

Das Unwetter in der Chronik der Unwetterschäden in der Schweiz
Gerhard Röthlisberger schreibt in seiner „Chronik der Unwetterschäden in der Schweiz“:
Am 17. bis 19. Juli lösten intensive, über 30 Stunden anhaltende Niederschläge eine eigentliche Unwetterkatastrophe im Bündnerland und im Tessin aus. Schwerpunkte im Bündnerland waren das Puschlav, vor allem der Hauptort Poschiavo (Murgang des Varunabaches) und Brusio, ferner das Bündner Oberland von Disentis bis llanz und das Lugnez.
Quelle
Röthlisberger, Gerhard: Chronik der Unwetterschäden in der Schweiz. Berichte der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft, Nr. 330, 1991. download
Unwetter Sommer 1987
Während den Ereignissen vom 18. und 19. Juli 1987 wurden vor allem das Puschlav, die Seitentäler des Vorderrheins, das Münstertal und das Bergell betroffen. Vier Menschen kamen ums Leben. Am schwersten betroffen wurden Poschiavo und der Raum Tavanasa – Rabius. In Poschiavo brachen am späten Abend des 18. Juli aus dem Val Varuna riesige Schuttmassen hervor und stauten den Hochwasser führenden Poschiavino. Nach dem Durchbruch des Poschiavino brachten gigantische Wasser- und Schuttmassen Verwüstung und Zerstörung in den Dorfkern. Sie rissen Strassen und Plätze metertief auf, unterspülten Gebäudefundamente und brachten Fassaden zum Einsturz. Bei einem grossen Teil aller Häuser wurden die Keller überflutet und Räume im Erdgeschoss unbewohnbar.
In Tavanasa stauten die Schuttmassen einer Rüfe kurzfristig den Rhein. Als ihm der Durchbruch gelang, richtete er durch das Hochwasser massive Zerstörungen an Bahn, Strassen, Wuhren und Liegenschaften an. In Rabius brachte ein Bach grosse Geschiebemengen ins Dorf und bedrohte mehrere Liegenschaften.
Die Armee erbrachte in Poschiavo und im Raum Trun – Sumvitg Leistungen von 27’157 Manntagen. Im Zentrum des Schadenereignisses steht für Graubünden der 18. und 19. Juli 1987. Zentren der Schadenereignisse waren Poschiavo und der Raum Tavanasa – Rabius. Rüfenniedergänge und Zerstörungen an Wegen und Strassen wurden aus allen Gebieten des Kantons gemeldet.
Hochwasser und Rüfen unterbrachen im übrigen Kantonsgebiet Wege und Strassen und überschwemmten Äcker mit Schuttmassen. Betroffen waren vor allem das Münstertal, das Bergell und die Seitentäler des Vorderrheins. Gesamthaft forderten diese Unwetter in Graubünden vier Menschenleben.
Die Gesamtschäden in Graubünden beliefen sich auf mehr als 200 Millionen Franken. Die Hauptlast hatten die Gemeinden und Korporationen mit 160.1 Millionen Franken zu tragen (Puschlav: 66.2, Surselva 54, Münstertal 15, übriger Kanton 24.9 Millionen Franken).
