«Calixt, durch Deine mächtige Hand halte zurück die schlüpfrigen Felsen und beschütze, o heiliger Patron, diesen Ort.» Inschrift auf der Glocke im Kirchturm von Brienz
Auf dieser Seite
- Die Grosshangbewegung
- Wie entwickelte sich die Dynamik der Grosshangbewegung in der Vergangenheit?
- Die Grosshangbewegung besteht aus zwei Bereichen
- A «Rutschung Berg»
- «Rutschung Berg»: Der Schuttstrom «Igl Rutsch»
- Medienberichte
- «Rutschung Berg»: Bewegungen zwischen 1902 und 1911
- Weitere Ereignisse im Gebiet «Rutschung Berg»
- B «Rutschung Dorf»
- Die durch die "Rutschung Dorf" gefährdeten Sachwerte
- Auswirkungen der Grosshangbewegung
- Massnahmen
- Geologische Untersuchungen
- Vermessung und Frühwarnung
- Schutzdämme
- Entwässerung des Untergrundes der Grosshangbewegung
- Bau des Entwässerungsstollens
- Quellen und Literatur
- Überwachung und Frühwarnung
- Bevölkerungsinformationen
- Links
Die Grosshangbewegung
Die Grosshangbewegung von Brienz/Brinzauls ist eine der grössten und aktivsten Grosshangbewegungen im Alpenraum.
- Die Bewegung erstreckt sich von den Brienzer Maiensässen Propissi (auf rund 1800 m ü. M.) bis zur Albula auf etwa 850 m ü. M.
- Das sich bewegende Gebiet hat eine Fläche von rund 2.4 km2.
- Es hat ein Volumen von rund 166 Millionen m3.
Wie entwickelte sich die Dynamik der Grosshangbewegung in der Vergangenheit?
- Im 20. Jahrhundert war die Grosshangbewegung Jahrzehnte lang wenig bis mässig aktiv.
- Bis ins Jahr 2000 waren die Verschiebungen meist geringer als 10 cm pro Jahr.
- Von 2015 an stiegen die Geschwindigkeiten an – auf mehr als einen Meter pro Jahr.
- 2021 betrugen sie bis zu 1.6 m/Jahr.

Die rote Kurve zeigt, wie sich der Messpunkt Kirche Brienz/Brinzauls seit 1930 bewegte. Bis ins Jahr 2000 bewegte er sich durchschnittlich mit weniger als 10 cm/Jahr. Danach nahmen die Bewegungen bis auf 1,6 m/Jahr zu. Ab April 2022 verlangsamten sich die Bewegungen als Folge der Entwässerungsmassnahmen im Sondierstollen westlich des Dorfes.
Die vier gelben Punkte zeigen, wann grössere Felssturzereignisse (Volumen mit mehr als 100’000 m3) stattfanden. Quelle: Nänni, Christoph / Figi, Daniel: Grosshangbewegung Brienz/Brinzauls: eine geologische und historische Übersicht.
- Länger anhaltende Geschwindigkeitszunahmen werden meist im Spätherbst, Winter und bis in den Frühling gemessen.
- Geschwindigkeitsabnahmen treten in den Sommermonaten auf.
- Insbesondere die Schneeschmelze in mittleren Höhenlagen bis 1900 m ü. M. führt zu ausgeprägten Beschleunigungen der gesamten Rutschung.
Die Grosshangbewegung besteht aus zwei Bereichen
Die Grosshangbewegung kann aufgrund der Prozesse und der Dynamik ganz generell in zwei Abschnitte unterteilt werden.
- Rutschung Berg
- Rutschung Dorf

Die Grosshangbewegung (rot). Innerhalb dieser Bewegung das Gebiet der Schuttrutschung „Igl Rutsch“ (orange). Karten © swisstopo

