Bergsturz 1816 · Raum Oberatzmännig – Hintergoldingen · SG

Bergsturz im Goldingertal, 1816

Auf dieser Seite Welches Volumen hatte der Bergsturz? Was ist an den Bergsturzablagerungen besonders? Welche Folgen hatte der Bergsturz? Weshalb ereignete sich der Bergsturz? Was löste die Bewegung schlussendlich aus? Was ist vom Bergsturz

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Welches Volumen hatte der Bergsturz?

Am Oberatzmännig lösten sich auf einer Breite von rund 300 Metern ca. 1.5 Millionen Kubikmeter Gestein.

Abbildung zu «Bergsturz im Goldingertal, 1816»

Orange: Seitliche Abrissränder. Gelb: Ausbreitungsrichtung des Bergsturzes. Rot: Ausdehnung der Bergsturzablagerungen. Im Gebiet von «Schutt» stauten die Bergsturzablagerungen den Goldingerbach auf; dadurch bildete sich kurzzeitig ein See (dunkelblaue Linie). Die Eintragungen in dieser Karte erheben keinen Anspruch auf wissenschaftliche Exaktheit. © Hintergrundkarte: swisstopo digitales Höhenmodell swissALTI3D. Zur interaktiven Version dieser Karte

Abbildung zu «Bergsturz im Goldingertal, 1816»

Wilhelm Hartmann: Vorstellung des Bergfalls bey Goldigen im Canton St. Gallen, der sich am 3ten Julji Anno 1816, ereignete. Quelle: Staatsarchiv St. Gallen

Abbildung zu «Bergsturz im Goldingertal, 1816»

Geometrischer Plan des Bergschlipfs in der Au, der Gemeind St:Gallen Cappell. Bezirk Utznach, im Canton St:Gallen aus hohem Auftrag verfertiget von Joh: Rudolf Diezinger, Geometer in Wädenschweil. im Jullj 1816. Quelle: Staatsarchiv St. Gallen.

Was ist an den Bergsturzablagerungen besonders?

Innerhalb der chaotischen Trümmermasse gab es grössere Felsschollen, die während dem Ereignis abrutschten, jedoch nicht zerfielen.

Orange: die grösste der abgerutschten, impakten Felsschollen innerhalb der Bergsturz-Ablagerungen.
Orange: die grösste der abgerutschten, impakten Felsschollen innerhalb der Bergsturz-Ablagerungen. Die Felsscholle in einer interaktiven Karte

Welche Folgen hatte der Bergsturz?

16 Menschen, vier Häuser des Weilers Kohlrüti sowie mehrere Scheunen samt Vieh wurden verschüttet. In Kohlrüti wurden zehn Menschen getötet. Neun Menschen konnten lebend aus den Schuttmassen geborgen werden.

Gemäss dem Geometrischen Plan des Bergschlipfs wurde eine Fläche von rund 35 Hektaren verwüstet.

Die Bergsturz-Ablagerungen stauten den Goldingerbach auf. Dadurch entstand im Bereich des heutigen Campingplatzes kurzzeitig ein See.

Weshalb ereignete sich der Bergsturz?

Der Untergrund des Goldingertals besteht aus einer mächtigen, talwärts geneigten Abfolge von Schichten aus Molassegestein.

Sicht in das Goldingertal (in Richtung Ost).
Sicht in das Goldingertal (in Richtung Ost). In diesem Relief sind vier der talwärts geneigten Schichten mit Farbe hervorgehoben (vereinfachte Darstellung). Buchstaben A bis D: siehe nachfolgende Grafiken.
Dieser schematische Schnitt durch das Goldingertal von A nach B zeigt, wie die vier farblich hervorgehobenen Schichten talwärts einfallen.
Dieser schematische Schnitt durch das Goldingertal von A nach B zeigt, wie die vier farblich hervorgehobenen Schichten talwärts einfallen. Bei A tieft sich der Goldingerbach in die grüne Schicht ein.
Dieser schematische Schnitt zwischen C und D zeigt den Bergsturz.
Dieser schematische Schnitt zwischen C und D zeigt den Bergsturz. Die gelbe Schicht bewegte sich auf der braunen Schicht talwärts; ein Teil stürzte in das Bachbett des Goldingerbachs.

Diese drei Grafiken zeigen auf vereinfachte Weise, warum sich der Bergsturz ereignete:

  • Die Schichten im Goldingertal sind talwärts geneigt.
  • Während Jahrhunderten, Jahrtausenden trug der Goldingerbach im Bereich C die gelbe Schicht ab. Dadurch verlor diese den stützenden Bereich, der ihr Abrutschen verhindert hätte.
  • Die braune Schicht unter der gelben ist anfällig auf die Einwirkung von Wasser. Sie wurde vor dem Bergsturz während Jahrhunderten, Jahrtausenden von Regen- und Schmelzwasser angelöst, ausgelaugt, chemisch verändert. Dementsprechend stand die gelbe Schicht im Bereich des Bergsturzes zunehmend «auf tönernen Füssen».

Was löste die Bewegung schlussendlich aus?

Im April 1815 brach der indonesische Vulkan Tambora aus. Er hatte jahrelang Auswirkungen auf das globale Klima. 1816 war er zu einem wesentlichen Teil für das sogenannte «Jahr ohne Sommer» verantwortlich. In diesem Jahr war es nicht nur aussergewöhnlich kühl, es gab auch überdurchschnittlich viel Regen und Schnee.

