

Das Unwetter in der Chronik der Unwetterschäden in der Schweiz
Gerhard Röthlisberger schreibt in seiner „Chronik der Unwetterschäden in der Schweiz“:
Katastrophenjahr“ mit 9 Toten und Sachschäden von über 500 Millionen Franken (Unwetterkatastrophe im Kanton Tessin). Diese Unwetterkatastrophe, ausgelöst durch schwere Gewitter mit sintflutartigen Niederschlägen, ist schaden- und ausdehnungsmässig mit dem Ereignis vom Juni 1910 vergleichbar. Nahezu alle Kantone wurden betroffen.
Insgesamt waren im Tessin und im Calancatal (GR) 9 Todesopfer und zahlreiche Verletzte zu beklagen. Fluss- und Bachausbrüche, Rüfen und Rutschungen verwüsteten ganze Talschaften und zerstörten Gebäude, Brücken, Dämme, Strassen- und Schienenwege, Industrie- und Kraftwerksanlagen. Krisenstäbe und Militär (im Tessin rund 1500 Mann) mussten aufgeboten werden.
Katastrophengebiete im Tessin und im südlichen Bündnerland waren: die Region Locarno, das Maggiatal, das Centovalli, das Onsernone- und das Vergelettotal, die Magadinoebene, das Bleniotal, das Misox und das Calancatal. Die Schäden beliefen sich im Tessin auf 441 Millionen Franken, im südlichen Bündnerland auf über 40 Millionen.
Quelle
Röthlisberger, Gerhard: Chronik der Unwetterschäden in der Schweiz. Berichte der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft, Nr. 330, 1991. download
Literatur
Das Unwetter vom 7. / 8. August 1978 in der Schweiz. Arbeitsberichte der Schweizerischen Meteorologischen Zentralanstalt. download
Links
Medienberichte
Berner Tagwacht, Band 86, Nummer 184, 9. August 1978
Anhaltende Unwetter haben im Tessin, in anderen Regionen der Schweiz sowie in Norditalien zu schweren Verwüstungen geführt und über ein Dutzend Todesopfer gefordert. Zahlreiche Personen werden noch vermisst. Im Wallis erwachten gestern Dienstag Tausende von Sommertouristen im Schnee: An verschiedenen Orten schneite es bis auf 1500 Meter hinunter. Wegen den zahlreichen Erdrutschen auf italienischer Seite mussten die Simplon-Eisenhahnlinie und die Simplonstrasse geschlossen werden. Wegen Schneefällen und Erdrutschen gesperrt wurden auch sieben schweizer Pässe.
Die mit Regenfällen von 200 Litern pro Quadratmeter verbundenen Unwetter im Tessin haben mehrere Todesopfer gefordert. Auf einem Campingplatz am Ufer des Tessin in Bellinzona wurde der 18 jährige Neuenburger Student Frederic Delay vom Hochwasser mitgerissen und ertrank. Seine jüngere Schwester, die sich ebenfalls im Zelt befand, konnte sich an einem Baum festklammern und wurde gerettet. Die etwa 100 Personen auf dem Campingplatz waren etwa eine halbe Stunde vor dem Hochwasser evakuiert worden.
Zwei Tote forderte das Unwetter im Bleniotal: Der 55 jährige Mario Fiorini von Acquarossa, der von einer Brücke aus die anschwellenden Fluten des Simano bewundern wollte, wurde mitsamt der Brücke mitgerissen. ln Acquarossa ertrank der 32 jährige Gianpietro Ghisla aus Dongio in den reissenden Fluten, als er sich an einer Rettungsaktion beteiligte. Die Tessiner Polizei bestätigte ferner, dass auch in der Region Locarno zwei weitere Personen dem Unwetter zum Opfer fielen, doch ist deren Identität noch nicht bekannt.
Das schwere Unwetter forderte auch jenseits der Grenze Todesopfer und richtete Sachschaden an. lm besonders betroffenen oberen Ossola-Tal und seinen Seitentälern in Norditalien kamen nach einer provisorischen Bilanz mindestens acht Menschen ums Leben. An verschiedenen Orten kam es zu Erdrutschen; Häuser stürzten ein und begruben Menschen, Strassen wurden unterbrochen. Das Vigezzo-Tal ist von der Aussenwelt völlig abgeschnitten. Zudem stürzten insgesamt sieben Brücken ein. vier davon auf der Bahnlinie Domodossola–Locarno.