Die regionale Verteilung der Unwetterschäden:
| Puschlav | 66.2 Millionen Franken |
| Surselva | 54 Millionen Franken |
| Münstertal | 15 Millionen Franken |
| übriger Kanton | 24.9 Millionen Franken |
| Total | 160.1 Millionen Franken |
Quelle
Kanton Graubünden: Unwetter Sommer 1987. Schlussbericht des Hilfskomitees Unwetterschäden Graubünden. Mai 1990. download
Literatur
- Bundesamt für Wasserwirtschaft: Ursachenanalyse der Hochwasser 1987. Schlussbericht. Mitteilungen des Bundesamtes für Wasserwirtschaft, Nr. 4 / Mai 1991. download
- Bundesamt für Wasserwirtschaft: Ursachenanalyse der Hochwasser 1987. Ergebnisse der Untersuchungen. Mai, 1991. download
- Bundesamt für Wasserwirtschaft: Ursachenanalyse der Hochwasser 1987. Anhang: Karten und Farbbilder. Mitteilungen des Bundesamtes für Wasserwirtschaft, Nr. 4 / Mai 1991. download
- Paravicini, Gianni: Mure e alluvioni in Val Poschiavo: analisi storiche e attuali della Val Varuna. Quaderni grigionitaliani, Band 61 (1992), Heft 1. download
- Badilatti, Marco: Wars am Ende ein Gewinn?: Die Nacht, als der Berg kam, und Poschiavo heute. Zeitschrift: Heimatschutz. Band 94 (1999), Heft 4. download
- A. Petrascheck: Die Ursachenanalyse der Hochwasser 1987. Interprävent 1992, Bern. download
- Haeberli, W.; Naef, F.: Murgänge im Hochgebirge – Ereignisse 1987 im Puschlav und Obergoms. «Die Alpen» 4/1988 download
- Capol, W., Buchmann, A.: Die Unwetter im Schanfigg und Churwaldnertal vom Juni und Juli 1987. «wasser, energie, luft», 80. Jg., 1988, Heft 1/2. S. 45ff. download
- Petrascheck, Armin: Die Hochwasser 1868 und 1987: ein Vergleich. Zeitschrift: Wasser Energie Luft, Band (Jahr): 81 (1989) Heft 1-3. download
- Schwerzl, Siegfried: Die Hochwasserkatastrophen im Alpenraum im Jahr 1987 und ihre Ursachen. Interprävent, 1988. download
Schädler, Bruno: Hochwasser im Juli 1987 in der Südostschweiz. Wasser Energie Luft = Eau énergie air = Acqua energia aria, Band 80, 1988, Heft: 3-4. download
Jürg Zeller und Gerhard Röthlisberger: Unwetterschäden in der Schweiz im Jahre 1987. Eidgenössische Anstalt für das forstliche Versuchswesen, Januar /Februar 1988, Nr. 301. download
Bewältigung
- Armeehilfe im Unwettersommer 1987. Erinnerungsschrift für die eingesetzten Angehörigen der Schweizer Armee. download
- Cajochen: Bericht über den Katastropheneinsatz vom 20.7. bis 29.10.87 in Graubünden. 1987. download
- Jäggi, M. / Abegg, J.: Cimavilla-Brücke, Poschiavo: eine unkonventionelle Lösung aufgrund der Erfahrungen aus dem Unwetter vom Juli 1987. Schweizer Ingenieur und Architekt, Band 111 (1993), Heft 16/17. download
Medien
- Capaul, G.: Auas grondas / bovas ils 18 + 19 da fenadur 1987. Presseberichte / Rapports da gasettas. 9.2.1989. Gemeindearchiv Trun. download
- Berichterstattung im “Grigione Italiano”. download
Anhang: Medienberichte zum Ereignis
Neue Zürcher Zeitung, Nummer 168, 23. Juli 1987
Aufräumarbeiten auf hohen Touren. In Poschiavo, das am vergangenen Wochenende von einer Überschwemmung heimgesucht worden ist, ist man mit grossem Einsatz mit der Aufräumung und Wiederinstandstellung beschäftigt. Die angerichteten Schäden, für die es noch keine verlässlichen Schätzungen gibt, sind enorm, hingegen darf man wohl mit Zuversicht damit rechnen, dass das Dorfbild in seiner alten Schönheit wieder erstehen wird. Bereits gibt es wieder Postkurse nach St. Moritz.
rfr. Poschiavo, 22. Juli Poschiavo gleicht gegenwärtig einem grossen Werkplatz. Eine Kompanie Soldaten, Zivilschutz, Feuerwehr, private Unternehmer, Bürger und Feriengäste – einige hundert Personen sind mit Aufräumungs- und Sicherungsarbeiten beschäftigt. Noch sind Gassen und Plätze so sehr mit Schutt angefülit, dass vor allem grosse Bagger und Lastwagen gefragt sind. Erst wo die Türöffnungen schon freigelegt sind, lohnt es sich, mit Schaufel und Schubkarren an die Reinigung und Leerung der mit Schutt gefüllten Keller und Parterreräume zu gehen. Vor den zum Teil etwas weniger betroffenen Spaniolenhäusern findet auch der ältere Herr im Anzug schon seine Aufgabe, der dem Randstein entlang mit seiner Stechschaufel Präzisionsarbeit zu leisten versucht.
