Unwetter 1900 · In Graubünden · GL/GR/SG

Unwetter im Kanton Graubünden, 1900

Medienberichte zum Ereignis

Der Bund, Band 51, Nummer 202, 23. Juli 1900

Chur, 22. d. (Privattelegr.) In den letzten drei Tagen giengen an verschiedenen Orten im Kanton schwere Gewitter nieder, die bedeutenden Schaden verursachten. Freitag abends drang der hoch angeschwollene Dorfbach in Tamins in Keller und Ställe; das Vieh musste geflüchtet werden. Gestern hagelte es in der Rhätikonkette.

Der Schraubach bei Schiers führte eine Masse Holz weg; der Schlapinbach bei Klostersdörfli gieng sehr hoch, riss Land und Vieh mit. Gegen Klosters Platz wälzte sich eine gewaltige Schlammrüfe; ein Arm strömte gegen den Bahndamm, verschüttete die schönsten Güter, und verursachte Verkehrsstörungen. Ein anderer Arm nahm seinen Weg gegen die Hotels Vereina und Brosi und füllte Küchen und Keller meterhoch an.

Heute hagelte es in der Umgebung von Klosters abermals. Der Schlapinbach gefährdete Strassen und die Eisenbahnbrücke, so dass die Passagiere des letzten Zuges umsteigen mussten; viel Land wurde überschüttet und weggeschwemmt und auch Häuser waren in Gefahr. Die Plessur kam sehr dick am Samstag; wie es scheint, ist auch im Schanfigg eine Rüfe niedergegangen. Es sind daher weitere schlimme Botschaften zu gewärtigen.

der Bericht in e-newspaperarchives

Zürcher Oberländer, Nummer 84, 23. Juli 1900

Neuestes vom 23. Juli. Schwere Gewitter in den Gegenden von Schiers Tamins und Klosters-Dörfli richteten enormen Schaden an. In Klosters führte eine Rüfe Schlamm und Schutt bis ins Hotel Vereina.

der Bericht in e-newspaperarchives

Neue Zürcher Zeitung, Nummer 202, 23. Juli 1900 Ausgabe 02

Chur, 22. Jult. / An den letzten drei Tagen giengen an verschiedenen Orten im Kanton schwere Gewitter nieder, die bedeutenden Schaden verursachten. Freitag abends drang der hochangeschwollene Dorfbach in Tamins in Keller und Ställe, das Vieh musste geflüchtet werden. Gestern hagelte es in der Rhätikonkette. Die Schraubach bei Schiers führte Massen Holz weg, der Schlapingbach bei Klostersdörfli gieng sehr hoch, riss Land und Vieh mit, gegen Klostersplatz wälzte sich eine gewaltige Schlammrüfe, ein Arm gegen den Bahndamm, überdeckte die schönsten Güter und störte den Verkehr, der andere Arm gegen die Hotels Vereina und Brest hin, füllte Küchen und Keller meterhoch an.

Heute hagelte es oberhalb Klosters wieder. Der Schlapinbach gefährdete die Strassen und die Eisenbahnbrücke, so dass die Passagiere umsteigen mussten; viel Land wurde überdeckt und weggefressen. Manche Häuser waren bedroht. Die Plessur kam sehr dick am Samstag. Auch im Schanfigg scheint eine Rüfe niedergegangen zu sein, andere schlimme Botschaften sind zu gewärtigen.

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Neue Zürcher Zeitung, Nummer 203, 24. Juli 1900 Ausgabe 03

Gestern mitgeteilte Befürchtung, es seien auch noch aus andern Kantonsteilen Berichte über Gewitterschäden zu gewärtigen, war insofern zutreffend, als auch der Zevraggiabach bei Rinkenberg, Gemeinde Truns, übergetreten ist, bei Felsbach unterhalb Flims der Bach sich über die Strasse ergoss und im Gute ziemlichen Schaden angerichtet hat, und auch in Ausser-Ferren die Strasse kurze Zeit gesperrt war.

Bei Klosters ist noch an einem dritten Orte, nämlich in Monbiel, eine Rüfe ausgebrochen und hat grossen Schaden angerichtet. Dagegen ist im Schanfigg kein Schaden entstanden; es muss eine Rüfe irgendwo, ohne solchen zu verursachen, niedergegangen sein, die die Plessur ganz braunrot färbte und verdickte.

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Neue Zürcher Zeitung, Nummer 205, 26. Juli 1900 Ausgabe 03

Die Wassernot in Klosters. (21. Juli.) Klosters! Wer kennt das freundliche Alpendorf, inmitten einer erhabenen Gebirgswelt, geschmückt durch grüne Matten und dunkle Tannenwälder, durchflossen von den Gletscherwassern der Lanquart! Ein tiefblauer Himmel wölbt sich über dem idyllischen Thal, ein leiser Zephir bewegt die Kronen und Wipfel der Waldbäume und erinnert uns mit seiner angenehmen Kühlung daran, dass wir uns 12156 Meter ü. M. befinden. Dem Strom der Touristen und Sommerfrischler ist das nicht entgangen. In Scharen strömen sie aus aller Welt hier zusammen, um Ruhe, Erholung und Gesundheit zu finden. In dieses friedliche, fröhliche Kurleben fiel letzten Samstag in ganz unerwarteter Weise ein Ereignis, das die Bevölkerung und die anwesenden Fremden in jähen Schrecken versetzte.