Derselbe Kartenausschnitt wie oben. Vereinfachend kann man sagen: Der Teil «Rutschung Berg» beinhaltet die nördliche Hälfte der Grosshangbewegung (inklusive „igl Rutsch“). Der Teil «Rutschung Dorf» beinhaltet die südliche Hälfte.
Die Karten auf der interaktiven Plattform von swisstopo
Rutschung Dorf und Rutschung Berg bilden eine zusammenhängende Grosshangbewegung. Diese besteht aus unterschiedlichen, mechanisch interagierenden Teilen (Kompartimenten), welche ein synchrones Bewegungsverhalten zeigen.
Geologen unterteilen die Grossrutschung aufgrund der geologischen und kinematischen Verhältnisse in elf Bereiche (Kompartimente). Sie verstehen die «Grosshangbewegung» im Sinne einer tiefgreifenden Hangdeformation, welche durch verschiedenste Bewegungsmechanismen charakterisiert ist.
A «Rutschung Berg»
- Dieser Bereich befindet sich oberhalb des Dorfes / nördlich der Ost-West verlaufenden Kantonsstrasse.
- In diesem Bereich dominiert hohe Sturzaktivität (Felssturz, Stein- und Blockschlag, Schuttstrom).
- Die Stein- und Blockschlagaktivität schwankt; manchmal gibt es tagelang keine Ereignisse; manchmal mehrere Dutzend pro Tag.
- Von der Abrisskante stürzen periodisch Felsstürze Richtung Dorf.
- Die Blöcke erreichen die Häuser des Dorfes nicht.
- Nach Niederschlagsperioden und während der Schneeschmelze nimmt die Zahl der Ereignisse häufig zu.
- Die Bewegungsraten betragen 6 bis 10 Meter pro Jahr.
- Die Rutschung Berg bewegt sich insgesamt deutlich schneller als die Rutschung Dorf.
- Die stete Zunahme der Rutschungsgeschwindigkeiten im Bereich „Rutschung Berg“ führt zu einem zunehmend starken Zerrüttungsgrad der Felsmassen oberhalb des Dorfes.
- In den stark aufgelockerten Kompartimenten Insel und West können Niederschläge und Schmelzwasser zunehmend rasch ins System eindringen und so kurzfristig zu sehr hohen Geschwindigkeiten führen.

Die „Rutschung Berg“ mit ihren verschiedenen Bereichen (Kompartimenten).
Stand am 16. Mai 2025:
Generelles Verhalten der „Rutschung Berg“: Als Folge der Niederschläge in der ersten Maiwoche nahmen die Geschwindigkeiten der Rutschung Berg (mit Ausnahme des Rückens Caltgeras) rasch zu. In Teilen der Front und im Westen war eine stärkere Beschleunigung zu beobachten als in den anderen Bereichen. Der Bereich Front zeigte in den letzten Tagen wieder eine erste Verlangsamung.
Rutschung Berg: Verhalten des Bereichs ”Schutthalde oben”: Die ”Schutthalde oben” kann sich nach viel Niederschlag oder bei Felsstürzen noch immer sehr rasch beschleunigen. Die Situation bleibt deshalb angespannt und gefährlich. Für die Entwicklung in den kommenden Monaten und die Gefährdung durch die ”Schutthalde oben” gibt es keine zuverlässige Prognose. Deshalb kann weiterhin nicht vorhergesagt werden, wie lange die aktuelle Evakuierung andauern wird.
Geschwindigkeit der verschiedenen Bereiche der „Rutschung Berg“:
- Plateau: ca. 10.0 m/Jahr | leicht zunehmend
- Front: ca. 7.3 m/Jahr | zunehmend
- West: ca. 6.5 m/Jahr | zunehmend
- Insel Ost: ca. 3.3 m/Jahr | leicht abnehmend
- Rücken Caltgeras: ca. 1.7 m/Jahr | abnehmend
- Schutthalde oben: bis ca. 9 cm/Tag | stagnierend
„Rutschung Dorf“: Die Geschwindigkeiten der Rutschung Dorf nehmen weiter deutlich ab. Beim Messhäuschen im Dorf beträgt die aktuelle Geschwindigkeit etwa 0.9 m/Jahr.
Quelle: Informationen zum Brienzer Rutsch. 99. Bulletin vom 16. Mai 2025
«Rutschung Berg»: Der Schuttstrom «Igl Rutsch»
Von 1872 an löste sich im östlichen Bereich der Felswand oberhalb von Brienz eine Felsmasse mit einem Volumen von mehreren Millionen Kubikmetern. Sie kroch während mehreren Jahren als Schuttstrom talwärts – phasenweise mit rund einem Meter pro Tag. Man gab diesem Strom den passenden Namen «Igl Rutsch» – die Rutschung.