Man geht mit Zuversicht an die Wiederherstellung dieses so schönen Ortes. Gemeindepräsident und Bürger wissen nach den Besuchen von eidgenössischen und kantonalen Behörden ja auch um die Solidarität und Hilfsbereitschaft dieser Instanzen. Die immer wieder durchziehenden und meist sogar vorherrschenden Wolken verfinstern allerdings nicht nur den Himmel, sondern immer auch die Gesichter. Ganz wird man die Angst nicht los, dass neue Regenfälle nochmals Schlimmes bringen könnten. Bei der oberen Brücke sieht man auch warum. Da sind laufend Bagger dabei, den knappen Durchlauf freizuhalten, denn der Poschiavino kommt immer noch hoch. Ein in Poschiavo ansässiger Ingenieur meint sogar, man sollte die Brücke einfach sprengen, um keine neuen Risiken einzugehen.
Unheilvoller Erdrutsch aus dem Val Varuna. Die Überschwemmung vom vergangenen Samstag hatte allerdings nicht etwa bei der Brücke ihre Ursache. Auch die nach der grossen Überschwemmung von 1834 erstellte Einfassung des Poschiavino hätte widerstanden. Indessen hat ein aus dem Val Varuna heruntergefahrener Erdrutsch – wenig oberhalb von Poschiavo – den Fluss aus seinem Lauf gebracht. Von dort aus nahm sich das Wasser den Weg, wo es ihn fand, und drang mit voller Wucht, Geröll und Schutt mit sich reissend, in die Gassen des Borgo, auf den Dorfplatz und von dort nach allen Seiten weiter. Der breite Schuttkegel, der sich nun quer über das Tal legt, zeugt von der Gewalt des Naturereignisses.
In diesem Abschnitt ist man nun daran, dem Fluss ein sicheres Bett zu bauen. Das ist auch die Voraussetzung für die Wiederherstellung der Kantonsstrasse, die hier auf einigen hundert Metern unterbrochen ist. Die Verbindung zwischen Poschiavo und San Carlo wird heute über eine Nebenstrasse sichergestellt. Die Befürworter des Ausbauprojektes der Brusio-Kraftwerke vermuten natürlich, dass sich die Katastrophe nicht ereignet hätte, wenn die geplanten Wasserfassungen auf der rechten Talseite schon gebaut wären.
Unterspülte Hausfundamente. Poschiavo macht nicht den Eindruck eines Ruinendorfes. Einige Fassaden sind zwar teilweise eingebrochen, so dass nun die Häuser mit mächtigen Balken und Streben gestützt werden müssen. Im übrigen beschränken sich die Zerstörungen auf die unteren Stockwerke. Vor allem dort, wo der meterhohe Schutt, der in den Gassen lag, schon weggetragen ist, sieht man wirklich, welche Gefahren den Häusern noch drohen oder welchen sie entgangen sind. Der Strassenbelag ist fast überall weggeschwemmt, das Wasser hat tiefe Gräben aufgerissen und die Fundamente zu unterspülen begonnen. Einige Mauern sind eingestürzt, bei einigen sind bedrohliche Risse entstanden, teilweise halten sie möglicherweise nur noch dank dem angeschwemmten Schutt.
Zweifellos wird man alles daran setzen, die Häuser zu erhalten oder wieder aufzubauen; denn es gibt kaum eine Fassade, die für das Ortsbild nicht wichtig wäre. Noch zeugen umgeworfene, zusammengedrückte, nur noch mit einem Teil aus dem Schutt ragende Autos von dem, was passiert ist. Aber an der Freilegung der Strassen und Plätze wird speditiv gearbeitet, so dass bereits wieder aufkommender Verkehr die Arbeiten zu verhindern beginnt. Wasser, Strom und Telefon funktionieren wieder zu einem guten Teil.
Guckt man aber durch die Fenster, so stellt man rasch fest, was da noch alles zu tun ist. Da ist der Bäcker, der seine Teigmaschine im Schutt nicht mehr findet, der Drucker, der seinen Offsetapparat fortwerfen kann; und Kellergeschosse sind in Poschiavo – das macht ja den Reiz des Städtchens aus – voll von kleinen Gewerbebetrieben und Restaurants. Diese hat es mitten in der – nicht sehr langen – Tourismus-Saison getroffen.
