Neue Zürcher Zeitung, Nummer 1206, 13. Juli 1936
Thusis, 11. Juli. ag In der Nacht vom Samstag auf den Sonntag wurde die Strasse durch die Viamala von einem grossen Felssturz oberhalb Rongellen verschüttet und zerstört, so dass der Verkehr vollständig unterbrochen worden ist.
Der Felssturz ereignete sich etwas oberhalb der Holzbrücke, die bei Rongellen den Hinterrhein überquert. Auf eine Strecke von etwa 150 Meter haben die von den linken Felshängen auf der Strassenseite herunterstürzenden Felsmassen die Strasse mit etwa 10 000 Kubikmetern überführt und teilweise weggerissen, so dass eine Notbrücke erstellt werden muss. Immer noch kollern Steine und Blöcke herunter. Es dürfte einige Zeit verstreichen, bis der Fahrverkehr wieder freigelegt sein wird.
Thusis, 12. Juli. ag Der Erdrutsch in der Viamala begann am Samstagabend, etwa um 21 Uhr, unmittelbar nachdem zwei Touristen die Stelle passiert hatten. Die Strasse ist an der Abbruchstelle, direkt vor der ersten Viamalabrücke, hoch mit Schlamm und Schutt sowie zahlreichen geknickten Stämmen von Wettertannen überdeckt. Die stürzenden Massen haben auf der andern Seite der Schlucht ebenfalls eine Anzahl Tannen geknickt oder schiefgedrückt.
Zwei hölzerne Doppelmasten der Telephonleitung wurden weggerissen. An der obern Strasse, die von Rongellen nach Acla führt und die auch unterbrochen ist, zerriss der Rutsch die elektrische Leitung. Die Schlucht ist in der Tiefe mit Tannen überdeckt; doch hat sich das Wasser nach einer kurzen Stauung durch den Rutsch hindurchgefressen.
Während des ganzen Tages rollten Gestein- und Schuttmassen nach. Die Abbruchstelle beginnt rund 800 Meter über dem Fluss. Dicke Baumstämme ragen aus dem Schlamm hervor. Schon am Sonntagvormittag wurde mit den Instandstellungsarbeiten begonnen. Mehr als hundert Meter der Strasse sind von der abgerutschten Masse bedeckt, und die Hälfte des Strassenstücks ist zerstört, so dass für den Fahrverkehr nach Wegräumen des Schuttes eine Notbrücke erstellt werden muss. Man rechnet damit, dass für diese Arbeiten mehrere Tage benötigt werden.
der Bericht in e-newspaperarchives
Neue Zürcher Zeitung, Nummer 1211, 13. Juli 1936 Ausgabe 03
Zum Felssturz in der Viamala. In der Nacht vom Samstag auf den Sonntag wurde, wie im Morgenblatt berichtet, die Strasse durch die Viamala von einem grossen Felssturz oberhalb Rongellen verschüttet. Von einen Augenzeugen erhalten wir folgenden Bericht : Seit Samstagmittag schneit es in Ausser-Ferrera wie im tiefsten Winter; die Männer des Dorfes haben bereits das auf den Alpen sommernde Vieh des inneren Schams und des Averstales zu Tal getrieben, damit das aus dem Unterland stammende Vieh in den Alpställen zur Not geborgen werden kann. Im Hause des Gemeindepräsidenten wird beraten, wo noch letztjähriges Heu aufzutreiben ist, um damit die hungernden, teilweise zu Tal getriebenen Alptiere füttern zu können.
Ruhig werden die Anordnungen getroffen. Das Jungvieh irrt umher und stürzt gerne über die jähen Felswände herunter, tragende Kühe sind ebenfalls sehr gefährdet. Die ganze Nacht müssen die Sennen draussen bei ihren Tieren Wache halten, in Nässe und Kälte, bei schwerem Schneegestöber. Auf den Alpen Samada, Sutsurne und Ürsera, auch in Avers Cresta, liegen 45 Zentimeter Schnee. Die Post mit der verlockend schönen Tafel Andeer-Avers-Cresta verkehrt mit Schneeketten. Ein merkwürdiges Bild, das braune Dörflein mit seinen eng stehenden Häusern mitten im Sommer im tiefen Schnee zu sehen.
Wir rüsten uns zur Abreise, bestellen früh unsere Plätze auf der Post. Ein Bauer, der auf dem Motorrad von Inner-Ferrera kommt, um nach Rodels-Realta zu telephonieren, da in Inner-Ferrera das Telephon unterbrochen ist, weiss zwar zu berichten, dass in der Via Mala die Strasse verschüttet sei, wir setzen uns indessen getrost ins Pastautomobil. Auf dem prächtig schönen und für ein so abgelegenes Bergtal sehr guten Strässlein sehen wir wohl einige Felsbrocken und Baumstämme, die vorher die Strasse sperrten, aber jetzt beiseite geschafft worden sind. Tief unten rauscht der graugrüne Averser Rhein. In Andeer, wo wir auf die Post vom Splügen und Bernhardin warten, heisst es plötzlich, dass man uns nicht passieren lasse, da die Strasse verschüttet und teilweise in die Tiefe gerissen worden sei; es bleibe uns nichts anderes übrig, als hier zu bleiben oder über St. Bernhardin-Misox heimzureisen.