Auch im Wallis führten heftige Regenfälle zu Erdrutschen und Überschwemmungen. Die Strasse musste ab Münster nach Oberwald gesperrt werden, weil verschiedene Bäche aus ihrem Lauf traten und die Kantonsstrasse überschwemmten. Unterhalb Gletsch wurde die Strasse von einem Erdrutsch verschüttet. Eine unerfreuliche und unliebsame Überraschung brachte den Alphirten der plötzliche schneefall in den höheren Regionen des Wallis. Viele Sennen mussten ihr Vieh unter die Schneegrenze treiben, um Futter zu tinden. In den Walliser Bergen waren teilweise bis auf 1600 Meter an die zehn Zentimeter Neuschnee gefallen. Vom Schnee überrascht wurden auch 18 Berggänger, die in der Nacht zum Dienstag in der Solvayhütte blockiert waren.
Wegen Erdrutschen mussten die Simplon-Eisenbahnlinie und die Simplonstrasse unterbrochen werden. Die Züge aus der Schweiz können bis auf weiteres nur bis Brig verkehren. Auch die Centovalli-Bahnlinie ist blockiert. Unwetter beschädigten die Geleise stark. In den Alpen ist der Winter eingekehrt. Wegen Schneefällen bis auf 1500 Meter hinunter mussten die Pässe Furka, Grimsel, Grosser Sankt Bernhard, Nufenen, Lukmanier, San Bernardino und Maloja geschlossen werden. Der Susten ist nur noch mit Winterausrüstung befahrbar.
Neben dem Tessin, dem Wallis, dem Bündnerland und Norditalien wurden auch das Berner Oberland, das Reusstal im Kanton Aargau, St. Gallen sowie der Thurgau von schweren Unwettern getroffen. Kleine Bäche, die zu reissenden Flüssen wurden, überfluteten die linke Thunerseestrasse, die gesperrt werden musste. Überschwemmungen blockierten die Strasse Zwischen Montier und Delsberg völlig. Die Thur trat an mehreren Stellen über die Ufer und überflutete Brücken, Strassen und Dörfer. lm Misox kam der gesamte Bahn- und Strassenverkehr wegen Erdrutschen zum Erliegen.
ln 0nnens (VD) stürzte ein Fabrikdach unter den sintflutartigen Regenfällen zusammen. Auf der Kantonshauptstrasse Koblenz-Zurzach wurde ein halber Meter Wasser gemessen. ln Pfäffikon (SZ) stand der ganze Bahnhof unter Wasser und die Bahngeleise wurden unterspült. Stundenlang waren Ortschaften am Bodensee (Arbon, Romanshorn usw.) wegen umgestürzten Hochleistungsmasten ohne Strom.
Die schweren Unwetter in der Schweiz haben auch zu teilweisen Unterbrüchen im Telefonverkehr und zu verspäteten Postzustellungen geführt. Nach Angaben des Pressedienstes PTT waren vor allem die Gebiete St. Gallen-Weinfelden, Brig-Zermatt, Olten-Basel und das ganze Tessin betroffen. Die Reparaturarbeiten dürften je nach Entwicklung der Wetterlage einige Zeit in Anspruch nehmen.
Regenfälle lösten Katastrophe aus. Familie von Erdrutsch verschüttet. Zwei Kinder tot, die Eltern und ein weiteres Kind verletzt: so lauten die traurigen Folgen eines Erdrutsches, der im Weiler Mastsc bei Rossa im bündnerischen Calancatal eine 500 Jahre alte Bauernhütte zerstörte, in der sich eine vierköpfige italienische Urlauber-Familie und ein befreundetes Kind aus Graubünden aufhielten.
