Im Sittertal trifft kräftige Flusserosion auf Fels- und Lockergestein, das nur wenig abtragungsresistent ist. So sind die Voraussetzungen für Massenbewegungen in den Hängen gegeben; dies umso mehr, als die Sitter mit ihren Mäandern auch seitlich ausgreift. So lassen sich praktisch in jeder Flussschleife mehr oder weniger ausgedehnte Rutschgebietge beobachten.
Eine bemerkenswerte Rutschung ereignete sich zwischen 1982 und 1985 am Osthang der Sitter unmittelbar oberhalb der Strassenbrücke im Lee zwischen Wittenbach und Bernhardzell.


Rund 15 m oberhalb des Sitter-Wasserspiegels gibt es auf 550 m ü.M. eine Terrasse im Gelände.
Auf dieser Terrasse, über die ein gutunterhaltener Fahrweg führt, machten sich Jahrzehnte hindurch keinerlei Terrainbewegungen bemerkbar.
Ab Januar 1982 fand eine Abfolge von Rutschungen statt. Schon seit Ende der 70er Jahre hatten sich in einem ca. 25 m breiten Anriss (Profil X-X) vom Rand der 592-m-Terrasse kleinere Massen von glazialem Sand und Silt gelöst. Gefördert wurde dieser Vorgang wohl durch Quellerosion im Liegenden der Seeablagerungen. Die Durchnässung bewirkte eine kleine Stromrutschung, und man schritt zur Abholzung der Rutschnische.
Ende Januar 1982 setzten nach einer längeren Frostperiode Tauwetter und Langregen (35 mm/Tag) ein. Am 30. Januar brach auf einigen 100 m2 Wiesland der Terrassenrand ein. Sand und Silt formierten sich unter dem Einfluss des Schneeschmelz-Wassers zu einem Schlammstrom. Dieser ergoss sich über die Molassekante ± 570 m, stürzte ab und lagerte sich auf der 550-m-Terrasse als Schuttkegel mit einem Volumen um die 3000 m3.
Diese Auflast von ca. 7000 t genügte, den labilen Gleichgewichts-Zustand der 550-m-Terrasse zu stören und massive Terrainbewegungen auszulösen. Auf einer Breite von zunächst 70 m begann sich das Terrassenniveau um 1-2 m zu senken, gleichzeitig schoben sich Rutschwülste im Sitterbord vor und engten das Flussbett um mehrere Meter ein.
Das Erstaunliche war jedoch, dass die Bewegungen in der 550-m-Terrasse sich südwärts derart fortpflanzten, dass schliesslich eine Fläche von mehr als 10’000 m2 ins Rutschen geriet. Auch hier kam es zu Sackungen von über 2 m, was nun im Bereich des bergseitigen Steilhangs dazu führte, dass die geringmächtigen Lockermassen auf dem Mergelfels ihres Fusses beraubt und ebenfalls ins Gleiten gerieten.
Nicht genug damit: Die von unten her eingeleiteten Oberflächen-Rutschungen im Steilhang setzten sich bis an dessen Oberkante fort und störten sogar die Lockermassen der flacheren Flangzone zwischen 570 und 590 m, wo sich an verschiedenen Stellen Anrisse bildeten.
All diese Terrainbewegungen — die sich in ihrer progressiven Auswirkung über Monate erstreckten und auch mit der Witterung im Zusammenhang standen — liessen sich als eindeutige Sukzession beobachten und vom Initialereignis im Januar 1982 herleiten. Eine kleine Stromrutschung von 3000 m3 Sand und Silt hatte genügt, schliesslich eine labile Masse aus versacktem Mergelfels und Schutt im Volumen von 50-100’000 m3 in Bewegung zu setzen. Über 1 ha Wald ist dabei in Mitleidenschaft
gezogen worden.
Die Verformungen sind in letzter Zeit etwas abgeklungen, ein Teil der Rutschwülste wurde bereits von den Hochwassern der Sitter abgetragen, und die Vegetation beginnt die Wunden zu begrünen. Nichts kann aber darüber hinwegtäuschen, dass wir es auch oberhalb der Leebrugg mit einer mehr oder weniger permanenten Einsatzstelle unserer geomorphologischen Maschine zu tun haben.
Angelegt ist sie hier auf den Ausgleich des 60 m hohen Prallhangs der Sitter, der heute eine mittlere Hangneigung von ca. 20° aufweist: Viel zu steil für Prozesse, an denen Silt und tonige Mergel beteiligt sind. Der Input erfolgt durch den Abbau der 592-m-Terrasse aus glazialen Seesedimenten und der liegenden Mergel, den Output besorgt die Erosions- und Schleppkraft der Sitter, und die Funktion des Speichers wird von der 550-m-Terrasse erfüllt.
Wie schon erwähnt, bietet der Unterlauf der Sitter eine ganze Musterkarte von Rutschungen, an denen Glazialsedimente und Mergelfels in wechselnden Verhältnissen und Stabilitätszuständen beteiligt sind. Nirgends aber so schön wie bei der Leebrugg lässt es sich auch als geomorphologische Regel demonstrieren: Kleiner Anlass — grosse Wirkung.
Quelle
Krayss, Edgar: Rutschungen im st. gallisch-appenzellischen Molassegebiet (Widenbach, Goldach, Sitter). Berichte der St. Gallischen Naturwissenschaftlichen Gesellschaft Herausgeber: St. Gallische Naturwissenschaftliche Gesellschaft, Band 82, 1985. download
Letzte Bearbeitung: 18.12.2025, markus weidmann