Murgang 1889 · Guppenrus · GL

Murgang in der Guppenrus, 1889

Elementarschäden und Versicherung 13. Juli 1889. Ausbruch der Guppenruns infolge eines schweren Unwetters mit einem viertelstündigen Wolkenbruch über dem Glärnischgebiet. Ganze Felsstücke lösten sich los und stürzten mit den Wassermassen in

Elementarschäden und Versicherung

13. Juli 1889. Ausbruch der Guppenruns infolge eines schweren Unwetters mit einem viertelstündigen Wolkenbruch über dem Glärnischgebiet. Ganze Felsstücke lösten sich los und stürzten mit den Wassermassen in die Tiefe. Die Runsenkorrektion, die einige Jahre vorher mit einem Kostenaufwand von Fr. 120’000 erstellt worden war, wurde zerstört. Die eiserne Brücke zwischen Schwändi und Mitlödi brach ein; die Bahnlinie wurde an einzelnen Stellen meterhoch überführt. Auch Linth und Sernf schwollen an und überfluteten Wiesen und Felder.

Die Schäden, die in Mitlödi, Sool, Schwanden und Schwändi anfielen, wurden amtlich auf

Fr. 157’590, nach einer andern Mitteilung auf Fr. 158’890, geschätzt. Von denselben entfielen

auf Gemeindeeigentum Fr. 29’250 und auf Privatgut Fr. 129’640. Unter den Privatschäden waren ausscheidbar:

Schäden an Grund und GratFr. 80’760
Schäden an GebäudenFr. 1’150
Schäden an Obstbäumen und WaldFr. 12’750

Die übrigen Schäden in Höhe von Fr. 64’230 sind nach betroffenen Objekten nicht ausscheidbar. Der grösste unter ihnen ist derjenige eines Weberei-Etablissements, der amtlich auf Fr. 33’800 angegeben wird.

Zur Unterstützung der privaten Betroffenen wurde eine Kirchenkollekte veranstaltet, die

inkl. späterem Zins Fr. 21’839.20 ergab. Die Geschädigten wurden je nach ihrem Vermögen in drei Klassen eingeteilt und erhielten 60, 50 und 30 % ihrer Verluste vergütet. Der berücksichtigte Schaden wurde auf Fr. 51’096 festgesetzt 1).

1) Amtsbericht 1889/90, S. 68. – Amtsblatt 1889, S. 365-368. – Der Bund, Nr. 194 und 220, vom 16. Juli und 11. August 1889.

Quelle

Elementarschäden und Versicherung. Studie des Rückversicherungsverbandes kantonal-schweizerischer Feuerversicherungsanstalten zur Förderung der Elementarschadenversicherungen. I. Band. Achtes Kapitel: Kanton Glarus. Bern, 1936.

Die Guppenruns-Katastrophe

(…) Der untere Lauf auf dem Schuttkegel in den Partien bei Schwändi und bei Schwanden-Mitlödi, von 1200 und 570 m Länge, wo die Aufgabe darin bestand, den Bach mittels Correction beziehungsweise Canalisirung für die Umgebungen unschädlich der Linth zuzuführen.

Ausgeführt waren zur Zeit des Eintrittes der Katastrophe vom 6. Juli d. T folgende Werke: In der Sienenschlucht zu den. wie schon erwähnt, schon früher bestandenen 2 Sperren noch zwei neue, also im ganzen 4 Stück; auf der zweiten Partie war zum angegebenen Zwecke noch nichts geschehen, auf der 3. und 4. Partie waren zwei durch eine unverbaute Zwischenstrecke getrennte verschalte Canäle von 525 und 560 m Länge erstellt.

Nach der Katastrophe wurden vom eidg. Oberbauinspectorate zwei Besichtigungen, beide Male in Begleit des Cantonsingenieurs Von Glarus und Abgeordneten der betheiligten Corporationen im ganzen Laufe der Guppenruns vorgenommen, welche in verschiedener Beziehung höchst wichtige Ergebnisse lieferten. Insofern diese sich erstlich auf die die Katastrophe beeinflussenden Umstände beziehen, hat man sich zu ihrem Verständnisse die Verhältnisse des oben erwähnten Einzugsbeckens genauer zu vergegenwärtigen.

