

Auf dieser Seite
- Das Unwetter in der Chronik der Unwetterschäden in der Schweiz
- Das Unwetter 1910 im Kanton Glarus
- Das Unwetter 1910 im Kanton St. Gallen
- Das Unwetter 1910 in Graubünden
- Medienberichte zu den Ereignissen
- Medienberichte am 15. Juni
- Medienberichte am 16. Juni
- Medienberichte am 18. Juni
- Medienberichte am 13. Juli
- Medienberichte am 3. September
Das Unwetter in der Chronik der Unwetterschäden in der Schweiz
Gerhard Röthlisberger schreibt in seiner „Chronik der Unwetterschäden in der Schweiz“:
1910: Katastrophenjahr mit mehreren Grossereignissen, wobei besonders dasjenige vom Juni unermessliche Schäden verursachte. Hochwasserkatastrophe in 21 Kantonen der Alpennordseite. Die West- und Südschweiz blieben weitgehend verschont. Ursachen waren extreme Regenfluten und Wolkenbrüche. Verschärft wurde die Situation durch eine abnorme Schneeschmelze auf die ohnehin schon vollgesättigten Böden.
Allein der Schaden an Strassen, Brücken und Gewässern betrug, in damaliger Währung, 7,6 Millionen Franken, der Schaden an privatem Besitz 5,5 Millionen (ohne die begüterten Privaten, Industrien und ohne die Schäden der Gemeinden und der SBB). Die totale Schadensumme erreichte die Höhe von 16 Millionen Franken, eine für die damalige Zeit ungeheure Summe. Die Auswirkungen der Hochwasser nach Einzugsgebieten:
- Rhein. Im Bündnerland wurde der nordöstliche Teil des Kantons, das Prättigau, das Schanfigg und die Landschaft Davos katastrophal getroffen. Wasser- und Rüfenschäden notierte man ferner in der Herrschaft. Wasser- und Rüfenschäden notierte man ferner in der Region Pfäfers-Ragaz und im St. Galler Rheintal. Der hohe Wasserstand des Bodensees dauerte wochenlang an und führte in den ufernahen Gebieten zu schweren Überflutungen. Hochwasserschäden verursachten auch die Seez und alle Bergbäche im Einzugsgebiet des Walensees. Vom Bodensee abwärts bis Basel verursachte der Rhein und etliche Zuflüsse bedeutende Beschädigungen.
- Thur. Ausbrüche fast aller Bergbäche sowie zahlreiche Rutschungen schon im Oberlauf des Toggenburgs und in den Einzugsgebieten der Sitter und der Töss. Ab Bischofszell ereigneten sich zahlreiche Dammbrüche mit «Seenbildung».
- Linth und Limmat. Das Glarner Linth- und Sernftal gehörten zu den am schwersten betroffenen Gebieten. Hochwasserschäden verursachten auch die Seez und alle Bergbäche im Einzugsgebiet des Walensees und des Linthkanals. Der Zürichsee hatte einen so hohen Wasserstand, dass er alle Uferstellen überflutete; die Limmat von Zürich bis Baden (AG) überschwemmte zahlreiche Industriebetriebe. Die Sihl und ihre Nebenbäche überbordeten schon weit oben im Quellgebiet. Die ganze Talsohle zwischen Euthal und Egg war ein einziger See.
- Aare. Schäden bereits ab dem Hasli- und Gadmental. Vom Thunersee an abwärts verursachte die Aare gewaltige Schäden. Das Grosse Moos bildete während längerer Zeit eine einzige Sumpffläche. Ungewöhnliche Wassermengen brachten auch die Emme und deren Zuflüsse sowie die Langeten, Rot, Wigger, Wyna und andere Bäche. Insgesamt wurde das Emmental in diesem Jahr zehnmal von Unwettern und Hochwassern heimgesucht.
- Reuss. Katastrophal getroffen wurde das ganze Schächental und der untere Teil des Urner Reusstales von Amsteg an abwärts. Eine Rüfe im Bannwald ob Altdorf (UR) verschüttete ein Wohnhaus. Eine Mutter und ihre zehn Kinder konnten nur noch tot geborgen werden. Auch die Muota und ihre Nebenbäche sowie die Engelberger Aa und die Melchaa brachten verheerende Wasser- und Geschiebemengen. Die ufernahen Gebiete am Vierwaldstättersee wurden überflutet, ebenso die Reussebene ab Gisikon (LU) bis Bremgarten (AG}.
Quelle
Röthlisberger, Gerhard: Chronik der Unwetterschäden in der Schweiz. Berichte der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft, Nr. 330, 1991. download
Literatur
- Das Hochwasser vom Juni 1910. Schweizerische Bauzeitung, Band: 55/56 (1910), Heft: 26. download
- Meyer, Rolf: Die Hochwasserkatastrophe 1910. Bremgarter Neujahrsblätter, 1999. download
Math. Thöny: Lawinen- und Wasserschaden, Wuhrarbeiten und Kolmatierung im Prättigau. Schiers, 1911.
- Kessler, J.: Bilder des Schreckens in Erinnerung des Hochwassers 1910. Bündner Kalender, 1981. download
- Die Genietruppen beim Hochwasser 1910. Abschnitt III: Landquart-Prättigau. download
- Die Hochwasser-Katastrophe in der Schweiz am 15. Juni 1910. download
- Südostschweiz am Sonntag: Hochwasserkatastrophe vor 100 Jahren. 13. Juni 2010. download
- Härry, A.: Das Hochwasser in der Schweiz vom 15. Juni 1910. Schweizerische Wasserwirtschaft : Zeitschrift für Wasserrecht, Wasserbautechnik, Wasserkraftnutzung, Schifffahrt, Band: 2 (1909-1910), Heft: 18. download
- Blösch: Was können wir vom Hochwasser des Jahres 1910 lernen? Schweizerische Wasserwirtschaft: Zeitschrift für Wasserrecht, Wasserbautechnik, Wasserkraftnutzung, Schifffahrt. Band: 3 (1910-1911), Heft: 9. download
- Hochwasser-Schaden. Schätzung des beschädigten Landes und der Kulturen. Illustrierte schweizerische Handwerker-Zeitung, Band: 26 (1910), Heft: 16. download
- Die Hochwasserverheerungen im Juni 1910. Nidwaldner Kalender, Band: 52 (1911). download
- Odermatt, Franz / Eberli, Josef / Hug, Christian: Land unter : das Hochwasser von 1910. Nidwaldner Kalender, Band: 151 (2010). download
Links
Linth-Escher-Stiftung: Bildergalerie Hochwasser 1910
Forschungsinitiative Hochwasserrisiko – Überschwemmungsgedächtnis
Das Hochwasser 1910 im Sturmarchiv Schweiz
Das Hochwasser vom Juni 1910
- Schon der Jahresbeginn wies hohe Niederschläge auf, so dass es vielerorts um den 19. Jan. zu Hochwasserschäden kam.
- Ende Januar kam es zu intensiven Schneefällen, die sich auch im Mittelland akkumulierten, was zu zahlreichen Verkehrsunterbrüchen führte,
< Nach den eher zu warmen Monaten Februar und März,
- Anfangs April folgte ein erneuter Wintereinbruch.
- April und Mai waren im Durchschnitt zu kühl, nass und trübe. Um den 6. Mai fielen die Niederschläge sogar im Mittelland als Schnee.
- Am 21. Mai fand ein Umschwung zu veränderlichem Wetter statt mit häufigen Gewittern und höheren Temperaturen.
- Erst der Juni brachte sonniges und warmes Wetter mit vereinzelten strichweisen Gewitter. In dieser Periode ging die Schneeschmelze rasch vor sich.
- Ab 14. Juni wurde durch eine kräftige und anhaltende Nordströmung feucht-warme Luft gegen die Alpen gebracht, was sehr hohe Niederschlagsmengen zur Folge hatte. Eine bandartige Zone intensiver und langandauernder Niederschläge zog sich entlang dem östlichen Voralpengebiet (Vitznau 233 mm/d, Säntis 183 mm/d). Die Nullgradgrenze befand sich auf einer Höhe von 3000 m ü.M. Im Unterschied zu 1999 war der Schnee-Einfluss geringer, befand sich doch die Schneegrenze zu Beginn des Ereignisses auf ca. 1700 m ü.M.. Dies wurde jedoch durch die Vorregen wahrscheinlich ausgeglichen.
Aus 20 Kantonen wurden den Versicherungen Rutschungs- sowie Überschwemmungsschäden gemeldet. Das Hauptschadensgebiet lag aber eindeutig weiter südöstlich als im Mai 1999, nämlich entlang des Alpennordkammes. Die grössten Verheerungen richteten folgende Flüsse (mit ihren Zuflüssen) an: Landquart, Schächenbach, Muota, Linth, Thür, Sitter, Limmat, Sihl, Reuss, Engelberger Aa, Aare im Oberlauf, Emme.
Die Bäche, zum Teil in steilem Gelände, führten viel Geschiebe mit sich. Vom Schächen (UR) wird berichtet, dass er „Fels und Tannen brechend“ (Imhof, 1910) grossen Schaden anrichtete. Vielerorts wurde das Prozessgeschehen dominiert durch Rutschungen und Murgänge. Einzelne Rutschungsgebiete wurden auch im Frühling 1999 wieder aktiviert: So führte zum Beispiel der Murgang von Sörenberg oder die Ribi oberhalb Altdorf in beiden Jahren im jeweils gleichen Gerinne zu Schäden. Die betroffenen Gebiete reichten aber weit über die Voralpenregionen hinaus: alle Alpenrandseen wiesen Höchststände auf, ebenso die grossen Flüsse in ihren Unteriäufen. Der Rhein bei Basel trat ebenfalls an mehreren Stellen über die Ufer.
Quelle
BWG: Hochwasser 1999. Analyse der Ereignisse. Studienbericht Nr. 10, 2000.
Das Unwetter 1910 im Kanton Glarus
Elementarschäden und Versicherung
14./15. Juni 1910. Die abnormalen Niederschläge, die um die Mitte des Monats Juni in 21 Kantonen gewaltige Überschwemmungen verursachten, trafen auch den Kanton Glarus. Am 14. Juni wurden in Klönthal 177, in Glarus 130.3, in Obstalden 88.2, in Elm 85 mm gemessen.
Im Glarnerland bezifferte die Landesschatzungskommission den Privatschaden in 141 Fällen auf Fr. 161’100. Davon entfielen Fr. 135’800 auf Schäden an Grund und Grat, an welche ein Landesbeitrag von Fr. 26’705 geleistet wurde.
Nach den Akten des eidgenössischen Oberbauinspektorates, welches die Privatschäden durch seine Expertenkommission schätzen liess, beliefen sich diese in 78 Fällen auf total Fr. 102’700. Ihre Verteilung nach Bezirken und betroffenen Objekten zeigt die nachfolgende Zusammenstellung.

Zu den Verlusten an Privatgut kamen aussergewöhnlich hohe Schäden an öffentlichen technischen Bauwerken in Höhe von Fr. 536’000. Davon entfielen:
- auf Gewässer Fr. 477’000
- auf Strassen Fr. 21’000
- auf Brücken Fr. 38’000.
Zur Unterstützung der schweizerischen Wassergeschädigten wurde eine eidgenössische Hilfsaktion eingeleitet. Die Sammlung im Kanton ergab Fr. 59’500, welche Summe an die eidgenössische Staatskasse abgeliefert wurde. Aus der eidgenössischen Kollekte erhielt der Kanton später Fr. 60’349 zuzüglich Fr. 9000 für Hinterbliebene. Von diesen Mitteln wurden Fr. 9000 für Hinterbliebene sowie Fr. 55’000 für materielle Schäden an die glarnerischen Betroffenen verteilt, wobei in den einzelnen Vermögensklassen folgende Ersatzprozente zur Ausrichtung gelangten: 47,2; 36,7; 26,2; 15,7.
Der Rest von Fr. 5349 wurde dem Schweizerischen Fonds überwiesen (Amtsbericht 1910/11, S. 55/56.
Quellen
- Bericht über die Verteilung der Liebesgaben bei Anlass der Hochwasserkatastrophe in der Schweiz im Jahre 1910, S. 7, 70, 16, 22, 24/25, 27
- Jahrbuch W. W. 1910, S. 78, 176.
> Elementarschäden und Versicherung. Studie des Rückversicherungsverbandes kantonal-schweizerischer Feuerversicherungsanstalten zur Förderung der Elementarschadenversicherungen. 1. Band. Achtes Kapitel: Kanton Glarus. Im Selbstverlag des Rückversicherungsverbandes, 1936.
Literatur
Frey, Gustav: Die Wasserkatastrophe im Kanton Glarus. Ein Erinnerungsblatt an die Verheerungen vom 14. und 15. Juni 1910, Glarus 1910).
Die Hochwasser-Katastrophe in der Schweiz am 15. Juni 1910
Am Morgen des 15. Juni wurde fast im ganzen Kanton Sturm geläutet. Alle Gewässer führten Hochwasser. Die Linth stieg über Nacht um über einen Meter. Die Bahnlinie zwischen Hätzingen und Diesbach wurde auf 250 Meter weggeschwemmt. Die Sernftalbahn musste den Betrieb unterbrechen. In Linthal ertrank ein Arbeiter, in Ennenda wurde der Holzhändler Oertli von den Schuttmassen einer niedergehenden Runse erdrückt. Schlimm hauste auch der Brummbach in Linthal, wo das Kunzsche Etablissement gewaltigen Schaden litt. Der Bahnverkehr nach Linthal war längere Zeit unterbrochen.
Quelle
Die Hochwasser-Katastrophe in der Schweiz am 15. Juni 1910. download
Bildmaterial zu den Ereignissen im Kanton Glarus

Engi. Wasserverheerungen des Mühlebach auf der Allmeind, an der Landstrasse und und in der „Geissenstadt“ (Ziegenställe links im Bild). Quelle: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Ans_12378

Engi. Ausbruch des Mühlebachs vom 15. Juni 1910, Blick von der Strassenbrücke aus. Quelle: Landesarchiv Glarus

Engi. Ausbruch des Mühlebachs vom 15. Juni 1910, Partie bei der Besitzung Blumer. Quelle: Landesarchiv Glarus

Linth bei Adlenbach, Erosion infolge des Ausbruchs der Rüfiruns vom 14./15. Juni 1910. Zwei Fotos aneinander geklebt und mit Farbe bearbeitet. Quelle: Landesarchiv Glarus

Die Verheerung beim Bitzi-Gut in Ennenda durch den Kaltbach, der am 15. Juni 1910 Abends um 10 Uhr durch ein ca. 15 Minuten lang dauerndes unheimliches Rauschen und Rollen die Bewohner von Ennenda erschreckte. Der Kaltbach, sonst ein unscheinbares Bächlein, hatte ein ca. 200m breites und 3m hohes Trümmerfeld geschaffen. Der Besitzer des Gutes Bitzi wurde verschüttet. Quelle: Landesarchiv Glarus
Weiteres Bildmaterial im Landesarchiv
Literatur
Frey, Gustav: Die Wasserkatastrophe im Kanton Glarus. Ein Erinnerungsblatt an die Verheerungen vom 14. und 15. Juni 1910, Glarus 1910).
Das Unwetter 1910 im Kanton St. Gallen
Elementarschäden und Versicherung
14./15. Juni 1910. Gewaltige Überschwemmungen in 21 Kantonen. Vielerorts traten die Flüsse und Bäche über die Ufer. Überdies entstanden zahlreiche Rutschungen. Nach gemeinderätlichen Schätzungen beliefen sich die Privatschäden im Kanton St. Gallen auf Fr. 902’408. Diese Schätzung war jedoch in vielen Fällen arg übersetzt. Die eidgenössischen Experten erhoben von 932 Geschädigten in 55 Gemeinden einen Schaden von Fr. 665’650, der sich nach Bezirken und betroffenen Objekten wie folgt verteilt:

Zwecks Unterstützung der Hochwassergeschädigten wurde eine allgemeine Schweizerische Liebesgabensammlung durchgeführt. (…). Die Schäden des Staates und der Gemeinden an Gewässern, Strassen und Brücken stellten sich nach den Angaben des eidgenössischen Oberbauinspektorates wie folgt 2):
Gewässer. Fr. 337,500
Strassen 100,000
Brücken 40,000
Total Fr. 477,500
2) Bericht über die Verteilung der Liebesgaben bei Anlass der Hochwasserkatastrophe in der Schweiz im Jahre 1910, S.7, 17/18. – Jahrbuch des Schweizerischen Wasserwirtschaftsverbandes, 1. Jahrgang 1910, Zürich 1911, S. 176
Quelle
Elementarschäden und Versicherung. Studie des Rückversicherungsverbandes kantonal-schweizerischer Feuerversicherungsanstalten zur Förderung der Elementarschadenversicherungen. 1. Band. Bern, 1936.
Die Hochwasser-Katastrophe in der Schweiz am 15. Juni 1910
(…) Eine der allerersten Meldungen war die, dass bei Diepoldsau beim Holzen im hochgehenden Rhein zwei Mann von den Wogen mitgerissen wurden. Der eine namens Benedikt Hutter wurde von den Wassern verschlungen, während der andere, ein Hermann Hutter, sich am Schifflein festhalten und aus seiner gefährlichen Lage befreit werden konnte.
Wallenstadt wurde von einer Wasserkatastrophe heimgesucht Die Zuflüsse des Wallensees waren rapid angeschwollen und drohten auszutreten. Der See trat schon über die Ufer. Ein grosser Teil von Wallenstadt stand unter Wasser. Morgens 5 Uhr wurden die Feuerwehr und die in der Kaserne anwesenden Truppen, 4. Kompagnie des Bataillons 64, alarmiert und zu Notstandsarbeiten bei der arg bedrohten Portland-Zementfabrik gerufen. Und dabei goss es in Strömen fort.
Auch die Sitter erreichte eine seltene Höhe. Das Kubelwerk stand unter Wasser. Der Hätternsteg (Verbindung St. Gallen—Engelburg) wurde weggerissen. In Straubenzell musste die Feuerwehr aufgeboten werden, denn allgemein fürchtete man bei der rapid zunehmenden Wasserhöhe einen Einsturz des hundert Meter hohen Gerüstturmes für die Bodensee—Toggenburgbahnbrücke. Hinter den Gebäulichkeiten des Kubelwerkes verschwand bereits ein Teil der Strasse in den Fluten. Auch auf der anderen Seite, bei der Einmündung der Urnäsch, ist festes Land ins Wasser versunken. Die Dienstbrücke der Bauunternehmung der Bodensee—Toggenburgbahn wurde vollständig weggeschwemmt, ebenso die nebenan liegende Arbeitsbaracke.
Bedenklich sah es auch bei der Appretur Forster & Cie. im Sittertal aus. Die prachtvollen Baumgärten lagen unter Wasser, das teilweise bis an die Baumkronen reichte. Der Betrieb musste eingestellt werden. Auch die Thur war riesig angewachsen. Bei den Rettungsarbeiten beim Kubelwerk senkte sich wenige Minuten nach 9 Uhr am Vormittag des 15. Juni ein Stück des Erdbodens neben dem Eingang zur Brücke, auf dem der Feuerwehrmann Joseph Davare, Wirt zum „Jakobstal“ in Bruggen, stand. Mit dem Stück Erde verschwand auch der 41 Jahre alte allbeliebte Mann. Infolge Dammrutschungen zwischen Lindau und Bregenz war der direkte Verkehr nach München unterbrochen. Rorschach meldete ein rapides Steigen des Bodensees, der bereits die Umgebung des Bahnhofes und des Bahnhofhafens überschwemmte. Neben den Eisenbahngeleisen fuhr man mit Booten.
Quelle
Die Hochwasser-Katastrophe in der Schweiz am 15. Juni 1910. download
Bildmaterial zu den Ereignissen im Kanton St. Gallen
> Kubelwerk

> Gossau


> Wattwil





> Rorschach
Hafenbahnhof

Rorschach: Hochwasser im Juni 1910, Eisenbahn mit Dampflokomotive beim Hafenbahnhof. Quelle: Staatsarchiv St. Gallen

Rorschach: Hochwasser im Juni 1910, Eisenbahn mit Dampflokomotive beim Hafenbahnhof, im Vordergrund rechts zwei Frauen. Quelle: Staatsarchiv St. Gallen

Rorschach: Hochwasser 16. Juni 1910, zu sehen ist ein Zug mit Dampflokomotive, die Bahnschienen sind zum Teil unter Wasser; hinter der Bahnbarriere warten Kinder, Frauen und Männer, aus den Fenstern schauen Menschen hinaus. Quelle: Staatsarchiv St. Gallen

Rorschach: Hochwasser 1910, Eisenbahn mit Dampflokomotive fährt durch das Wasser. Quelle: Staatsarchiv St. Gallen

Rorschach: Hochwasser 1910, Menschen stehen bei der Eisenbahn mit Dampflokomotive, die durch das Wasser fährt. Quelle: Staatsarchiv St. Gallen

Rorschach: Hochwasser 1910, Kinder waten im Wasser, Dampfzug fährt an. Quelle: Staatsarchiv St. Gallen

Rorschach: Hochwasser 1910, Kabisplatz, angelegtes Dampfschiff Königin Charlotte, Kinder stossen ein Ruderboot mit sonntäglich angekleideten Frauen. Quelle: Staatsarchiv St. Gallen

Rorschach: Hochwasser 1910, Hafenansicht, rechts ein Dampfschiff, Passagiere steigen aus und überqueren die Strasse auf Bretterstegen. Quelle: Staatsarchiv St. Gallen
Hauptstrasse

Rorschach, Hochwasser 1910, Hauptstrasse, Stege führen zu den einzelnen Häusern, Pferdekutschen fahren durch das Wasser. Quelle: Staatsarchiv St. Gallen

Rorschach Hauptstrasse, Hochwasser 1910. Quelle: Staatsarchiv St. Gallen

Rorschach Hochwasser 1910, Hauptstrasse mit Menschen vor den Häusern am Wasser stehend und Pferdekutschen, die durch das Wasser fahren. Quelle: Staatsarchiv St. Gallen

Rorschach Hauptstrasse, Hochwasser 28. Juni 1910, zu sehen sind eine Pferdekutsche und Menschen im Wasser und auf Stegen stehend. Quelle: Staatsarchiv St. Gallen

Rorschach Hochwasser im Juni 1910, Hauptstrasse, links vorne das Geschäft der Gebrüder Keel, im Eingang eine Frau und zwei Kinder, daneben die Eisenwarenhandlung F. Engensperger, Passanten und Passantinnen, Holzstege über das Wasser. Quelle: Staatsarchiv St. Gallen

Rorschach, Hochwasser 1910, Ecke Hauptstrasse – Neugasse mit dem Jakobsbrunnen, Menschen vor den Häusern, Holzstege führen zu den Häusern, Fuhrwerk mit Sandsäcken. Quelle: Staatsarchiv St. Gallen

Rorschach Hochwasser 1910, Hauptstrasse Ecke Neugasse beim Jakobsbrunnen, Menschen stehen auf den Stegen, die über das Wasser führen. Quelle: Staatsarchiv St. Gallen
> Flybach, Weesen
![Weesen: Flibach [Flybach] Hochwasser vom 15.](https://geosphaere.ch/wp-content/uploads/2026/11/1910-kantone-glarus-st-gallen-graubuenden-32-1013x1024.png)
![Weesen: Flibach [Flybach] Hochwasser vom 15.](https://geosphaere.ch/wp-content/uploads/2026/11/1910-kantone-glarus-st-gallen-graubuenden-33-1024x975.png)
Das Unwetter 1910 in Graubünden
Elementarschäden und Versicherung
Am 14./15. Juni 1910 führten gewaltige Regengüsse in 21 Kantonen zu Überschwemmungen. In Graubünden wurde der Nordosten des Kantons betroffen: Das Flussgebiet des oberen Landwassers, der Plessur, der Landquart und des Rheins von Chur an abwärts. Am schwersten wurde das Prättigau in Mitleidenschaft gezogen.
Zahlreiche Strassen wurden zerstört, Brücken weggerissen, Kulturboden überführt und Gebäude beschädigt. Auch die Rhätische Bahn wurde an mehreren Stellen unterbrochen, insbesondere bei der Station Fideris auf einer Länge von 500 bis 600 Meter.
Im Kreis Maienfeld gingen mehrere schadenbringende Rüfen nieder. In den Gemeinden Maienfeld und Jenins richteten die Murgänge hauptsächlich Schäden an Weinbergen an. In Malans gingen vier Murgänge nieder.
Der Gesamtschaden belief sich auf rund 2.93 Millionen Franken (damaliger Wert).
| Privatschaden | 665’000 Franken |
| Schäden an Gewässern | 1.39 Millionen Franken |
| Schäden an Strassen | 271’000 Franken |
| Schäden an Brücken | 53’000 Franken |
| Schäden der RhB | 550’000 Franken |
Quelle
Elementarschäden und Versicherung. Studie des Rückversicherungs-Verbandes kantonal-schweizerischer Feuerversicherungsanstalten zur Förderung der Elementarschaden-Versicherung. Band II. Bern, 1936.
Die Hochwasser-Katastrophe in der Schweiz am 15. Juni 1910
(…) Im Kanton Graubünden schien sich das Hochwasser auf Davos, Schanfigg und Prättigau beschränkt zu haben. Besonders im Prättigau waren die Verheerungen furchtbare. Fast alle Eisenbahnbrücken des Prättigau wurden fortgerissen. Der Mönchalpbach nahm seinen Weg mitten durch Klosters, schweren Schaden anrichtend. Bei Landquart hatte der Fluss die Eisenbahnbrücke der Bundesbahnen weggerissen, diejenige der Rätischen Bahn so beschädigt, dass sie nicht befahren werden konnte. Nach Klosters wurden die Feuerwehrmannschaften von Samaden und St. Moritz aufgeboten, ebenso schickte die Regierung noch abends spät Feuerwehren aus andern Gemeinden nach Serneus.
Bei Molinis (Schanfigg) riss die Plessur eine eiserne Brücke weg. Im Dorfe stürzten mehrere Häuser ein: Die Klus war längere Zeit ganz unpassierbar, da die Landquart die ganze Sohle samt Strasse und Bahngeleise hoch überflutete. In der Landschaft Davos wüteten mehrere der rechtsseitigen Zuflüsse des Landwassers, besonders der Suzibach, der Guggerbach und der Dorfbach. In Davos ertönten mittags 1 Uhr die Alarmhornsignale. Alle verfügbare Mannschaft des Dorfes musste aufgeboten werden. Trostlosen Anblick bot das Dorf Dalvazza im Prättigau, wo fünf Ställe und ein Haus vollständig in den Fluten verschwanden. Gross war der Schaden auch in Jenaz und Grüsch, an welch letzterem Orte zwei Häuser verschwanden und acht beschädigt wurden. In Chur wurde durch die Plessur grosser Schaden angerichtet.
Quelle
Die Hochwasser-Katastrophe in der Schweiz am 15. Juni 1910. download
Das Unwetter in der Naturchronik der Naturforschenden Gesellschaft Graubündens
In der Naturchronik 1910 der Naturforschenden Gesellschaft Graubündens ist zu lesen: Erste Hälfte Juni Föhn, wovon starke Schneeschmelze, in Folge davon immer hohes Wasser, aber bis zum obigen Datum ohne Schädigungen. Am 10. Juni fing es an zu regnen, täglich, aber im mässigen Quantum 4,6—5,3 in 24 Stunden. Erst am 14. Juni setzte der Regen heftiger ein und fielen hier in Chur vom 14./15. VI. 65,6 mm Regen bei hoher Temperatur, in Verbindung mit reichlicher Schneeschmelze des noch massenhaft auf den Höhen vorhandenen Schnee’s, gewaltiges Hochwasser.
In Davos gingen alle Seitenbäche des Landwassers sehr hoch und war in Folge davon das Landwasser hoch und reissend. Nur für ganz kurze Zeit war die Bahnlinie durch den Guggerbach bei dessen Einmündung in das Landwasser unterbrochen. Die Albula war hoch, ohne aber auszutreten, selbst nach den grossen Wassermengen, die ihr bei Filisur durch das Landwasser zugeführt wurden, ging es ohne grössere Schädigungen ab.
Der Hinterrhein bei Thusis mässig gross, ebenso die Nolla, und wurde erst zum Hochwasser nach der Einmündung der Albula. Auch der Vorderrhein war sehr gross. Von Schädigungen des Rheins hört man aber erst aus dem unteren Rheintal St. Gallens, nach den gewaltigen Wassermengen, die ihm Plessur, Landquart, Tamina und weiter unten die Ill zugeführt hatten, aber auch da blieben die Störungen in mässigen Grenzen.
Aus dem Oberland erfährt man nur, dass der Laaxerbach die Brücke bei Salums weggerissen habe. Engadin, Puschlav, Bergell, Misox blieben ganz verschont. (…) Ganz schlimm haben Plessur, Landquart und zum Theil die Tamina gehaust. Plessur: In Langwies wurde der Postverkehr durch Beschädigung einer Brücke für kurze Zeit unterbrochen. Bei Molinis wurde die neue eiserne Plessurbrücke weggerissen und die Ufer beschädigt und überflutet.
Ärger waren die Schädigungen in Chur. Die Wiesenfläche hinter dem Meyersboden überschwemmt. Zwischen Meyersboden und Sassal ist die Strasse auf eine lange Strecke gänzlich zerstört. Bei Sassal ist das Wuhr zerstört und die Hochdruckleitung des Churer Elektrizitätswerkes blossgelegt und musste gestützt werden. Der elektrische Betrieb musste in Folge davon für ein paar Tage eingestellt und die Dampfturbine in Aktion gesetzt werden.
Von da bis zur Einmündung in den Rhein sind an folgenden Stellen die Wuhren beschädigt worden: Beim Plessurfall am Sand, unterhalb der Brücke Gäuggeli-Rätusstrasse und an zwei weiteren Stellen bis zum Kettbrückli. Unterhalb desselben wurden beim Stadtbaumgarten Wuhr und Strasse zerstört und weiter unten beim Plessurgut der Gebrüder Giger Wuhr und Strasse auf eine längere Strecke total demoliert.
Ganz besonders verheerend hat aber die Landquart gewüthet. Schon in Klosters waren Monbieler-und Mönchalpbach, der schon im unteren Laret grossen Schaden an Strassen und Wiesen angerichtet hat, sehr hoch und haben den Dorftheil von Klosters, zur Brücke, überschwemmt und auch beim Bad Serneus erheblich geschadet. Schlimm war es dann in Küblis und von da an bis zur Einmündung der Landquart in den Rhein.
Hier, in Küblis, trat der Fluss über seine Ufer und floss dicht hinter dem Bahnhof hinunter unter erheblicher Schädigung der Güter. Der Schaniela-Bach hatte schon in St. Antönien-Ascherina Brücke und Säge weggerissen und ein Haus beschädigt und weiter hinein bis Partnun die Brücken demoliert, Vieh und Holz mitgenommen, aber erst in Dalvazza dann seine ganze Wuth entfaltet, Güter, Brücken zerstört und einige Häuser demoliert.
Zwischen Küblis und Furna ist die Bahn an mehreren Stellen unterbrochen. Der Schraubach-Schiers hat dort Brücken weggeschwemmt usw. Bei Grüsch hat der Taschinasbach Brücken und Häuser demoliert und die Güter verheert. Der Damm der Valzeiner-Strasse ist an 2 Stellen durchbrochen, die Brücke aber stehen geblieben. In der Clus haben Strasse und Bahn schwere Beschädigungen erlitten bis ausserhalb der Station Felsenbach.