Bei den Opfern des Erdrutsches handelt es sich um die Familie des aus Varese stammenden, in Giubiasco (Tl) wohnhaften ltalieners Cesare Tandi, der Zusammen mit seiner Ehefrau und einem Töchterchen mit dem Leben davonkam, wogegen sein Töchterchen Monica Tandi, 12, und deren Freundin, Chiara Rigassi, 12, wohnhaft in Giubiasco und heimatberechtigt in Castaneda (GR) den Tod fanden. Der Erdrutsch war durch sintflutartige Regenfälle ausgelöst worden, die in der Folge durch Wegschwemmung der Zufahrtsstrasse nach Mastac auch die Rettungsarbeiten stark behinderten.
Wegen der schweren Regenfälle hatte sich oberhalb der 500jährigen Alphütte eine gewaltige Erdmasse gelöst — es soll auch ein Blitz in den Hang eingeschlagen haben — und die steinerne Hütte dem Erdboden gleich gemacht. lm Unglücksmoment befand sich die Mutter unter der Haustüre, wobei sie durch die Wucht des Erdrutsches ins Freie geschleudert wurde. lhr Ehemann war etwas vom Haus entfernt und erlitt leichtere Verletzungen. Drei Kinder, die Mädchen Tandi und Chiara Rigassi, die im Aufstehen begriffen waren, wurden von den Trümmern des Hauses verschüttet, auf das sich Geröll- und Felsmassen mit bis zu 200 Kilo schweren Brocken gewälzt hatten.
der Bericht in e-newspaperarchives
Neue Zürcher Nachrichten, Band 73, Nummer 182, 9. August 1978
Bern, (sda/ddp) Schwere Unwetter haben in der Nacht auf Dienstag die Schweiz heimgesucht. Am stärksten betroffen wurden das Tessin, die Ostschweiz und Graubünden. Im Tessin, das zum Katastrophengebiet erklärt wurde, ertranken sechs Personen in den Fluten. Die Thur, welche den höchsten Wasserstand anzeigte, seit Messungen durchgeführt werden, durchbrach an mehreren Orten die Dämme. Die Unwetterschäden werden auf Millionen geschätzt.
Bundesrat Hans Hürlimann, Vorsteher des Eidg. Departementes des Innern, begab sich am Dienstag nachmittag ins Tessin, um sich ein Bild von der katastrophalen Lage zu machen. In den Regionen Locarno und Bellinzona, die vom Tessiner Staatsrat zum Katastrophengebiet erklärt wurden, rechnet man mit Schäden, die sogar jene des Katastrophenjahres 1951 übertreffen. Den reissenden Fluten, welche Strassen, Keller, ganze Quartiere und Campingplätze überschwemmten und Brücken zerstörten, fielen sechs Personen zum Opfer.
Im Bleniotal kamen der 55 jährige Mario Fiorini aus Leöntica und der 36jährige Gianpiero Ghisla aus Dongio ums Leben. Der 19-jährige Frederic Delay aus Neuenburg ertrank auf dem Campingplatz bei Bellinzona, und der Deutsche Wilhelm von Knyphausen, 1908, fiel den Fluten in Verscio zum Opfer. Der Oesterreicher Alfred Schober, Jahrgang 1907, ertrank in der Nähe von Ascona und die 76-jährige Ida Buzzi aus Losone wurde von den Fluten der Maggia, die ihr Haus überspülten, getötet. Einheiten der Armee und die Schweizerische Rettungsflugwacht waren mit Helikoptern im Einsatz.
der Bericht in e-newspaperarchives
Neue Zürcher Zeitung, Nummer 181, 8. August 1978
Rossa, 7. Attg. (sda) Ein.durch die heftigen Niederschläge ausgelöster Erdrutsch hat am frühen Montagmorgen, um etwa 5 Uhr, ein rund 500 Jahre altes, aus Stein gebautes Wohnhaus beim Weiler Mastac im südbündnerischen Calancatal vollständig zerstört. Das Unglück forderte das Leben der beiden 12jährigen Mädchen Monica Tandi und Chiara Rigassi aus Giubiasco. Ein weiteres Mädchen konnte noch lebend aus den Trümmern geborgen werden, musste jedoch mit schweren Verletzungen mit einem Helikopter der Schweizerischen Rettungsflugwacht ins Spital nach Bellinzona überflogen werden. Ein Ehepaar aus Giubiasco, das mit den drei Kindern das Ferienhaus bewohnt hatte, kam, wenn auch zum Teil leicht verletzt, mit dem Schrecken davon. Der Unglücksort liegt auf der linken Talseite in etwa 1300 Meter Höhe, rund 2,5 Kilometer nördlich der Ortschaft Rossa.