Die Breite desselben ist hinten am grössten und verjüngt sich nach vom konisch bis zum Uebergange in die enge Schlucht, welcher zudem in einer ziemlich scharfen Krümmung nach links stattfindet. Theils als Rückstand schon von früheren Jahren, wohl am meisten vom vorigen, das sich bekanntlich durch Lawinenreichthum und geringe Sommerwärme auszeichnete, theils vom letzten Winter fand sich Anfangs Juli in ihm noch eine grosse Masse Lawinenschnee, die bis gegen die Verengung zur Schlucht in einer Länge von ungefähr 200 m hinausreichte und vom Wasser unterhöhlt war.

Dieses Becken war nun nach dem Berichte eines Hirten, der als Augenzeuge anwesend war, am 6. Juli der Schauplatz folgenden Vorganges. Als in Folge eines heftigen Gewitterregens und Hagelschlags sich vom Glärnisch durch die erwähnten drei Rinnen gewaltige Wassermassen in den obern Theil desselben ergossen, brach zuerst hier das Schneegewölbe ein und. gefieth es sodann in seiner ganzen Ausdehnung in’s Rutschen. Indem aber der compacte, firnartige Lawinenschnee gegen die Verengung unten sich zusammendrängte und aufthürmte, kam er dort wieder zum Stehen, bis das davor aufgestaute Wasser plötzlich den Durchbruch bewirkte und sodann die ungeheure Masse von Wasser, Schnee und von den Lawinen mitgeführten Geschieben .auf einmal durch die steile Schlucht hinunterstürzte.

Dieser Vorgang ist so naturgemäss und zudem so geeignet, die Plötzlichkeit und Gewalt, mit der die Katastrophe über das Thal hereinbrach zu erklären, dass durchaus kein Grund besteht, die Richtigkeit der Erzählung des Hirten zu bezweifein. Bedenkt man nun noch die Geschwindigkeit, welche diese Masse in der engen Schlucht bei einem Gefälle von 39 % erlangte, bis sie die, eine ziemliche Strecke weiter unten gestandene oberste Sperre erreichte, so wird man sich kaum wundern, dass diese dem gewaltigen Anpralle nicht zu widerstehen vermochte, sondern viel eher darüber, dass dies bei der zweiten der Fall war, so zwar, dass sie nur eine Beschädigung an der Kronschichte erlitt. Die dritte Sperre, die übrigens nur geringere Dimensionen besass, wurde hinwieder grösstentheils zerstört und die vierte wurde auf der rechten Seite durchbrochen, während sie in der grössern Masse stehen blieb.

Quelle

Salis, A. von: Die Guppenruns-Katastrophe. Schweizerische Bauzeitung, Band: 13/14, 1889. Heft: 12. download

Medienberichte zum Ereignis

Neue Zürcher Zeitung, Nummer 196, 15. Juli 1889

Samstag, den 13. Juli, Nachm. ging im Glarnerland ein schweres Gewitter mit wolkenbruchartigem Regen nieder, so dass die Guppenruns zwischen Mitlödi und Schwanden zum Strome anschwoll, die Landstrasse nach dem Hinterland zerstörte und die Eisenbahnlinie auf eine Länge von etwa 50 Meter mit meterhohem Geröll überdeckte. Der Zugsverkehr nach und von dem Hinterland wurde dadurch bis Sonntag Abends unterbrochen.

der Bericht in e-newspaperarchives

Bündner Nachrichten, Chur, Dienstag, 16. Juli 1889

Glarus. (Korr.) Am letzten Samstag entlud sich über einen Theil des Kantons ein furchtbares Gewitter.

Hoch oben am Glärnisch brach der vor Jahren möglichst verbaute Wildbach, die sogenannte Gupperruns, aus. Ganze Felsstücke lösten sich los. Steine, wie sie nicht grösser auf dem Trümmerfeld zu Goldau liegen, stürzten mit den rasenden Wassermassen in die Tiefe.