Von da an bis zur Mündung in den Rhein hat sich die Landquart ein breites Bett gerissen, ein grosses Stück Strasse oberhalb der oberen Zollbrücke total weggerissen und das Land weit überschwemmt und einzelne Gebäude bei Landquart beschädigt. Hier hat der Fluss sich rechts des Brückenpfeilers der Bahnbrücke der Rhät. Bahn tief und breit durchgefressen und die Holzbrücke von Caprez & Co., die Brücke der S. B. B. total weggerissen, während die obere Zollbrücke mit wenig Arbeit wieder befahrbar gemacht werden konnte. Dadurch ist der Bahnverkehr beider Bahnen unterbrochen.
Durch eine an den rechten Pfeiler der stehengebliebenen Brücke der Rhät. Bahn anschliessend erstellte Nothbrücke, konnte nach 3 Tagen der Personen- und Gepäckverkehr der Bundesbahnen durch Umladen hergestellt werden, nicht aber der Güterverkehr, der von Maienfeld und Ragaz her mit Pferdefuhrwerk über die inzwischen reparierte Zollbrücke zum Bahnhof in Landquart bewerkstelligt werden musste, bis eine provisorische Bahnbrücke erstellt sein wird, was immerhin 2—3 Wochen dauern wird.
Der Zugsverkehr zwischen Chur und Landquart ist ungestört geblieben. Die Rhät. Bahn hat den Verkehr von Landquart bis Küblis einstellen müssen und wird der Verkehr nach Davos und Küblis über Chur, Thusis-Filisur-Davos vermittelt. Der Verkehr nach dem Oberland und Engadin ist intakt geblieben.
Natürlicherweise haben auch Telegraph und Telephon grosse Störungen erlitten. So war also von Landquart bis KübIis jeder Verkehr abgeschnitten. Erst am 25. VI. konnte die Postverwaltung für die Dauer der Unterbrechung des Bahnverkehrs einen Postbotendienst von Pardisla über Grüsch, Schiers, Buchen, Putz, Luzein, Küblis einrichten und Anfangs Juli dann auf der Landstrasse von Landquart bis Küblis, nachdem Strasse und Brücken nothdürftig hergestellt waren.
Maienfeld, Jenins, Malans haben durch Rüfen grossen Schaden erlitten. Feuerwehrmannschaften aus der Nähe und Ferne, sowie Genie- und Infanterietruppen haben lange, schwere und gefährliche Arbeit geleistet, um das entfesselte Element soviel als möglich wieder in sein Bett zu leiten. Leider hat ein Sappeur in der Clus dabei sein Leben eingebüsst.
Am Flüela, oberhalb Süs, sind Rüfen niedergegangen und haben für einige Tage die Strasse gesperrt. Das schlechte Wetter mit fast täglichen, reichlichen Regenfällen hat dann bis in den Juli hinein angedauert, da aber in den Berghöhen Schnee fiel, blieb zwar das Wasser hoch, aber ohne weitere Verheerungen anzurichten.
Quelle
Naturchronik 1910. Jahresbericht der Naturforschenden Gesellschaft Graubünden. Band 53 (1910-1912)
Bildmaterial zu den Ereignissen in Graubünden
> Landquart

Hochwasser in Igis-Landquart 1910. Im Juni 1910 brach die hochwasserführende Landquart im Raum Igis-Landquart aus ihrem Flussbett aus und zerstörte unter anderem die SBB-Brücke über die Landquart. Bild Tiefbauamt Graubünden
> Klus

Hochwasser in der Klus 1910. Während dem Hochwasser im Juni 1910 strömte die hochgehende Landquart mit brachialer Gewalt durch die Klus. Bei der Lokalität «Felsenbach» räumte sie die RhB-Brücke aus dem Weg. Bild Tiefbauamt Graubünden
> Seewis-Pardisla

Hochwasser in Seewis-Pardisla, 1910. Schwere Schäden an Gebäude und Strasse im Bereich der Katholischen Pfarrkirche St. Joseph in Seewis-Pardisla. Bild Thöny, M.: Lawinen- und Wasserschaden, Wuhrarbeiten und Kolmatierung im Prättigau. 3. Aufl. Schiers, 1911.
> Grüsch

Hochwasser in Grüsch 1910. Während dem Unwetter vom 14. Juni 1910 wurde Grüsch durch den Taschinasbach verwüstet. Bild aus Thöny, M.: Lawinen- und Wasserschaden, Wuhrarbeiten und Kolmatierung im Prättigau. 3. Aufl. Schiers, 1911.

Grüsch gegen Schiers. Quelle: Hochwasser in Graubünden, den 13. und 14. Juni 1910. Bündner Kalender 1911
> Schiers

Hochwasser in Schiers, 1910. Während dem Hochwasser vom Juni 1910 wurde die RhB-Brücke über den Schraubach zerstört. Bild aus Thöny, M.: Lawinen- und Wasserschaden, Wuhrarbeiten und Kolmatierung im Prättigau. 3. Aufl. Schiers, 1911
> Jenaz

Hochwasser in Jenaz, 1910. Im Juni 1910 fügte die hochgehende Landquart dem Bahnhof Jenaz schwere Schäden zu. Bild in Thöny, M.: Lawinen- und Wasserschaden, Wuhrarbeiten und Kolmatierung im Prättigau. 3. Aufl. Schiers, 1911.
> Fideris

Hochwasser in Fideris, 1910. Während dem Hochwasser führte die hochgehende Landquart an verschiedenen Orten zu massiver Ufer-Erosion. So unterspülte sie unter anderem bei Fideris die entlang des Flusses verlaufende RhB-Linie. Bild Tiefbauamt Graubünden
> Küblis

Hochwasser bei Küblis, 1910. Durch Genietruppen erstellte Lehnenbrücke bei Dalvazza. Gesamtlänge 100 Meter. An der Stelle, wo im Bild die Landquart fliesst, befand sich ein sechs Meter hoher Eisenbahndamm (punktierte Linie). Bild aus: Die Genietruppen beim Hochwasser 1910. Huber und Co, Frauenfeld. Abbildung 18.
> Luzein