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Bieler Tagblatt, Nummer 193, 19. August 1978
Unwetter verursachten Elementarschäden von über 150 Millionen Franken. sda. Die schweren Unwetter vom 7./8. August im Tessin und in der Ostschweiz werden die privaten Sachversicherungen mit rund 120 Mio. Franken belasten. Allein im Tessin entfallen auf Schäden an Gebäuden und Fahrhabe annähernd 100 Mio. Die Verluste an Land und Kulturen lassen sich gegenwärtig noch nicht abschätzen.
Mit den Ereignissen vom ersten Augustwochenende erreicht die in der Feuerversicherung eingeschlossene Elementarschadendeckung im laufenden Jahr bereits heute die Rekordbelastung von rund 150 Mio. Franken. Nach Angaben der Versicherungsinformation haben Analysen der meteorologischen Zusammenhänge und der grössten Schadenfälle ergeben. dass sich für die Überschwemmungen vom 7. bis 8. August die Frage von Haftungslimiten für Katastrophen nicht stellt, so dass die Versicherungsgesellschaften für die effektiv ermittelten Elementarschäden aufkommen müssen.
Nach «groben Schätzungen» rechnet man bei den kantonalen Brandversicherungsanstalten mit Gebäudeschäden von rund 10 Mio. Franken: «Es können jedoch ebenso gut 15 Mio. sein». Die relativ geringe Schadensumrne erklärt sich daraus, dass im am meisten von den Unwettern betroffenen Gebiet — dem Tessin – die Institution der öffentlich-rechtlichen Gebäudeversicherung nicht besteht. ln jenen Schadengebieten, wo ein Obligatorium existiert, seien die Schäden durch die Gebäudeversicherung jedoch «restlos» gedeckt, so auch in den vom Unwetter betroffenen Kantonen TG, ZH, BS und BE.
Die Schäden an Land und Kulturen sind nach Angaben der verschiedenen Versicherungsträger im heutigen Zeitpunkt noch nicht abschätzbar. Nach Angaben der Schweizerischen Hagelversicherung dürfte für sie ein erster «Richtwert» bei 8 Mio. Fr. liegen, wobei hier bloss die gegen Hagel versicherten Kulturen in Betracht fallen. Auch beim Fonds für nicht versicherbare Elementarschäden des Bundes erwartet man keine abnormen Schadensummen, wobei hinsichtlich des Tessins über eine allfällige Höhe noch nichts ausgesagt werden kann.
Auch bei den Unwetterschäden vom letzten Jahr im Kanton Uri habe der Fonds keine allzu grossen Leistungen erbringen müssen. Bei den Land- und Kulturschäden sei nämlich ein grosser Teil durch Leistungen von Bund und Kanton abgedeckt. Was jene im Misox betreffe, die vorläufig mit 50 Mio. beziffert würden, gingen die Kosten mehrheitlich zulasten der Nationalstrasse.
Knapp zwei Wochen nach den schweren Unwettern im Tessin und im Thurtal hat sich die Lage in allen betroffenen Gegenden weitgehend normalisiert. So wird nach Angaben der Graubündner Kantonspolizei die San-Bernardino-Route am Wochenende für den Personenverkehr wieder durchgehend befahrbar sein, nachdem eine eingestürzte Brücke erneuert worden ist.
Das vom Unwetter schwer heimgesuchte Onsernonetal kann wieder durchgehend befahren werden, der Postautobetrieb funktioniert wieder. Einige kleinere Strassen im Blenio-Tal sind aber immer noch nicht hergestellt. Im Locarnese und in Ascona ist die Situation für den Tourismus wieder normal.
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Letzte Bearbeitung: 16.12.2025, markus weidmann