Das erstere ist nicht zu empfehlen, da die Gemeinde Massnahmen wegen der Kinderlähmung getroffen hat, das letztere bedeutet für uns einen grossen Zeitverlust. Die Post führt uns noch bis Zillis, hier geben wir das Gepäck auf und können einen Lastwagen besteigen, der eine etwa 15 Mann starke Gruppe von Strassenarbeitern zur Absturzstelle führt.
Bald nach dem Pavillon in der Via Mala ist unsere Fahrt zu Ende und wir stehen vor einem breiten grauen Schuttstrom. Es ist ein wildes Trümmerfeld; beständig fliesst ein grauer Schuttbach in die Tiefe, Felsbrocken fliegen mit Krachen weit über die Wand hinaus, fortwährend rollen Steine nieder. Droben, ungefähr 100 Meter über der Strasse, räumen die Arbeiter an der Abbruchstelle das lose Material weg.
Wir warten und sehen die Menschen dort in der Höhe unter Lebensgefahr arbeiten. Auf einem im tiefen Schlamm stehenden, schief gedrũckten Telephonleitungsmast steht ein Monteur und arbeitet in fieberhafter Hast. Wahrlich, eine gefährliche Arbeit, über dem tiefen Felsbette der Via Mala an einer nur durch einen dünnen Draht gesicherten Stange, die dem Umstürzen nahe ist, wieder Ordnung in dieses Chaos von zerrissenen und herunterhängenden Drähten zu bringen.
Wir warten schon über zwei Stunden; es ist keine Aussicht, durchzukommen; Steinlawinen kommen von der Höhe herab, dicke Tannen liegen zersplittert in der Tiefe, es wird noch viele Stunden dauern, ehe die Abbruchstelle von all dem faulen Schiefer und losen Gefelse geräumt ist. Wegmeister und Strassenbauingenieur wissen es nicht, wie lange es noch dauert; aber heute ist an ein Durchkommen nicht zu denken und der Ingenieur erbarmt sich unser und gibt uns einen zuverlässigen Mann mit, einen Gemsjäger, der uns auf dem jenseitigen, linken Ufer des Rheins durch die Via Mala abzuführen hat.
Mit Hilfe dieses Einheimischen nehmen wir diesen Weg unter die Füsse. Ohne Weg geht es über Felsköpfe, durch Gestrüpp, über Bachbette voll Geröll, am fast senkrechten Hang über der Schlucht der wilden Via-Mala; zum Glück ist der Hang bewachsen. Unser Führer weiss uns wohl zu führen und zeigt uns sogar ein Gemsennest. Wir sind nichts weniger als sauber, als uns der Führer auf einem breiten Waldpfad über eine gedeckte Holzbrücke bei Rongellen auf die Strasse bringt, auf der viel Volk, Autos und Motorräder zur Absturzstelle pilgern. Wir wandern Thusis zu; wir haben es an uns selbst erfahren, dass die Via-Mala eine böse Strasse, ein schlechter Weg ist.

Ein grosser Fels- und Geröllsturz hat die Viamala-Strasse vollständig unterbrochen. Etwa 10’000 m3 Steine, Erde und geknickte Tannen haben die Strasse weggerissen. Die Stelle befindet sich direkt vor der ersten Viamalabrücke. Das Bild zeigt einen Teil der verschütteten Viamalastrasse. Schutt und Baumstämme bilden ein wüstes Chaos.
der Bericht in e-newspaperarchives
Neue Zürcher Nachrichten, Band 32, Nummer 187, 13. Juli 1936 Ausgabe 02
Die Viamala verschüttet. Am Samstagabend berichteten zwei Touristen, als sie gegen 19 Uhr abends in Thusis eintrafen, in höchster Aufregung, dass etwa um 9 Uhr ungefähr in der Mitte der Viamala-Schlucht, oberhalb Rongellen, unmittelbar hinter ihnen mit donnermden Getöse ein Felssturz niedergegangen sei. Das war kurze Zeit nachdem die letzten Postautos, die von Thusis aus die Ausflügler ins Hinterrheintal befördert hatten, zurückgekehrt waren. Die Telephonverbindung funktionierte von jenem Augenblick an nicht mehr, sodass man auch aus diesem Umstand auf einen grösseren Erd- und Gesteinsrutsch schloss. In der Tat bot sich den vielen Neugierigen, die am Sonntag zu der Absturzstelle pilgerten, ein Bild der Verwüstung.