Hochwasser in Luzein 1910. Während dem Hochwasser vom 14. Juni 1910 hob die Dalvazza-Rüfe die im Bau befindliche Post Dalvazza (Holzhaus) aus den Fundamenten und überschüttete das Gelände mit Holz, Schutt und Steinen. Bild aus Thöny, M.: Lawinen- und Wasserschaden, Wuhrarbeiten und Kolmatierung im Prättigau. 3. Aufl. Schiers, 1911. Quelle Braschler, Hans: Katastrophen in Graubünden. Bündner Jahrbuch, 25. Jg., 1983. S. 69ff.
Medienberichte zu den Ereignissen
> Medienberichte am 15. Juni
Neue Zürcher Nachrichten, Nummer 159, 15. Juni 1910
Hochwasser und Ueberschwemmungen. Immer neu einlaufende Meldungen aus allen Gebieten der deutschen Schweiz lassen keine Zwefel mehr übrig, dass verschiedenste Landesteile von schweren Wasserverheerungen heimgesucht sind, die teilweise einen katastrophalen Charakter annehmen werden, wenn der starke Regen noch anhält. Gleich trostlose Berichte laufen aus ganz Baiern ein.
Zürich, 15. Juni. Die Beobachtungsstationen melden der Meteorologischen Zentralanstalt aus den letzten 24 Stunden enorme Niederschlagsmengen, wie sie seit langem in diesen Beträgen nicht mehr beobachtet worden sind. Es betragen die totalen Regenhöhen während der letzten 24 Stunden: Rigi Kulm 198 Millimeter, Pilatus 138, Säntis 183, Heiden 119, Einsiedeln 108, Gersau 151 Millimeter. Weniger hohe Beträge, aber immerhin noch abnorm hoch, meldet die Zentralschweiz, Interlaken 40, Zürich 50 Millimeter. Die Hochwassergefahr dauert fort. Die meteorologische Situation ist immer noch sehr ungünstig.
Rapperswil. 16. Juni (Privatmeldung). Der Jonenbach ist auf weite Strecken über die Ufer getreten. Seine reissende Gewalt hat in der Gegend von Jona und in der Nähe des Klosters Wurmsbach grosse Verheerungen angerichtet. Das Kloster Wurmsbach selber ist aber völlig ungefährdet.
Wallenstadt, 15. Juni. Infolge des seit Montag Abend anhaltenden strömenden Regens sind die Zuflüsse des Wallensees rapid angeschwollen und drohen über ihre Ufer zu treten. Heute Morgen 5 Uhr wurden in Wallenstadt die Feuerwehr und die in der Kaserne anwesenden Zürcher Truppen Bataillon 64, IV Kompagnie alarmiert und zu Notstandarbeiten bei der arg bedrohten Portland-Zementfabrik berufen. Auch das Dorf Tscherlach ist von der schon in früheren Jahren wiederholt in verheerender Weise ausgetretenen Tscherlach ernsthaft gefährdet.
Näfels, 15. Juni (4 Uhr morgens). Näfels hat Hochwasser. Es droht von Rauti und Tränkibach Gefahr. Der Mühlebach tritt über die Ufer, der Dorfbach, der das Wasser der Tränki ausnimmt, ebenfalls. Die Feuerwehr ist aufgeboten, die Mannschaft arbeitet mit Haken am Tränkibach, um Stauungen möglichst zu verhindern. Sämtliche Stege des Dorfbaches werden entfernt. Der Regen fiel in Strömen seit gestern Morgen. Es regnet immer noch stark.
St. Gallen, 15. Juni. Aus der ganzen Ostschweiz kommen Berichte über Hochwassergefahr. Viele Brücken wurden weggerissen. An der Sitter stehen verschiedene industrielle Etablissemente in Gefahr weggeschwemmt zu werden.
Davos, 14. Juni. Heute mittag kurz nach 12 Uhr musste in Davos-Platz die gesamte Feuerwehr alarmiert werden, um dem Guggerbach zu wehren. Nachdem es während der ganzen Nacht bis zum Dienstag nachmittag unaufhörlich geregnet hat, ist der Bach zu einem Strome geworden, und führt Wurzeln und Steine mit sich. Die Feuerwehr ist bemüht, dem Wasser freien Lauf zu schaffen.
der Bericht in e-newspaperarchives
Neue Zürcher Zeitung, Nummer 163, 15. Juni 1910 Ausgabe 04
Hochwasser. Entsetzlich hausen die Wassergewalten seit den letzten vierundzwanzig Stunden und man fragt sich bangen Sinnes, was aus allem dem noch werden soll.
Seit der Hochwasserkatastrophe im Herbste des Jahres 1867 hat man diesseits der Alpenwasserscheide keine so gewaltigen Niederschlagsmengen um diese Jahreszeit verzeichnet, wie sie der Meteorologischen Zentralstation aus den höhern und mittelhohen Lagen in den letzten 24 Stunden gemeldet worden sind. Man getraut sich diese Ziffern kaum zu schreiben. So melden an Niederschlag seit gestern morgen 7 Uhr die Rigi 200 Millimeter, Gersau 150, Pilatuskulm 140, Säntis 183, Heiden 119, Einsiedeln 108, Zürich 50, Interlaken 40 Millimeter. Es sind dies Niederschlagsmengen, die zu den grössten Seltenheiten gehören und die voraussichtlich für den Bahnverkehr, für die Kraftwerke usw. recht unliebsame Folgen haben werden. Und der aschgraue Himmel lässt für die nächsten Stunden auf wenig Besserung hoffen.
Von den riesigen Wassermengen, die seit Montag abend dem Zürichsee zugeflossen sind, gibt die nachstehende Notiz einen ungefähren Begriff: Der Wasserspiegel des Sees hat sich in den letzten 24 Stunden, gemessen am Pegel bei der Quaibrücke um ⅓ Meter gehoben. Bei der Gesamtfläche des Sees von 88 Quadratkilometer bedeutet dies einen Zufluss von 800 Millionen Hektoliter Wasser.
St. Gallen, 15. Juni. Der intensive Regen der letzten Tage bringt der ganzen Ostschweiz Hochwassergefahr. In Landquart wurde die eiserne Eisenbahnbrücke weggeschwemmt. Der Zugsverkehr ist unterbrochen. Der Rhein steigt gewaltig; die Sitter hat seltene Höhe erreicht. Das Kubelwerk und die Appretur Forster u. Co. stehen im Wasser. Alle Häuser in der Nähe sind gefährdet. Der Hätternsteg (Verbindung St. Gallen-Engelburg) wurde weggerissen. Die Feuerwehren sind aufgeboten worden.
Buchs, 15. Juni. B. Feldkirch verlangt soeben Hilfe von hier der Wassergefahr wegen. Die Ill hat in Frastenz und bei Feldkirch die Bahn unterbrochen. Auch vom Rhein erhalten wir Bericht über drohende Gefahr. Alle Talbäche sind stark angeschwollen.
Davos. ( Korr. v. 15. Juni.) Dienstag mittag 1 Uhr ertönten in Davos die Hornsignale und die Sturmglocke. Infolge der enormen Regengüsse in den letzten 24 Stunden war gewiss ein Teil der Guggersbachverbauung hoch oben in den Bergen weggerissen worden und nun stürzten die braungelben Fluten mit enormer Gewalt herab, Unmassen Sand, Schlamm und grosse Steine mit sich führend, so dass das untere Bachbett, trotz der Zementierung, bald verstopft war und die Häuser der Unterstadt schwer gefährdet wurden. Alle disponible Mannschaft des Ortes wurde aufgeboten; so versuchten mehrere hundert Mann die drohende Gefahr abzuwenden.
Besonders kritisch war die Situation an der Stelle, wo die Bahn das Bachbett überbrückt, weil es nicht möglich war, die Steinhindernisse schnell genug zu beseitigen. Die Mittagszüge Chur-Filisur und zurück konnten nicht passieren. Zum Schutze der Unterstadt hat man mit Brettern und Baumstämmen einen Notdamm errichtet; ob man die Gefahr dadurch bannen kann, ist noch fraglich, denn es regnet noch weiter.
Wallenstadt, 15. Juni. Infolge des seit Montag abend ununterbrochen niederströmenden Regens sind die Zuflüsse des Wallensees rapid angeschwollen und drohen auszutreten. Heute morgen 5 Uhr wurden in Wallenstadt die Feuerwehr und die in der Kaserne anwesenden Truppen, 4. Komp. des Bat. 64, alarmiert und zu Notstandsarbeiten bei der arg bedrohten Portland-Zementfabrik gerufen. Auch Ascherlach ist sehr gefährdet.
Wallenstadt, 15. Juni. H-e. Wallenstadt ist von einer Wasserkatastrophe heimgesucht worden. Der Kirchenbach, kleiner Kanal und die Seez sind übergetreten. Ein grosser Teil des Ortes ist unter Wasser; Feuerwehr und Militär arbeiten fort. Es giesst in Strömen.
Glarus, 15. Juni. Heute früh wurde belnahe im ganzen Kanton Sturm geläutet. Alle Gewässer führen Hochwasser. Die Linth ist über Nacht um einen Meter gestiegen und führt Holz und Geschiebe mit sich. Die Bahnlinie ist zwischen Hätzingen und Diesbach auf 250 Meter weggeschwemmt. Die Züge verkehren nur bis Hätzingen. Die Sernftalbahn hat den Betrieb ebenfalls unterbrechen müssen. Der Telephonverkehr nach dem Sernftal ist eingestellt. Verschiedene Etablissements an der Linth, die immer noch steigt, sind in Gefahr. Bei Ennenda wurde ein eiserner Fusssteg bereits weggeschwemmt.
Appenzell, 15. Juni. Hier haben wir Hochwasser, wie seit 1878 nicht mehr. Ein Haus an der Sitter, bei Steinegg, und die Brücke bei Weissbad sind gefährdet. Die Strasse ist teilweise weggerissen. Zahlreiche Wuhre an der Sitter und an den Nebenbächen sind beschädigt. Die Wiesen wurden überschwemmt. In einem Hause bei der Kirche in Appenzell musste ausgezogen werden. Es läutet Sturm. Es regnet fort. Oberhalb der Ziegelhütte im Ried ging ein doppelter Erdschlipf nieder, der an Korporationsgütern grossen Schaden anrichtete.
der Bericht in e-newspaperarchives
Neue Zürcher Zeitung, Nummer 163, 15. Juni 1910 Ausgabe 06
St. Gallen, 15. Juni. Am Bodensee sind grosse Landstriche sonst nutzbaren Landes unter Wasser gesetzt worden. An einzelnen Orten kann man mit Gondeln bis in die Ortschaften hineinfahren. Der Rhein hat eine derartige Höhe erreicht, dass er jeden Moment über die Ufer treten kann, was gegenüber Oberriet, bei Meiningen, bereits in ausgiebiger Weise geschehen ist. Die Thur bildet zwischen Lichtensteig und Wattwil einen einzigen See, so dass heute früh die Häuser nicht verlassen werden konnten. Rhein, Thur und Sitter führen gewaltige Holzmassen mit sich. Schrecklich gehaust haben die Wasser auch in Werdenberg und in den Rheintaler Hängen der Appenzellerberge.
St. Gallen, 15. Juni. An der Sitter haust das Hochwasser in schrecklicher Weise. Letzte Nacht um Mitternacht musste in Straubenzell die Feuerwehr aufgeboten werden, denn allgemein fürchtete man bei der rapid zunehmenden Wasserhöhe vorerst einen Einsturz des hundert Meter hohen Gerüstturmes für die Bodensee-Toggenburgbahnbrücke, der allerdings bereits früher schon einmal sich über eine ganz unerwartete Widerstandsfähigkeit ausgewiesen hat.
Als die Feuerwehr das Kubelwerk erreichte, hatte das Wasser bereits die Ufer überschritten und drang fusshoch in die Räume des Elektrizitätswerkes ein, das dann seinen Betrieb auch einstellen musste und ihn auch heute mittag noch eingestellt hat; es ist dem Kubelwerk indessen aber gelungen, vom Beznauwerk Kraft zu erhalten, so dass den ersten Bedürfnissen geholfen ist.
Gegen morgen gingen die Wassermassen wieder etwas zurück; schätzungsweise um etwas mehr als einen halben Meter, um dann gegen 9 Uhr neuerdings wieder zuzunehmen. Im Hofe des Kubelwerks liegt teilweise fusstief Schwemmsand. Hinter den Gebäulichkeiten ist ein Teil der Strasse bereits in den Fluten verschwunden.
Auch auf der andern Seite, bei· der Einmündung der Urnäsch, ist festes Land ins Wasser versunken. Die Dienstbrücke der Bauunternehmung der Bodensee-Toggenburgbahn ist vollständig weggeschwemmt, ebenso die nebenan liegende Arbeitsbaracke. Für die Feuerwehr galt es, neben dem Holzgerüste, das quer zur gelbfliessenden Wassermasse steht und als Fang für Schwemmholz und dergleichen dienen muss, die Holzbrücke über die Urnäsch zu retten. Das Wasser hatte den Durchlass vollständig ausgefüllt, so dass Gefahr bestand, dass die Brücke gehoben werde. Es mussten deshalb die Seitenbretter weggerissen werden, um dem Wasser einen freieren Durchlass zu schaffen.
Bedenklich sieht es auch drunten bei der Appretur Forster & Co. im Sittertal aus. Das Etablissement liegt tatsächlich auf einer vom Wasser fast vollständig abgeschlossenen Insel. Die prachtvollen Baumgärten liegen unter Wasser, das teilweise bis an die Baumkrone reicht. Der Betrieb ist eingestellt, da auch die Motoren vollständig im Wasser liegen. Der Steg über die zum reissenden Strome angewachsene Sitter ist durch die Feuerwehr gesperrt, denn es besteht auch hier höchste Einsturzgefahr. Ueberall zeigen sich Stellen, an denen ein Teil des Ufers im Wasser verschwunden ist.
Sogar ausserhalb des Bahnhofes Bruggen ist ein Stück des Bahndammes in Bewegung geraten. Und von der Bodensee-Toggenburgbahn wird von verschiedenen Orten von grösseren Terrainrutschungen berichtet. Dass auch die Thur riesig angewachsen ist, geht daraus hervor, dass die Poppsche Mühle bei Bischofszell bis zum zweiten Stocke unter Wasser steht. Ungemütlich sei die Situation dann namentlich noch in Kradolf. Aus dem untern Wittenbach wird berichtet, dass die Sitter überall stark über die Ufer getreten, dass der Hätternsteg verschwunden sei. Dass der Wasserstand der Sitter heute ein ganz hoher ist, geht schon daraus hervor, dass das Zeichen vom letzten grossen Hochwasser bei der Eisenbahnbrücke bei Bruggen nicht mehr sichtbar, sondern von den schmutzig-gelben Fluten vollständig zugedeckt ist.
St. Gallen, 15. Juni. Wegen Dammbruches zwischen Bregenz und Lindau ist der durchgehende Zugsverkehr nach München unterbrochen. Auch auf der Appenzellerbahn ist der Verkehr an zwei Stellen gestört; sogar in Appenzell musste die Feuerwehr aufgeboten werden, da der Weissbach über die Ufer getreten ist. Bei den Rettungsarbeiten beim Kubelwerk hat sich heute vormittag ein schwerer Unglücksfall ereignet. Wenige Minuten nach 9 Uhr senkte sich ein Stück des Erdbodens neben dem Eingange zur Brücke, auf dem der Feuerwehrmann Joseph Davare, Wirt zum Jakobstal in Bruggen, stand. Mit dem Stück Erde verschwand sofort und rasch auch der etwa 41 Jahre alte Feuerwehrmann, ein allgemein beliebter Mann.
Wattwil, 15. Juni. br. Seit 24 Stunden regnet es fast ununterbrochen. Fast alle Bergbäche treten über die Ufer und reissen alles mit, aufgeschichtetes Holz und Stege nicht verschonend. So macht es auch die Thur. Kein Steg blieb verschont zwischen Kappel und Wattwil. In niedergelegenen Wiesen konnte aus zwei Ställen das Vieh nicht mehr gerettet werden; auch am neuen Thurbett hat das Wasser sehr viel Schaden angerichtet.
Glarus, 15. Juni. Seit heute morgen ist die Linth noch gestiegen. Sie führt Holzblöcke und ganze Bäume mit sich. Mehrere Brücken sind weggeschwemmt worden. Das Dorf Näfels steht unter Wasser, ebenso ganze Quartiere und Fabriken in Ennenda, Mitlödi und Linthal. In Schwanden herrscht bei der Einmündung der Sernft in die Linth eine fürchterliche Verwüstung. In Engi wurde eine grosse Ziegenherde vom Hochwasser fortgeschwemmt. Von Verlusten an Menschenleben hat man bis jetzt noch nichts vernommen. Der Schaden ist enorm.
Glarus, 15. Juni. Die Sernftalbahn ist zwischen Schwanden und Engi unterbrochen, ebenso die Bundesbahnlinie bei Hätzingen infolge der Rüfi. Bei Landquart ist auch die Strassenbrücke weggerissen. Die Holzbrücke von Mollis schwimmt im Wallensee. Der Zugsverkehr Maienfeld-Chur ist eingestellt, derjenige zwischen Ziegelbrücke und Schänis infolge Rutschungen gefährdet. Im ganzen Glarnerland sind die Feuerwehren aufgeboten.
Weesen, 15. Juni. Der See ist über die Ufer getreten. Der untere Teil der Flybachverbauungen ist zerstört.
Chur, 15. Juni. Lang andauernder Regen mit Schneeschmelze hat Hochwasser gebracht. Die Brücke der Rätischen Bahn ist gefährdet. Die Wasserturbinen des Churer Elektrizitätswerkes stehen unter Wasser.
Basel, 15. Juni. Der Rhein steigt beständig; er hat einen Stand von 8,70 Meter erreicht. Bei Hüningen, Bellingen und im Rheinvorland werden weite Strecken überflutet. In den Ufergemeinden auf der badischen und elsässischen Seite sind die Feuerwehren auf Pikett gestellt worden. Die Nebenflüsse des Rheins, Wiese, Birs und Kander, überschwemmen ebenfalls weite Gebiete. Der Fährebeirieb musste überall eingestellt werden.
Maienfeld, 15. Juni. K. Wieder läuten die Glocken Sturm. Die Rüfen verwüsten die Weinberge und Wiesen. Es heisst, die Lochrüfe fliesse direkt gegen Maienfeld. Es ist unermesslicher Schaden entstanden. Der Regen hat noch nicht nachgelassen. Es handelt sich um eine Katastrophe wie Anno 1868.