„Der Volksfreund“ schrieb am 6. August 1881 unter anderem: „Die im Schub befindliche Masse wird auf circa 20’000’000 Kubikmeter angeschlagen, und hat neben einer grössern Waldstrecke bereits 18 Hektaren Wiesland verschüttet; sie hat überdies bereits den Strassenrand überschritten und nötigt deswegen zu einer tieferem Anlage der Strasse.“
Auf obiger Karte von 1887 ist einerseits der Strassenabschnitt eingezeichnet, der von der Rutschung „überschritten“ wurde – und auch der tiefer liegende, neu angelegte Abschnitt.
Der Schweizer Geologe Albert Heim beschrieb das Ereignis «Igl Rutsch» folgendermassen:
«Im November 1878 hat nördlich von Brienz eine Bewegung eingesetzt, die, bald langsamer, bald rascher oder mit zwischenliegenden Stillständen immer noch anhält. Der Anblick vom Dorfe Brienz
aus ist grossartig. Das grünende, zum Teil bewaldete Gehänge ist unterbrochen durch einen kahlen, gletscherförmigen Strom aus oben vorherrschend hellgelben, nach unten mehr und mehr bläulichgrauen Felstrümmern. In der nach oben ausgebogenen Nischenwand beginnt der Bergsturz in 500 m Breite (…)».

Links von der Bildmitte: der unbewaldete „Igl Rutsch“; links Brienz. 9.9.1938. Volumen: rund 20 Millionen Kubikmeter. Quelle: Bundesamt für Landestopografie, Bildsammlung TGAB. Terrestrische Aufnahmen, Operat Filisur, Station Cargnola. Bild Nr. 390 | 380503. Foto download / Zum Foto in smapshot

Flugaufnahme von Brienz, Oktober 1954. Rechts von der Bildmitte der schwach bewaldete „Igl Rutsch“. Am unteren Ende der Rutschmasse der an die Rutschmasse angepasste neue Verlauf der Strasse. Bild: Werner Friedli / Bildarchiv ETH Zürich.
Das Ereignis von „Igl Rutsch“ hat ein Volumen von rund 20 Millionen Kubikmetern. Kann man das Ereignis deshalb als Bergsturz bezeichnen?
Bei einem Bergsturz bewegt sich das Gesteinsmaterial fallend, springend, rollend zu Tal. Dies war bei „Igl Rutsch“ nicht der Fall. Die Felsmassen bewegten sich vom ersten Moment an rutschend zu Tal. Deshalb ist „Igl Rutsch“ kein Bergsturz – sondern ein eine Rutschung, ein kriechender Strom von kleineren und grösseren Felsbruchstücken, Gesteinsschutt. Deshalb passt der Begriff „Schuttstrom“ sehr gut zu „Igl Rutsch“.
Medienberichte
Der Volksfreund, 6. August 1881
Am 17. v. M. war Prof. Alb. Heim von Zürich im Auftrage der Regierung auf Besichtigung des Brienzer Rutschgebietes amvesend, assistirt von Bez.-Ing. Albricci. Die im Schub befindliche Masse wird auf circa 20’000’000 Kubikmeter angeschlagen, und hat neben einer grössern Waldstrecke bereits 18 Hektaren Wiesland verschüttet; sie hat überdies bereits den Strassenrand überschritten und nötigt deswegen zu einer tieferen Anlage der Strasse.
Es ist Dolomitfels, welcher dadurch in Bewegung geraten ist, dass er auf Schieferfels aufsitzt, welch letzterer durch die sich selbst überlassenen Quellen ausgeweicht wird und somit die Rutschung begünstigt. Bei trockenem Wetter steht übrigens die Bewegung stille.
Die Kosten für Entwässerung der oberen Waldregion dürften sehr bedeutend werden. Es wurde eine Tiefdrainage, d.h. ein grosser Sickerstollen vorgeschlagen. Die Verlegung der Strasse scheint unter allen Umständen erfolgen zu müssen.
der Bericht in e-newspaperarchives
Der Bund, Band 32, Nummer 217, 8. August 1881
Graubünden. Am 17. Juli und folgenden Tagen fand nach dem „Fr. Rh.“ eine Expertenreise in kleinräthlichem Auftrage seitens des Hrn. Prof. Dr. Heim in Zürich und des Hrn. Bezirksingenieur P. Albrici statt, welche folgende Punkte betraf:
1) Das Rutschgebiet oberhalb und innerhalb des Dorfes Brienz im Kreise Belfort wurde untersucht, woselbst ein ansehnlicher Theil der Abdachung, theils nach dem Dorfe, theils (in grösserer Ausdehnung) einwärts, für Ortschaft, Feld und Landstrasse bedrohlich, in Bewegung ist. Es wurde namentlich nötig befunden, die verschiedenen im wunden Gebiet zu Tage tretenden und wieder versickernden Wasseradern aufzufangen und unschädlich zu leiten. (…)
der Bericht in e-newspaperarchives
Der Bund, Band 32, Nummer 219, 10. August 1881
Eine Kalamität anderer Art herrscht bei dem Dorfe Brienz im Kreise Belfort. Dort ist nämlich ein grosser Theil des Bergabhanges in Bewegung oder Rutschung begriffen und bedroht nicht nur das Feld und die Landstrasse, sondern auch die Ortschaft. Man will nun versuchen, durch Ableitung der verschiedenen dort zu Tage tretenden und wieder versickernden Wasseradern das Erdreich zu bannen oder festzumachen; Viele aber meinen, dass auch der Fels im Weichen begriffen sei.
der Bericht in e-newspaperarchives
«Rutschung Berg»: Bewegungen zwischen 1902 und 1911

