein grosser Verlust war.
Die Plessur hatte damals kein so tiefes Flussbett wie jetzt, und war daher auch für die Stadt selbst viel gefährlicher. Auch waren die Wuhren in einem noch schlechteren Zustande. Es ist interessant, die Jahrbücher zu durchblättern, welche Aufschluss geben über Gefahren und Drangsale alter Zeiten (…) Wir folgen bei der Darstellung den Verzeichnungen des Stadtprotokolls, in welchem eine Beschreibung jener Wassernoth enthalten ist.
„Gegenwärtige kurze Erzehlung welche aus befehl einer wohlv. Oberkeit verfertiget worden, wird sowohl denen jetzt lebenden Einwohnern derselben, als auch ihrer Nachkömmlingschaft, voraus aber ihren Regenten zu einem warnenden und zugleich aufmunternden Beyspihl dienen, wie etwan künftighin durch die Gnade Gottes, und so viel menschliche Vorsicht, gestattet, zeitliche Vorsorge, einem solchen Unglück könne gesteuert werden.
In den letzten dreyen Tagen und Nächten des Brachmonats alten Kalenders hat es fast ohnunterbrochen und mehrenteils stark geregnet, so dass schon am ersten Tage dieses Regenwetters, und absonderlich nachhin, weil es warm war, und also nirgends anschneiyete, die Plessur sehr stark anwuchs; wobei merkwürdig, dass das Quecksilber selbst in den bewährtesten Wettergläsern immer ziemlich hoch stunde.
Da nun schon vorher verschiedene Wuhre, so theils lob. gemeiner Stadt, theils Partikularen zugehörten, nicht in den besten Umständen sich befanden, so brach endlich, durch gerechte Verfügung dessen, der die Wasser misset, an einem Sonntag morgens das Unglück dergestalt aus, dass auf dem Sand neben dem Bett, auf der Seiten gegen der Schmidten die Plessur durchgebrochen, ersagtes Bett und den Wasserfall, samt dem daran hangenden Wuhr auf ihre linke Seite gesetzt, und von da an bis ohngefahr an die sogenannte Holzhütten oder ehemal Finnerische Gerbe, ihren Zug neben dem Mühlbach Bett so genommen, dass sie diesen Canal bis dorthin eingerissen, und ihr rechtes Ufer daraus gemacht.
Von da an, und weil sie daselbst einen Bogen machte, fiel sie jenseits an den Felsen, welcher sie wieder mit solcher Gewalt an das gegenüberstehende Wuhr des Herrn Hauptmann Hercules von Pestalutzen stiess, dass solches, so dauerhaft und mit grossen Steinen beladen es auch immer war, mit denen darunter stehenden Wuhren bis an den Mauerstock rechter Seite, worüber das Mühlbach-Bett über die Plessur geführt wird, mit verschiedenen grossen Nuss- und auch anderen Bäumen, samt dem dasigen Fahrweg weggerissen worden. Jenseits wurde die Bewuhrung Ihro Wssht. des Herrn Bunds-Präsidenten und Bunds-Obersten Andreas v. Salis und seiner Geschwister vor ihrem Gut, wodurch man zum Schiesszihl gehet, wie auch etwelche darunter stehende Wuhre schon am Samstags morgens, das Schiesshütte-Brücklein aber an diesem einesten Tag gegen 1 uhr nachmittags eingefällt.
Auf beiden Seiten der Plessur von ihrem Falle an bis an ihren Auslauff in den Rhein wurde wohl die Helffte der Wuhre fortgeschwemmt. Wo aber eigentlich der erste Einsturz an der Stadt seiten erfolgt sey, kan man, weil es in der Nacht geschehen, so genau nicht wissen. Schon in bemerkter Nacht auf Sonntag, noch vor Mitternacht wurden das Wuhr und Vogelhäuslein in dem Schwartzschen Gut (wo jetzt das Mädchen-Institut ist) ob dem Metzger Brücklin, wie nicht weniger bald darauf das damahls ob ersagtem Brücklin gestandene alte hölzerne Zugebäude des Bavierschen Hauses, samt einem Theil dieses Hauses mit vielem Geräth und dem ganzen Metzger-Brücklin weggerissen. Bei Wegreissung des Metzger-Brückleins, welches ohngefehr um Mitternacht auf schon berührten merkwürdigen Sonntag geschehen, verlor sogar ein Burger, nemlich der Werkmeister Lucas Stecher, und noch ein Einwohner, Noah Holderegger aus dem Appenzellerland, welche sich verwegenerweise wider empfangene Warnung darauf gewagt hatten, elendiglich ihr Leben, indem sie von der stürzenden Brücke in die Plessur gezogen wurden.