der Bericht in e-newspaperarchives
> Medienberichte am 16. Juni
Neue Zürcher Zeitung, Nummer 164, 16. Juni 1910
Hochwasser. Rorschach, 16. Juni. Der Bodensee hat den höchsten Stand seit Menschengedenken erreicht. Er ist teilweise über die Ufer getreten. In den Häusern am See sind die Keller unter Wasser. An den Flussmündungen wird Treibholz in Menge aufgefischt.
Rorschach, 15. Juni. hr. Die Arlbergbahn ist unterbrochen. Alle Reisenden, die sich nach Oesterreich und in den Orient begeben, müssen über Rorschach-Bodensee-Lindau verkehren.
Appenzell, 15. Juni. Die Hiobsbotschaften mehren sich stündlich, namentlich Schwendi-Thal und Weissbad sind stark bedroht. Die Strasse nach Weissbad und Wasserauen ist unterbrochen. Bei den Rettungsarbeiten in Schwendi ertrank kurz vor 11 Uhr Beat Inauen, vierzig Jahre alt und verheiratet.
Davos, 15. Juni. Der Regen hat nachgelassen, die Wasser gehen aber immer noch hoch, bringen Schutt und Geschiebe mit und richten grossen Schaden an Gebäuden, Strassen und Brücken an.
Schaffhausen, 15. Juni. Der Rhein ist beim Rheinquai-Schiffände bereits 12 Zentimeter tief übergetreten.
Basel, 15. Juni. Auch hier droht Hochwassergefahr. Der Rhein ist seit mittag um 80 Zentimeter, seit gestern um 1 Meter 50 gestiegen; die Wasserhöhe beträgt nachmittags 4 Uhr 10 5 Meter 45 und steigt beständig. Am Klein-Basler Ufer fehlen nur noch 50 Zentimeter bis zum Uebertreten des Flusses. Der ganze Verkehr ist eingestellt.
St. Gallen, 15. Juni. Von dem Kubelwerk wird uns mitgeteilt, dass es unter Aufbietung aller Mittel möglich geworden ist, die grossen Turbinen der Zentrale wieder in Betrieb zu setzen, so dass wieder alle Abonnenten mit Strom versehen werden können.
St Gallen, 16. Juni. In Diepoldsau wurden heute beim Holzen im hochgehenden Rhein zwei Mann von den Wogen fortgerissen. Der eine namens Benedikt Hutter wurde von den Wassern verschlungen und mitgerissen, während der andere, ein Hermann Hutter, sich am Schifflein festhalten und aus seiner gefährlichen Situation befreit werden konnte.
Stein a. Rh., 15. Juni. S. Innerhalb 24 Stunden ist der Rhein 82 Zentimeter gestiegen und überflutet die fer. Der Dampfbootverkehr ist eingestellt.
der Bericht in e-newspaperarchives
Neue Zürcher Nachrichten, Nummer 160, 16. Juni 1910 Ausgabe 02
Glarus. Von der Linth und Sernf. Glarus, 15. Juni. Auch das Glarnerland ist von einer schweren Hochwasserkatastrophe betroffen. Die Linth und die Sernf sind über die Ufer getreten und haben weite Landstrecken überschwemmt. Auch die Runsen der Bergbäche haben schweren Schaden angerichtet. Verschiedene Etablissements stehen unter Wasser. Der Eisenbahndamm hinter Luchsingen ist weggespühlt. Die Strasse ins Sernftal ist heute unpassierbar. In Näfels hat der Rautibach seinen Weg durch die Ortschaft genommen.
Im Laufe der Nacht wurden in den meisten Gemeinden die Feuerwehren zur Hilfeleistung aufgeboten. Die Rüfirunse bei Hätzingen ist neuerdings ausgebrochen. Bis zur Stunde sind drei Brücken und Stege über die Linth weggerissen worden. — Die Sernftalbahn ist zwischen Schwanden und Engi unterbrochen, ebenso die Bundesbahnlinie bei Hätzingen infolge der Rüfi. Die Holzbrücke von Mollis schwimmt im Walensee.
Basel, 15. Juni. Auch hier droht Hochwassergefahr. Der Rhein ist seit Mittag um 80 Zentimeter, seit gestern um 1,50 Meter gestiegen; die Wasserhöhe beträgt nachmittags 4 Uhr 10 5,45 Meter und steigt beständig. Am Klein-Basler Ufer fehlen nur noch etwa 50 Zentimeter bis zum Übertreten des Flusses. Der ganze Verkehr ist eingestellt.
Basel, 15. Juni. In Hüningen und Bellingen sind viele Strecken überflutet; ebenso überschwemmen die Nebenflüsse des Rheins, Birs, Wiese und Kander, grosse Gebiete.
Basel, 15. Juni. In der kanalisierten Birsig entstand ein Riss in der Wölbung. Die Keller des Börsengebäudes und die unterirdischen Warenräume des Haushaltungsgeschäftes des Allgemeinen Konsumvereins sind überschwemmt. Man ist damit beschäftigt, das Wasser auszupumpen. Der Schaden scheint bedeutend zu sein.
Basel, 16. Juni. Der Rhein erreichte heute Nacht 1 Uhr einen Pegelstand von 4,50 Meter. Stellenweise hat er die Uferstrasse von Kleinbasel überschwemmt.
Basel, 16. Juni. Heute früh gegen 6 Uhr betrug der Pegelstand des Rheins 4 Meter 70. Das Wasser steigt noch. Die Feuerwehr arbeitet ununterbrochen an der Entleerung des Kellers im Börsengebäude. Seit 1 Uhr nachts hat der Regen aufgehört.
Schaffhausen, 15. Juni. Der Rhein ist in rapidem Steigen. Er tritt beim Rheinquai-Schifflände bereits 12 Zentimeter über den Boden.
Appenzell I.-Rh. 15. Juni, abends. Die Hiobsbotschaften mehren sich stündlich, namentlich Schwendi-Tal und Weissbad sind stark bedroht. Die Strasse nach Weissbad und Wasserauen ist unterbrochen. Bei den Rettungsarbeiten in Schwendi ertrank kurz vor 11 Uhr Beat Inauen, alt-Escherwirts, 40 Jahre alt und verheiratet. Vorher schon will man in der Lank unterhalb Appenzell einen Ertrunkenen in den Fluten der Sitter gesehen haben.
St. Gallen. Von der Thur im Toggenburg. (Korr. vom 15. Juni, früh, aus Lichtensteig.) Auf einer Reise, befinde ich mich seit gestern, Dienstag, hier. Schon am Abend war ein rapides Steigen des sonst so lieblichen Flusses zu beobachten. Im Laufe der Nacht wuchs die Gefahr riesengross. Gegen 3 Uhr morgens ertönte Alarm.
Unten an der Thur bot sich ein Bild, das jeder Beschreibung spottet. Wohin das Auge blickte, alles ein See, der sich von Lichtensteig bis gegen Ebnat hinauf ausdehnt. Bäume, Balken, sogar Wagen schwimmen darauf im Chaos herum. Die Heuhaufen auf den Wiesen, die der trocknenden Sonne warteten, sind in Atome zerrissen und weggeschwemmt. Die Thurkorrektion ist an mancher Stelle zerstört. Der Schaden ist ein riesiger. Ein Glück, dass die Bewohner früh genug alarmiert wurden, sonst hätte es auch gar manches Stück Vieh gekostet. Die Bauernsame ist tief niedergeschlagen. Ihr Schmerz schneidet einem ins Herz. Soeben treffe ich einen wackeren Bauern. Tränenden Auges sagt er, noch vor zwei Tagen habe er auf reiche Ernte hoffen dürfen, nun sei alles dahin und dazu die Wiesen verkiest.
In Wattwil, so wird eben berichtet, hat die Thur einen Damm durchbrochen. Die Feuerwehr arbeitete wie Riesen, dem Elemente zu wehren und Notbrücken zu erstellen zur Rettung der Bewohner im Notfalle. Das Tal gewährt einen erschütternden Anblickl Alles eine einzige schmutzige Flut. Aus ihr ragen wie Inseln Häuschen, Scheunen usw. Soeben heisst es, eine Brücke sei eingestürzt, während 7 Stück Vieh sie passieren wollten. Die Tiere sind bis zum Kopf im Wasser. Ob man sie wird retten können?
Bei der Brücke bei Lichtensteig bietet sich ein schauriger Anblick. Ein Krachen und Tosen und Wüten der gelbbraunen Massen, das jeder Beschreibung spottet. Die Feuerwehr arbeitet im Schweisse des Angesichts. Das wilde Element scheint aber der Bemühungen der Menschen hohnzulachen. Und immer regnet es. Aendert das Wetter sich nicht rasch, wird das Unglück grenzenlos. Es ist schon so gross genug. Du armes, liebes, schönes Thurtal!
Von der Sitter bei Bruggen. (Korr. vom 15. Juni.) Eines gleich furchtbaren Hochwassers wie das heutige erinnert man sich seit Jahr und Tag nicht mehr. Das Wasser drang mehrere Fuss hoch in die Räume des Kubelwerkes. Ein Teil der Strasse hinter demselben ist weggerissen. Glücklicherweise hielt der mächtige Gerüstturm der Bodensee – Toggenburgbahn stand, dagegen ist die Dienstbrücke der Bauunternehmung weggerissen.
Die Appretur Forster & Cie. in Sittertal ist unter Wasser und der Betrieb eingestellt. In den Wiesen steht das Wasser meterhoch und reicht den Bäumen fast an die Kronen. Auch aus dem Sittergebiet von Wittenbach langen betrübende Berichte ein. Der Schaden ist enorm, nicht am wenigsten für die Bodensee-Toggenburgbahn.
Vom Rhein. Buchs, 15. Juni Soeben kommt von Reichenau Bericht, dass der Rhein rapid steige; vom Rheinbaubureau wird sofortige Bewachung mit aller Mannschaft verlangt.
Buchs (Rheintal), 15. Juni. Das Wasser steht beim Pegel an der Rheinbrücke bei 7,9 M. Es steht noch 1 Meter unter dem eigentlichen Hochwasserstand. Gefahr ist vorderhand keine vorhanden. Dagegen sind die Zuflüsse zum Rhein riesig angeschwollen. Der Rhein führt viele grosse Tannen mit Wurzelstöcken, Brennholz, Brückenteilen usw. mit sich nach dem- Bodensee.
Vom Bodensee. Rorschach, 15. Juni. Der Bodensee ist diese Nacht um. 26 Zentimeter gestiegen und überflutet an einigen Stellen die Ufer. Zum Aussteigen aus den Schiffen werden Brücken errichtet. Der See steigt noch fortwährend. Das Jahresmittel der Seewasserstände ist um 30 Zentimeter überschritten.
Rorschach, 15. Juni. Der Bodensee hat den höchsten Stand seit Menschengedenken erreicht. Er ist teilweise über die Ufer getreten. In den Häusern am See sind die Keller unter Wasser. An den Flussmündungen wird Treibholz in Menge aufgefischt.
Sammelmeldung. St. Gallen, 15. Juni, abends. Der Rhein droht über die Ufer zu treten. Die Thur bildet zwischen Lichtensteig und Wattwil einen grossen See. Viele Hausbewohner mussten auf Flössen gerettet werden. Beim Kubelwerk ist ein Feuerwehrmann bei den Rettungsarbeiten ertrunken.
Vom Wallensee. Weesen, 15. Juni. Der See ist über die Ufer getreten. Der untere Teil der Flybachverbauungen ist zerstört.
St. Gallen – München. St. Gallen, 15. Juni. Wie die Bundesbahnverwaltung mitteilt, ist der Zugsverkehr zwischen der Schweiz und München unterbrochen, da das Wasser den Damm zwischen Bregenz und Lindau zerstört hat.
Aus der Gegend von Jona und Rapperswil. (Korr. vom 15. Juni.) Heute morgen halb 4 Uhr wurde Sturm geläutet. Die sonst harmlos vorbeifliessende Jona ist zum reissenden Strome geworden. In der grossen Seidenweberei von Herrn Scherrer in Zürich sammelt sich Wasser in den untern Websälen. Viel Kulturland wird samt den Bäumen von der schäumenden Flut fortgerissen. Die Gefahr wird für die umliegenden Häuser immer grösser, viele derselben müssen geräumt werden.
Ein vor zwei Jahren neu erstellter massiver Magazinbau für einen Baumeister kommt zum Wanken. Ehe man sich’s versieht, stürzt das Gebäude zusammen und wird von den Fluten weggespühlt, den im selben Moment in der Werkstätte befindlichen Malermeister Burlet mit sich reissend. Es gelang, den an Holztrümmern sich klammernden Mann den Fluten zu entreissen. Jedoch ist sein Zustand besorgniserregend.
Immer drohender wird die Gefahr und es wird auch die freiwillige Feuerwehr Rapperswil alarmiert. Mit unermüdlichem Eifer wurde gegen das verheerende Element gekämpft. Eine Grosszahl von Fuhrwerken brachte die grössten Tannen und Bäume herbei, welche bei den Einbruchstellen versenkt wurden, auch mit vielen Fudern Säcken voll Sand wurde eingedämmt, während die wild schäumende Flut alles zu verschlingen drohte und auch eine Unmasse von Bäumen und Baumstämmen daherführte.
Um 2 Uhr schien die Gefahr beseitigt. Die ganze Mannschaft, die sich am Hülfswerk beteiligte, verdient alles Lob. Es wurde richtig zugegriffen. Das Dampfboot (Kursschiff), das um halb 12 Uhr in Rapperswil eintrifft, konnte wegen den hochgehenden Wogen hier nicht landen und musste auf offener See umkehren.
Chur, 15. Juni. Lang andauernder Regen mit Schneeschmelze hat Hochwasser gebracht. Die Brücke der Rätischen Bahn ist gefährdet. Die Wasserturbinen des Churer Elektrizitätswerkes stehen unter Wasser. Die Brücke bei Landquart ist weggerissen. Chur, 15 Juni. Hier wurde um halb 9 Uhr vormittags die Feuerwehr aufgeboten, weil die Plessur ans Meiersboden das Wuhr und die Rohrleitung des Elektrizitätswerkes zerstört hat.
Davos, 15. Juni. In Davos-Platz war die Feuerwehr im Wechsel mit Italienerkompagnien mehr als 18 Stunden mit der Eindämmung der Rüfe des Guggerbaches beschäftigt. Die Züge der Linie Landquart-Davos konnten gestern noch bis halb 8 Uhr abends über die Brücke nach der Station Davos-Platz gelangen; nachher wurde die Brücke abgerissen.
In Davos-Dorf hauste der Dorfbach übel. Schlimmer noch lauten die Berichte aus dem Prättigau, wo bei Küblis-Dalvazza die Bahnstrecke auf 100 Meter Länge weggerissen worden ist. Häuser sind eingestürzt; der Verkehr durchs Prättigau ist unterbrochen. Auch in Klosters soll der Mötschalpbach sich wild gebärden. Sämtliche Holzbrücken fielen dem Hochwasser zum Opfer.
Davos, 15. Juni. Der Regen hat nachgelassen, die Wasser gehen aber immer noch hoch, bringen Schutt und Geschiebe und richten grossen Schaden an Gebäuden, Strassen und Brücken an. Die Bahnlinie nach Landquart ist unterbrochen. Feuerwehr und Publikum arbeiteten die ganze Nacht und sind jetzt noch an der Abwehr der Wasser tätig.
Arosa, 15. Juni. Infolge des strömenden Regens während zwei Tagen und Nächten ist hier Hochwasser eingetreten. Das Maschinenhaus des hiesigen Elektrizitätswerkes ist in Gefahr; die Brücke bei Langwies ist vom Sapuenerbach unterwühlt worden. Nach beiden Stellen ist die Feuerwehr zur Rettung abgegangen. („N. Z. Z.“)
Maienfeld, 15. Juni. Wieder läuten die Glocken Sturm. Die Rüfen verwüsten die Weinberge und Wiesen. Es heisst, die Lochrüfe fliesse direkt gegen Maienfeld. Es ist unermesslicher Schaden entstanden, Es handelt sich um eine Katastrophe wie anno 1868. („N. Z. Z.“)
Aus Baden. Baden, 15. Juni. (Korr.) Das Wasser der Limmat hat hier eine Höhe erreicht wie sich dessen die ältesten Menschen nicht erinnern können. In Ennetbaden steht die Strasse nach Rieden 1 Meter unter Wasser. Keller, Bäder, Küchen und sogar Speisesäle verschiedener Hotels sind ganz voll Wasser. Die Feuerwehr ist aufgeboten. Die neue Badanstalt, die vor Jahren schon weggeschwemmt wurde, steht wieder in Gefahr. In Turgi soll die alte Brücke weggerissen worden sein. In den trüben Fluten sah man die Leiche einer Frau, tote Pferde, Betten und eine Unmasse Holz daherschwimmen.
Heute früh 8 Uhr fiel in der Kronengasse ein 12 jähriger Knabe. Otto Widmer, ins Wasser und verschwand sofort. Er half dem Wasser, das in Keller und Stall eindrang, wehren, und bekam das Übergewicht. Ein harter Schlag für den Vater, der kürzlich seine Frau durch Tod verloren. Das Wasser steigt immer noch.
Vom Rhein. Zurzach, 15. Juni. Der Rhein ist um 70 Centimeter gestiegen, Gärten und Wiesen überflutend. Das Wasser füllt die Keller, besonders in Koblenz. Zurzach, 16. Juni. Der Rhein ging gestern Abend um einige Zentimeter zurück, ist aber über Nacht um mehr als einen Meter gestiegen und steigt stündlich weiter. Um 4 Uhr wurde das Rettungskorps in die Barzmühle gerufen. In Koblenz herrscht grosse Wasserbedrängnis.
Thurgau. Weinfelden, 15. Juni. Die hochgehende Thur hat heute morgen früh die provisorische Brücke der Mittelthurgaubahn weggerissen. Die Thur ist hier und Jmlikon über die Ufer getreten. Sie führt viel Holz und anderes Material mit sich. Bischofszell, 15. Juni. Auch hier und in Kradolf haust die Thür bös. Die Poppsche Mühle steht bis zum zweiten Stock unter Wasser.
der Bericht in e-newspaperarchives
Neue Zürcher Zeitung, Nummer 164, 16. Juni 1910 Ausgabe 03