An Gefahren gewöhnt. Der Podesta von Poschiavo, Luigi Lanfranchi, rühmt den Einsatz seiner Leute und die Ruhe, die sie bewahrt haben; man darf ihn selbst zweifellos in dieses Lob einschliessen. Den Puschlavern ist bei der Bewältigung dieser Katastrophe zugut gekommen, dass sie mit der Gefahr leben. Krisenstab, Zivilschutz und Feuerwehr waren am Samstag schon im Einsatz, als der verheerende Erdrutsch niederging, waren rasch bereit, die Leute zu warnen, Anweisungen zu geben und die Evakuierung zu organisieren. Man war auf etwas gefasst, nur nicht auf das, was dann kam. Mit einiger Befriedigung kann man nun zum Beispiel feststellen, dass zumindest die Verbauungen über Cologna, die man dort nach dem Niedergang von 1983 erstellt hat, gehalten haben.
Aus dem Val Varuna waren sonst vor allem im Winter Schneelawinen zu befürchten; Verbauungen gegen diese Gefahr waren eben in Vorbereitung. Der neue Erdrutsch wird auch Ergänzungen und Sicherungskonzepte nötig machen. Das Unwetter hat diesmal auch eine ganze Reihe von Alpstrassen weit mehr als gewöhnlich in Mitleidenschaft gezogen. Auch wenn die finanziellen Sorgen in diesen ersten Tagen nach der Katastrophe vielleicht nicht im Vordergrund stehen, als Präsident einer Gemeinde mit bereits beträchtlicher Schuldenlast kommt Lanfranchi aber nicht darum herum, auch darauf hinzuweisen.
der Bericht in e-newspaperarchives
Neue Zürcher Zeitung, Nummer 196, 26. August 1987
Bedrohliche Lage im Puschlav. Poschiavo, das vor vier Wochen von einer katastrophalen Überschwemmung heimgesucht worden ist, hat nochmals bange Stunden erlebt. Wiederum hat ein Erdrutsch aus dem Val Varuna, das wenig oberhalb von Poschiavo ins Haupttal mündet, Strasse und Bahn unterbrochen und den Borgo in eine bedrohliche Lage gebracht.
Vor einem Monat hatte der Rutsch aus dem Val Varuna den Fluss Poschiavino aus seinem Bett gedrängt, worauf sich das Wasser samt Schutt durch die Gassen von Poschiavo wälzte. Diesmal konnte der Fluss von den örtlichen Zivilschutz- und Feuerwehrtruppen und dem für Aufräumarbeiten im Puschlav präsenten Militär unter grossem Einsatz unter Kontrolle gehalten werden. Vor allem die Brücke am oberen Eingang des Dorfes bildet wegen des knapp bemessenen Durchlasses eine prekäre Stelle. Hier stehen nun Tag und Nacht vier Bagger im Einsatz, um das angeschwemmte Material aus dem Flussbett zu holen.
Wie schon für die vergangene Nacht hat der Katastrophenstab auch für die Nacht zum Mittwoch die Evakuation von etwa 300 Personen aus dem oberen Dorfteil angeordnet. Wegen im Laufe des Tages wieder einsetzender Regenfälle mussten zeitweise die Bauarbeiten an einer neuen Notbrücke im Bereich des Schuttkegels, der sich nun vor dem Val Varuna über das Tal gelegt hat, unterbrochen werden. Gegen Abend stimmten etwas günstigere meteorologische Verhältnisse wieder etwas optimistischer.
Die Behörden rechnen damit, dass gegen Mittwoch abend die Strassenverbindung zum Beminapass wieder geöffnet werden kann. Es wäre wünschbar, dass die Aufräume- und Wiederaufbauarbeiten in Poschiavo ruhig fortgesetzt werden könnten; diese haben zwar in den vergangenen vier Wochen bereits eindrückliche Fortschritte gemacht, doch bleibt noch sehr viel zu tun.
der Bericht in e-newspaperarchives
Letzte Bearbeitung: 16.12.2025, markus weidmann