Sicht auf die «Rutschung Berg», 18. Juli 1905. In der Bildmitte ein markanter Felskopf, an welchem sich die Bewegung gut beobachten lässt. Im Hintergrund das Dorf Brienz. Bild: Schweizerisches Bundesarchiv. Titel der Mappe, welche dieses Foto enthält: Bergsturz von Brienz, Kt. Graubünden, 1902 – 1911.

«Rutschung Berg». Die Bewegung des markanten Felskopfes zwischen dem 19. Juli 1902 und dem 13. Oktober 1906. Gemäss der roten Eintragung hat sich der markante Felskopf zwischen dem 19. Juli 1902 und dem 23. Juli 1905 um 16.7 Meter in horizontaler Richtung verschoben. Bild: Schweizerisches Bundesarchiv. Titel der Mappe, welche dieses Foto enthält: Bergsturz von Brienz, Kt. Graubünden, 1902 – 1911.

«Rutschung Berg». Die Bewegung des markanten Felskopfes zwischen dem 19. Juli 1902 und dem 10. August 1911. Bild: Schweizerisches Bundesarchiv. Titel der Mappe, welche dieses Foto enthält: Bergsturz von Brienz, Kt. Graubünden, 1902 – 1911.

«Rutschung Berg». Der obere Bereich der Rutschmasse. August 1911. (digitale Kopie der Glasplatte). Quelle: Schweizerisches Bundesarchiv

«Rutschung Berg». Unbewaldet die Rutschmasse „Igl Rutsch“. Foto: Leo Wehrli, 1903.