Hochwasser. Einem Schreiben des Elektrizitätswerkes Kubel entnehmen wir: „Die angeschwollenen Flüsse Urnäsch und Sitter sind letzte Nacht beim Zusammenfluss direkt oberhalb der Zentrale Kubel, hauptsächlich durch den mitten im Flussbett befindlichen Gerüstturm, gewaltig gestaut worden. Eine weitere Stauung trat durch an den Turm angeschwemmtes Material und Bestandteile von weggerissenen Baracken ein. Infolgedessen überflutete das Wasser den Hof und drang in die unteren Betriebsräume ein. Der Maschinenbetrieb musste eingestellt und die Zentrale auf die Messstation Wil umgeschaltet werden. Feuerwehrmannschaften von Straubenzell, St. Gallen und Stein verhüteten weiteren grösseren Schaden durch Wegschaffung des angeschwemmten Materials.“
Weinfelden. (.OC.K. Korr. vom 15. Juni.) Infolge des lange anhaltenden Regens, der von Dienstag ab die ganze Nacht hindurch bis zum Mittwoch andauerte, sind die beiden Flüsse Thur und Sitter in seltener Höhe angeschwollen und über die Ufer getreten. Grosse Ueberschwemmungen, Schädigungen von Kulturen jeder Art sind die Folge. Brücken und Stege wurden weggerissen. Die Umgegend von Bürglen (Thurgau) nächst der Kammgarnspinnerei gleicht einem grossen See, und das ans dem Thurbett getretene Wasser bedroht auch die nächstliegenden Gebäude und Anlagen. Ein Tieferlegen des Flussbettes und insbesondere ein intensiverer Uferschutz durch Wuhrungen und Schutzmauern sind dringend nötig geworden.
Chur, 15. Juni. Hier wurde um halb 9 Uhr vormittags die Feuerwehr aufgeboten, weil die Plessur auf Meiersboden das Wuhr und die Rohrleitung des Elektrizitätswerkes zerstört hat..
Jona. (6. Korr. vom 15. Juni.) Die anhaltenden Regengüsse haben die Jona zu einem tobenden Wildwasser umgewandelt. Heute vormittag fegte sie ein Magazingebäude und einen grossen Schopf fort. Der alten Holzbrücke der Staatsstrasse drohte eine Zeit lang der Untergang, indem die Fluten den Boden vor ihr wegspülten. Mittags musste die Rapperswiler Feuerwehr zu Hilfe gerufen werden. Mehrere vom Wasser gefährdete Wohnhäuser wurden von den Bewohnern geräumt. Ein Joner Feuerwehrmann wurde von den Fluten fortgerissen; zum Glück konnte er sich nach längerer unliebsamer „Fahrt“ noch festklammern; er soll mit einem Rippenbruch davongekommen sein. Im Geissenrain, nördlich von der Brändlinschen Baumwollspinnerei, erfolgte ein Erdschlipf, der die Bahnlinie unterbrach. Zahlreiche Fuhrwerke schleppen Tannen herbei, um die Fluten einzudämmen.
Basel, 15. Juni. In dem kanalisierten Birsig entstand ein Riss in der Wölbung. Die Keller des Börsengebäudes und die unterirdischen Warenräume des Haushaltungsgeschäftes des Allgemeinen Konsumvereins sind überschwemmt. Man ist damit beschäftigt, das Wasser auszupumpen. Der Schaden scheint bedeutend zu sein.
Lindau, 15. Juni. Der Bodensee ist seit Mittag um weitere 8 cm gestiegen. Die Rathausstrasse und der Kornhausplatz sind überschwemmt. Die Strasse nach Bregenz steht in der Nähe der Bregenzer-Klause gleichfalls unter Wasser.
der Bericht in e-newspaperarchives
Neue Zürcher Zeitung, Nummer 164, 16. Juni 1910 Ausgabe 04
Der Brückenbruch von Landquart. Malans, 15. Juni. v. V. Seit Montag abend regnete es hier ohne Unterbruch. Am Dienstag nach dem Vesperläuten senkten sich die Wolken, dick und grau, fast bis auf die Häusergiebel herab und leerten sich in fingerdicken Wassersträhnen aus. In den Bergen fing es an, dumpf zu tosen und zu krachen; die von dem Regen aufgeweichten Tobelabhänge kamen ins Rutschen; ein Durcheinander von Steinen, Erde und Wasser lief oder schoss oder wälzte sich erbsensuppen- bis pflasterbreidick auf verschiedenen Wegen gegen die Dorfmarch hin. Die von den Malansern gefürchteten „Rüfenen“ waren da.
Der durch mehrmals wiederholtes Sturmgeläute aufgebotenen Feuerwehrmannschaft gelang es, die Gefahr vom Dorfe selbst abzuhalten; sie konnte aber nicht hindern, dass die Schlammbäche in die nach dem Prättigau hin gelegenen Güter einbrachen. Die höher am Berghang und den Ausbruchstellen der Rüfe am nächsten gelegenen Obstgärten wurden bis an die Baumkronen mit Schutt zugedeckt; die an diese anstossenden Wiesen und Weinberge mit faustgrossen Steinen überschüttet und die Talsohle mit feinem Schlick überschwemmt. Wo vor ein paar Tagen die Sense des Mähders blitzte, sind jetzt milchkaffeebraune Teiche, auf denen das Heu gemütlich umherschwimmt. Einen noch grösseren Schaden als die Bauern erleidet die Zwirnereifirma Zwicky, deren Maschinenhaus und Lagerräume unter Wasser stehen.
Vom Verkehr sind wir einstweilen abgeschnitten; es fährt kein Zug, es wird keine Post vertragen. Die grosse Eisenbahnbrücke der S. B. B. bei Landquart ist auf Reisen gegangen; in Stücke gerissen, treibt sie sich im Rheinbett zwischen Landquart und dem Bodensee herum. Von der Brücke der Rätischen Bahn ist der halbe Pfeiler weggerissen, die zackigen Wellen der Landquart schlagen über den eisernen Brückenkörper; der muss solid gebaut sein, wenn er auf die Dauer den Wogenprall aushält.
Das sonst so harmlose Flüsschen ist nicht mehr zu erkennen. Das ganze Flussbett ist zum Ueberlaufen voll einer schwarzgrauen, dicken Brühe, die rasenden Laufes sich zu steilen Wellenbergen emporwirft und dazwischen gurgelnde Strudel aushöhlt und schäumt und spritzt und donnert wie eine Meeresbrandung. Ueber dem Wasser hängen an den Telegraphendrähten befestigt die Telegraphenstangen; wie Hampelmänner baumeln sie hilflos hin und her, in einem fort von der Wogenwucht emporgeschleudert und von der Schwerkraft wieder zurückgestossen.
Die rechte Uferseite ist stark gefährdet. Unter einem Baumaterialienschuppen der Firma Caprez u. Cie. ist das Fundament zum Teil schon weggerissen; seine halb eingefallene Vorderseite hängt trostlos über dem Wasser und wird sich wohl demnächst empfehlen. Zwischen Maienfeld und Landquart verkehrt einstweilen eine Lokomotive mit einem einzigen Wagen. Falls die obere Brücke standhält, soll die Personenbeförderung zwischen Chur und Sargans wieder aufgenommen werden. Die Reisenden hätten dann vom Landquartufer bis zum Stationsgebäude au Fuss zu gehen.— Jetzt hat der Regen nachgelassen: Hoffentlich endgültig.
Aus dem Thurtale treffen unausgesetzt schlimme Berichte ein. Die Brücke bei Amlikon wurde zerstört, diejenige bei Kradolf im Moment weggerissen, da sich sechs Personen darauf befanden, die in den reissenden Fluten umkamen.
Rorschach, 16. Juni. h. Der Bodensee steigt immer noch. Das Wasser dringt bereits gegen die Hauptstrasse vor. Der Seepegelstand beträgt 5.49 Meter gegenüber 5.63 Meter am 18. Juni 1876 und 5,83 Meter am 3. September 1890.
Stein, a. Rh., 16. Juni. Gl. Der Rhein wächst stündlich um zwei Zentimeter; die Keller der an den Fluss angrenzenden Häuser, sowie die Strässchen sind überschwemmt. Von den drei Inseln oberhalb der Brücke ist nur noch diejenige mit der Kapelle sichtbar.
Koblenz, 15. Juni. B. Das Wasser ist bis zur Mitte des Dorfes vorgeschritten. Sämtliche Keller sind unter Wasser. Die Fähre zwischen Koblenz und Waldshut ist unterbrochen. Zwischen Koblenz und Klingnau werden die Ufer der Aare vom Wasser überspült. Mittwoch abends halb 7 Uhr fing das Wasser etwas zu sinken an.
Basel, 16. Juni. Der Rhein erreichte heute nacht 1 Uhr einen Pegelstand von 4,5 Meter. Stellenweise hat er die Uferstrasse von Kleinbasel überschwemmt. Basel, 16. Juni. Heute früh gegen 6 Uhr betrug der Pegelstand des Rheins 4 Meter 70. Das Wasser steigt noch. Die Feuerwehr arbeitet ununterbrochen an der Entleerung des Kellers im Börsengebäude. Seit 1 Uhr nachts hat der Regen aufgehört. Hüningen, 16. Juni. Heute morgen 7 Uhr wurde die Schiffsbrücke weggerissen und rheinabwärts getrieben. Der Rhein hat eine Höhe von 5 Meter 70 erreicht und wächst noch immer.
(…) Auf mehrfache Anfragen erklärt sich die Administration der „Neuen Zürcher Zeitung“ bereit, Geldspenden zugunsten der Wasserbeschädigten entgegenzunehmen. Die Spenden werden in unsern Spalten verdankt und einem sich wohl bald konstituierenden Hilfskomitee überwiesen werden.
der Bericht in e-newspaperarchives
Neue Zürcher Zeitung, Nummer 164, 16. Juni 1910 Ausgabe 05
Hochwasserstände des Zürichsees. Träge, fast bleiern liegen die Wassermassen unseres Seebeckens da; in der tobenden, wildschäumenden, gurgelnden Hochwasserflut der Umgebung bilden sie den einzig ruhigen Punkt in der Erschenungen Flucht. Langsam nur hebt sich der Seespiegel, doch stetig noch bis gestern abend; nach dem Stand am Pegel der Quaibrücke zu schliessen, stehen wir noch rund einen halben Meter vom eigentlichen Hochwasserstand entfernt. Vor wenig mehr wie Jahresfrist war genau das Gegenteil der Fall, eine Trockenzeit und ein Tiefstand des Wassers damals wie sie in Jahrhunderten kaum ein- bis zweimal sich ereignen.
Am Mittag des 10. März 1909 ergab die Ablesung des Seeniveaus am Hauptpegel bei der Quaibrücke, dass der Wasserspiegel auf 280 Zentimeter unter den Pegelpunkt gesunken war, was seit 1880 und 1854 nicht mehr der Fall gewesen war. Gestern abend war der Pegelstand nach unserer Ablesung noch 120 Zentimeter unter dem Nullpunkt; somit ist das Seeniveau um 160 Zentimeter höher wie zu der vorjährigen denkwürdigen Trockenzeit. „Les extrèmes se touchent.“ Was diese 160 Zentimeter aber an Mehrbetrag von Wasser bedeuten, wird uns durch eine einfache Berechnung klar: bei den 88 Quadratkilometer der Fläche des Seespiegels bringt die erstere Zahl einen Zuwachs von mehr als 1’500 Millionen Hektoliter Flüssigkeit; „Herr hör‘ auf mit deinen Wassern!“
Das letzte grosse Hochwasser des Zürichsees ist am 16. Juni 1876 mit 55 Zentimeter unter dem Pegelpunkt aufgezeichnet worden; das von 1824 im November brachte gar nur 52 Zentimeter. Bis der letztere extreme Stand erreicht wird, fehlen also immer noch 68 Zentimeter! Wie muss da die Not an Sihl und Limmat erst gross gewesen sein? Doch was will das heissen gegen jene „grausige“ Hochflut von Anno 1762 im Juli, die den Wasserspiegel noch um 52 Zentimeter höher, bis an den Pegelnullpunkt brachte. „Das Elend war schröcklich und des Jammers kein Ende mitten im Sommer“, so schreibt die Wetter-Chronik von 1763.
Noch weit verderblicher wie heuer war damals in dem „flüssigen“ 1762 er Juli unseligen Angedenkens, in den Tagen vom 4. bis 11. Juli, das furchtbare Anschwellen aller Gebirgsbäche, infolge eines tagelang anhaltenden warmen Regens nach heisser Zeit. In Chur wurden sieben Häuser, das Zollhaus und alle Brücken weggerissen, in Grüsch zweiundzwanzig Häuser, in Ragaz zweiundvierzig Häuser und Scheunen. Das ganze Rheintal stand „von einem Gebirge bis zum andern“ unter Wasser, und dieses hinterliess eine gegen sechs Schuh hohe Schlammdecke. In Glarus wurde der Schaden an Bauten, StraBen, Gärten und Feldern usw. auf mehr als zwei Tonnen Goldes geschätzt, in Netstal allein wurden mehr als zwanzig Firsten zerstört.
„Bei 800 Jahren her weiss man von keinem so grossen Wasser als den 11. Juli 1762“, schrieb damals der verdiente Appenzeller Chronist Pfr. G. Walser als Augenzeuge der Katastrophe. Und trotzdem gab es in diesem Jahr der Wassernot in Zürich, in. dem Rheintal und in der Bündner Herrschaft noch einen „sehr guten“, ja „extra guten“ Wein!
Schaffhausen, 16. Juni. Der Rhein ist in den letzten 24 Stunden beim Pegel an der Schifflände Schaffhausen um 36 Zentimeter gewachsen. Der Pegelstand beträgt jetzt 8,96 Meter. Der Dampfschiffverkehr auf dem Rhein ist eingestellt.
Romanshorn, 16. Juni. (Korr.) Da auch die bayrische Bahnstrecke bei Immenstadt unterbrochen ist, verkehren die gestern avisierten Extraschiffkurse Rorschach-Lindau-Rorschach für die Nachtzüge 79/60 Zürich-München-Zürich nicht.
Basel, 16. Juni. Die gemeldete Demolierung der Schiffbrücke bei Hüningen besteht darin, dass der erste Eisbrecher auf elsässischer Seite und drei Pontons samt dem darauf befindlichen Wärterhäuschen fortgeschwemmt wurden. Die Brücke ist selbstverständlich gesperrt.. Aus Neuenburg ist zu berichten, dass die dortige Schiffbrücke vollständig demoliert ist. Menschenleben sind, wie amtlich versichert wird, nicht zu beklagen. Ein Dampfer, der sich auf der Reise nach Basel befand, wurde durch die Trümmer der Brücke zur Umkehr gezwungen.
Wetterberichte. Brig, 16. Juni. Das ganze Wallis nebst Simplongebiet und der oberitalienischen Seenzone hat von den übermächtigen, sintflutartigen Regengüssen der jüngsten Tage auf nordalpiner Seite nichts verspürt. Das Mittelwallis notierte im ganzen nur Dienstags einige leichte Regenschauer; die südlichen Täler bis zum Monte Rosa waren sogar völlig regenlos. Heute herrscht über dem Simplon gegen die Seen herrliches warmes Wetter und völlig heiterer Himmel; das Thermometer zeigt im Schatten 26 Grad Celsius.
der Bericht in e-newspaperarchives
Neue Zürcher Zeitung, Nummer 164, 16. Juni 1910 Ausgabe 06
Die Wassernot in Wallenstadt (e Kore. vom 15. Juni.) In jäher Weise ist Walenstadt von einer Wasserkatastrophe heimgesucht worden. Am Dienstag vormittag setzte ein ziemlich ergiebiger Regen ein, der im Laufe des Tages und der Nacht vom Dienstag auf den Mittwoch einen wolkenbruchartigen Charakter annahm und die Befürchtung, es möchte eine Hochwasserkatastrophe eintreten, erweckte. Leider sollte die Befürchtung zur Wahrheit werden. Vom unaufhörlichen Regen die meteorologische Messstation verzeigte eine Regenmenge von 107 Millimeter, gegen 70—80 Millimeter bei stärksten Niederschlägen schwollen alle Bergbäche in gefahrdrohender Weise an.
So auch der sogenannte Kirchenbach. Dieses sonst harmlose und im Sommer meistens wasserleere Bergbächlein brachte eine gewaltige Wassermasse aus dem südlichen Abhang der Churfirsten. Unmittelbar oberhalb des Städtchens vereinigt er sich mit dem ebenfalls von den Churfirsten herunterstürzenden Ackerbach, und diese zwei zu einem verheerenden Bergstrom angewachsenen Bäche drohten Wallenstadt, das seit mehr als 380 Jahren von Wasserkatastrophen war verschont geblieben, zu überschwemmen.
Rechtzeitig waren Leute auf die rasend dahereilenden Fluten dieser Bäche aufmerksam geworden; sie schritten zum sofortigen Abbruch der Staatsstrassenbrücke bei der „Krone“. Bereits hatten die schmutzig-gelben Wassermassen den Weg mitten durch das Städtchen hinunter gefunden, den jäh aufgeweckten Bewohnern eine üble Ueberraschung bereitend. Der Regen fiel in Strömen, die Wasser schwollen an, drohten an mehreren Punkten die Ufer zu überschreiten.
Um halb 5 Uhr ertönte die schaurige Stimme des Feuerhorns und rief die Feuerwehr zur Rettungsarbeit an die bedrohten Stellen. Mit aller Anstrengung und selbstloser Aufopferung arbeiten die Leute, um eine Katastrophe zu verhüten. Es galt vor allem, den in zügelloser Kraft daherstürmenden Bergbach nicht über die Ufer treten zu lassen.Mit Stangen und Kärsten wurden die wilden Bergwasser zur Fortschaffung der Stein- und Schuttmassen in Bewegung erhalten.
In der sogen. Burg, auf der Ostseite des Stättchens, hat der Bach seinen Ausleerplatz. Dorthin ergiesst sich ein schmutzig-gelber Strom und überschwemmt zugleich mit der zwischen Wallenstadt und Flums über die Ufer getretenen Seez die hübschen Gärten, die wohlgepflegten Felder und Wiesen des Burg- und Tremmlenquartiers. So weit das Auge reichte, bildete die schöne, fruchtbare Ebene einen weiten See. Die hier wohnenden Landwirte mussten ihre Viehhabe schleunigst in Sicherheit bringen. Von Augenblick zu Augenblick stieg das Wasser.