Nachmittags um drei Uhr entlud sich über die Klosterserberge und namentlich über dem „Thal“ ein Unwetter, wie es seit Menschengedenken nicht mehr vorgekommen ist. Der Tag war zur Nacht geworden, beleuchtet durch hell aufflammende Blitze, die Donnerschläge folgten Schlag auf Schlag und schienen durch den Wiederhall an Kraft zuzunehmen. Die schwarzen Gewitterwolken erschienen mit einem Male in hellgrauer Färbung – ein schreckliches Hagelwetter schlug in die Thalmulde oberhalb Klosters nieder.

Da erhob sich ein Donnern und Dröhnen und Tosen in den Bergen, als wäre der Tag des Zusammenbruchs erschienen. Der Thalbach, sonst ein unschuldiges Bächlein, war zum verheerenden Strome angeschwollen und drängte die schwarzen, stinkenden Schlammassen dem unglücklichen Dorfe zu. Die Sturmglocke erscholl, die Einwohner zur Wehr rufend. Vergebens! Die Schlammassen waren nicht mehr aufzuhalten und wälzten sich in vier Strängen über die prãchtigen Wiesen in das Dorf hinein, Strassen und Häuser innert weniger Minuten mit Schlamm, Steinen und Holz anfüllend.

Der Verkehr in den Strassen war vollständig gehemmt. Nur auf Umwegen konnten die Bewohner den Verkehr unter sich aufrecht erhalten. Ja, heute Mittwoch noch sah ich einen Wirt durch die Fenster in seine Schenke steigen, aus dem einfachen Grunde, weil die Thüre mit Holz und Steinen vollständig verrammelt ist.

Besonders gelitten haben die Fremdenhotels Vereina und Brosi. Dort drangen die Schlammassen durch die Fenster in die untern Hausräume, wie Küche und Keller. Die Fässer wurden von den Lagern gehoben, die Kochherde mit meterhohem Schlamm zugedeckt. Der energischen Anstrengung einer grossen Anzahl Arbeiter gelang es endlich, die eindringenden Wassermassen abzulenken. Traurig standen die Landleute auf den Schuttmassen, ihr herbes Schicksal beklagend.

Schon einmal, es war im Jahre 1888, hatte der unglückselige Thalbach das Dorf heimgesucht, aber nicht in einer solchen Weise wie am vergangenen Samstag. Man suchte dem drohenden Unheil durch Erstellung von Thalsperren entgegenzuwirken. Etwa zwanzig solcher Sperren wurden 1875 mit einem Kostenaufwand von etwa 20’000 Fr. erstellt und wirklich schien es, als ob die getroffenen Sicherheitsmassregeln ihrem Zweck vollkommen genügen würden.

Der letzte Samstag hat aber gezeigt, dass man sich auf eine irrige Ansicht stützte. Fünf der obersten Thalsperren hielten dem furchtbaren Anprall nicht stand und wurden mit ihrem gewaltigen Material in die Tiefe gerissen, das Unheil noch verstärkend. Eine Korrektion des Thalbaches sowie die Verbauung der Thalmulde oberhalb Klosters scheint zur Sicherung des Dorfes geboten. Für die diesjährige Saison wird der Vorfall von keinem ernstlichen Belang sein. Die Räumungsarbeiten sind in bestem Gange, sodass der Aufenthalt für Fremde in keiner Weise geschmälert wird. Der Bauer freilich muss mit schweren Kosten das verschüttete Land wieder nutzbar machen, ihn trifft der Schaden ganz besonders. Jedenfalls wird die Gemeinde Klosters nun nicht mehr lange säumen, und mit Hilfe des Bundes und des Kantons dem wilden Bergbach Fesseln anlegen, die er nicht mehr zu zerreissen vermag. A. H.

der Bericht in e-newspaperarchives

Abbildung zu «Unwetter im Kanton Graubünden, 1900»

Am 21. Juli 1900 wälzte sich aus dem Thal ein gewaltiger Murgang Richtung Klosters Dorf. Oberhalb der Siedlung teilte er sich in zwei Arme. Insgesamt wurden 87 Eigentümer geschädigt; an den Liegenschaften entstand ein Schaden von über 23’000 Franken (damaliger Wert). Bild: Amt für Wald und Naturgefahren Graubünden, Region 1 (Herrschaft / Prättigau / Davos). Quelle: Barandun, J.: Unerwartete Naturereignisse in Klosters. Bündner Wald, 1/2004.

Letzte Bearbeitung: 16.12.2025, markus weidmann

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