«Rutschung Berg». In der Bildmitte Brienz, rechts davon der unbewaldete „Igl Rutsch“. Aufnahme 19.9.1938. Quelle: Bundesamt für Landestopografie, Bildsammlung TGAB. Terrestrische Aufnahmen, Operat Filisur, Station Cargnola. Aufnahme 380485. Foto download / zum Foto in smapshot
Weitere Ereignisse im Gebiet «Rutschung Berg»
Zwischen 1930 und 1970 wurde die Kantonsstrasse von zwei grösseren Sturzereignissen erfasst.
1900 bis 1975 bildeten sich im Anrissgebiet auffallend viele und grosse Spalten.
Von 1975 an kam es zu diversen Sturzereignissen.
1975 ereignete sich ein Felssturz mit mehr als 100’000 m3
In den 80er Jahren kam es auf dem Maiensäss Propissi zu einer starken Zunahme von Rissen und Spalten im felsigen Untergrund.
Im Zeitraum von 2000 bis 2004 ging im Gebiet „Igl Rutsch“ ein grosser Felssturz nieder. Auch kam es zu diversen Blockschlägen und Murgängen bis auf die Kantonsstrasse.
2001 Felssturz. 150’000 m3
2008 Beginn starker Felssturzaktivität.
Im Dezember 2008 fand ein grosses Sturzereignis statt. Die Strasse musste längere Zeit gesperrt werden.
Ab 2010 kam es immer wieder zu grösseren Blockschlägen, welche sich bis zu den Dämmen und Wiesen in unmittelbarer Nähe des Dorfes ausbreiteten.
2011 Felssturz. 120’000 m3
Im April 2015 ging oberhalb der Kantonsstrasse ein Felssturz mit einem Volumen von rund
110’000m3 nieder. Die Strasse wurde aus Sicherheitsgründen eine Woche lang gesperrt.
Im Oktober 2015 ereignete sich ein Felssturz mit einem Volumen von rund 30’000m3. Einige Blöcke überquerten die Kantonsstrasse und blieben in den Wiesen liegen.
Im Frühling 2023 stellte man fest, dass sich ein Bereich des Gebirges nördlich von Brienz/Brinzauls immer rascher bewegte. Am 9. Mai wurde die Bevölkerung aufgefordert, das Dorf bis spätestens am 12. Mai um 18 Uhr zu verlassen. Am 15. Juni lösten sich rund 1.2 Millionen Kubikmeter Gestein und bewegten sich in Richtung Brienz/Brinzauls. Dieses blieb von Schäden verschont. Die Strasse nach Lenzerheide wurde bis zu zwölf Meter hoch mit Schutt begraben. Am 3. Juli durften die 84 evakuierten Personen wieder in ihr Dorf zurückkehren.
B «Rutschung Dorf»
- Dieser Bereich erstreckt sich vom Dorf Brienz bis hinunter zur Albula.
- Hier dominieren tiefgründige Rutschbewegungen entlang konkreter Gleitflächen.
- Die Bewegungsraten betragen bis zu 1,5 m/Jahr.
- In einem Reliefschattenbild ALTI-3D sieht die «Rutschung Dorf» wie ein Kuhfladen aus, der sich nach Süden ausbreitet.
Die durch die „Rutschung Dorf“ gefährdeten Sachwerte