Am Sonntag selbst aber wurden eingefällt nebst vielen Wuhren und Pätschen auf der Seite von der Ziegelhütten: eine Brennhüte, der Schwartzische, Bawierische und Willi’sche Garten, das Plantische Häusslein, die Bawierische Rothgerbe, das Cadinatische Haus und Gerbe, der darunter gestandene steinerne Brunnen, das Zollhaus, die oberthorer Brücke, das Haus bei dem Engel und das Würtshaus bei dem Steinbock mit ihren Ställen, samt einer Bestallung des darunter liegenden Bawierischen Hauses. Auf der Stadt Seite die obersten 6 Gärten unter dem Metzgerbrücklin, nebst einem Theil der dahinter liegenden Wasserleitung des Kettbachs und einem Stück des dasigen Bavierischen Weingartens. Über diesen Notfall, dergleichen die Stadt soviel man wissen mag, nie betroffen, war fast jedermann in der grössten Furcht, Bestürzung und Verlegenheit.
Man flüchtete die ganze Nacht auf den Sonntag aus denen nächst der Plessur gelegenen Häusern und Ställen in und ausser der Stadt, Kinder und allerley Geräthschaften, ja das Gerassel der Wägen, so diese Sachen wegführten und die ganze Nacht und auch nachhero fortdauerte, machte die Noth noch ängstlicher, absonderlich da das klägliche Getös des Sturmläutens mit allen unseren Glocken am Sonntag morgens noch dazu kam.
Während dieser Noth kamen der Stadt verschiedene benachbarte Gemeinden, theils von freyen Stücken, theils angesucht, zu Hülff, hieben mit den Stadtleuten an den nächsten den besten Orthen Peuschen, Tannen und Lerchen nieder, schleifften sie, wo es am nächsten oder bequemsten war, mit Einreissung der Zäune, durch die Güter, um sie an den gefährlichsten Orten einzuhängen. Die in der Stadt befindlichen Fuhrleute wurden auf oberkeitlichen Befehl aufgebotten, um diese Sachen an behörige Orte zu führen. Aus gleichem Befehl wurden durch Deputirte elle noch vorhandenen Aufzug-Seiler, ja sogar einige Steegen-Seiler und Aufzug-Seiler von Metzgeren aufgesucht, und zum einhängen der Peuschen und nebst denen Ketten lob. gemr. Stadt, welche man über einige Stadt-Strassen bisweilen zu spannen pflegte, ingleichen den grossen zum Aufziehen der Glocken bestimmten Seiler, gebraucht; einige nahe Gemeinden als Zitzers, Trimmiss u. thaten nicht nur mit Darlehung ihrer Thurn-Seiler gute Dienste, sondern sie kamen unter Anführung ihrer Amtleuthe und Wuhrmeister mit vieler Mannschaft und Fuhren zu Hülff.
Den Sonntag hindurch war die Verstockung und der Schrecken so gross, dass ungeachtet zur Früh-Predigt geläutet wurde, sich gleichwohl fast niemand einfand, und der Pfarrer es bey einem Gebett musste bewenden lassen. In die Haubtpredigt wurde deswegen, und weil dazumahl, wegen der dringenden Noth mit allen Glocken gestürmet wurde, gar nicht geläutet. Von Seiten Sr. Hochfürstl. Gnaden wurde das freundschaftliche Anerbieten an lob. Stadt gemacht, dass, wann diese es gut finde, Hochersagte Se. Hochfürstl. Gnaden zu Zertheilung des Gewölkes die Mörsel wollen abfeuern, und mit den Glocken läuten lassen, so von der Stadt mit höflichster Dankbezeugung angenommen und nachhin vollzogen worden. Nicht weniger überliessen sie, wie die Domherren, die deren hatten, alle ihre Fuhren, so lang die Noth währete, ohnentgeltlich.