Man kann davon ausgehen, dass auch im Goldingertal eine ausserordentliche Menge an Regen und Schnee niederging – und dass eine überdurchschnittliche Menge an Regen- und Schmelzwasser in den Untergrund eindrang. Dies war möglicherweise der Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte. Will heissen: Dies war möglicherweise die Menge an Wasser, welche den Zusammenhalt der braunen Schicht mit der gelben Schicht so sehr schwächte, dass sich die gelbe Schicht nicht mehr zu halten vermochte und abrutschte.

Was ist vom Bergsturz heute noch sichtbar?

Mittlerweile hat sich über die gesamten Bergsturzablagerungen Wald ausgebreitet. Im Bereich des «Freizeitparks Atzmännig» wurden die grobblockigen Ablagerungen eingeebnet. Im Seilpark können sie noch bestaunt werden.

Gibt es vergleichbare Bergstürze?

Der Bergsturz von Goldau ist in gewissem Sinne «der grosse Bruder» des Bergsturzes im Goldingertal.

  • Auch in Goldau gibt es eine mächtige, talwärts geneigten Abfolge von Schichten aus Molassegestein.
  • Auch in Goldau rutschte eine mächtige Gesteinsschicht auf einer Schicht zu Tal, die anfällig war auf die Einwirkung von Wasser.
  • Auch in Goldau war eine niederschlagsreiche Zeit der Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte.

Beim Bergsturz von Goldau rutschten, stürzten rund 40 Millionen m3 Fels talwärts – rund 26 mal mehr als im Goldingertal. 457 Menschen wurden getötet, 111 Wohnhäuser, 220 Ställe / Scheunen sowie zwei Kirchen und zwei Kapellen wurden zerstört.

Quellen

  • Alois Stadler: Bergsturz und Hungersnot im Goldingertal vor 200 Jahren. Gedenkschrift.
  • Löpfe, R., Zaugg, A., Schlanke, S. & Steinhauser-Zimmermann, R. (2012): Blatt 1113 Ricken. – Geol. Atlas Schweiz 1: 25 000, Erläut. 142. download
  • Erdrutsch in der Au (Goldingertal): Situationsplan. Staatsarchiv St.Gallen, KPG 1/65.1. download

Literatur

  • Hans Konrad Escher von der Linth: Bericht über den Bergschlipf im Goldingerthal, Kanton St. Gallen. 1816. download
  • 200 Jahre danach: Der Opfer des Felssturzes gedacht. Bericht zur Veranstaltung. download

Videos

1816 das Jahr ohne Sommer – Bergsturz und Hungersnot im Goldingen

Geoweg Chrüzegg – der erdgeschichtliche Erlebnispfad

Geoweg Chrüzegg / Atzmännig

Geoweg Chrüzegg/Atzmännig • Erlebnis Geologie

Medienbericht zum Ereignis

Der Schweizerfreund, Band 2, Nummer 40, 1. Oktober 1816

Briefe über Allerley. Berichte eines Reisenden über St. Gallen-Cappel. Mein Weg führte mich durch das Goldingerthal nicht weit von Uznach, wo ich den verflossenen Sommer erfolgten sehr merkwürdigen Bergsturz sah. Das Geschiebe hat bey einer Breite von mehr als 200 Schritten sich in der Länge von ¼ Stund plötzlich den Berg hinunter gesenkt, drey Häuser mitgenommen und vollkommen zersplittert; von 18 Personen, die darin waren, fanden 8 ihr Grab in dem grässlichen Schutt und bey einer Mutter, die man tod fand, war ein Kind, das in ihren Armen unbeschädigt blieb, und noch jetzt gesund ist. Bey dem obersten Theil des Schutts ist die Zerstörung über allen Begriff schrecklich, wo eine Menge von herabgesunkenen Felsstücken umgestürzt über und unter einander lagen.

Mehrere Felsen wie die grössten Häuser stehen einzeln noch da, mit den schönsten Tannen auf ihrer Oberfläche, aber 60 Schritte tiefer als ihr voriger Standpunkt war; auf gleiche Weise senkte sich ein Wäldchen von 20 Jucharten, mit einer Alp untenher desselben, 30 Schritte hinunter, ohne dass man die mindeste Veränderung bei diesem Wäldchen wahrnehmen konnte, und von einem Haberacker wurden einige Stücke hinunter in das Tobel und jenseits 25 Schritte durch den Druck in die Höhe geschoben, so dass man dort Haber wird einsammeln können, der am jenseitigen Bergabhang gepflanzt wurde. Ich sahe auch einen grossen mit Tannen versehenen Felsen, der auf die unsichere Grundlage einer umgestürzten Sägtanne zu stehen gekommen ist.

Merkwürdig ist besonders, dass die Gegend gar nicht steil ist; allein man sieht deutlich, dass dieser Sturz durch eine von dem vielen Schnee und Regen aufgeweichte Schichte grauen Lehms, auf welcher unten der Wald und obenher die Nagelfluhfelsen stunden, entstanden ist.

der Bericht in e-newspaperarchives

Letzte Bearbeitung: 17.12.2025, markus weidmann

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