Die Risikoanalyse des Kantons für die „Rutschung Dorf“ stützt sich auf Infrastrukturen und Sachwerte von Privaten, Unternehmen und Gemeinde, die durch die Rutschung beschädigt oder zerstört werden könnten. Diese haben gesamthaft einen Wert von rund 177 Millionen Franken. Dazu gehören unter anderem:
- Gebäude im Versicherungswert von knapp 77 Millionen Franken
- Mobilien (bewegliche Gegenstände in Gebäuden etc.) für 18 Millionen Franken
- Strassen im Wert von rund 22 Millionen Franken
- Wasser- und Abwasserleitungen im Wert von knapp 9 Millionen Franken
- Hochspannungs- und Datenleitungen für 10 Millionen Franken
- Albulalinie der Rhätischen Bahn im Wert von 7 Millionen Franken
- Bauland und Nutzland im Wert von ca. 33.5 Millionen Franken
Quelle: gartmann.biz: Risikoanalyse beziffert möglichen Schaden in Brienz/Brinzauls.
2022 wurden 31 mögliche Szenarien, welche für Brienz/Brinzauls und die umliegenden Dörfer eine Gefährdung darstellen könnten, ausgeschieden.
Auswirkungen der Grosshangbewegung
- Auswirkungen auf Brienz/ Brinzauls
- Unterschiedliche Bewegungsrichtungen und -Geschwindigkeiten innerhalb der «Rutschung Dorf» führen zu massiven Gebäudeschäden sowie an Strasse und unterirdischen Infrastrukturen.
- Auswirkungen auf die Bahn
Im unteren Bereich der «Rutschung Dorf» wird das Trassee der Rhätischen Bahn stetig deformiert.
- Auswirkungen auf Strassenverbindungen
Surava – Tiefencastel: Im unteren Bereich der «Rutschung Dorf» wird die Kantonsstrasse deformiert. Es entstehen regelmässig Risse und vertikale Versetzungen im Strassenbelag.
- Brienz – Parkplatz Ruine Belfort: Dieser Strassenabschnitt durchquert das Rutschgebiet. Die Verschiebungen führen regelmässig zu Schäden am Trassee. Lange wurden auf dieser Strecke nur die notwendigen Unterhaltsarbeiten ausgeführt. Die Strasse befand sich in einem sehr schlechten Zustand. Es ist geplant, diesen Abschnitt der Brienzerstrasse zu sanieren. Neu soll die Strasse auf eine Breite von 5,8 Meter ausgebaut werden. Der gesamte Oberbau der Strasse soll erneuert werden; auch soll die Geometrie in den „verrutschten, abgesackten“ Bereichen optimiert werden. Damit die Entwässerung durchgehend funktioniert, wird die defekte Sicker- und Transportleitung komplett ersetzt. Die gesamten Baukosten belaufen sich auf 950 000 Franken.
- Auswirkungen auf die Hochspannungsleitung
Im untersten Bereich der «Rutschung Dorf» führt eine Hochspannungsleitung von Surava nach Tiefenkastel. Einige Masten stehen schief.
Massnahmen
Wie kann die Grosshangbewegung beruhigt werden, damit weitere grössere Schäden an Bauwerken und Infrastrukturen vermieden werden können?
Wie kann man eine Umsiedlung des Dorfes Brienz/Brinzauls vermeiden?
> Geologische Untersuchungen
Seit 2010 wird die Grosshangbewegung intensiv geologisch untersucht. Ziele:
- Erfassen der im Untergrund ablaufenden Prozesse
- Realisation von möglichst zuverlässigen Prognosen bezüglich der Entwicklung der Grosshangbewegung.
2018 bis 2022 wurde eine umfangreiche Sondierkampagne durchgeführt. Dabei wurden 12 Sondierbohrungen abgeteuft. In die Bohrlöcher wurden eingebaut:
- Inklinometer (Neigungsmesser)
- Temperaturmesskabel
- Porenwasserdruckgeber
Zudem wurden umfassende hydrogeologische Untersuchungen mit Quell- und Abflussmessungen, Wasserchemie und Isotopenanalysen und Markierversuchen durchgeführt.
2021/2022 wurde ein rund ein Kilometer langer Sondier- respektive Versuchsstollen erstellt. Mit diesem testete man die Wirksamkeit eines künftigen Entwässerungsstollens (Tiefendrainage). So wurden im Stollen an mehreren Stellen Versuchsreihen mit etappiert ausgeführten Drainagebohrungen durchgeführt.
Erste Ergebnisse aus dem Sondierstollen stimmen positiv: die Gebirgsentwässerung vom Sondierstollen aus führte dazu, dass ein grosser Teil der Rutschung bereits signifikant langsamer wurde.
> Vermessung und Frühwarnung
- 1924 wurde das Dorf zum ersten mal dokumentiert vermessen (Fixpunkte, Nullmessung).
- 1930 erfolgten die ersten Vermessungen der Rutschung.
- Bis zur Jahrtausendwende wurden Rutschungsbewegungen von durchschnittlich 5 bis 10 cm pro Jahr verzeichnet.
- 2009: Start grossräumiger Überwachung
- Ab 2011 wurde eine Frühwarnanlage zur Warnung vor grösseren Felsabbrüchen in Kombination mit halbjährlichen Präzisions-GPS-Messungen operativ. Sämtliche Messresultate zeigen, dass sich die Bewegungen beschleunigen.
- Um den Schutz der Bevölkerung zu gewährleisten, wurde ab 2010 ein Vermessungs- und Überwachungsdispositiv entwickelt, das infolge der sich verschärfenden Gefährdungslage laufend
ausgebaut wurde.
> Schutzdämme
Zum Schutz des Dorfes und der Strasse vor Steinschlag und grösseren Felsblöcken wurden zwei Schutzdämme realisiert:
- 1983: Schutzdamm Bambaisch
- 2011: Steinschlag-Schutzdamm Grella.
> Entwässerung des Untergrundes der Grosshangbewegung
- 1905: Die Entwässerung des Gebietes oberhalb „Igl Rutsch“
1905 wurde auf Anraten des Geologen Albert Heim ein oberflächliches Entwässerungsprojekt durchgeführt. Das Entwässerungssystem war bereits 1914 stark beschädigt. 2021 wurden die Drainagen in Propissi saniert.