Die stolze, eiserne Brücke zwischen Schwändi und Mitlödi, vor zwei Jahren mit grossem Kostenaufwand erstellt, knickte gleich Halmen und liegt zertrümmert seitwärts. Etwa 10 Minuten unterhalb Schwanden von der Bahnlinie bis an das Dorf Mitlödi hinauf gegen den Berg liegt an einzelnen Stellen meterhoch ein Trümmerfeld. Der Bahnkörper ist auf weite Strecken zugedeckt und der Verkehr für zwei Tage vollständig unterbrochen, trotz telegrapisch herbeorderter Hülfsmannschaft. In Mitlödi stehen viele Häuser unter Wasser. Die furchtbare Katastrophe hat leider auch Menschenleben gefordert.

der Bericht in e-newspaperarchives

Täglicher Anzeiger, Thun, Freitag, 19. Juli 1889, Nr. 169

Glarus. Ueber die Katastrophe zwischen Mitlödi und Schwanden entnehmen wir den „Gl. Nachr.“:

Die ausserordentliche Sommerhitze vom Freitag und namentlich vom Samstag liessen schwere Gewitter fürchten. So aber, wie das Unglück gekommen, befürchtete kein Mensch.

Um 4 Uhr Nachmittags trat, nachdem schwere Gewitterwolken längst den Horizont verdeckt hatten, plötzlich nachtähnliche Dunkelheit ein. Von Süden her die ganze Thalbreite kam es wie eine weisse Riesenmauer. Der Niesel, dem sich bald ein orkanartiger Sturmwind beigesellte, rauschte fürchterlich. Im Nu schlug das wolkenbruchähnliche Gewitter mit furchtbarer Macht an die nordwestliche Glärnischwand ob der Guppenruns. Die oben liegende First war schon einige Tage zurückgegangen und musste locker geworden sein. Ein Theil nun derselben riss sich los und stürzte unter gewaltigem Tosen über die kahlen Wände des Glärnisch herunter.

Ich eilte auf das Dach hinaus, um das tobende Element zu beobachten. Aber das Wetter gestattete keinen Ausblick; es war, als käme der jüngste Tag. Nachdem das schauerliche Toben einigermassen nachgelassen, lief ich gegen Mitlödi, um die Guppenrus zu beobachten. Welch‘ ein Anblick bot sich dar! Haushohe Felsen, unabsehbares Geschiebe, Eisblöcke, Schutt und Schlamm bedeckten die Heimwesen längs dem noch vor Kurzem friedlichen Bergbache. In der Strasse gegen den Kalkofen hinauf lagen noch Eismassen im Schlamm. Die Strasse und Eisenbahnlinie waren gesperrt. Die Linth hörte eine zeitlang auf zu fliessen, staute wegen der vorgeschobenen Masse und bildete einen unheimlichen See.

Anstatt Sturm zu läuten und möglichst dem tobenden Bergwasser ein Geleite zu geben, eilte eine neugierige Menge an die verwüstete Stätte. Nur langsam kamen helfende Hände. Die Feuerwehr von Mitlödi war zuerst auf dem Platze und arbeitete, gut organisirt, dem Wasser, das hauptsächlich diesem Dorfe zufloss, Abzug in’s alte Bett zu verschaffen.

Eine Menge von Gütern sind verwüstet. Auf der Seite von Mitlödi sieht es noch schauderhafter drein. Jede Beschreibung spottet der Wirklichkeit. Die sogen. „Gatze“ bei Mitlödi und die nächste Umgebung bilden einen See von trübem Wasser und Schlamm. Die eiserne Brücke von Schwändi ist verschwunden. Ein Theil des Geländers liegt oberhalb der Landstrasse im Steg. Ein Gang der Verbauung entlang von Schwändi bis an die Landstrasse zeigt auch nicht eine Spur mehr von der kolossalen Arbeit, die uns in alle Zukunft hätte schützen sollen. Die Katastrophe ist so schlimm als die von Bilten und Niederurnen; Andere behaupten sogar, der Schaden sei, den Verlust an Menschenleben abgerechnet, so gross als in Elm. Die Verkehrslinie Mitlödi-Lintthal ist wieder frei. Der durch den Felssturz angerichtete Schaden wird auf zirka 400’000 Fr. berechnet.

der Bericht in e-newspaperarchives

Intelligenzblatt für die Stadt Bern, 17. Juli 1889

Die Katastrophe in Mitlödi. Seit einem Jahrzehnt ist der Kanton von schweren Katastrophen heimgesucht worden : EIm, Bilten, Niederurnen und am 13 . ds . Mitlödi – Schwändi , welch letztere einen enormen Schaden angerichtet hat.