Die Strasse, die sich auf dem linksseitigen Ufer des Hinterrheins — von Thusis her gesehen auf dem rechten Schluchteinschnitt hinzieht, war etwa 59 Meter vor der ersten Viamala-Brücke auf eine Breite von mehr als hundert Meter vollständig mit Schlamm und Geröll, aus denen zahlreiche und gewaltige Baumstämme herausragten, überschüttet und teilweise weggerissen. Die gelb-schmutzigen Wasser des Rheins gurgelten und rauschten kaum sichtbar im engen Felseinschnitt, über den sich nun entwurzelte Tannen gelegt hatten, sodass sie schwindelfreien Leuten die Möglichkeit boten, den Fluss zu überqueren.
Unterhalb dem Alpdörfchen Valoja, direkt dem Tobel gegenüber, das südlich der Maiensäss Breitenberg fast senkrecht in die Schlucht hinunterstürzt, hatten sich infolge des Regens etwa 800 Meter über der Strasse gewaltige Schutt- und Erdmassen gelöst und waren, mächtige Wetter- und Schutztannen mit sich über den steilen Hang reissend, mit Donnergepolter heruntergestürzt. Im obern Teil fuhren sie mit solcher Wucht über Felsterrassen hinaus, dass die darunter liegenden Matten in ziemlicher Breite unberührt blieben; dann sausten sie weiter und rissen den schützenden Baumbestand auf mehr als hundert Meter Breite in die Tiefe, zerstörten die in die Felswände eingebaute Fahrstrasse von Rongellen nach Acla und weiter nach Valoja, zerstörten die dieser Strasse entlang führende elektrische Leitung, prasselten über die letzte, 50 Meter hohe Felswand auf die Durchgangsstrasse Thusis-Andeer und dann, zwei hölzerne Doppelmasten der Telephonleitung mit sich reissend. hinunter in die Schlucht.
Von den mitgerissenen Tannen wurden die dicksten Aeste sauber und glatt abgetrennt, die Baumstämme selbst zum Teil wie Zündhölzchen geknickt. Eine Zeit lang stauten sich die Fluten des Rheins, frassen sich aber rasch durch und schwemmten die wohl gegen 10,000 Kubikmeter Gesteins- und Schuttmassen mit sich fort, bis auf die zwei Tannen, sie hoch über dem drei Meter breiten Einschnitt den Fluss überspannten. Die Strasse macht an jener Stelle bergwärts einen Bogen und führte zur Ueberquerung eines Rüfenbettes über eine kurze Brücke. Diese Brücke wurde zerstört, das Mauerwerk der Strasse teilweise und die übrige Strecke auf mehr als 50 Meter vollständig in die Tiefe gerissen.
Man sah nur noch Schutt und Schlamm, aus dem halb- und ganzmeterdicke Baumstrünke, mächtigte Wurzelstöcke und weiter unten die Telephonmasten herausragten. Mitten in dieser Wüste stand am Steilhang zwischen Strasse und Fluss nur noch eine einzige, über 50 Meter hohe Tanne, deren meterdicke Stamm durch die Steine schwer mitgenommen und deren Gipfel durch die Erschütterung abgebrochen war. Der Rutsch muss bis ans andere Ufer hinübergepoltert fein, denn er hat dort noch Tannen geknickt oder schief gedrückt. Den ganzen Sonntag hindurch haben sich wackere Arbeiter mit dem Wiederaufräumen beschäftigt, eine zehn Mann starke Gruppe am obern Fahrweg nach Acla, eine starke Mannschaft an der untern Strasse. Die letztere musste sich von Zeit zu Zeit eilig zurückziehen, da fortwährend weitere Schutt- und Gesteinsmassen nachstürzten, jeweilen durch laute Zurufe der obern Gruppe angekündigt.
Monteuren gelang es, am Nachmittag gegen 4 Uhr die Telephonleitung provisorisch wieder herzustellen. Viel Volk schaute zu, und man vernahm, dass auf dieser Seite die Felsen vielfach „faul“ seien. Man sah dies, wenn mächtige Felsplatten zu Tal stürzten und sich im Aufschlagen zerbröckelten, um — immer noch gross — mit dumpfem Gekröse im Fluss zu verschwinden. Diesem Umstand, dass die grossen Blöcke zerbröckelten, wird es auch zu verdanken sein, dass sich das Wasser des Flusses rasch wieder freie Bahn schaffen konnte. Der Erdrutsch hatte sich ürbigens auf der Höhe geteilt, doch war der südliche Arm in einer Mulde oberhalb der Strasse zum Stillstand gekommen; nur vereinzelte Steine kollerten in die Tiefe und zerschlugen die Holzbalken des Strassengeländers.
Die richtige Uebersicht erhielt man erst, wenn man den Zickzackweg durch die Böschung in die Schlucht hinunterstieg und auf der alten, morschen Holzbrücke zum jenseitigen Ufer eilte, von wo aus das breite Band zu übersehen war, das sich hoch oben über drei Felsterassen ergoss , Links und rechts standen auf wiesenüberwachsenen Felshängen die hochragenden Tannen, als wäre nichts geschehen, aber dazwischen schoss der breite Streifen der Verwüstung in die jähe Tiefe. -en.
der Bericht in e-newspaperarchives
Letzte Bearbeitung: 17.12.2025, markus weidmann