- 2022: Entwässerung mittels Tiefendrainage
Für das Bewegungsverhalten scheint der Wassereintrag und insbesondere die Schneeschmelze in
Höhenlagen der Rutschung Brienz (<1’900 m ü.M.) massgebend zu sein. Sondierbohrungen zeigten, dass die Grossrutschung sowie die Gleitfläche, auf welcher diese talwärts rutscht, unter starkem Auftrieb durch artesisch gespanntes Wasser stehen. Bei Grossrutschungen wie La Frasse oder Campo Vallemaggia war es gelungen, die Bewegung mithilfe einer Tiefendrainage zu stoppen oder zumindest zu beherrschen.
Ziele des Entwässerungsstollens in Brienz/Brinzauls:
- Die Geländebewegungen der Rutschung Dorf sollen auf weniger als 10 Zentimeter pro Jahr reduziert werden.
- Die instabilen Felsmassen im Gebiet der Rutschung Berg sollen beruhigt werden.
- Die Reduktion der Rutschgeschwindigkeiten der „Rutschung Dorf“ solll sich positiv auf die Bewegungsgeschwindigkeiten der „Rutschung Berg“ auswirken.
Dazu wird der bestehende Sondierstollen verlängert und zu einem gesamthaft rund 2,2 Kilometer langen Entwässerungsstollen ausgebaut. Ende 2027 soll der Entwässerungsstollen in Betrieb gehen.



> Bau des Entwässerungsstollens

Baufortschritt des Entwässerungsstollens. Stand 9. Mai 2025. Mit zunehmendem Baufortschritt des Entwässerungsstollens werden immer mehr Bohrungen aus dem Stollen in den Fels und die darüberliegende Rutschmasse gebohrt, welche den erbohrten Bereichen Wasser entziehen. Zahlreiche Messstellen überwachen die Wasserpegel in der Rutschmasse, den Wasserdruck im Fels darunter und die Rutschungsgeschwindigkeiten.
- Wirkung des Entwässerungsstollens