Unterdessen war eine Abteilung der hier diensttuenden 4. Kompagnie des Zürcher Bataillons 64 eingetroffen und unterstützte die unablässig arbeitenden Mannschaften in hingebender Weise. Hart ringen die Männer mit den entfesselten Wassern, besorgt blicken die geängstigten Bewohner auf den Ausgang des Kampfes. Noch immer fällt starker Regen. Der mitten durch die Ortschaft fliessende kleine Entsumpfungskanal wälzt trübe Fluten daher; sie ergiessen sich über den benachbarten Exerzierplatz.
Etwas nach 7 Uhr bricht sich der Kirchenbach durch den Garten des Herrn Hefti Bahn und ergiesst sich in breitem Strome in das Waisenhausquartier, es in kurzer Zeit unter Wasser setzend. Mit verzweifelter Anstrengung gelang es den Mannschaften, die Einbruchstelle zu verstopfen und die mit grosser Kraft eindringenden Wasser zurückzudrängen.
Aber immer noch steigen die Fluten, die ganze Umgebung der Ortschaft in einen See verwandelnd. Die Seez hatte ihre Ufer ebenfalls übertreten und überschwemmte das Talgelände. Eine hölzerne Brücke im Paschgen, den militärischen Uebungen dienend, hatte dem Anprall der wild daherstürmenden Fluten nicht mehr widerstehen können; sie wurde dem rasch anschwellenden See zugeführt.
Unterdessen waren schlimme Nachrichten aus dem am See gelegenen Zementgeschäft Lochezen eingetroffen.Dort war der sonst harmlose Sitzbach infolge des heftigen Regens zu einem Wildstrom angewachsen; er verliess sein Bett und nahm seinen Weg mitten durch das Haus des Verwalters, Küche, Bureau und Maschinenhaus mit Schuttmassen füllend.
Stromweise ergoss sich das Wasser auf der Seeseite aus den Kreuzstöcken des Häuschens, dessen jählings aufgeschreckte Insassen sich durch die Fenster retten mussten. Mit übermenschlicher Anstrengung gelang es einer Anzahl Männer und einer Abteilung der schon erwähnten Kompagnie, dem verheerenden Wasser einen neuen, unschädlichen Weg zu weisen. Man ist hier eines Lobes über die gewaltige Arbeit der Zürcher Soldaten. Auch der Helgenbach, der Schmidtbach und der sogen. Güfeler gebärdeten sich wild. Merkwürdigerweise verhielt sich der Schattenbach, die gefährlichste Rüfe von Wallenstadt, ruhig.
Vormittags 10. Uhr hatte das Hochwasser seinen Höhepunkt erreicht. Mehr als zwei Drittteile des Städtchens sind von demselben in Mitleidenschaft gezogen worden. Die ganze Umgebung glich einem weiten See, auf dessen schmutzig-gelben Fluten Schiffchen dahin zogen; ein grosser Teil der Häuser stand im Wasser; es schien, als wären die Zeiten vor der Linthkorrektion zurückgekehrt.
Gegen Mittag liess der Regen nach und damit schwand auch jede weitere Gefahr. Die Ueberschwemmung hat an Kulturen aller Art grossen Schaden angerichtet. Die ältesten Leute können sich nicht erinnern, je eine derartige Katastrophe erlebt zu haben. Der 15. Juni wird allen Wallenstadtern in lebhafter Erinnerung bleiben.
Ausbruch der Thur Andelfingen, 16. Juni. A. Die Thur hat letzte Nacht ihren höchsten Stand erreicht. Am Pegel las man 9 Meter 36 Zm. Bis Donnerstag morgen 8 Uhr sank der Fluss auf 8 Meter; er fällt fortwähend. Seit 1876 hat man keine derartige Ueberschwemmung erlebt. Unterhalb der Thurbrücke bildete das Wasser einen See von 400 Meter Breite. In Klein-Andelfingen wurde die Feuerwehr aufgeboten, um die bedrohten Häuser zu schützen; diese standen zeitweise über einen Meter tief im Wasser. Heute morgen zeigt sich ein Bild der Verwüstung. Die Keller sind noch mit schlammigem Wasser gefüllt; Gärten und Wiesen mit Schutt überdeckt; Strassen weggeschwemmt. Die Gefahr ist vorüber; aber der Schaden ist bedeutend. In Alten musste die Brücke bewacht werden. Das Wasser überschwemmte den Brückenzugang auf weite Strecken. Die Strasse zwischen Andelfingen und Flaach wurde bei dem „Eggrank“ bis auf einen Meter Breite vom Wasser weggespült.
Frauenfeld, 15. Juni. O Heute nachmittag hat die Thur bei der Warther-Brücke ihre Ufer übertreten und Wies- und Ackerland weithin überschwemmt. Der Damm der Weininger Strasse liegt unter Wasser und ist an einer Stelle auf der Frauenfelder Seite von den Fluten durchbrochen worden. Der Verkehr zwischen Frauenfeld und Warth-Weiningen ist verunmöglicht.
Ein Artilleriemunitionsmagagin auf dem Artillerieschiessplatz, der zum grossen Teil in einen See verwandelt wurde, steht tief im Wasser. Ein Teil der Mannschaften der drei gegenwärtig diensttuenden Artillerierekruten-Batterien war mit der sehr schwierigen Arbeit der Rettung der Munition aus dem gefährdeten Magazin beschäftigt. Ein Teil der Mannschaft watete und schwamm, von ihren Offizieren zu Pferd begleitet, nach dem etwa 200 Meter weit vom sichern Land entfernten Magazin hinüber und rettete die Munition (Granaten) in die höheren, vom Wasser noch nicht berührten Teile des Gebäudes. Nachher wurde ein Floss gebaut und mit dessen Hilfe der Verkehr mit dem Land aufrechterhalten. Donnerstags soll die Munition ans Land gebracht und in die bereitgehaltenen Caissons verladen werden. Das Wasser stieg noch beständig, bis es gegen den späten Abend sich gleich zu bleiben begann. Der Wasserstand der Murg hingegen hat im Laufe des Nachmittags beträchtlich abgenommen.
Weinfelden. 16. Juni. ln Unterau-Kradolf stürzte beim gestrigen Hochwasser die Mauer des Stauwehres der Kammgarnspinnerei Bürglen ein, worauf eine Anzahl Personen sich befanden. Mehrere Personen wurden mitgerissen, wobei drei Männer, eine Frau, deren Tochter und ein Hortkind in den Fluten erkranken. Von den Leichen ist noch keine geborgen. Bei Surain-Rothenhausen ertrank ein deutscher Zimmermann. Die Holzbrücke über die Thur bei Amlikon ist, wie bereits gemeldet, fortgerissen worden. Ein Teil der eisernen Brücke bei Eschikofen ist eingestürzt.
Bischofszell, 15. Juni. Sitter und Thur sind über die Ufer getreten. Das Sitterfeld zwischen Bischofszell und Sitterdorf ist in einen See verwandelt worden, aus dem nur noch die Baumkronen herausschauen. Schon kurz nach Mitternacht wurde die Feuerwehr alarmiert, die ihr möglichstes leistet. Der Postwagenverkehr nach Utzwil ist unterbrochen, ebenso derjenige nach Wil. Zwischen Nieder- und Oberbüren hat sich ein See gebildet, der bis zum Wald reicht und jeden Verkehr unmöglich macht. Im sogenannten Thurfeld zwischen Bischofszell und Niederhelfenschwil hat die Thur die weite Biegung, die sie dort macht, abgeschnitten; ein Teil ihres Wassers flutet über die Strasse, alles mit sich reissend. Der Bahnverkehr konnte bis jetzt aufrechterhalten werden.
Beide Flüsse führen eine Unmasse Geschiebe, Holzstücke, entwurzelte Bäume mit sich. Mehreren Gebäulichkeiten droht Einsturzgefahr. Es ist betrübend, zu sehen, wie die Wiesen von den schmutziggelben Fluten versandet und die vielversprechenden Saaten zerstört werden. Den Schaden kann man jetzt nicht einmal annähernd bestimmen. Beide Flüsse wachsen immer noch.
St. Gallen, 16. Juni. In der Au bei Schönenberg-Kradolf wurden gestern abend um 5 Uhr eine Frau Bächinger mit zwei Kindern sowie ein älterer Manu von der Thur fortgerissen. Alle sind ertrunken. Es standen zirka acht Personen am Ufer der Thur, als plötzlich das Terrain von den Fluten fortgerissen wurde. Vier Personen konnten sich noch retten, während die andern vier ertrunken sind.
Aus dem Glarnerland. Glarus, 16. Juni. Ueber Nacht ist die Linth wieder beträchtlich gesunken. Das Gerücht vom Tode eines Knaben in Näfels und zweier Feuerwehrleute in Schwanden hat sich glücklicherweise nicht erwahrt, dagegen ertrank in Linthal ein Arbeiter der Firma Kunz. In Ennenda wurde letzte Nacht der Holzhändler Oertli von den Schuttmassen einer niegehenden Runse erdrückt.
Neben der Rüfiruns in Hätzingen hat am schlimmsten der Brummbach in Linthal gehaust. Das Kunzsche Etablissement litt gewaltigen Schaden. Die Wiederherstellung der Bahnlinie nach Linthal dürfte mehrere Wochen in Anspruch nehmen. Der Personenverkehr wird vorläufig von den Schweizerischen Bundesbahnen durch Fuhrwerke aufrecht erhalten, ebenso der Postverkehr. Die Sernftalstrasse ist ebenfalls für zwei Wochen für den Bahn- und Fuhrwerkverkehr unterbrochen.
Aus Graubünden.
Chur, 16. Juni. Das Hochwasser scheint sich in Graubünden auf Davos, Schanfigg und Prättigau beschränkt zu haben. Im Schanfigg konnte trotz einem Strassenrutsche hinter Maladers und der fortgerissenen Brücke über den Sapünerbach bei Langwies der Postverkehr aufrecht erhalten werden.
In der Landschaft Davos wüteten mehrere der rechtsseitigen Zuflüsse des Landwassers, besonders der Suzibach, eine zeitlang die Station Frauenkirch gefährdend, sodann der Guggerbach und der Dorfbach. Der Bahnverkehr nach Filisur erfolgt ungehindert. Die Linie nach Klosters hingegen ist unterbrochen. Hier hat der Mönchalpbach sein Bett in die Strasse durch Klosters verlegt und hat schreckliche Verheerungen angerichtet.
Fast alle Eisenbahnbrücken im Prättigau wurden weggerissen. Die Stationen Furna und Felsenbach samt den Geleiseanlagen sind zerstört. In Dalvazza bei Küblis sind mehrere Gebäude eingestürzt. Am Felsenbach entlang ist ebenfalls die Strasse zerstört worden und kommt man nur dem rechtseitigen Felshang entlang vorbei.
In Landquart hat die Landquart, wie bereits gemeldet, die Brücke der Schweizerischen Bundesbahnen zerstört; die der Rätischen Bahn hängt nur noch und kann nicht befahren werden; die Strassenbrücke konnte gerettet werden. In Chur hat die Plessur unterhalb und oberhalb der Stadt bedeutenden Schaden angerichtet. In der Nähe der Irrenanstalt ist eine Rüfe niedergegangen. Hier und in Landquart kam die Mannschaft der Rekrutenschule der Feuerwehr zu Hilfe. Nach Klosters sind die Feuerwehrmannschaften von Samaden und St. Moritz aufgeboten worden.
Chur, 16. Juni. Ueber die Ausdehnung der Ueberschwemmungen im Prättigau hat man noch keine bestimmte Kunde, weil alle Verbindungen vielfach unterbrochen sind. Nach dem berechnet, was die Landquart ausserhalb der Klus geleistet hat, müssen die Verheerungen auch oberhalb furchtbar sein. Die Klus war gestern ganz gesperrt, da die Landquart die ganze Sohle samt Strasse und Bahngeleise hoch überflutet. Nach Serneus hat die Regierung gestern abend spät noch Feuerwehren aus andern Gemeinden gesandt. Bei Mollinis (Schanfigg) hat die Plessur eine eiserne Brücke weggerissen. Das Dorf wurde lange Zeit vom Belfsbach durchflutet. Mehrere Häuser sind eingestürzt.
Rorschach, 16. Juni. Der Bodensee ist wieder gestiegen und überschwemmt die Umgebung des Bahnhofes und des Bahnhof-Hafens. Die Schiffe werden über Stege ausgeladen. Neben den Eisenbahngeleisen fährt man mit Booten.
St. Gallen, 16. Juni. Der Eisenbahnverkehr auf den Strecken Bregenz – St. Margrethen, Bregenz-Lindau und Lindau-München ist wieder aufgenommen worden.
Appenzell, 16. Juni. Die Leiche des gestern bei den Rettungsarbeiten in Schwendi verunglückten Beat Inauen ist in der Schwanteren, etwa eine Stunde unterhalb Appenzell, in der Sitter aufgefunden worden.
der Bericht in e-newspaperarchives
> Medienberichte am 18. Juni
Briger Anzeiger, 18. Juni 1910
Hochwasser-Katastrophe. Eine furchtbare Hochflut hat in einem Teil von Europa unermesslichen Schaden angerichtet. Nachdem infolge von bereits zehntägigen Gewittern in Deutschland, namentlich an der Eifel, die Gegend verwüstet wurde, brach das Unwetter auch in die Zentral- und Ostschweiz ein. Dle Ausgaben der Blätter vom 15. Juni sind überfüllt mit Hiobsbotschaften aus den verschiedensten Teilen der Schweiz.
Bis jetzt ist es unmöglich ein wahres Bild von der Wetterkatastrophe zu entwerfen. Das Wasser ergoss sich mit solcher Wucht und Schnelligkeit von den Bergen hernieder, dass die Bewohner auch bei der grössten Eile kaum Zeit hatten, das nackte Leben zu retten. Häuser stürzten zusammen, Vieh und alle bewegliche Habe verschwanden in dem tobenden Element.
Die Zahl der Verunglückten ist noch unbekannt. In Altdorf wurde in der Schreckensnacht vom Dienstag auf Mittwoch durch eine Rüfe das Haus des Briefträgers Ziegler verschüttet. Die sofort alarmierte Feuerwehr hatte mit den grössten Schwierigkeiten zu kämpfen, da Dunkelheit herrschte und vorerst der Wildbach abgeleitet werden musste. Im Hause befanden sich zurzeit des Unglücks Frau Ziegler geb. Mattli und ihre 13 Kinder. Vater Ziegler schlief im Postgebäude, wo er zufällig Nachtdienst hatte. Das Haus ist umgestürzt; das Dach ragt aus dem Schutt. Man hörte die Hilferufe der Frau und eines Kindes. Gegen 5 Uhr morgen wurde das erste Kind lebend ausgegraben, eine Stunde später das zweite, bald darauf ein drittes. Gerettet sind ein Knabe und zwei Mädchen, wovon das eine schwer verletzt ins Spital verbracht wurde. Zur Frau Ziegler zu gelangen war unmöglich, und dle Hilferufe verstummten. Ausser ihr sind 10 Kinder von 2—16 Jahren tot, 4 Mädchen und 6 Knaben, darunter ein hoffnungsvoller Zögling des Kollegiums. Einige Leichen sind geborgen. Die Arbeiten, an denen auch der unglückliche Vater Ziegler teilnimmt, müssen mit Sprengmaterial fortgesetzt werden.
Eines der zwei geretteten Mädchen, 14 Jahre alt, ist seither gestorben. Es konnte noch den Hergang erzählen: Nach Mitternacht sei die erste Gefahr gekommen. Die Mutter habe die Kinder geweckt und angekleidet, um zu fliehen. Im Glauben, die Gefahr sei wieder vorüber, entschloss sie sich dann, zu bleiben. Hierauf sei ein fürchterliches Getöse losgebrochen. Die Mutter habe die Kinder rasch versammelt, und betend seien alle zugedeckt worden. Die Mutter sei zuerst gestorben. Die ältern Mädchen waren es, die um Hilfe riefen. Die Bergung der Leichen geht langsam vor sich. Sie sind übel zugerichtet. Man sieht die Mutter im Gebälke aufrecht stehend, ihr Jüngstes im Arm. Alle zwölf Leichen sind nun geborgen und im Fremdenspital aufgebahrt.
Glarus, 15. ds. Auch das Glarnerland ist von einer schweren Hochwasserkatastrophe heimgesucht worden. Die Linth und der Sernf sind über die Ufer getreten und haben weite Landstriche überschwemmt. Auch die Runsen und Bergbäche haben schweren Schaden angerichtet. Verschiedene Etablissemente stehen im Wasser. Der Eisenbahndamm ist hinter Luchsingen weggespült. Die Strasse ins Sernftal ist unpassierbar. In Näfels hat der Rautibach seinen Weg durch die Ortschaft genommen. Im Laufe der Nacht wurde in den meisten Gemeinden die Feuerwehr zur Hilfeleistung aufgeboten. Die Rüfi-Runse bei Hätzingen ist neuerdings ausgebrochen. Bis zur Stunde sind drei Brücken und Stege über die Linth weggerissen worden.
In Wesen ist der See über die Ufer getreten. Der untere Teil der Flybachverbauungen ist zerstört.
Rorschach, 15. d. Der Bodensee hat den höchsten Stand seit Menschengedenken erreicht. Er ist teilweise über die Ufer getreten. In den Häusern am See sind die Keller unter Wasser. An den Flussmündungen wird Treibholz in Menge aufgefischt. Die elektrische Kraftversorgung ist unterbrochen.
Chur, 15. d. In Landquart ist auch die Brücke der Rätischen Bahn stark gefährdet. Hochwasserberichte kommen von allen Seiten. Die Strassenbrücke bei Landquart ist ebenfalls weggerissen.
Basel. 15. d. Der Rhein steigt in bedrohlicher Weise. Er hat bei Hüningen die Höhe von 3 Meter 70 erreicht und überflutet das Vorland auf weite Strecken. In den Ufergemeinden der badischen und elsässischen Seite ist die Feuerwehr auf Pikett gestellt. Die Rheinnebenflüsse Birs, Wiese, Kander sind über die Ufer getreten. Die Fährebetrieb ist auf dem ganzen Rhein eingestellt.