Indessen wurde mit fernerem Einhängen der Püschen und Einsetzung einiger Schrägen, so viel es die Verwirrung zuliess, auch mit anderen Vorkehrungen von den Einwohnern udn denen zur Hülff gekommenen Benachbahrten fortgesetzt, auch diesen mit etwas Wein, Brod und Käss eine geringe Erquickung zu verschaffen gesucht. Nicht weniger wurden kurz hernach theils aus einer wohlweisen Oberkeit, theils aus den Herren des grossen Raths und einer Lob. Burgerschaft verschiedene Persohnen ausgeschossen, welche gewisse unter Sie ausgetheilte Plessur Striche in ihre Aufsicht nachmen, und diese, vermittelst unterhabender Arbeitsleuthe, denen Sie den eingesammelten und gesteuerten Wein, Brod und Käss einige Tage lang umsonst darreichten, möglichst besorget, auch die Herren Burger nebst den samtlichen Hindersässen und den tauglichsten Weibsbilderen für etwas Zeit so aufgebotten, dass sie sich morgens bei ergehendem Zeichen mit der gewöhlichen Sterb-Glocken, an ihrer angewiesenen Arbeit einfinden mussten.
Wir brechen hier den Auszug aus dem Stadtprotokoll ab. Daselbe enthält noch gar viel über die späteren Anordnungen und Arbeiten. Viele Schwierigkeiten hatte man, der Plessur unter der Stadt hinab gegen den Rhein einen möglichst unschädlichen Lauf zu geben, und es herrschte grosse Rathlosigkeit dabei. Auch verliess man sich bei den Wuhrungen zu sehr darauf, dass nicht so bald wieder ein sehr hohes Wasser eintreten werde, welche Hoffnung aber schon den 12./23. August 1764 zu Wasser ging, da die Plessur wieder ungewöhnlich anschwoll und grossen Schaden brachte. Mit grossen Kosten, manchen fehlgeschlagenen Plänen und vielem Schweisse wurde dann auch der Plessur die gerade Richtung hinab an den Rhein gegeben, indem man den ganzen Winter von 1764 auf 1765 am Graben arbeitete. Der Winter war sehr gelind und günstig und am 1. April 1765 wurde die Plessur, die unterdessen nebenbei frei abgeflossen war, bei des Herrn Loretzen Hütten in den neuen bis an den Rhein geführten Graben gerichtet – für die damaligen Zeiten ein ansehnliches Werk.“
Quelle
- Die Wassergüsse zu Chur im Jahr 1762. Bündner Tagblatt, 23. Juli 1861, Nr. 170. download
- Die Wassergüsse zu Chur im Jahr 1762. Schluss. Bündner Tagblatt, 24. Juli 1861, Nr. 171 (aus: Verzeichnungen des Stadtprotokolls, in welchem eine Beschreibung jener Wassernoth enthalten ist.)
Medienbericht
Neue Zürcher Zeitung, Nummer 164, 16. Juni 1910 Ausgabe 05
(…) Doch was will das heissen gegen jene „grausige“ Hochflut von Anno 1762 im Juli, die den Wasserspiegel noch um 52 Zentimeter höher, bis an den Pegelnullpunkt brachte. „Das Elend war schröcklich und des Jammers kein Ende mitten im Sommer“, so schreibt die Wetter-Chronik von 1768.
Noch weit verderblicher wie heuer war damals in dem „flüssigen“ 1762 er Juli unseligen Angedenkens, in den Tagen vom 4. bis 11. Juli, das furchtbare Anschwellen aller Gebirgsbäche, infolge eines tagelang anhaltenden warmen Regens nach heisser Zeit.
In Chur wurden sieben Häuser, das Zollhaus und alle Brücken weggerissen, in Grüsch zweiundzwanzig Häuser, in Ragaz zweiundvierzig Häuser und Scheunen. Das ganze Rheintal stand „von einem Gebirge bis zum andern“ unter Wasser, und dieses hinterliess eine gegen sechs Schuh hohe Schlammdecke. In Glarus wurde der Schaden an Bauten, Strassen, Gärten und Feldern usw. auf mehr als zwei Tonnen Goldes geschätzt, in Netstal allein wurden mehr als zwanzig Firsten zerstört.
„Bei 800 Jahren her weiss man von keinem so grossen Wasser als den 11. Juli 1762“, schrieb damals der verdiente Appenzeller Chronist Pfr. G. Walser als Augenzeuge der Katastrophe. Und trotzdem gab es in diesem Jahr der Wassernot in Zürich, in dem Rheintal und in der Bündner Herrschaft noch einen „sehr guten“, ja „extra guten“ Wein!
der Bericht in e-newspaperarchives
Letzte Bearbeitung: 16.12.2025, markus weidmann