Diese Grafik zeigt, welche Wirkung der Entwässerungsstollen auf die nördliche Hälfte der „Rutschung Dorf“ hat (Stand April 2025). Im April 2025 nahmen alle Geschwindigkeiten im und um das Dorf ab (grüne und blaue Punkte). Die Geschwindigkeit gewisser Bereiche nahm von 10% (hellgrüne Flächen) bis 35% (hellblaue Flächen) ab. Die Grafik zeigt, dass die stärksten Verlangsamungen (hellere Blautöne) in erster Linie in der Umgebung des Entwässerungsstollens auftreten. Grafik: BTG Büro für Technische Geologie AG.
Quellen und Literatur
- Nänni, Christoph / Figi, Daniel: Grosshangbewegung Brienz/Brinzauls : eine geologische und
historische Übersicht. Swiss bulletin für angewandte Geologie. Band: 27 (2022), Heft: 2. download
- Filipponi, Marco / Gander, Pierre: Grossrutschung Brienz/Brinzauls GR : Leben mit der Gefahr im
Nacken. Tagung und Generalversammlung der SFIG-GSGI, Olten, 8. April 2021. Swiss bulletin für angewandte Geologie. Band: 27 (2022), Heft: 1 download
- Heim, Albert, 1932: Bergsturz und Menschenleben. Beiblatt zur Vierteljahrsschrift der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich. download
- Katharina Liechti, Alexandre Badoux: Unwetterschäden in der Schweiz 2023. «Wasser Energie Luft» 2024, Heft 1.
- Figi, Daniel / Thöny, Reto / Breitenmoser, Thomas: Rutschung Brienz/Brinzauls (GR) : geologisch-kinematisches und hydrogeologisches Modell. Swiss bulletin für angewandte Geologie, Band: 27 (2022), Heft: 2. download
- Arnold, Philippe / Nänni, Christoph / Figi, Daniel: Grossrutschung Brienz/Brinzauls GR – „ein Bergdorf auf Talfahrt“ : Bericht zur Exkursion der SFIG vom Freitag, 16. September 2022. Swiss bulletin für angewandte Geologie, Band: 27 (2022), Heft: 2. download
- Ruedi Krähenbühl, Christoph Nänni: Ist das Dorf Brienz-Brinzauls Bergsturz gefährdet? Swiss Bull. angew. Geol. Vol. 22/2, 2017 S. 33-47 download
- Andri Bonifazi: Der Brienzer Rutsch – Leben mit einer natürlichen Gefahr. Eine Untersuchung über drei Generationen in meiner Familie. Qualifikationsverfahren allgemeinbildender Unterricht / Vertiefungsarbeit. 2016. download
- Amt für Wald und Naturgefahren: Felssturz Brienz. In: Wald und Naturgefahren, Bericht 2015.
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- Isabel Plana: Instabile Hänge besser verstehen. News SLF, 30.06.2022 download
- Valentin Gischig: Bergsturzszenarien bei der Rutschung Brienz/Brinzauls (GR) – Probabilistische Ansätze zur Abschätzung der Prozessräume. FAN-Agenda 1/2021. download
- Rutschung Brienz/Brinzauls (GR): Sondierstollen zur Prüfung der Wirksamkeit einer Tiefendrainage
FAN-Agenda 1/2021. download
- Andrea Lina Bringolf: Landslide reconstruction and monitoring in Brienz based on dendrogeomorphology. download
- PLANAT: Risikokonzept für Naturgefahren – Leitfaden: TEIL B: ANWENDUNG DES RISIKOKONZEPTS: PROZESS PERMANENTE RUTSCHUNGEN. Vorläufige Version Februar 2009. download
- Fridolin und Franco Quinter: Kulturweg Brienz/Brinzauls Wegweiser. 2007.
Robert Kenner: The potential of point clouds for the analysis of rock kinematics in large slope instabilities: examples from the Swiss Alps: Brinzauls, Pizzo Cengalo and Spitze Stei. Landslides,
2022 download
> Überwachung und Frühwarnung
- Sartorius, Olivia / Schneider, Stefan / Wurster, Daniel: Überwachung und Frühwarnung Grossrutschung Brienz/Brinzauls. Swiss bulletin für angewandte Geologie. Band: 27 (2022), Heft: 1. download
- Amt für Wald Graubünden. Felssturzgebiet Caltgeras (Brienz): Vorprojekt: Installation Überwachungssystem. 2009. download
- Marius Schneider: Rockfall monitoring with a Doppler radar on an active rock slide complex in Brienz/Brinzauls (Switzerland). egusphere-2023-555, download
- Geoprävent: Steinschlagradar Brienz/Brizauls. Steinschlagradar mit automatischer Strassensperrung im Bergsturzgebiet bei Brienz/Brinzauls. download
- Mauro Hausler: Monitoring the changing seismic site response of a fast-moving rockslide (Brienz/Brinzauls, Switzerland). Geophys. J. Int. (2022) 229, 299–310, 2021. download
- Mauro Häusler, Donat Fäh: Monitoring the slope instability at Brienz / Brinzauls using ambient vibrations and earthquake recordings. Symposium 7: Seismic Hazard and Risk in Switzerland, 2018. download
- X. Borgeat: On the variability of the site-response parameters of the active rock slope in Brienz/Brinzauls (Switzerland). Geophys. J. Int. (2025) 240, 779–790. download
- Manconi, Andrea: Monitoring surface deformation with spaceborne radar interferometry in landslide complexes: insights from the Brienz/Brinzauls slope instability, Swiss Alps. Landslides (2024) 21:2519–2533. download
- Loew, Simon: Early warning and dynamics of compound rockslides: lessons learnt from the Brienz/Brinzauls 2023 rockslope failure. Landslides (2025) 22:283–298. download
> Bevölkerungsinformationen
- Amt für Wald und Naturgefahren GR: Brienzerrutsch: Untersuchungen 2018-2020. Präsentation. 14. August 2018. download
- Gemeinde Albula/Alvra: Bevölkerungsinformation BRIENZER RUTSCH. Tiefencastel, 03.05.2019. download
- Gemeinde Albula/Alvra: Bevölkerungsinformation BRIENZER RUTSCH. Tiefencastel, 21.06.2019. download
Gemeinde Albula: Informationen zum Brienzer Rutsch. Stand: 11.9.2020. download
- Gartmann, Christian: Brienzer Rutsch : Krisenmanagement und Krisenkommunikation : im Mittelpunkt stehen die Betroffenen. Swiss bulletin für angewandte Geologie, Band: 27 (2022), Heft 1. download
> Links
- Gemeinde Albula/Alvra: Info Brienzer Rutsch
- Brienz/Brinzauls in Wikipedia
Letzte Bearbeitung: 18.12.2025, markus weidmann