St. Gallen, 15. d. Die Thur bildet zwischen Lichtensteig und Wattwil einen See. Die Hausbewohner mussten vielerorts auf Flössen gerettet werden.
Maienfeld, 15. ds. Hier läuteten die Glocken heute nachmittag wieder Sturm. Die Rüfen verwüsteten Weinberge und Wiesen. Der Schaden ist enorm. Die Katastrophe ist so gross wie diejenige von 1868.
Appenzell, 15. Juni. Von der Katastrophe sind hauptsächlich Schwende und Weissbad betroffen. In Schwende ertrank der 40-jährige Beat Inauer bei der Rettungsarbeit. Beim st. gallischen Elektrizitätswerk ertrank ein Feuerwehrmann.
Montlingen, 16. Juni, morgens 8 Uhr. Die Gefahr ist, wird der „Ostschweiz“ telegraphiert, nach furchtbar schweren Stunden glücklich beseitigt. Der Rhein ist zirka 1 Meter gefallen. Es war aber auch die höchste Zeit. Wenn das Wasser nur noch 10 Zentimeter gestiegen wäre, so wäre ein Ausbruch unvermeidlich gewesen. Dann hätte fast das ganze Rheintal unter Wasser gestanden und dle alten Schreckenstage hätten sich wiederholt. Man atmet erleichtert auf und dankt Gott für die Hilfe in höchster Not.
Bischofszell, 16. Juni. In der Au bei Schönenberg-Kradolf wurde gestern abend um 5 Uhr eine Frau Bächinger mit zwei Kindern, sowie ein älterer Mann von der Thur fortgerissen. Alle sind ertrunken. Es standen zirka acht Personen am Ufer der Thur, als plötzlich das Terrain von den Fluten fortgerissen wurde. Vier Personen konnten sich noch retten, während die andern vier ertrunken sind.
Glarus, 16. Juni. Das Hochwasser hat zwei weitere Menschenleben gefordert. Der Fabrikarbeiter Brändlin in Linttal und der Landwirt Oertli in Ennenda sind ertrunken.
der Bericht in e-newspaperarchives
> Medienberichte am 13. Juli
Neue Zürcher Zeitung, Nummer 191, 13. Juli 1910 Ausgabe 04
Hochwasser und Wasserschäden. Stein a. Rh.,12. Juli. (Korr.) Langsam, aber täglich doch immerhin einige Zentimeter, vermindert sich die Höhe des Rheines. Aber sollte der Bodensee wieder steigen, so würde auch er die frühere Höhe bald wieder erreichen. Immer dringender werden deshalb die Stimmen nach einer Regulierung des Abflusses oberhalb und unterhalb Steins. Dass die Ausbaggerungen bei Eschenz dem Abfluss bedeutend nachgeholfen haben, ist nicht zu leugnen; denn auch bei der gegenwärtigen Wasserhöhe strömt der Rhein viel ruhiger dahin als früher. Allein der Eschenzerbach füllt den Rhein langsam wieder auf und macht die Verbesserung illusorisch. Aehnlich wirkt der Schimenerbach, der unterhalb Hemmishofen in den Rhein mündet und feinen Namen von der badischen Ortschaft Schimen erhalten; welche auf dem Höhenzug zwischen dem Rhein und dem Radolfzellersee liegt.
Dieser Bach bringt enorme Mengen von Geschiebe. Diese Ablagerungen, die den Rhein an das thurgauische Ufer drängen, und dort bedeutende Rutschungen verursachen, hätten schon längst ausgebaggert werden sollen. Schaffhausen wird sich, davon sind wir überzeugt, gerechten Forderungen gegenüber nicht verschliessen; unmöglich aber kann es zu weit gehende Wünsche erfüllen, wie sie kürzlich von einem Schriftsteller geäussert wurden.
Dr. Ludwig Finkli von Gaienhofen verlangt von den Uferstaaten eine gleichmässige Tieferlegung des Rheinbettes von Stein nach Schaffhausen; von Schaffhausen selbst aber fordert er eventuell eine teilweise Sprengung der Felsen des Rheinfalls. Von den Kantonen Zürich und Schaffhausen wird bei Erstellung elektrischer Werke immer zuerst die Frage aufgeworfen, ob der Schönheit des Rheinfalls kein Eintrag entstehe. Was würden sie wohl zu diesem Projekte sagen?
Steckborn, 12. Juli. Trotz der ungünstigen Witterung ist der See in langsamem, aber ständigem Fallen begriffen, so dass Hoffnung besteht, er werde sich bald in sein gewohntes Bett zurückziehen. Auf schweizerischer und auf badischer Seite regt man sich energisch, dass Vorkehrungen getroffen werden, solchen Hochwasserständen vorzubeugen. Es ist zu hoffen, dass die Behörden diesen Wünschen. soweit möglich nachkommen werden.
der Bericht in e-newspaperarchives
> Medienberichte am 3. September
Bündner Nachrichten, 3. September 1890
St. Gallen. Entsetzlich hat die vorarlbergisch Gegend zu leiden, wo die drei Rheineinbrüche erfolgt sind, so namentlich bei Altacht. Neun Menschen haben bei der Katastrophe das Leben eingebüsst.
Es fand zu all dem Elend sich auch die Feuersbrunst ein. In Lustenau brannte eine Fabrik ab; von der Ueberschwemmung eingeschlossen, konnte Niemand an das brennende Gebäude gelangen und so wurde es von den Flammen verzehrt bis auf die Wasserlinie herunter. Die Leute sprangen ins Wasser, um nicht zu verbrennen.
Wäre der Einbruch auf der St. Galler Seite erfolgt, wäre noch grösseres Unglück zu befürchten gewesen. Ueberall ruft man nach sofortiger Vereinbarung betreffend den Rheindurchstich und Durchführung desselben. Entweder muss dies geschehen, oder das sonst so fruchtbare, gesegnete Rheinthal verarmt gänzlich.
Mit den vielen Konferenzen, sagt man, welche die Sache nur auf die lange Bank ziehen, ist den Rheingemeinden nicht geholfen, diese möchten nun einmal Thaten sehen; nur diese schützen die ohnehin genug geschädigten Bewohner vor noch viel grösserem, namenlosen Schaden.
Thurgau. Der Bodensee ist sehr stark gestiegen und verursachte grosse Unzukömmlichkeiten und Schaden längs den tiefern Uferstellen, so in Berlingen, Steckborn, Ermatingen, ec. Die Thur ging hoch und richtete grossen Schaden an.
Graubünden. Witterung und Hochwasser. Die Hiobsposten hören nicht auf. In Reams schlug der Blitz vor acht Tagen in den Kirchthurm ein und warf die Hälfte der Spitze herunter. Von da weg fuhr er, wie dem „B. Tagblatt“ berichtet wird, durch die Thurmuhr in die Kirche, woselbst beinahe sämmtliche Fenster, drei Bänke, einige Orgelpfeifen und ein Schrank vom Blitz zerstört wurden. Dann drang er durch die Kirchenmauer zum Friedhof, dort ein hölzernes Grabdenkmal zerstörend.
In Fläsch ist ein bedeutender Erdrutsch bis gegen das Dorf vorgedrungen. Durch Ableitung des hinterher kommenden Wassers gelang es, die Erdmasse zum Stehen zu bringen. Vom Schyn heisst es, dass er schon gestern passierbar war, hingegen steht es um die Schanfiggerstrasse schlimmer, als wir gestern berichteten. An verschiedenen Orten ist der ganze Strassenkörper in die Tiefe gerutscht. Der Postverkehr zwischen Castiel und Arosa ist wieder eröffnet, hingegen noch nicht auf der Strecke Chur – Castiel. Doch werden auch hier die Hindernisse und Hemmnisse in der nächsten Zeit beseitigt sein. Die Malanser und Igiser Wuhren längs der Landquart seien ruinirt.
Ein Abonnent berichtet uns aus Waltensburg u. A.: Die Strasse zwischen Tavanasa und Ruis ist auf Gebiet der letzten Gemeinde und von Waltensburg stark beschädigt. Erdrutschungen haben sie total unpassirbar gemacht. Sogar Fussgänger mussten den Fussweg von Ruis über Waltensburg einschlagen, um nach dem obern Oberland zu gelangen. Die Strasse nach Brigels ist an vielen Stellen bis Waltensburg gänzlich zerstört oder meterhoch mit Schlamm, Schutt und Bäumen bedeckt, so dass bis zu deren Herstellung keine Fuhrwerke Hieher gelangen können.
Erdrutschungen haben zwei hart am Rhein stehende Ställe sammt dem ganzen Heuvorrath fortgerissen und in den Rhein geworfen, so dass man gar keine Spur von denselben mehr findet. Ein dritter Stall ob der Landstrasse nach Waltensburg fand das gleiche Schicksal, während ein vierter stark beschädigt wurde. Unser Dorfbach schwoll so stark an, dass zwei Mühlen nebenan geräumt werden mussten. Die Lage unserer Bevölkerung ist eine trostlose. Denn Getreide, Emd und Kartoffeln liegen unter dem Schnee.
Berichten aus dem Domleschg zufolge hat eine unmittelbar unter Trans ausgebrochene Rüfe zuerst das Dorf Tomils, welches sie der Länge nach durchfloss, bedroht. Dann nahm sie den Weg durch die schönsten Güter nach der Mühle bei Ortenstein, auf dem Wege dahin die Ackererde wegspülend und Kies und Schutt zurücklassend. Die Alp Schall liegt unter Schnee; das Vieh kann aber wegen Erdschlipfen nicht heimbefördert werden; es leidet entsetzlich.
Aus Malans wird uns geschrieben: Heute Morgen, den 2., ca. 5 Uhr lösten sich zwischen Malans und Felsenbach hoch oben ein paar gewaltige Felsstücke los und donnerten zu Thal. Ein Riesenblock zertrümmerte das Bahngeleise, ein anderer flog in weitem Bogen über den Bahndamm hinweg ins Feld. Infolge des Unfalls konnte der erste Zug Lanquart-Davos nicht passiren und die um 4 Uhr 20 in Chur abfahrenden Passagiere hatten das zweifelhafte Vergnügen, in Landquart stundenlang sitzen zu bleiben.
Aus dem Prätigau erfährt man noch, dass der Schaniela- oder St. Antönierbach einen grossen Theil der wiederhergestellten Strasse neuerdings weggerissen hat. Im „Rätier“ heisst es, dass nicht nur das Wetter, sondern auch die Arbeit darnach gewesen sei. Schrecklich hauste das Wasser in Puz, worüber uns vom Luzeinerberge folgende Korrespondenz zugegangen ist:
Am Freitag Abend halb 7 Uhr ging in Puz eine Rüfe gleich einer Steinlawine zirka 2000 Meter ob den Häusern mit furchtbarem Krachen und Getöse nieder. Einige Häuser stehen 2 bis 2 ½ Meter im Schutt und wurden zum Teil auch etwas beschädigt. Die Leute konnten nur mit knapper Noth fliehen. Auch an anderen Stellen in der Umgebung des Dörfchens richtete das Wasser durch Erdrutschungen ziemlichen Schaden an. Seit Samstag war die Mannschaft von Puz mit weniger Hülfe von Luzein mit der Wegräumung des entsetzlichen Schuttes und der wallartigen Geschiebe Massen beschäftigt, so dass die Leute jetzt wenigstens in ihre Häuser gelangen können.
Aus dem Bergell wird dem „ Bund“ geschrieben: Ein Hagelsturm entlud sich in der Nacht von Sonntag auf Montag mit furchtbarer Gewalt auf dem Bergell. Es fielen Schlosse von noch nie gesehener Grösse. Sowohl die Gartenpflanzen als auch die noch ausstehende Emd haben starken Schaden genommen. Den Kastanien als Frucht schadete der Sturm wenig, dagegen wurden Bäume entwurzelt und viele Äste abgeschlagen. In den Alpen ist das Gras vollständig vernichtet, man muss die Weiden entladen. Den Weinbergen in der Nähe von Chiavenna scheint das Hagelwetter wenig geschadet zu haben. Viele Scheiben wurden eingeschlagen und Jalousien von den Häusern weggerissen.
Die Churer Korrespondenten einiger ausserkantonaler Blätter, welche Telegramme über die Hochwasser Noth in Bünden bringen, verdienen insofern den schärfsten Tadel, als sie von Unterbrechungen des Verkehrs auf sämmtlichen Alpenstrassen reden, daneben aber die Thatsachen von der seitherigen Wiederaufnahme des Verkehrs auf grossen wichtigen Pässen nicht namhaft machen. So war in Depeschen vom 1. September bloss von allgemeinen Verkehrsunterbrechungen zu lesen, während die betreffenden Korrespondenten auf der Churer Postdirektion leicht hätten erfahren können, dass schon am 31. August Julier, Albula und Viamala passirbar waren. Warum theilen sie Solches nicht mit, wenn sie mit dem vorangegangenen Schlimmen nicht zurückgehalten ? Wollen diese Leute noch den schrecklichen Schaden vergrössern, der unserem Lande durch das Unglück der letzten Tage zugefügt wurde ?
Die Neue Zürcher Zeitung hat ihren bekannten, an Tessinerhändeln herangebildeten Spezialberichterstatter ins Graubündnerland gesandt und dieser beeilt sich, alles von Stockung und Störung bekannt Gewordene als dauernd darzustellen. So schreibt er heute, dass die Strasse nach Langwies längere Zeit unterbrochen sein werde, während der Postverkehr, wie oben zu lesen ist, von Castiel bis Arosa wieder aufgenommen worden ist. Wie soll man eine solche Handlungsweise nennen ? Es ist mindestens Gewissenlosigkeit.
Sonderbar lautet ein Telegramm des „Vaterland“; dasselbe setzt einigen andern unzutreffenden Meldungen die Krone auf: „ Chur, 1. Sept. In Ilanz ist die Eisenbahnbrücke zertrümmert. Die Brücke zwischen Reichenau-Thusis ist ebenfalls fortgeschwemmt, die Viamala ist unterbrochen. Jedes Kind weiss, dass keine Bahn weiter als Chur nach dem Oberlande führt; zwischen Reichenau und Thusis ist bekanntlich gar keine Brücke bedroht gewesen. Der Verkehr wickelt sich auf dieser Strecke seit Samstag in gewohnter Weise ab.
Schuls. (Korr.) Die Fremdensaison geht zur Neige. Die grösseren Hotels beherbergen zwar noch eine ziemliche Anzahl von Fremden, allein die höchst ungünstige Witterung wird wohl bald auch diese zum Wegzuge bestimmen. Die diesjährige Saison hat den gehegten Erwartungen kaum entsprochen. Bei günstigen Witterungsverhältnissen hätte sie zweifelsohne eine selten dagewesene Frequenz aufzuweisen gehabt. Die Mittelstationen wimmelten ja von Fremden, die zum grössten Theile nach alpinen Bädern instradirt waren, allem des beständigen Regenwetters halber nicht wagten, die Weiterreise anzutreten. Der unerbittliche Regengott wollte Niemandem Gnade widerfahren lassen, stets fort hatte er die Schleusen geöffnet und stellte kaum durch zwei Tage in der Woche sein nasses Handwerk ein. Im Juli und August liess er sogar 5—6 Mal die weisse, kalte Schneedecke ihre Fühlhörner bis ins Thal herab ausstrecken.
Nicht allein dem Gast-, sondern noch mehr dem Landwirthe hat die unausgesetzte Regenperiode grosse Sorgen bereitet. Von einem regelmässigen Arbeiten konnte dies Jahr keine Rede sein. Mit zeitweiliger unverhältnissmässiger Anstrengung konnte jedoch, wenn auch etwas verspätet, sowohl das Heu, als auch der Roggen ordentlich dürr, aber doch zum Theil etwas gebleicht, unter Dach und Fach gebracht werden. Das Ergebniss der Heuernte kann punkto Qualität als gut und punkto Quantität als mittel, die Roggenernte als recht gut bezeichnet werden. Die Gerste, das Emd, die Kartoffeln rufen nach warmer, trockener Witterung, sollen sie eine befriedigende Ernte liefern.
Auch das arme Vieh in den Alpen hat von der Unbill der fortwährend nassen und kalten Witterung schwer zu leiden gehabt. Nicht weniger als 4 Mal war es über 24 Stunden und 2 Mal über 48 Stunden lang vom Schnee festgebannt, ohne jede Nahrung. Einmal musste es sogar ins Dorf herunter getrieben werden. Trotzdem sieht es schön und munter aus, was der Ueberfülle an Gras zu verdanken ist. Die diesjährigen Erfahrungen verlangen unwiderstehlich bessere, rationellere Alpeinrichtungen: Erstellung geschlossener Schärmen und Anlegung von Futtervorräthen.
Mastrils. Von hier erhalten wir nachfolgende Notiz, als Berichtigung der von einander stark abweichenden Meldungen über den Unglücksfall beim Einsturz der Tardisbrücke. Fraglicher Knabe heisst Jakob Danuser und ist Sohn des Amman J. Danuser von Mastrils. Als derselbe die Brücke passiren wollte, brach diese zusammen und verschwand mit ihm in den Fluthen. Auf schwimmenden Brückentheilen kam er, Hülfe rufend, bis zur Rheinbrücke bei Maienfeld, dort stiess das Gehölz an einen Pfeiler und schleuderte ihn weg. Er war ein braver Bursche und eine gute Stütze seiner Familie. Seine Leiche hat man noch nicht aufgefunden. Damit ist die Meldung von der Verunglückung einer Mutter mit ihrem Kinde widerlegt.
Wie der „ Oberl. Anz.“ meldet, ist das Unglück den Kurgästen in Ragaz sehr zu Herzen gegangen. Nach Bekanntwerden desselben ergriffen die HH. Bundespräsident Ruchonnet und Minister Arago die Initiative zu einer Sammlung für die geprüfte Familie. Diese Kollekte, die noch nicht abgeschlossen ist, zeigte schon vorgestern einen Betrag von über Fr. 600.
der Bericht in e-newspaperarchives
Letzte Bearbeitung: 16.12.2025, markus weidmann