Nach einem drückend heissen Tage verwandelte sich am letzten Samstag gegen 4 Uhr der Himmel in schwarze Nacht und um den Glärnisch sammelte sich ein furchtbares Gewitter an. Schrecklich fuhr es daher mit Sturmesbrausen, und Ströme Wassers ergossen sich über Berg und Thal. Eine Viertelstunde nach Beginn des wütenden Orkans war die Katastrophe vollendet, war das grosse, mit eidgenössischer und kantonaler Hülfe errichtete Verbauungsbauwerk der Guppenruns zum grossen Theile zerstört, waren eine Anzahl der schönsten Wiesen mit einer Unmasse von Schutt und Felsblöcken hoch überführt, hatte die Guppenruns sich ein Bett gegen Mitlödi hin gefressen, standen Häuser und Gärten in Schlamm und Wasser, war der Verkehr auf der Landstrasse zwischen Mitlödi und Schwanden, sowie die Bahnlinie unterbrochen , die Linth gestaut — alles das Werk weniger Minuten.

Mehrere Wohnhäuser waren von Schutt und Schlamm umgeben, aber wie durch ein Wunder erhalten geblieben. Das mit grossen Kosten erstellte Verbauungswerk hat sich insoweit bewährt, als es dem Geschiebe seinen Weg wies. Unglücklicherweise war aber dieses Geschiebe zu gewaltig und einige grosse Felsblöcke blieben in den Runsen liegen, so dass ein Ausbruch zu beiden Seiten erfolgen musste.

Längere Zeit erst, nachdem die Katastrophe erfolgt war, vernahm man in den benachbarten Ortschaften wie in Schwanden, unbestimmte Kunde vom Geschehenen und eilte man auf die Unglücksstätte. Man hatte wohl ein gewaltiges Donnern und Tosen, vermutlich vom Gewittersturme herrührend, gehört, aber das Entsetzliche nicht geahnt.

Zu spät wurde auch die Gefahr beachtet, in welcher die Weberei der Herren Aebli und Zwicky sich befand. Der überfüllte Kanal verschaffte sich seitwärts dem Gebäude einen Durchbruch in die Linth, spülte die Wuhrungen weg und unterfrass die Fundamente des Hauptgebäudes. Krachend stürzte die südwestliche Ecke ein, bald nachher ein Stall; nur unter den grössten Anstrengungen konnte das Hauptgebäude gerettet werden.

Eine Episode mag besonders erwähnt werden. Ein Gemüsehändler und seine Frau aus der March sassen auf dem Wagen. Unterhalb der Brücke ereilte sie der Schlammstrom. Ross und Wagen konnten nicht mehr von der Stelle, die Leutchen aber wurden weggeschleudert, was ihre Rettung war. Der Mann flüchtete sich auf einen nahen Baum, der bald von Steingerölle umschüttet war. Nach Verlauf der Katastrophe wurde bemerkt, dass das Rösslein noch lebte. Es wurde von den Stricken befreit und arbeitete sich kräftig aus dem Schlamme heraus.

Am schwersten sind von der Katastrophe einige Private betroffen worden, sodann die Gemeinden Mitlödi und Schwändi zum Theile auch Schwanden. Bereits ist die Landschätzungskommission in Funktion getreten. Die Wiederherstellung der Verbauung wird grosse Summen erfordern, die den Geschädigten kaum zugemuthet werden können, so dass es Aufgabe des Kantons und Bundes sein wird, in die Lücke zu treten. Im Glamervolk waltet allezeit ein lebhaftes Gefühl der Solidarität; es wird sich ermannen und auch diese Wunde heilen.

der Bericht in e-newspaperarchives

Letzte Bearbeitung: 18.12.2025, markus weidmann

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